ROSKILDE FESTIVAL 2015 / Macca Muse und Nicki Minaj beim sonnigsten Festival

Nicki Minaj bei entertaimnet

100.000 verkaufte Tickets, sold out wie immer – und am Ende bleiben ca. 18 Mio. dänische Kronen über. Umgerechnet also ca zweieinhalb Millionen €: aber nicht in die eigene Tasche gewirtschaftet um es an Aktionäre oder Gesellschafter auszuschütten – so wie bei anderen Festivals dieser Größenordnung üblich – sondern zweieinhalb Millionen für Spenden! Roskilde Festival ist das einzige Festival dieser internationalen Größenordnung, welches seine Gewinne wohltätigen Zwecken zuführt – allemal für entertaim.net ein Grund, vor Ort nach dem Rechten zu sehen. Ein Bericht von Martin Hannig, with a little help from Markus Drost und Carsten Drescher.

Photo Credits: Nicki Minaj von Betina Garcia / Blixa von Peter Toest

 

Für die allermeisten Besucher bedeutet Roskilde eine Woche lang abtauchen in eine völlig durchgeknallte Parallelwelt – nicht umsonst ist der Ruf des Festivals legendär, die Storys über die phantasievollen Camps Legion, und im Idealfall spielt auch noch das Wetter mit. So wie 2015: eine Woche Sonnenschein, wolkenloser Himmel, Hitze: das musikalische Programm konnte vor sonnenbrandgefährdeten Fanscharen pünktlich Mittwoch nachmittag starten. Moment: Mittwoch? Beginnt das Festival nicht seit Äonen donnerstags? Kein Fehler: aus strategischen prorammplanerischen Gründen werden die Bühnen nun mittwochs bis samstags bespielt – damit man den Künstlern noch einen wenig gebuchten Tag mehr anbieten kann, und damit man das buchuntgstechnisch stets eng belegte Wochenende um einen Tag verkürzt.

Wir haben uns traditionell auf die lange Fahrt in die Nähe von Kopenhagen gemacht, um natürlich das musikalische Programm zu begutachten, aber auch diverse Aspekte der nachhaltigen Festivalorganisation zu untersuchen (Bericht folgt).

1. Tag: King Gizzard & The Lizard Wizard, Electric Eye, The War On Drugs

Beginnen wir mit den australischen Krautrock-Weirdos King Gizzard & The Lizard Wizard (bester Bandname 2015!). Ein eher nerdiger Verein: Brillen, kurze Hosen – genauso würde man eigentlich nicht eine renommierte Festivalbühne betreten. Aber sei’s drum: wenn der erste Songs schon mal glatt eine Viertelstunde abgeht und es dabei schafft immer neue Spannungsbögen zu schaffen, dann haben die verdammt viel richtig gemacht. Ihr überragendes Album Quarters wurde nahezu komplett gespielt – dabei geriet die Umsetzung aber noch furioser und mitreißender, bis auf eine kleine jazzrockige ruhigere Einheit zwischendurch. Wie man mit wenig Ausstrahlung eine geile Show abliefern kann – der King hat‘s bewiesen. Toller Einstieg in‘s Festival!

Rüber zu den norwegischen Space-Prog-Rockern (mit Betonung auf Rock) ELECTRIC EYE. An diesem Tag eine völlig positive Überraschung, denn diese Kombo kannten wir alle nicht. Zu Beginn zogen Rick Wright‘sche Weltraumorgeln und David Gilmours Trademarkgitarre durch die Gloria-Stage (übrigens die einzige Bühne in einer Halle): so durfte man sich in einer Pink Floyd-Tibute-Show wähnen. Aber das war nur der Aufgalopp zu einem Spacerock-Trip – der in seine schnellen Momenten an die gute alte Klaus Dinger-Neu-Schule erinnerte. Krautrock meets Pink Floyd, um es auf einen Nenner zu bringen. Die simple, aber extrem coole Lichtshow tat noch ihr Übriges – das in diesem Fall überwiegend ältere Publikum freute sich. Beide Daumen hoch – muss man sich merken!

Später am Abend oblag es THE WAR ON DRUGS, die große Arena zu füllen – was ihnen überraschenderweise sehr sehr gut gelang. Vor einer riesigen Meute spielten sie ein eindrucksvolles phasenweise auch berauschendes Konzert – dass ihnen dies mit einer Musik gelingt, die ja sehr retrolastig daherkommt, ist ihr großes Verdienst. Tiefster American Rock der Sorte Springsteen, Young, und vor allem Dylan, der beim Gesang von Adam Granduciel aber dermaßen um die Ecke schaut: dass die Band das so aufregend verpackt als hätten sie das Genre gerade völlig neu erfunden: Hut ab!! Erwähnt werden sollte dass Granduciel nebenher auch ein sehr toller Gitarrist ist, der seine Gitarrensammlung gern vorführte, z.B. eine wunderschöne Graetsch White Falcon. Unerklärlich aber, warum gerade diese Band mit dieser Art von Musik heute so groß ist, warum jeder in der riesigen Arena diese Songs kennt – gerade auch weil der unumstrittene Chef des Projekts Granduciel eigentlich über kein Charisma verfügt und wenig hermacht auf der Bühne (genau wie sein Vorbild Dylan verweigerte er auch die Interaktion mit dem Publikum)  – ein ungewöhnliches Phänomen, aber eines dass man bejubeln darf!

2. Tag: St. Vincent, Foxygen, Florence & The Machine, Muse, Die Antwood

Dem zweiten Festivaltag den nötigen Respekt zu erweisen, trotz vorhergehender Alkohoholeskapaden, gebietet die journalistische Ehre. Man ist ja nicht zum Spaß dort! So musste ST. VINCENT  als erste sich unserem strengen Urteil stellen. Überall als großartige Songwriterin gelobt, erwies sich ihr Roskilde-Gig für das geübte Auge aber eher als enttäuschend. Sie hat wenig bühnenreife bzw. festivalreife Songs, und es groovt halt gar nicht – so kann man uns nicht überzeugen! Da haute auch ihr Latex-Glitzer Outfit es nicht mehr raus, das sie mit ihrer Gitarristin wohl von einer gemeinsamen Shoppingtour mitbrachte . Immerhin: sie hat sich bemüht!

Was für eine Show aber dann bei FOXYGEN! Hat es jemals eine Band gegeben die mitten im Gig die Bühne verlässt um ihren einzigen großen Hit playback auf der leeren Bühne zu spielen? Das ist mal eine Absage an die üblichen Regeln des Musikgeschäfts. Die gesamte Show war total abgedreht – mit Sänger und Chef Sam France als unumstrittender Mittelpunkt: hyperaktiv und extrovertiert wie eh und je befand er sich eigentlich mehr liegend auf dem Bühnenboden, auf den er sich ständig ekstatisch warf, oder unternahm Ausflüge ins Publikum. Einmal verschwand auch seine Hand in der Hose, um sich einen offensichtlich einen runterzuholen  – ob seine 3 aufreizend tanzenden Backgroundsängerinnen ihn dazu brachten? Eine völlig durchgeknallte Performance der gesamten Band – aber irgendwie passte es auch zu der zerschossenen Indie-Progrockigen Musik, die eher als nahtloser Flow rüberkam – die Unterschiede zwischen den Songs verwischten total angesichts der expressiven Darbietungen von Sam France und seinem Projekt. Er gehört auf jeden Fall auf die Bühne!

Rüber zur großen Orange Stage: FLORENCE Welch – einer der Headliner – gab ein sehr unterhaltsames Konzert – in einem gewagten durchsichtigen Outfit, das keine Wünsche offen ließ. Es war ihr nicht unbedingt zuzutrauen so ein riesiges Publikum zu begeistern und eine so große Bühne zu füllen – sie schaffte es vor allem mit den Songs der ersten Platte, die natürlich jeder kennt und die richtig abgefeiert wurden. Die Songs vom neuen Album hingegen zündeten schwerer oder gar nicht. Insgesamt funktionierte Florence & The Machine in diesem Jahr aber auf der großen Bühne sogar besser als vor 3 Jahren auf einer kleineren – was für die Künstlerin spricht.

MUSE war der unumstrittene Headliner am 2. Tag. Zum zweiten Mal durften sie auf der Orange Stage ran… Vom ersten Song “Psycho“ an wurde eine sehr fette Show aufgefahren, der ganze Gig hat richtig geknallt, wobei Matt Bellamy diesmal das volle Gitarrenbrett ausgefahren hatte. Der härtere Sound des neuen Albums machte sich auch live eindeutig bemerkbar. MUSE sind unglaublich professionelle Musiker, man merkt ständig, wie extrem eingespielt sie sind. Lightshow, Sound, Videoscreens – alles atmete den Geist einer teuren und ausgereiften Produktion. Einer der wenigen Bands die den Headliner Status problemlos und jederzeit für sich beanspruchen können. Ihre Hits sorgten dann auch in Roskilde für Euphorie pur. Geiles Erlebnis!

Anschließend hatten DIE ANTWOOD die zweifelhafte Ehre spät nachts nach Muse auf der Orange zu spielen. Das südafrikanische Trash-Pop-HipHop-Wunder hatte aber null Probleme die Crowd zu begeistern – während der professionelle Beobachter sich schon fragte, was denn da nun abgeht. der sich als Vollproll gebende Ninja ist sich seiner Landessprache Englisch wohl immer noch unsicher, Piepsmäuschen Yolanda kann nicht viel mehr als Piepsen und aufreizend rumtanzen – und die Musik ist auch nicht viel eindrucksvoller…  Die Leute haben sie aber dennoch wie wild abgefeiert – es ist halt ein popkulturelles Phänomen das weit jenseits der Musik funktioniert. Unfassbar laut war der Gig eingepegelt – sicherlich hat sich der eine oder andere Hauptstadtbewohner in 30 km Entfernung gefragt, wo denn nun so eine laute Party gefeiert wird… DIE ANTWOOD entzieht sich eigentlich jeder Kritik – es gibt nur Daumen hoch oder runter.

3.Tag: Broken Twin, Kate Tempest, Dolomite Minor, Kendrick Lamar, Einstürzende Neubauten, Goat

Schon mittags um 1 musste sich aufmachen, wer BROKEN TWIN sehen wollte; die dänische Singer/Songwriterin Majke Voss Romme, die mit 5 Leuten auf die Bühne kam, um einen wunderbaren, extrem atmosphärischen Gig zu spielen. Zweifelsohne einer der Höhepunkte des diesjährigen Festivals – die pure berührende Schönheit ihrer Liedkunst schnürte so manchem Zuschauer die Kehle zu. Wunderbar ausgebaute sphärische Songs, die pure Emotionen vermittelten, von einer fantastischen Sängerin in einem Zelt voller ergeben lauschender Menschen dargeboten – was will man mehr um richtig wach zu werden? Tolles Erlebnis, Gänsehaut!

Den Abend leitete dann für uns ein das Multitalent KATE TEMPEST – Dichterin, Dramatikerin, Autorin, Retterin der britischen Literatur – und Rapperin! Wer ihren Gig besucht, der weiß es geht immer um alles – und es wird anstrengend. Wortkaskade an Wortkaskade in irrstem Tempo – allein das Zuhören bereitet einem schon höchste Mühe…. von den 5minütigen Spoken Word Attacken zwischendurch gar nicht zu reden. Für Freunde des Hardcore-Raps ein Hochgenuss – und allemal interessant diese hypernervöse Frau auf Rettungsmission auf der Bühne zu beobachten.

Eher entspannt ging‘s dann gottseidank bei DOLOMITE MINOR zu – 2 britische Rocker auf Spuren der White Stripes und anderer Schlagzeug-Gitarren-Duos. Der lange Schlacks an Gitarre und Gesang wirkte ultralethargisch – war er einfach nur extrem cool oder völlig unsicher? Ein netter Gig für zwischendurch.

Rüber zu Superstar KENDRICK LAMAR – der genau weiß wie er 60.000 Leute vor der Orange Stage unterhält. Ein Entertainer mit Ausstrahlung par excellance – inclusive Hoch die Hände, Jump, Jump! Und macht mal alle die Taschenlampen-App an! Augenscheinlich hatte Mr. Lamar Spaß auf der Bühne – der Blick auf ein wogendes Meer von springenden Leuten bis in den hinterletzten Winkel muss aber auch geil sein! Musikalisch kann man von ihm auch live keine Wundertaten erwarten: solide radiokompatible Popmusik für die Massen, eine tighte sehr reduziert aufspielende Begleitband – passte hervorragend in den frühen Abend hinein.

„Wegen technischer Probleme“ wurde der Auftritt der EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN verschoben – so hieß es offiziell. Wer aber Blixa und Co. kennt, wusste sofort um den wahren Grund: ein Blixa Bargeld stellt sich nicht auf eine Bühne, die so nah an der Orange steht, dass Kendrick Lamars Lautstärke die Wirkung der Neubauten im Avalon-Zelt beeinträchtigt hätte. Ich denke da gab es missmutige Worte hinter der Bühne. Bestätigung der These: Kurz nachdem der letzte Sound von Lamar verklungen war, betraten die Neubauten mit einstündiger Verzögerung die Bühne – und zumindest Blixa war erstmal nicht allerbester Laune. Die Laune wurde auch nicht besser, als ein bemitleidenswerter Roadie eines der Industrial-Instrumente in einer Songpause falsch zusammenbaute und dafür einen ordentlichen Anschiss bekam. Nach und nach wurde dann aber auch Herr Bargeld entspannter. Vom Konzert war man dann positiv überrascht – es war unterhaltsam, gar nicht so kunstsinnig wie man es erwarten konnte, und es glich eher einem Best Of – wenn man so etwas Banales überhaupt im Zusammenhang mit den Neubauten äußern darf. So herrschte eine gewisse altersmilde Stimmung auf der Bühne, das Schockpotential von früher ist ja komplett verschwunden. Man durfte sich erfreuen an ungewöhnlichem Instrumentarium und ungewöhnlichen Songs. Bargeld – der ja auch mit den BAD SEEDS schon des Öfteren in Roskilde spielte – ist wirklich ein charismatischer, oft theatralischer Performer, während sein altersloser Kompagnon Alex Hacke am Bass immer noch berserkert wie James Hetfield persönlich – rein optisch eine disparate Mischung und ironische Brechung des Anspruchs der Band. Insgesamt eher eine Kunst-Performance als ein gewöhnlicher Festival-Gig – so muss man das wohl sehen. Dass Blixa sich gar erinnerte an den ersten Gig der Bauten in Roskilde vor 35 Jahren – Hut ab! „but nobody can tell“ meinte er noch dazu ….

Wegen der Neubauten-Verzögerung verschob sich dann natürlich auch GOAT im Avalon in der Nacht nach hinten. Carlos Santana auf Acid lautete eine spontane Diagnose – oder Grateful Dead mit tribalistischen Trommeln? Schwer einzuordnen, was da abging – aber geil war es zweifellos! Auf jeden Fall war es auch ein fettes Hippy-Rock-Ding mit 2 perfekt aufeinander abgestimmten Gitarren, was die Schweden dort abzogen. GOAT treten komplett verkleidet auf, Gesichter verhüllt, während die 2 Sängerinnen einen wahren tribalistischen Tanzmarathon hinlegten, der sicherlich das eine oder andere Kilo unter den schweren Kostümen kostet. Auch geschuldet der Tatsache dass die Band keine Atempause einlegte und immer auf einem Energielevel munter nach vorne spielte. Hier wäre etwas Abwechslung vielleicht besser gewesen… Aber wir wollen nicht meckern: Ein ausufernder Funk-Dance-Rock-Jam mit Latino-Anleihen und orientalischen Einflüssen – schwer zu beschreiben, muss man gesehen haben!

4.Tag: Burnt Friedman & Jaki Liebezeit, Nicki Minaj, Paul McCartney, Africa Express

..und schon wieder der letzte Festival-Tag…. Beginnend mit einem recht obskuren Auftritt des Drummer-Gurus JAKI LIEBEZEIT im Gloria. Man wohnte hier einem kleinen Drum-Workshop bei, so schien es. Während sein Kompagnon Burnt Friedman elektronische Sounds hervorkitzelte, trommelte Jaki (übrigens ohne Bassdrum und HiHat!!) repetetive Patterns darüber – was einen hypnotischen Sog erzeugte – wenig groovy, aber extrem korrekt und metronomisch. Ein Meister der Trommel fürwahr – aber Stimmung kommt da eher nicht auf.

Später am Tag schauten wir uns das Schönheits-OP-Wunder NICKI MINAJ  auf der Orange an. Eher berühmt für Titts & vor allem ihren grotesk gepimpten Ass, ließ ihr Netz-Outfit tief blicken – das Auge isst bekanntlich mit…Horden kreischender Mädels vor der Bühne bewiesen: der spaßbremsende  Jutebeutel-Feminismus, der solche „Künstler“ wie Nicki Minaj am liebsten verbannen will, hat wohl verloren – Gottseidank kann man nur sagen. Musikalisch gab‘s ihren üblichen Radio-Plastik-Pop, den sie mit nettem Augenaufschlag sehr sexy vortrug – Nicki kann nämlich live durchaus singen, mit dem Publikum spielen  und sich so bewegen, dass man gerne zuschaut. Ein Pop-Produkt unserer Zeit – künstlich bis zum Gehtnichtmehr, hypersexualisiert, die Musik eher als Beiwerk zum Gesamtprodukt Nicki Minaj – aber unterhaltsam ist es schon! Aber alles nur ein laues Vorspiel für das große Finale….

Blixa

Das Großes versprach und auch hielt: Sir PAUL McCARTNEY gab sich die Ehre, seinen einzigen Festivalgig in Europa in Roskilde zu spielen. Nach Bruce Springsteen und den Rolling Stones nun also die dritte Legende in wenigen Jahren auf der Orange Stage. Glatte 150 Minuten (!) durfte man Macca mit seiner famosen langjährigen Begleitcombo erleben – man schaue sich nur die unglaubliche Setlist an: Magical Mystery Tour /Save Us/ Got to Get You into My Life / Good Day Sunshine / Temporary Secretary / Let Me Roll It / Paperback Writer /My Valentine/ Nineteen Hundred and Eighty-Five /The Long and Winding Road/ Maybe I’m Amazed / I’ve Just Seen a Face/ We Can Work It Out /Another Day / Hope for the Future / And I Love Her / Blackbird / Here Today/ New / Queenie Eye / Lady Madonna / All Together Now / Lovely Rita / Eleanor Rigby / Being for the Benefit of Mr. Kite! / Something / Ob-La-Di, Ob-La-Da / Band on the Run / Back in the U.S.S.R. / Let It Be / Live and Let Die / Hey Jude / Zugabe: Another Girl / Hi, Hi, Hi / Can’t Buy Me Love / Helter Skelter/ Golden Slumbers/ Carry That Weight/ The End

Als Paul nach langem Warten endlich mit seinem legendären Hofner-Bass die Bühne betrat und sofort mit Magical Mystery Tour (ein passender Track für das was kommen sollte) loslegte, war klar: der Mann ist trotz hohen Alters erstaunlich fit und jung geblieben, seine Stimme immer noch da, und er hatte spürbaren Spaß an dem, was folgte. So kommentierte er seinen seiner vielen Gitarrenwechsel launisch: ob wir wüssten warum er die Gitarren so oft wechselt? „just because we’ve got them!“ – Natürlich gab es die unvermeidlichen Crowd-Pleaser, allen voran das unkaputtbare Hey Jude, das genau wie das ergreifende Let It Be oder Blackbird vor allem Niederknien und Erschaudern lässt – soviel Geschichte, soviel Gefühle rund um diese legendären Titel, die man endlich mal live sieht von demjenigen, der sie ursprünglich schrieb. Weitere Highlights sicherlich die rührende Hommage an George, Something. Das überraschende und der Zeit damals weit vorauseilende Temporary Secretary mit seinem irren Sequenzersound: live ein Hammer, Eleanor Rigby – mysteriös wie eh und je, die Spaß-Songs Ob-La-Di, Ob-La-Da und All Together Now zum Mitsingen bestens geeignet, Live & Let Die – überbordend, dramatisch, packend und mit einer Pyroshow vom Feinsten, das heftige Helter Skelter mit einer Distortionattacke – sowieso muss man sagen dass die Band auch an der Gitarre oft Vollgas gibt – und Macca sich auch mal für ein Solo nicht zu schade ist. Kritik an der Setlist gibt es eigentlich immer: dem einen ist es viel zu wenig Beatles, der andere mag sowieso McCartney nicht, sondern steht auf Lennon, und wiederum andere kennen Pauls Alben gar nicht, behaupten aber fest, dass nach den Beatles alles Mist war. So kann man natürlich auch eine mittlerweile 55 Jahre andauernde Karriere diskreditieren – indem man einfach die letzten 45 Jahre komplett ausblendet und ihn auf eine Beatles-Jukebox reduzieren möchte. Jedoch: der Mix macht es – seine überdurchschnittlichen eigenen Songs, die wirklich formidablen Wings-Klassiker, und die alten Beatles-Songs machen erst ein McCartney Konzert zu dem was es ist: ein Ausflug in die Geschichte der Rockmusik, ein manchmal sentimentaler, manchmal rührender und berührender Ritt durch die Jahrzehnte. Dabei aber stets im Hier verwurzelt – denn McCartney ist auf der Bühne ein sympathischer, charismatischer Künstler, der immer noch großen Spaß hat und der in einer tollen Band spielt, die inzwischen länger zusammen ist als die Beatles. Was will man mehr?

 

Ausklang des Festivals sollte dann die Show von AFRICA EXPRESS in der Arena sein – das lose Kollektiv aus afrikanischen und westlichen Künstlern hatte sich einen Marathon vorgenommen. Und so kam es auch: bis tief in den Sonntagmorgen konnte man einen Blick nach Afrika werfen – über 5 Stunden! Und Damon Albarn war die ganze Zeit dabei und griff des Öfteren live ein. Wir jedoch konnten nach einer Stunde nicht mehr – das lange Festival und die am nächsten Morgen anstehende Rückreise forderten ihren Tribut. Wie man hinterher überall lesen konnte, musste Damon Albarn am Ende sogar mehr oder weniger unsanft von der Bühne getragen werfen – er wollte gar nicht mehr aufhören!

 

 

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