Alte Scheiben neu gehört: Marius Müller-Westernhagen / Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz (1978)

Klassiker, Durchbruch! Was ein Album!
Nach drei merkwürdig schlagerlastigen, liedermacherähnlichen Langweiler-Alben (bis auf 2, 3 Songs) hatte MMW die Schnauze voll – er schrieb den Rock, den er schon immer wollte. Direkt, in die Fresse, aus dem Leben, ohne Rücksicht auf Verluste.
Und damit gelang ihm der Durchbruch. Auch ermöglicht durch den Ex-Amon-Düül-Krautrocker und Produzenten Lothar Meid, den ihn fortan begleiten sollte, und der es Marius ermöglichte, seine Songs ungefiltert und ehrlich rauszulassen und die Songs so aufzunehmen, dass die ersten Alben sich dagegen bodenlos scheiße anhören. Dies ist der wahre Bluesrock-Stoff – den es davor und wohl auch danach so in Deutschland nicht gab.
Jeder Song darauf ist heute ein Klassiker – vom bluesgerockten sensationellem Einstieg Mit 18 bis zum Ende, der absolut depressiven traurigen Trinkerhymne Johnny W. Nur Giselher und Grüß mir die Genossen erinnern etwas an die alten Liedermacher-Jahre – wobei beide Songs ebenfalls toll sind.
Undenkbar heute, dass jemand einen Song wie „Dicke“ schreibt – eigentlich ein Song über Vorurteile (wie Newmans Short People) – aber WIE er das hier singt, mit welcher grenzenlosen Verachtung – so etwas hab ich danach nie mehr gehört. Das Arrangement allein dieses Songs ist so geil – diese 5 gleichgespielten Töne die auf einmal in das leise Klavier reinbrettern, dann diese Stimme, dieser Ekel, dieser Hass, diese Verachtung – genial gespielt und genial dargeboten. Der Titelsong durfte ich würde sagen jahrzehntelang auf keiner Rock-Party fehlen und bringt selbst heute noch lahme Füße zum wackeln. Allein der Text von Pfefferminz ist so genial lakonisch – wie kam der Mann auf sowas?
Auf diesem Album begann MMW – der gleichzeitig mit Theo gegen den Rest der Welt zu Deutschlands angesagtestem Schauspieler wurde – mit seiner Theo-Rolle auch auf den Platten zu jonglieren.
Der Malochertyp aus dem Pott, der Säufer und Prolet, der Zuhälter, der seine Kohle beim Wetten auf der Rennbahn verzockt – das nahmen wir jugendlichen Fans ihm damals 100% ab – erst viel später lernten wir, dass auch dies nur geschauspielerte Rollenprosa war – aber seine geilste! Auch das ikonografische Cover von Pfefferminz spielt mit dieser Rolle. Dieses Album und die nächsten beiden sind die perfekte Westernhagen-RocknRoll-Trilogie – einen besseren Lauf hatte in Deutschland zu der Zeit und auch danach kein Rocksänger mehr.
Ich denke, dass es nie mehr einen Künstler gab, der sich so viel traute, und der damit so viel gewann.

„Glaubst du an den lieben Gott, oder an Guevara – ich glaube an die Deutsche Bank, denn die zahlt aus in bar – au!“

5/5 P.

Martin