Filmfestival Cologne /„An einem schönen Morgen“: Screening und Gespräch mit Regisseurin Mia Hansen-Løve

Filmpalast FFCGN 2022

Der Filmpalast, Kino des #FFCGN 2022

Diesen Film in Anwesenheit der Regisseurin sehen zu dürfen, war ein besonderes Highlight des Film Festivals Cologne 2022. Auf sehr sympathische und charmante Art und Weise begrüßte die 41jährige Französin Mia Hansen-Løve vor dem Start des Films das Publikum sogar mit einigen deutschen Sätzen.
Ihre cineastischen Anfänge lagen in der Filmkritik, zudem spielte sie in Filmen ihres späteren Partners Olivier Assayas mit und begann 2007 ihre eigene beeindruckende Regie- und Drehbuch-Karriere.
„An einem schönen Morgen“ ist extrem vielschichtig – ein Paris-Film, ein Beziehungs- und Generationen-Drama, eine Auseinandersetzung mit Krankheit, Pflege, Familienschicksalen und vielem mehr.
Die Hauptdarstellerin Léa Seydoux (Inglorious Bastards, Midnight in Paris, James Bond etc.) als junge Witwe und Mutter Sandra zieht einen mit ihrem Spiel sofort in den Bann. Aufopfernd kümmert sie sich um ihren an einer degenerativen Nervenkrankheit erkrankten Vater, ist liebevoll für ihre Tochter da, geht ihrem Beruf als Übersetzerin nach und sucht ihr eigenes privates Glück. Der fast dokumentarische Realismus in den Szenen mit dem Vater kontrastiert mit den lakonisch und gefühlvoll gefilmten Szenen der beginnenden Beziehung. Auch alle anderen Rollen, insbesondere die des Vaters (Pascal Gregory) und des Liebhabers bzw. Partners (Melvil Poupaud) sind großartig besetzt. Beeindruckend sind auch die vielen Szenen in Krankenhäusern und in Pflegeheimen sowie die immer wieder einfließenden Verbindungen zu Literatur und Philosophie. Bei aller Ernsthaftigkeit gibt es nicht wenige Szenen, die einen zum Lachen bringen und die mitten aus dem Leben gegriffen sind. Viele Fragen werden aufgeworfen, die die heutige Gesellschaft zunehmend mehr beschäftigen und die man nach dem Film mit nach Hause nimmt.

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Sehr interessante und bewegende Einblicke in die Ideen und Konzepte von Hansen-Løve gab es im anschließenden kurzen Talk, der von Scott Roxborough vom Hollywood Reporter moderiert wurde – die Regisseurin ist dieses Jahr die Preisträgerin des HR-Awards beim Filmfestival Cologne.
Ihre eigenen Filme seien definitiv stark autobiographisch geprägt, aber sie würde andere Filme nicht danach bemessen, inwieweit diese von der eigenen Biografie der Regisseure beeinflusst wären. Sie erwarte auch nicht von ihren Regie-Kollegen, dass diese ihre eigene Story erzählten.
Sie selbst könne jedoch nur Filme schreiben und drehen über Dinge, die sie fühle. Das würde aber nicht zwingend heißen, dass die entsprechenden Filmfiguren ihr „Alter Ego“ seien. Manchmal würde sie sich wünschen mehr rationale Entscheidungen über ihre Film-Sujets zu treffen, dies sei ihr aber gar nicht möglich.
In „An einem schönen Morgen“ setzt sich Mia Hansen-Løve intensiv mit dem Leben und der Krankheit ihres eigenen Vaters auseinander, der als ehemaliger Übersetzer und Philosophie-Lehrer sowohl sein Augenlicht als auch zunehmend seine geistigen Fähigkeiten verlor. Diesen Verlust nahm er zugleich selbst mit großer Traurigkeit wahr. Sie habe mit dem Film schon begonnen, als der Vater noch lebte und durch diesen Film habe sie ihn sogar nach seinem Tod länger bei sich haben („recreate his presence and keep him longer to me“) können. Die Szenen in den Pflegeheimen seien tatsächlich an den Orten gedreht worden, wo ihr Vater am Ende gelebt habe. So sei sie auf ganz neue Weise mit ihrer Heimatstadt Paris in Berührung gekommen. Auf Roxboroughs Frage, welche Schwierigkeiten sie gehabt habe, diesen Film in der Corona-Zeit zu drehen, deutete Hansen-Løve die logistischen und drehtechnischen Probleme an. Zudem sei es aus naheliegenden Gründen eine besondere Herausforderung gewesen, in den Krankenhäusern und Pflegeheimen zu drehen. Dem Projekt zuträglich war zweifellos, dass sie die Orte bestens gekannt habe – so war es möglich, sogar in den Räumen zu drehen, in denen ihr Vater zuletzt gelebt hatte. Die dortigen Angestellten unterstützten den Dreh; sie hätten sich gut an ihren Vater und sie erinnert.

Roxborough im Gespräch mit Hansen-Love

Roxborough im Gespräch mit Hansen-Løve

Ihre Kindheit und Jugend waren stark durch die vielen Bücher geprägt, die im Film ebenfalls eine tragende Rolle spielen. Sie sei in einer Wohnung voller Bücher aufgewachsen, die meisten davon waren von deutschen und österreichischen Autoren und wurden von ihrem Vater übersetzt. Für filmische Zwecke hätten viele Kisten aus dem Nachlass ihres Vaters aus dem Keller hochgeholt und wieder ausgepackt werden müssen. Der Vater sei auch durch die Bücher beim Dreh stets präsent gewesen.
Für Hansen-Løve zentral, und einen großen Teil des Films einnehmend: die mitreißende Liebesgeschichte der Protagonistin. Deren Wiederentdeckung der Emotionen und der Sinnlichkeit trügen nicht unerheblich dazu bei mit den großen Sorgen und der Traurigkeit hinsichtlich des Vaters klarzukommen.
Die letzte Szene spielt auf Sacré-Cœur. Das Drehen dort, der Blick auf Paris und der Abstand zur Stadt seien eine spezielle Erfahrung für sie gewesen, normalerweise gehe man als Pariserin ja niemals zu diesem Touristenort. Aber die räumliche Nähe zum Pflegeheim gibt es wirklich, und wie die Protagonistin, so hat auch Hansen-Løve nach einem Besuch bei ihrem Vater die Stufen hoch nach Sacré-Cœur erklommen.
Thema Soundtracks: Hansen-Løve verwendet traditionell keine eigens komponierten Stücke, sie greift auf vorhandene Musikstücke (viele davon klassisch) zurück. Auch hier würde sie sich von Gefühlen leiten und inspirieren lassen und die Musik eher dezent einsetzen, um dem Film die nötige Ruhe zu geben. Filme von anderen Regisseuren seien oft von Musik überfrachtet, damit würden die Charaktere in den Hintergrund gedrängt. Die eher emotional geleitete Musik-Auswahl helfe ihr auch beim Schreiben des ganzen Films und bei der Entwicklung der Charaktere. Der Song von Bill Fay am Ende des Films habe für sie besonders gut gepasst; beim ersten Hören brachte er sie sofort zum Weinen.
Die Entscheidung von Hollywood Reporter, dieser tollen Regisseurin den „Hollywood Reporter Award“ zu verleihen, können wir definitiv nachvollziehen!

Christiane Goslar

Fotos © entertaim.net 

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