#FFCGN 2021 Endspurt – Artist Talks und Awards beim Filmfestival Cologne

Zum Abschluss des Filmfestivals Cologne 2021 fanden zunächst am Donnerstagnachmittag, 28.10.2021 die „Artist Talks“ mit den vier Preisträgern Phil Grabsky, Albrecht Schuch, Gaspar Noé und Steve McQueen im Filmpalast statt.  Am Abend wurden die Awards schließlich im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung im Kölner E-Werk verliehen.

Phil_Grabsky_Preis

Phil Grabsky erhält den phoenix Preis

Der phoenix Preis wird beim Filmfestival für den besten Dokumentarfilm in den Wettbewerbsreihen „Top Ten TV“ und „Best of Cinema Documentary“ verliehen. Der britische Dokumentarfilmer Phil Grabsky erhielt in diesem Jahr die Auszeichnung für seinen vom WDR koproduzierten Film MY CHILDHOOD, MY COUNTRY: 20 YEARS IN AFGHANISTAN. Dabei handelt es sich um die einzigartige und aufwühlende Langzeitbeobachtung des afghanischen Jungen Mir, die ursprünglich mit THE BOY WHO PLAYS ON THE BUDDHAS OF BAMIYAN (2004) begann und über THE BOY MIR (2011) zu MY CHILDHOOD, MY COUNTRY: 20 YEARS IN AFGHANISTAN (2021) geführt hat. Seine Beschäftigung mit Krisengebieten und mit der Umweltzerstörung spiegelt sich auch in Filmen wie ESCAPE FROM LUANDA (2007) und HEAVY WATER: A FILM FOR CHERNOBYL wider.
Daneben ist er bekannt für sein Interesse an der Biographie von vielen Musikern und Künstlern, wodurch z.B. Filme über Beethoven, Haydn und Chopin, Leonardo Da Vinci, Claude Monet und den jungen Picasso entstanden.

Insgesamt geht es Grabsky in seinen Dokumentarfilmen neben allen politischen Fragen insbesondere um die menschlichen Schicksale und die Menschlichkeit an sich. Wie er in einem Gespräch kürzlich in Washington sagte, sei er sich nicht sicher, was man mit Dokumentarfilmen überhaupt bewirken könne und welchen Wert sie haben. Aber er würde sich wünschen, dass man sie wertsclogohätze und dass sie dazu beitragen Dinge differenzierter zu betrachten, Vorgehensweisen zu hinterfragen und die Welt zumindest etwas weniger schlecht zu machen.

Nach der Preisübergabe berichtete Phil Grabsky sichtlich berührt von der aktuellen Lage von Mir, der mittlerweile selbst ein Kameramann sei, mit seiner jungen Familie (Frau und drei Kindern) in Kabul lebe und mit den dortigen aktuellen Umständen seit der Machtübernahme durch die Taliban konfrontiert sei.  In einem kurzen persönlichen Gespräch nach der Preisverleihung beeindruckte uns seine natürliche und bodenständige Art. 

 

Albrecht_Schucht

Albrecht Schucht am roten Teppich

Der von Network Movie und MMC Studios Köln gestiftete International Actors Award ging an den 1986 in Jena geborenen deutschen Schauspieler Albrecht Schuch, der eine beeindruckende Vielfalt an Rollen aufweisen kann. So z.B. als Alexander von Humboldt in die DIE VERMESSUNG DER WELT. In PAULA, SYSTEMSPRENGER, BERLIN ALEXANDERPLATZ, FABIAN, DIE SCHACHNOVELLE und LIEBER THOMAS (diesjähriger Festivalbeitrag) sowie in vielen weiteren Filmen (u.a. auch verschiedenen TATORT-Folgen) konnte er das große Spektrum seines Schaffens und seine schauspielerische Leidenschaft beweisen.
Bei der abendlichen Preisverleihung erfuhr man durch die Laudatio des mit Schuch eng befreundeten Schauspieler-Kollegen Friedrich Mücke einige interessante Details. Diese machten deutlich, mit welcher Begeisterung sich Schuch in seine Rollen vertieft und welche menschliche Wärme er im Umgang mit allen Film-Crew-Mitgliedern an den Tag legt. So konnte sich z.B. ein Filmmitarbeiter darüber freuen, eine alte Cord-Hose, die er Wochen zuvor bei Schuch lobte,  plötzlich von ihm geschenkt zu bekommen….

Mit dem von der Film- und Medienstiftung NRW und der Stadt Köln gestifteten dotierten Filmpreis Köln wurde in diesem Jahr der britische Regisseur Steve McQueen geehrt.

Steve McQueen bei den Artist Talks

Steve McQueen bei den Artist Talks

Der in London geborene Sohn aus der Karibik stammender Eltern wurde zunächst als Videokünstler bekannt. Bekannte Kino-Werke von ihm sind u.a. HUNGER, in dem er den Hungerstreik von Bobby Sands und weiteren IRA-Mitgliedern im nordirischen Maze Prison schildert und der in Cannes mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet wurde. Sein Sklaven-Drama 12 YEARS A SLAVE erhielt 2013 den Oscar in der Kategorie Bester Film. Mit den Mini-Serien SMALL AXE (2020) und UPRISING (2021) setzt er nun auch im TV/Streaming-Bereich Maßstäbe. 


Sowohl bei den Artist Talks (mit Lisa Gotto) als auch bei seiner kurzen Ansprache nach Entgegennahme des Preises kam deutlich heraus, dass Steve McQueen sich – trotz seines zentralen Anliegens, einer möglichst breiten Öffentlichkeit Diskriminierungs- und Unterdrückungsmechanismen sowie sonstige unbequeme Wahrheiten aufzuzeigen und dagegen vorzugehen – keinen Stempel und kein Label für sein Werk aufdrücken lassen möchte. Offenheit und Experimentierfreude seien zentral für sein Schaffen. Der Fokus seiner Filme liege auf der Story und er sei im permanenten Such- und Erforschungsprozess. Letztlich seien ihm viele andere Fragen egal, es gehe ihm um Exzellenz, verkündete er am Abend abschließend mit Schalk in den Augen.

Der Hollywood Reporter Award zeichnet den besten fiktionalen Beitrag in den Wettbewerbsreihen „Top Ten TV“ und „Best of Cinema Fiction“ aus. Der Preis ging in diesem Jahr an den argentinischen und in Frankreich lebenden Regisseur Gaspar Noé für seinen aktuellen Film VORTEX. Bekannt ist er insbesondere für seine aufsehenerregenden Werke IRREVERSIBLE, ENTER THE VOID, LOVE, CLIMAX.

Gaspar Noé Dankesrede

Gaspar Noé bei der Dankesrede

Bei den Artist Talks am Nachmittag im Filmpalast berichtete Noé, dass er als Jugendlicher den Zugang zum Kino zunächst über Bilder bzw. über Comics gewonnen habe, davon sei sein Werk stark geprägt. Seine Filme sind nicht zuletzt durch das Ausloten von persönlichen Abgründen und den Tiefen der menschlichen Seele geprägt. Persönliche Grenzerfahrungen wie eine starke Lebensmittelvergiftung samt Hirnblutung – er sei dem Tod noch gerade von der Schippe gesprungen – sowie die Demenzkrankheit seiner Mutter veranlassten Noé, sich noch intensiver mit dem Tod als dem Abgrund schlechthin auseinanderzusetzen. Dies spiegelt sich denn auch in seinem aktuellen Film „Vortex“ wider, indem er die letzten Wochen eines alten Paares intensiv und lange in einem konsequenten Splitscreen beleuchtet. Die Zuschauer werden auf radikale Art und Weise mit dieser Problematik konfrontiert. Dazu siehe auch unseren aktuellen Bericht.  

Bei aller Ernsthaftigkeit des Sujets kamen jedoch auch sein trockener Humor und seine Gedanken über sich selbst und die Zuschauer ins Spiel. Amüsiert – und mit seinem Label des „Enfant terrible“ kokettierend – berichtete er, dass offensichtlich viele Leute denken, er würde in der Realität ein solches Leben führen wie seine Protagonisten in z.B. „Climax“ oder „Love“, so dass er nicht selten einschlägige Empfehlungen für entsprechende Etablissements oder Drogenangebote erhalte.

Den renommierten Filmpreis NRW erhielt Georg Nonnenmacher für den Film ALLES AUF ANFANG, in dem er sich mit dem Schicksal eines nach Jahrzehnten in Haft befindlichen Mannes nach dessen Entlassung auseinandersetzt.

Das Filmfestival Cologne 2021 – ein in jeder Hinsicht großartiges Festival ging zu Ende. Wie gut es tut, sich mit echten Menschen zu treffen und gemeinsam das Kinoerlebnis zu genießen – da kommt keine heimische Couch mit!

Christiane Goslar 

Fotos: alle (c) entertaim.net

 

Phil Grabsky roter Teppich

Phil Grabsky 

Steve McQueen

Steve McQueen

#ffcgn Awards

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