VORTEX – Gaspar Noé und das Sterben – #ffcgn

VORTEX von Gaspar Noé: Der Film ist einerseits eine Zumutung – kann man so etwas zeigen? So lange? So intensiv? Es kam beim Screening dieses mutigen Films schon ab und zu das Gefühl auf: hier hat er zu viel gewollt, diese Einstellung ist zu lang.  Minutenlang passiert einfach: wenig bis nichts. Sicher: der Film hätte 20 Minuten kürzer sein dürfen. Andererseits war der Film – wie immer bei Noé – eine Befreiung, er geht wieder auf’s Ganze, denn eins ist klar: Demenz ist eine Volkskrankheit, und jeder kann sich darauf gefasst machen, dass seine Eltern oder er selbst irgendwann dran sind. 

Glücklicherweise kam Gaspar Noé noch kurz vor Ende des Screenings im Filmpalast an. Eine Bombendrohung in Paris – er saß schon im Zug – hinderte ihn an der pünktlichen Abfahrt,  musste dann wieder raus und spontan nach Düsseldorf fliegen. Dennoch konnte er kurz ein paare Worte zu VORTEX im Anschluss an das Screening verlieren: sein Film zeige eigentlich nur eine leichte Version  von echter Demenz/Alzheimer, die in ihrer Ausweglosigkeit noch viel schlimmer sein kann, als man im Film darstellen kann. Er berichtete über Erlebnisse, wenn man stundenlang mit einem Demenzerkrankten verbringt und er immer das Gleiche sagt, ohne Unterlass. Dies könne man nicht in einem Film zeigen. Und überhaupt:  Niemand würde das Thema gern künstlerisch verarbeiten, und schon gar nicht im Rahmen eines Feature-Films angehen – denn jeder weiß, dass es am Ende auch ihn selbst logotreffen könnte.

Natürlich: schon seinem bisherigen Werk waren Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen stets immanent. Drogenkonsum, fürchterliche Gewalt, ausschweifende Sexualität gehörten meist zu seiner Handschrift. Noé ist der Überzeugung, dass VORETEX einfach in den nächsten Abgrund blickt: den Tod. Das Ende des Lebens, und vor allem das Sterben. Persönliche Erfahrungen wie eine starke Lebensmittelvergiftung samt Hirnblutung – er sei dem Tod noch gerade von der Schippe gesprungen – sowie die Demenzkrankheit seiner Mutter veranlassten Noé, sich noch intensiver mit diesem Thema  auseinanderzusetzen.  Eine besondere Rolle spielt für Noé der Drehort, eine Wohnung in Paris. Hier muss man der Ausstattung ein Riesenlob aussprechen, denn diese Wohnung sieht dermaßen echt bewohnt aus, mit Unmengen von Regalen, Büchern, Unmengen verstreuten Papieren und Magazinen, einer chaotischen Küche, alles atmet das wirkliche Leben eines alten Ehepaares; die Wohnung spielt hier sozusagen eine eigenen Rolle, immer wieder fährt die Kamera durch alle Zimmer, zeigt die Enge und das Leben.  Durch das fast ausschließliche Drehen in diesem Appartment mit wenigen Schauspielern konnte er auch auch den Corona-Beschränkungen entgegenkommen – ein weiter Grund, den Film jetzt anzugehen. Dass die Dialoge allesamt improvisiert sind – ein typischer Noé-Schachzug – führt zu der quasidokumentarischen Anmutung des Films.   

VORTEX ist auf jeden Fall wieder ein Noé-Film, der für Furore sorgt, inhaltlich, formal. Ob das Split-Screen-Experiment gelungen ist, möge jeder Zuschauer selbst beurteilen. Nicht immer war ersichtlich, warum überhaupt die Leinwand gesplittet war. Ein typsicher Noé-Effekt, der schon früher mit fliegenden Kameras und anderen visuellen Einfällen experimentierte. Vollends überzeugen konnte die Regie-Legende Dario Argento (den habe ich wirklich noch nie in einem Film als Schauspieler gesehen) in der Rolle des alten Mannes, der hin- und hergerissen ist zwischen seiner Arbeit an einem Buch, dem Aufpassen auf seine Frau, und dem Hinterhertrauern einer alten Liebe. Da Noé riesiger Fan der Filme von Argento ist, passte die Besetzung natürlich. Getoppt noch von Françoise Lebrun  als seine von Demenz heimgesuchter Frau – ein schauspielerischer Parforceritt und eine absolute Glanzleistung! Und wie mutig, so sagt auch Noé, denn mit 70 Jahren so eine Rolle anzunehmen, erfordert Mut und Überwindung.  

Sicherlich war es der aufwühlendste, traurigste und am meisten diskutierte Film des diesjährigen Filmfestivals Cologne. Nur folgerichtig, dass Gaspar Noé den Hollywood Reporter Award 2021 erhielt!