MOTORPSYCHO / The All Is One

Motorpsycho

MOTORPSYCHO / The All Is One

MOTORPSYCHO / The All Is One (Stickman Rec)

30 Jahre Motorpsycho, und das das Psychoversum füllt sich mit einer weiteren Platte: der 22. Diese Band ist mit Worten nicht zu beschreiben – sie steht allein auf weiter Flur, ein Solitär in der Geschichte der modernen Rockmusik. Jeder der sie hinreichend kennt, liebt sie. Und die, die sie nicht mögen (es soll Apostaten geben) , werden auch die 22. Platte links liegen lassen. Denn dort gibt es wieder genau das was wir kennen und lieben, und doch wiederum: alles bleibt anders.

Die Norweger setzen ihren eingeschlagenen Weg – nach den fantastischen The Tower und The Crucible – fort und schließen die inoffizielle Album-Trilogie „Gullvåg Trilogy“ ab. Håkon Gullvågs Cover für diese Alben waren unter anderem eine Inspirationsquelle für die Kompositionen. Mit den drei Veröffentlichungen, die am Rande der Perfektion balancieren, beweisen sie unglaublicherweise immer noch unaufhaltsame Kreativität, die sie mit The All Is One auf neue Wege führt – und man denkt, sie hätten schon alles abgegrast!

Während The Tower und The Crucible zwei zweifellos erstaunliche, sich ergänzende Meisterwerke  waren, ist der dritte Teil eine Art Fortsetzung und der Versuch, die kompositorischen Fähigkeiten noch weiter zu entwickeln. Mit Hilfe von Immer-mal-wieder-Kollaborateur Reine Fiske, aber auch mit Streichern und Percussion schaffen Motorpsycho einen künstlerischen Brückenschlag zwischen zwingenden Garage-Pop-Rock-Strukturen in kleineren, zupackenden Kompositionen und ihrem „traditionellen“ Prog-meets-Jazz-meets-Folk-Mix, insbesondere wenn man in das unfassbare, unbeschreibliche 42-minütige, in 5 Suiten geteilte Monster N.O.X. abtaucht.  Hier versuchen sie wohl, all jene Elemente zu integrieren, die sie so einzigartig machen; diese ziemlich ehrgeizige Komposition zeigt ihre einmalige Fähigkeit, stets aufs Neue Klanglandschaften zu suchen und zu entdecken. Allen dieser Trip ist ein Grund, dieses Album unbedingt haben zu müssen!

Auch in den anderen Songs gibt es wieder eine Unmenge zu entdecken – von beatlelesken leisen Momenten bis zu den farbenfrohen Improvisationen, dem Klang des Mellotrons, den diesmal extrem groovigen Gitarren (Snah ist einer der besten Gitarristen des Planeten, und Bents Bass erkannt man beim ersten verzerrten Ton – ebenfalls Weltklasse) und den „klassischen“ Motorpsycho-Momenten wie „The Same Old Rock“, das entfernt sogar an CCR erinnert. Und wenn dann am Ende das 9minütige „Dreams Of Fancy“ erklingt – geht es eigentlich  noch schöner? Kann man noch besser werden?

Motorpsycho habe mich mit ihrem neuen Album schon wieder unglaublich beeindruckt. Es gibt kein anderes Album in ihrem Mega-Katalog – einschließlich der beiden Trilogie-Vorgänger – das diese lichten kompositorischen Höhen erreicht. Trotz all ihrer unbestreitbaren, offenkundigen Ambitionen und ihrer wahren Recording-Exzesse sind sie stets auf neue fokussiert, ihre Musikalität in den Dienst großartiger Songs zu stellen. Dabei können sie richtig große Emotionen beim Hörer wecken – und das immer und immer wieder.  Auf Platte sind sie also eine Klasse für sich – aber wer jemals bei einem ihrer Gigs war, weiß, dass sie erst dort zu wahrer improvisatorischer Meisterschaft auflaufen. Eine Band, vor deren kreativen Output über so lange Dekaden ich tiefen Respekt habe  – für mich sind sie die größte zeitgenössische Rockband. Zum Niederknien.

5/5 P.

Martin