Erst wenn der letzte Corona-Song gesungen wurde…. von seichten Sängern und üblen Songs in Zeiten der Krise

Wir waren nie stärker als jetzt

sich was trauen ist wie fliegen

zumindest für einen Moment

lass die Ängste besiegen

um zu sehn ob in uns noch was brennt

(Max Giesinger, Nie stärker als jetzt)

Nee. Giesinger, in uns brennt derzeit gar nichts. Und wir waren auch nie stärker als jetzt –  im Gegenteil. Das Virus greift unser Immunsystem an! Und ob du nun fliegst (wohin? Mit welcher Airline?), weil du dich was traust (Was denn? Eine weitere Giesinger-Fließband-Schnulze?) – uns ist es egal, Maxe, flieg doch, wir bleiben am Boden, we stay at home.

Und was macht Herbert G.? Er wärmt seine alte „Mensch“ Hymne fast 1:1 wieder auf, und  versucht sich an einem Lied für die Helden. Also er meint wohl Krankenschwestern, LKW-Fahrer, Polizisten und so? Sind ja grad alles Helden.  „Sie sind die Helden dieser Zeiten. Unsere Rückgrate, unser Stand“, radebrecht er. Rückgrate – ja darauf muss man erstmal kommen. „Trauen ihre Grenzen weit zu überschreiten. Für dich und mich, nehmen dieses Land in ihre Hand.“ Trauen ist gut – sie müssen ran, weil sie nun mal den Job haben, den sie haben. Für dich und mich, aber das Land nehmen sie nicht in die Hand – das bleibt in diesen Zeiten fest in Hand der nun autoritär Regierenden, die mit Weitblick unsere Grundrechte aussetzen. Nicht, dass es mich stören würde – es muss ja auch so sein. Zumindest noch. Wenn Grönemeyer aber meint, diese Menschen hätten in dieser krassesten aller Zeiten ein Lied von ihm verdient – gut! Viele Verkäuferinnen, Ärztinnen, Pfleger mögen seien Stammelei eher als Zumutung empfinden, und das Drücken auf die Pathos-Tränendrüse angesichts des knochenharten Alltags als zum Fremdschämen finden. Von einem, der daheim in seiner Villa sitzt und wohl gerade nichts anderes zu tun hat als uns mit noch einem Coronasong zu beglücken. Mensch, muss das langweilig sein im Hause Herbert Arthur Wiglev Clamor Grönemeyer!
Übrigens: das Einsingen von Corona-Liedern dient vor allem erstmal der Selbstvergewisserung seines eigenen moralischen Standards. Ähnlich wie das abendliche Klatschen vom Balkon – haben ja auch nur die fabriziert, die in den gentrifizierten Großstadtvierteln sich ihres eigenen moralischen Standpunkts gegenseitig versichern wollten. In Köln-Chorweiler oder Berlin-Marzahn hat keiner geklatscht. Reziproke Selbstbeglückungskultur der guten Menschen, die sich zeigen wollen, wie toll und empathisch sie sind. Naja, inzwischen klatschen sie nicht mehr, ist ihnen dann doch auf die Dauer zu blöd geworden. Zuviel expressives Mitgefühl ist dann wohl auch nicht gut…
Nebenbei: genau so peinlich sind übrigens die Experten, die salbadern, dass die Krise nun „eine Chance“ sei. Eine Chance, sich selbst zu finden, eine Chance seine eigenen Skills zu vervollkommnen. Sie raunen, dass man nun mal „entschleunigen“ kann.  Hey, ihr Selbstoptimierer und Berufsoptimisten, die meinen, endlich mal in Ruhe zu ihrem Kern vorstoßen zu wollen: ich kann drauf verzichten! Ich will mein soziales Leben wieder, will Austausch, Miteinander, will mit anderen Spaß haben, will endlich wieder BEschleunigen, und ich scheiße darauf, mich „selbst zu finden“. Denn wer sich selbst erstmal finden muss, hatte vorher keine Ahnung, wer er ist. Dies ist ein derart krasser Ausnahmezustand, dem ich so gar nichts Tolles oder Positives abgewinnen kann.

Dann lieber schnell zu Silbermond wechseln, eine Kombo, die ich eh noch nie mochte, und gerade deshalb soll sie hier auch nicht Gehör finden: „Machen wir was draus“ heißt ihr Beitrag zur Krise.  Wieder: Klavier, Gesäusel, billige Betroffenheitslyrik aus dem Gefühle-Baukasten mit garantiert null Gänsehautgarantie, z. B. :

Auch wenn die Zeit uns grad fordert (mmmh-mmmmh)/ Gibt es Hoffnung noch/ Dass der Tag kommt, an dem all das vorbei ist / Und die Welt macht wieder auf (oh yeah)

Ach Silbermond. Echt jetzt? Auch wenn mich euer Song grad abfuckt  (mmmh mmmh) / gibt es Hoffnung noch  /  dass der Tag kommt an dem das alles vorbei ist/  Und geile Bands machen wieder auf (oh yeah) .  

Nun kommen sie also doch zu Dutzenden aus ihren Löchern gekrabbelt (mmmh mmmh), die Sanges-„Künstler“, und veröffentlichen im Stundentakt einen Corona Song nach dem anderen (oh yeah). Schmeißen sich ran an die allgemeine Krisen-Befindlichkeit. Wollen vorgeblich den „Helden“ danken – dabei wäre denen mit mehr Geld und besseren Arbeitsbedingungen sicherlich mehr geholfen.

Ich hätte wirklich 20.000 Schleifen drauf verwettet, dass auch der heilige Bono und Prediger Gröhlemeyer sich dabei hervortun. Nun hatte Herr Grönemeyer bei mir stets einen Stein im Brett gehabt – wegen seiner früheren Alben, und wegen seines umtriebigen Grönland-Labels, welches wirklich geniale Krautrock-Alben wieder neu veröffentlichte. Aber seinen Kredit hat er so langsam aufgebraucht – erst sein grenzwertiges „Sportpalast“-Gebelle, und nun das. Aber sei’s drum, Herbert ist Herbert, und irgendwie gehört er zum Inventar der Republik. Dazu kommen nun allerdings die Dauernieten und Schlager-Trashsänger wie Silbermond und Giesinger, denen in ihrer ganzen traurigen „Karriere“ noch nicht eine anhörbare Akkordfolge gelungen ist, und deren Texte sich stets tief unten im Keller der Trivialliteratur befinden. Ergo: Fremdschäm-Musik für die Generation Hipster-Weichei.

Und warum das alles?? Weil ihnen die gerade Einnahmen wegbrechen, sie also schnell Kasse machen müssen, und um sich stante pede noch billigen Applaus von ihren „Fans“ abzuholen ….

Es lebe die Distinktion! Mit hoch moralischem Überbau und billigem unechtem Helfersyndrom versucht man sich in den Vordergrund zu spielen, den zu übertönen, der gerade mal keinen Coronasong auf der Pfanne hat. Wer schnell was im Heimstudio zusammenkleistert (3 Mollakkorde, Alltagsheldenverehrung, wir stehen zusammen-Gesülze) bekommt garantiert noch ein paar  Streamingcents und WDR2-Airplay. Ich schalte bei diesen Songs standardmäßíg auf Weghören.  Gefakete Emotionen zwecks neuestem Corona-Gutmenschen-Branding  – damit man auch nach der Krise noch in Erinnerung bleibt. Denn leider gilt für Silbermond, Giesinger und Konsorten: es ist durchaus möglich, dass im Jahre 2021 – nach der Krise – sich zurecht keiner mehr an deren Prä-Krisen-Neo-Schlagerschleim erinnern will. Singen, Tanzen, Liebe, Lachen und so… unecht, unterirdisch, leblos – braucht keiner.

Und genauso wie Covid-19 bleiben wird, als Bedrohung für lange Zeit, und noch niemand weiß, wie sich unser Leben in den nächsten Monaten gestalten wird, welche Jobs und Unternehmen den Bach runtergehen, welche Branchen sterben, genauso wird jeder dieser Songs so schnell vergessen sein, wie sie gemacht wurden. Denn die Leute brauchen keine anbiedernden Helden-Songs, sondern eine ehrlich gemeinte Perspektive für ihr Leben in und nach der Krise.

Künstler und Schlager-von der-Stange-Hersteller  müssen sich jetzt mit ihrem bitteren Schicksal abfinden: in der Krise ist jede Kunst (leider!) Luxus. Malerei, Theater, Musik: Es geht ums (Über-)Leben. Es nutzt nichts, sich mit Corona-Liedern vermeintlich hervorzutun – sie nutzen sich jetzt schon ab, die Menschen werden ihrer schnell überdrüssig. Genauso wie abendliche Balkon-Klatscher sich gerade fragen, warum sie das seit Wochen nicht mehr machen. Wer zuviel klatscht, den bestraft der Virus?
Und die, die letztens noch klatschten, stehen jetzt schon wieder, in Woche X des Ausnahmezustands, in der Schlange und rufen: „machen Sie doch mal eine neue Kasse  auf!“ Weil es muss doch schnell gehen, man will sich hier ja nicht anstecken, und warum hat der Typ dahinten keine Maske auf? Und wieso stehen die da zu dritt?

Merke: erst wenn der letzte Trivial-Spacken einen Corona-Helden-Song gemacht habt, werdet ihr merken, dass der Virus nicht verschwindet.

Martin Hannig

Erst wenn der letzte Corona-Song gesungen wurde…. von seichten Sängern und üblen Songs in Zeiten der Krise