KAI HAVAII und EXTRABREIT / EXTRABREIT 2020 und RUBICON – Kai Havaii über seinen ersten Roman

Kai Havaii ist nicht nur der Frontmann von EXTRABREIT, den wir anlässlich der traditionellen Weihnachtstournee in Köln trafen … er ist auch unter die erfolgreichen Romanautoren gegangen und hat kürzlich sein Romandebüt „RUBICON“ veröffentlicht. Wir sprachen mit ihm über EXTRABREIT und natürlich über sein Buch und er gewährte uns Einblicke über die Thematik und seine Recherche.

Interview: Hannig, Rowehl, Bild von entertaim.net

entertaim.net: … Ihr bleibt also bei der guten alten Tradition der Weihnachtsblitztournee …

Kai Havaii: Aber sicher doch.

entertaim.net: Es kommt uns vor, als ob die WBT immer länger wird, von wegen Blitztournee …

K.H.: Ja, wir sind jetzt bei 16, 17 Terminen gelandet. Das ist wirklich schon eine ausgewachsene Tournee, in der Tat. Aber wir haben ja auch immer unsere Pausen dazwischen, maximal 3 Gigs hintereinander, das passt dann schon. Wir sind alle nicht mehr so die Jüngsten, das geht dann schon ein bisschen auf die Knochen. Ich hatte in all den Jahren auch schon Momente, in denen ich dachte: „Meine Fresse ey, jetzt geht das schon wieder los“. (lacht) Immer und immer wieder, das sind jetzt 41 Jahre. Da haste schon Momente, in denen du denkst: „Hey, brauch ich das noch, will ich das noch“. Aber ehrlich gesagt, das sind immer nur ganz kurze Momente. Wenn wir dann erst mal loslegen und auf der Bühne stehen, dann ist es immer gut und es läuft. Dann ist man voller Adrenalin, dann gehört das mit zu den schönsten Sachen, die man überhaupt machen kann! Nach einen schönen Gig da zu sitzen, sich einen kleinen Drink mit den Jungs gönnen – es gibt kaum ein besseres Gefühl!

entertaim.net: Hättet ihr denn Bock, nochmal ein Album aufzunehmen? So ganz grundsätzlich?

K.H.: Also ich sag mal so: Die Notwendigkeit besteht nicht direkt… Tatsache ist, wir haben im Laufe der letzten Jahre immer mal wieder was aufgenommen, ein paar Demos gemacht, auch alles sehr gut. Man könnte sagen, wir haben so ungefähr ein halbes Album damit zusammen – aber ein halbes ist halt kein ganzes. Das lassen wir auf uns zukommen. Na klar, es wird immer wieder danach gefragt. Aber ich hab ja überhaupt keinen Bock mehr, wochenlang im Studio rumzuhängen, und mit der Technik und so zu kämpfen, das hängt dir dann zum Hals raus. Am liebsten hätte ich einen Stecker im Kopf und zack, raus damit. Also schaun mer mal, kann schon sein, wer weiß.

entertaim.net: Wie findest Du die deutsche Musikszene zurzeit? Wir haben so das Gefühl, dass seit diversen Jahren wenig Innovatives rauskommt. Alles ist mehr oder weniger mainstreamig und angepasst …

K.H.: Ich kann nicht behaupten dass ich da den völligen Überblick hätte. Es wird eine Menge junger Bands geben oder Künstler, die ich überhaupt nicht mitkriege. Da kann ich mir kein abschließendes Urteil drüber erlauben. Aber man muss auch folgendes sagen: Die Art und Weise, wie wir Musik machen, ist natürlich selten geworden. Einfach so zack Stecker rein, Gitarren an und los. Das Schöne an der Zeit, als wir anfingen, war doch diese Unbefangenheit. Und Naivität. Man ist auf ungewöhnliche Sachen gekommen, die trotzdem aus irgendeinem Grunde ankamen bei den Leuten, obwohl es – wenn man sich damals die Charts angesehen hat – eher sperrig war. Heute hab ich das Gefühl, wenn junge Musiker eine Band aufmachen, überlegen die erstmal, welche Marketingstrategie passt, und dann kommt später erst die Musik. War bei uns halt anders, wir haben einfach gemacht. Wir hatten damals überhaupt keinen Plan, wie die Charts funktionieren und konnten uns beim besten Willen auch nicht vorstellen, dass das, was wir da machen, jemals in den Mainstream gehen würde.

entertaim.net: Gibt es momentan einen Act oder ein Album, was dich richtig kickt, egal woher?

K.H.: Ehrlich? Nee, also spontan fällt mir da wirklich nichts ein, wo ich wirklich vor Begeisterung niederknie.

entertaim.net: Jetzt hast du kürzlich einen großen umfassenden Roman veröffentlicht. „RUBICON“. Wie kam es zu dieser Story? Er hat ja richtig gute Rezensionen bekommen!

K.H.: Da bin ich auch sehr glücklich drüber, weil natürlich eine Menge Arbeit drinsteckt. Blut, Schweiß und Tränen, aber natürlich auch viel Freude. Da steckt sehr viel Recherche drin. Hat insgesamt 3 Jahre netto gedauert.

entertaim.net: Jeden Tag dran gearbeitet?

K.H.: Ja, im Prinzip schon. Natürlich mal kleinere Unterbrechungen, wenn ich mit der Band unterwegs war oder so. Es gibt wirklich sehr positives Feedback und es verkauft sich auch nicht übel! Es war ja immer schon mein Traum, einmal ein richtiges Buch zu schreiben, eine uralte Idee von mir. Dass es nun ein Thriller geworden ist, lag auch nicht so fern, weil ich immer schon ein Faible hatte für gut recherchierte Thriller mit zeitgeschichtlichen oder politischen Hintergründen, wie es z.B. John le Carré gemacht hat oder Don Winslow mit seinen Büchern über den mexikanischen Drogenkrieg. Sehr harte realistische Werke.

entertaim.net: Wie kann man sich die Recherche in diesem Fall vorstellen? Machst du da Interviews ?

K.H.: Absolut. Ich hab in der Tat lange Gespräche geführt mit Ex-Soldaten, die in Afghanistan im Kampfeinsatz waren. Das brauchte ich für meine Figur, den Scharfschützen, der dort Extremes erlebt hat, der dann traumatisiert zurückkommt und durch gewisse Umstände in eine kriminelle Laufbahn gerät, als Auftragskiller. Um das psychologisch zu erfassen und auch vom Handwerk her war es wichtig, Leute zu finden, die mir aus erster Hand darüber berichten können. Als erstes hatte ich einen Ex-Falllschirmjäger kontaktiert, der selbst ein Buch über seinen Einsatz schrieb. Ein tolles Buch, 2011 erschienen. Es heißt „Vier Tage im November“. Wir haben uns dann getroffen, und er hat mir einiges erzählt. Ich hab gemerkt, dass ihm viele Dinge nachhingen … aus seiner Einsatzzeit. Er hatte richtig große Probleme, das psychologisch zu verarbeiten. Und er wiederum hat mir dann Kontakte zu einem anderen Kameraden vermittelt, einem Scharfschützen. Der hat auch Extremes da unten erlebt, ein Selbstmordattentäter hat sich neben ihm in die Luft gesprengt und einen Kameraden damit getötet. Er erzählte mir, dass er da gemerkt hat, dass er nervlich einiges aushalten kann, dass er das also anders als seine Kameraden verarbeiten konnte. Und als er wieder hier war, ist er zur Feuerwehr gegangen, jetzt ist er Brandmeister. Und da braucht er auch ganz gute Nerven, wenn man sich vorstellt, mit was Feuerwehrleute im Einsatz manchmal konfrontiert werden, wenn die Unfallopfer von der Straße kratzen müssen und und und …

Ich hatte kürzlich noch Kontakt zu ihm. Und da hab ich natürlich gefragt, ob ich es denn irgendwie einigermaßen gut dargestellt habe. Er meinte dann zu mir: „Wenn mich Leute fragen, wie man denn eigentlich Scharfschütze wird und wie es denn unten in Afghanistan war, dann sag ich zu denen: lies das Buch von Kai!“ (lacht) Das ist natürlich eine Ansage und ein großes Kompliment!

entertaim.net: In dem Buch ist ja der militärische Teil sehr wichtig, im zweiten Teil dreht sich das ganze Ding um die kalabrische Mafia. Geldwäsche und so weiter….

K.H.: Gerade bei der italienischen Mafia denken die Leute immer, das wäre ein Auslaufmodell, das gäbe es alles nur noch in alten Filmen wie „Der Pate“. Das Gegenteil stimmt, die ‚Ndrangheta wird komplett unterschätzt, die sind weltweit das kriminelle Syndikat Nr. 1, weil sie international unheimlich gut vernetzt sind, in über 30 Ländern. Sie haben es geschafft, den Drogenimport nach Europa fast zu monopolisieren, speziell Kokain aus Südamerika.

(Anmerkung der Redaktion: Am besten das Buch lesen, um die recherchierten Einzelheiten in Erfahrung zu bringen.)

entertaim.net: Wie bist du denn da bei der Recherche vorgegangen?

K.H.: Naja, ich hab jetzt keine direkte familiäre Verbindungen (lacht). Aber es gibt sehr viel Literatur dazu, Filme, vieles im Netz, Gerichts- und Vernehmungsprotokolle, die oft auf italienisch sind. Ich sprech ja ein bisschen italienisch, aber da musste dann oft der google-Übersetzer ran. Der ist zwar manchmal holprig, aber man kann das schon erfassen.

entertaim.net: Kai, wenn ich mir die Story von „Rubikon“ anschaue, und wie das alles angelegt ist, das schreit ja geradezu nach Verfilmung! Oder?

K.H.: Also ich verrat jetzt mal ein Geheimnis. Ich stehe gerade in Kontakt zu einer Produktionsfirma. Das könnte was werden, das wäre natürlich ’ne große Nummer! Näheres folgt möglicherweise in Kürze. Aber ich denke auch, dass man das sehr gut verfilmen kann – aber da muss man auch ein bisschen Geld in die Hand nehmen. Sind ja ein paar internationale Schauplätze. Aber ich mag ja so Stories, die um die halbe Welt gehen.

entertaim.net: Das erinnert ein bisschen an den sehr guten Film „American Sniper“ von Clint Eastwood!

K.H.: Ja klar, den hab ich auch gesehen, sehr gut gemacht! Ich hab auch das Buch von dem gelesen.

entertaim.net: Ein derartiger Film ist für Deutschland eher unüblich, ein Film über einen deutschen Soldaten. Die Bundeswehr ist ja so gut wie nie im Film zu sehen – denn wenn es darum geht, stehen die selbsternannten Moralisten oder Gutmenschen ja sofort auf und rufen: „Alles Kriegsverherrlichung!“

K.H.: Ja, klar. Soldaten sind Mörder. So das Klischee. Ich denke, so einfach kann man es sich nicht machen. Man muss sich folgendes vor Augen führen: Unsere gewählte Regierung hat die Jungs dahin geschickt. Übrigens damals rot-grün …. Ihr räumt da mal ein bisschen auf, baut ein paar Brücken, Schulen … denkste. Dass man da ständig attackiert wurde und in schlimme Gefechte geriet, das hat man auch nicht vorhergesehen. Das ist mal ein anderes Thema für einen Film. Vor allem, wenn man darüber nachdenkt, dass das halt keine Maschinen sind, sondern Menschen, die dann traumatisiert nach Hause kommen. Es war mir ein Bedürfnis das klarzumachen. Ich habe in den Gesprächen ein tieferes Verständnis für die Gefühle und die Situationen entwickelt.

entertaim.net: Wie alt waren denn die Leute damals, die du interviewt hast?

K.H.: Ganz unterschiedlich. Manche sind ja auch ganz spezielle Typen, die waren sechs mal da unten. Meistens waren die so um die 20. Sehr junge Typen.

entertaim.net: Kai – danke für das Gespräch und die Einblicke. Wir wünschen Dir viel Erfolg mit dem Roman und der möglichen Verfilmung …

K.H.: Danke und sehr gerne.