#FFCGN / Die Filmfestival Cologne 2019 Awards + Artist Talks mit Abel Ferrara & Nicolas Winding Refn

Zum Abschluss des Filmfestivals Cologne 2019 konnte entertaim.net am Nachmittag an den Preisträgergesprächen im Wallraf-Richartz-Museum und am Abend an der feierlichen Preisverleihung im E-Werk Köln teilnehmen.

Ferrara im Artist Talk

Der US-amerikanische Regisseur Abel Ferrara ist „Sohn der Bronx“ und macht seit über vier Jahrzehnten Independent-Filme. Die brodelnde Schattenseite der Großstadt und die tiefen Abgründe des menschlichen Daseins fasst er in faszinierende Bilder. (Z. B.: “The Driller Killer”, “King of New York”, “Bad Lieutenant”, “Pasolini”.)
Als er bei den Artist Talks auf dem Podium saß, war ihm war in jeder Sekunde die Leidenschaft anzumerken, die er für das Filmemachen empfindet. Eigentlich war es weniger ein Gespräch als vielmehr ein sehr unterhaltsamer, lockerer und spannender Vortrag, manchmal gar eine leidenschaftliche Predigt über das Filmemachen. Auf die Frage von jungen Filmstudenten, was das Wichtigste als Regisseur sei, antwortete er, es sei die künstlerische Vision, die man immer wieder vor Augen haben müsse.  Sich selbst mit der ganzen Person einzusetzen, darauf komme es an! Im Hinblick auf seine (raren) Erfahrungen mit Hollywood wies Ferrara auf das Problem hin, dass hier sehr viele Leute beteiligt seien und hereinreden würden. Seine eigene Biographie ist u.a. auch stark von der Musik und Musikgeschichte geprägt, er zählt sich zur „Woodstock-Generation“, war selbst dort vor Ort  und sowieso Kontakt zu vielen Musik-Größen gehabt. Mit der eigenen früheren Drogenabhängigkeit ging er sehr offen um. Auf die Frage einer Teilnehmerin, inwieweit Drogen für den kreativen Prozess erforderlich seien, antwortete er bezeichnenderweise mit dem Hinweis, dass durch Drogen sehr viele kreative Prozesse komplett zum Erliegen gekommen seien und bezog sich auf mehrere prominente Fälle wie Jim Morrison. (Die Teilnehmerin stellte sich anschließend übrigens als Filmhochschul-Dozentin heraus.) Als ein Teilnehmer bei der anschließenden Fragerunde spontan die Gelegenheit ergriff auf die Bühne zu kommen um seine Affinität zum Film aufzuzeigen und für sich selbst Werbung (als Schauspieler) zu machen, reagierte Ferrara beeindruckend nett und souverän.
Den Saal verließ er mit seiner jungen Frau Christina Chiriac und seiner kleinen Tochter Anna. In Ferraras neuestem, stark autobiographisch geprägten Werk „Tommaso“, spielt seine Frau die Hauptrolle und auch die Tochter tritt auf. In Köln fand während des Festivals die Deutschland-Premiere dieses Filmes statt.

Nicolas Winding Refn (NWR) kommt aus Dänemark, hat aber als Kind und Jugendlicher zeitweise in den USA gelebt. Mit ihm handelt es sich um einen der visionärsten Regisseure der Gegenwart. (Beispiele: „Pusher“-Trilogie, „Bronson“, „Drive“, „Only God Forgives“ ). Er arbeitet u.a. eng mit den Schauspielern Mads Mikkelsen und Ryan Gosling zusammen. Für den Film „Drive“ mit Gosling erhielt Winding Refn 2011 den Regiepreis von Cannes. In Dänemark ist er als „Enfant Terrible“ bzw. als „Wild Child“ bekannt.

NWR im Artist Talk

 

Nachdem der Moderator ziemlich weit ausgeholt hatte um seine ersten Fragen zu stellen, ließ NWR ihn zunächst etwas auflaufen und antwortete nur mit „Yes“ oder „Right“. Im weiteren Verlaufe kam er jedoch mehr aus sich heraus und es gab sehr viel Interessantes über seine Biographie und seine Erfahrungen in der Filmwelt zum Besten.  Beeindruckend ist u.a. wie er als Kind und Jugendlicher mit seiner Dyslexie zu kämpfen hatte, dadurch aber umso mehr angespornt wurde sich im kreativen Bereich zu entwickeln und mit seinem filmerischen Schaffen berühmt zu werden. Bestärkt wurde er insbesondere durch seine Mutter (Kamerafrau und besonders stark im Musik-Genre aktiv), die ihm immer versichert habe, er sei „ein Genie“. Entscheidende Impulse kamen auch durch seinen Vater (Filmregisseur und Cutter) sowie durch einen Onkel, der im Filmverleih-Geschäft tätig war und mit dem er u.a. in Cannes war, um sich um Filmvertrieb und Marketing zu kümmern. Nachdem er schon in New York eine Filmschule abgebrochen hatte, tat er dies in Dänemark gleich nochmal, da er die Gelegenheit erhielt seinen ersten richtigen Film („Pusher“) nicht nur mit finanzieller Unterstützung seiner Mutter, sondern mit einer finanziellen Förderung des dänischen Staats zu drehen.  Sehr interessant war auch sein Bericht, dass er mit einem Filmprojekt („Fear X“, mit John Turturro) grandios gescheitert sei, bei dem ihm vor allem der kommerzielle Erfolg angetrieben habe. Hohe Schulden und Selbstzweifel seien die Folgen gewesen. Daraufhin habe er sich nur noch auf Filme konzentriert, die er für sich selbst mache, die er selbst sehen wolle und mit denen er sich identifizieren könne. Die Gewalt spielt in seinen Filmen eine große Rolle, es geht ihm darum die verschiedenen Seiten des menschlichen Lebens und der menschlichen Seele auszuloten, aber nicht um Gewaltverherrlichung. Gewalt für sich würde nicht genug sein, in seinen Filmen sei gleichzeitig viel Liebe enthalten. Seine Farbenblindheit führt dazu, dass er in seinen Filmen stark mit Kontrasten arbeitet. NWR ist für ein gewisses arrogantes Auftreten bekannt und betreibt eine besondere Form von Selbstdarstellung. Auf die entsprechende Frage des Moderators hinsichtlich dieser „attitude“ antwortete er mit leichtem Augenzwinkern, dass er bisher damit ganz gut gefahren sei und sie deshalb auch in Zukunft nicht ablegen wolle. Das Publikum quittierte dies natürlich mit Gelächter. Sehr wichtig scheint NWR bei seinen Auftritten auch der Hinweis zu sein, dass seine jetzige Frau seine erste richtige Freundin gewesen sei, er aber nichtsdestotrotz schon vorher Sex gehabt habe…. Auch für NWR spielt die Musik eine sehr große Rolle, dies sieht man z.B. am Film „Drive“. Bei diesem Film arbeitete er zum ersten Mal

mit Cliff Martinez zusammen, den er bewusst ausgewählt habe, nachdem er mit den Vorschlägen der Produzenten für mainstream-konforme Musik nicht zufrieden war.

NWR setzt auf neue filmische Wege und Abenteuer. Für Amazon drehte er die Thriller-Serie „Too old to die young“ im Neo-Noir-Stil – seiner Aussage nach sei dies aber eher ein „13 Stunden langer Film“ als  eine klassische Episoden-Serie. Mit seiner eigenen Streaming-Plattform byNWR greift er den Zeitgeist des Medienverhaltens auf und knüpft zugleich an das Grindhouse-Kino an, das ihn beeinflusst hat. In diesem Kontext verwies er zudem auf die radikale Veränderung, die von der digitalen Revolution auf das Filmgeschäft ausgehe. Dieses werde extrem demokratisiert, da sich nun jeder an der Diskussion und Bewertung beteiligen könne, der sich für Filme interessiere. Klassische Filmjournalisten oder -kritiker hätten keine Deutungshoheit mehr. Er selbst sei übrigens ein Social-Media und Smartphone-Junkie, was er beim Abtreten von der Bühne gleich praktisch demonstrierte, indem er sofort zu seinem Handy griff.

Am Abend wurde das E-Werk in Köln-Mühlheim zum feierlichen Ort und Rahmen der Preisverleihung. Wunderbar ausgeleuchtet und hergerichtet mit kleinen runden, feierlich gedeckten Tischen strahlte es eine dem Anlass entsprechende Atmosphäre aus. Beinahe fühlte man sich wie in einem Varieté der 1920er Jahre à la „Babylon Berlin“. Auch der anschließende Empfang im Nachbarsaal war sehr stilvoll gestaltet und spiegelte direkt die erhöhten staatlichen Zuschüsse wider, die bei einer der Preisreden von Nathaniel Liminski, Chef der NRW-Staatskanzlei, angesprochen wurden. Liminski vertrat den Ministerpräsidenten Laschet, der im Gegensatz zum letzten Jahr nicht persönlich anwesend sein konnte. Der Zusammenhang zwischen Film und Politik spann sich wie ein roter Faden durch den Abend, mit recht unterschiedlichen Ansichten der Beteiligten.

August Diehl mit Award

Nicolas Winding Refn wurde der „Filmpreis NRW“ überreicht. Abel Ferrara erhielt den „Hollywood Reporter Report“ und nahm ihn mit Frau und Tochter auf der Bühne in Empfang. Mit diesem Preis wird der beste fiktionale Beitrag aus den Wettbewerbsreihen „Top Ten TV“ und „Best of Cinema“ ausgezeichnet. Weiterhin wurde der national und international bekannte Schauspieler August Diehl (u.a. „Inglorious Bastards“) mit dem „International Actors Award“ geehrt. Die Lobrede auf ihn hielt der bekannte deutsche Regisseur Lars Kraume (u.a. „Das schweigende Klassenzimmer“.) Die in den USA lebende chinesische Dokumentarfilmerin Nanfu Wang erhielt für „One Child Nation“ über die Ein-Kind-Politik in ihrer Heimat den „Phoenix Preis“. Als ein Novum wurde zum ersten Mal der „Cologne Creative Award“ vergeben. Er würdigt Medienschaffende, die im Bereich des audiovisuellen Erzählens auf sich aufmerksam machen und ging an die japanische Spieleentwickler-Legende Hideo Kojima. Schließlich konnten Produzent Lino Rettinger und Regisseur Tamer Jandali für ihren Film „Easy Love“ den „Filmpreis NRW“ entgegennehmen. Sichtlich gerührt ergriff Rettinger die Gelegenheit sich bei vielen Unterstützern zu bedanken und gleichzeitig zu erzählen wie er während des Filmdrehs zum ersten Mal Vater wurde und Jandali zum dritten Mal – und wie turbulent der ganze Dreh vonstatten ging. Ein emotionaler und lustiger Moment zum Ende der Awards.

Vom Programm und der Gestaltung des gesamten Festivals sind wir wieder einmal sehr beeindruckt und ziehen den Hut vor allen Verantwortlichen und Beteiligten.

Christiane Goslar/Martin Hannig

pics by entertaim.net

 

NWR, Hideo Kojima

 

 

Abel Ferrara

 

 

Nicolas Winding Refn, Petra Müller von Film NRW

Die Preisträger 2019