#FFCGN / Filmfestival Cologne – Von Mario Adorf bis Westernhagen – Impressionen 2019

Mario Adorf und Thilo Prückner

 

 

Ein Bericht von Martin Hannig

pics by entertaim.net

Das #ffcgn Filmfestival Cologne stand natürlich ganz im Zeichen der großen Preisträger der diesjährigen Awards. Nicolas Winding-Refn, Abel Ferrara und andere wurden mit Retrospektiven geehrt. Doch die wahren Highlights und Überraschungen finden sich ja immer in den Programm-Schienen.
Für mich ein überraschend vielschichtiger Film fand z.B. im Anschluss an den Benelux-Kooperationsabend im Museum Ludwig statt: YOUNG AHMED von den Brüdern Dardenne (Belgien). Es geht um einen ungewöhnlichen „Gefährder“. Der 13-Jährige Ahmed mit der nerdigen Brille und dem Wuschelkopf sieht eher aus wie ein Harry-Potter-Fan als ein gefährlicher Islamist. Als Ahmed – beeinflusst von seinem radikalen Imam – allerdings versucht, seine Lehrerin umzubringen, muss der Staat einschreiten: Wie umgehen mit einem fanatischen, gewaltbereiten Kind? Die Dardennes erweisen sich einmal mehr als Meister eines atemlosen Sozialrealismus, der nicht belehrt, sondern die Realität in all ihrer Widersprüchlichkeit auffächert. Trotz des heiklen Themas spannend und mitreißend – vor allem der junge Schauspieler Idir Ben Addi!

Im TV-Unterhaltungssegment gab es neben netten Events wie die erste Folge der neuen Inspektor-Barnaby-Staffel, die ab Januar im ZDF läuft, auch Hochkarätiges zu erleben: ALTE  BANDE mit dem unverwüstlichen Buddy-Duo Mario Adorf und Tilo Prückner (oben im Bild):  Der alte Ganove „Boxer“ (Adorf) ist seit Jahrzehnten der heimliche König der JVA – aber nun droht Unheil: Erst soll er in den Seniorenknast verlegt werden, dann taucht sein alter Kumpan Henne (Prückner) mit der Überraschung auf, dass er Boxers frühere große Liebe – inklusive einer Tochter – ausfindig gemacht hat. Also wird ein Ausbruch fällig … Die Grimme-Preisträger Dirk Kummer & Kaspar Heidelbach brachten doch tatsächlich 40 Jahre nach BOMBER UND PAGANINI Adorf und Prückner noch einmal vor die Kamera zusammen für einen ebenso amüsanten wie emotionalen Abgesang auf das Gaunerleben mit all seinen verpassten Chancen.  Auf Wunsch beider Schauspiel-Schwergewichte, die unbedingt noch einmal zusammen dieses Duo auferstehen lassen wollten, wurde die Story um sie herum konzipiert – und wer weiß, so Adorf im anschließenden Gespräch, vielleicht ist das ja auch dann seine letzte Schauspielarbeit überhaupt, mit nun immerhin 89 Jahren! Nach dem Film gab es noch ein fröhliches Q & A – die Hauptdarsteller, Produzenten und der Regisseur erläuterten die Hintergründe – aber alle wollten nur hören, wie Mario Adorf Schnurren und Anekdötchen aus seinem Leben erzählte – siehe Video…. Mario Adorf – der große alte Mann des deutschen Kinos – ein unvergesslicher Auftritt in Köln!

Westernhagen (70) mit seiner jungen Ehefrau Lindiwe (40) und Filmcrew

Ein weitere Gelegenheit, einen deutschen Star zu erleben, bot der Abend mit Marius Müller-Westernhagen. DAS PFEFFERMINZ-EXPERIMENT wurde uraufgeführt, in Anwesenheit der Macher und des Protagonisten himself.
40 Jahre ist es her, dass der damalige Schauspieler und eher dem schwülstigen Liedermacher-Pop  zugerechnete Sänger ein Album raushaute, das die deutsche Rockmusikszene nachhaltig veränderte und Generationen beeinflusste: „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ . 1978 erschienen, befreite sich Marius damals aus dem engen Lieder-Korsett und machte das, was er eigentlich immer wollte: Rock’n’roll, R’n’B, mit Texten mitten aus dem Leben. Parallel schossen ihn die 2 Theo-Filme an die Spitze der damaligen Coolness-Charts. Das Album machte Furore – nicht nur wegen seiner wirklich geilen rudimentären musikalischen Ideen, sondern weil sich Rock’n’roll-Ohrwurm an Ohrwurm reiht, und weil seine Texte eigentlich erstmals in Deutschland an jedweder Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Erschreckte Eltern und indizierungswütige Bürokraten traten auf den Plan – das auch heute noch unfassbare „Dicke“ z. B. wurde gar nicht erst im Radio gespielt. Dass sich gerade hinter diesem Song eine finster-satirische Abrechnung mit Vorurteilen verbirgt – das verstand damals kaum jemand.
40 Jahre später versucht Westernhagen (70) im hohen Rock’n’roll-Alter, diese Songs , die er seitdem gar nicht mehr gehört hat (bis auf die paar, die eh auf jeder Tour zu hören waren) für sich neu zu entdecken. Die Dokumanterkamera unter der  Regie von Shahin Shokoui, Agnesh Pakozdi und Chris Hegedus war dabei, als er in Woodstock bei der Produzentenlegende Larry Campbell  im Dreamland Studio diese Songs aufnahm und mit tollen Studiocracks neues Lebens einhauchte. Da das dazugehörende Album noch nicht erschienen ist, mussten die Zuschauer und Journalisten ihre Handys vor Beginn abgeben, wofür sich Herr W. am Ende nochmal entschuldigte – aber was sein muss, muss sein….

Es ist natürlich immer wieder faszinierend, solchen Musikern bei der Arbeit zuzuschauen. Wie diese tief im Americana steckenden Arrangements entstehen, das work in progress – genau deshalb ist diese Musikdoku so wertvoll. Die Kamera kreist oft um Westernhagen, wenn er seine Songs singt – da stand wohl die Nick Cave Doku „One more time with feeling“ Pate. Westernhagens Art – manchmal gleiten die Bilder doch arg in Schwülstige ab – mag manchen widerstreben. Auch die Auswahl der Interview-Zeitgenossen zum Pfefferminz-Album ist fragwürdig: Iris Berben, ok, aber Hape Kerkeling? Jürgen Klinsmann?? Und was um Gottes Willen macht  Joschka Fischer hier? Da musste der eine oder andere im Publikum auflachen, als der beleibte Ex-Taxifahrer und Außenminster (MMW hingegen immer noch rank und schlank wie der sprichwörtliche dünne Hering) seine nichtssagenden Statements mit staatstragender Bedeutungschwere in die Kamera lispelte. Der ist ja das Gegenteil von Rock’n’Roll…. Wie gern hätte man hier die Erinnerungen von Musikerkollegen – vor allem von denjenigen, die das Ding 1978 einspielten, vernommen.  Aber sei’s drum: geile Musik bleibt geile Musik, und es ist toll, diese alten Songs, die man Zeile für Zeile kennt, in neuem Gewand zu hören und zu sehen.
Der für das TV (ARD) produzierte Film wird so schön – das machte Westernhagen im anschließenden Q&A klar – wohl nie mehr auf Leinwand zu sehen sein.

 

Die Barnaby-Schauspieler stellten die Episode persönlich vor