HODJA / Kurze Rille und schnelle Nadel – Interview mit F.W. Smolls über Platten, Touren in Deutschland und das gestreckte Zuhause

HODJA / Kurze Rille und schnelle Nadel – Interview mit F.W. Smolls über Platten, Touren in Deutschland und das gestreckte Zuhause

Aus Kopenhagen kommen HODJA – ein rauhbeiniges Heavy-Garagen-Soul-Rock-Trio mit HipHop-Anleihen (puh, das war schwer), das seit ein paar Jahren vor allem in Deutschland für Furore sorgt. Aber Dänemark ist nur ihre offizielle Basis – denn ein Däne, ein (wie sich herausstellte) Deutscher und ein Amerikaner machen HODJA zu einer internationalen Band, die sich weder in Länder- noch in Genregrenzen pressen lässt.
Anlässlich ihres bald erscheinenden dritten Longplayers „We Are The Here & Now“ (bei Noisolution) hatten wir die Gelegenheit, kurz vor dem Gig im Sonic Ballroom zu Köln mit Drummer F.W. Smolls zu plaudern…. (Interview von Martin Hannig, Bild mit freundlicher Genehmigung von HODJA, (c)  Johann Roennow)

entertaim.net: Ich hab mich gewundert dass du so gut Deutsch schreibst über sms als Däne….

F.W.:  (Lacht) Nee, ich bin Deutscher! Ich wohne nur in Dänemark. Ich komme aus Wismar ursprünglich.

entertaim.net: Berlin Offenbach Hamburg habt ihr bisher auf dieser Tour gespielt. Wie war es für euch? Positives Feedback bekommen?

F.W.: Ja sehr! In Berlin spielten wir an einem Tag, da waren es 32 Grad, und es waren dennoch knapp 200 Leute da. Es stellte sich heraus, dass die Kantine am Berghain klimatisiert ist! Konnten die Leute ja eigentlich auch nicht wissen. Offenbach war auch sehr heiß und auch ein recht großes Publikum. Gestern am Montag in Hamburg  – tja der Montag ist immer sehr speziell in allen Städten. Montag Dienstag ist immer `ne schwierige Nummer…

entertaim.net: In eurem Tourplan dieser Tour stehen ja fast nur deutsche Städte, ist mir aufgefallen.

F.W.: Es sind so circa 20 Gigs, davon einer in den Niederlanden, einer in Österreich, einer in der Schweiz, einer in Tschechien. Wir machen Abstecher ins nahe Ausland. Im November gehen wir dann auf Tour mit 5 Konzerten in Frankreich und 5 in Holland. Wir strecken da gerade unsere Fühler aus.

entertaim.net: Aber in Dänemark selbst spielt ihr gar nicht?

F.W.: Fast gar nicht. Kann man in den letzten 6 Jahren an einer Hand abzählen. Locations gäbe es dort auch, aber unser Booking hat den deutschsprachigen Raum im Blick. In Dänemark haben die kaum Kontakte.  Wir lassen halt auch die Arbeit lieber von anderen machen, und nehmen dann was kommt (lacht).

entertaim.net: Also ist Deutschland wohl ein gutes Pflaster für Hodja…

F.W.: Ja, aber das gilt ja für viele Bands. Ist halt einer der größten Musikmärkte weltweit. Im deutschsprachigen Raum als Ganzes kommst du ja fast auf 100 Mio. Menschen. Die verstehen halt auch diese Ästhetik des RocknRoll – das, was Rockmusik ausmacht. Ist einfach leichter zu spielen hier! Man bekommt gute Reaktionen.

entertaim.net: Das neue Album durfte ich schon mal vorab hören. Wie war das Aufnehmen des Dings für euch – gab es da einen Unterschied zu „The Flood“, dem tollen Vorgängeralbum?

F.W.: Eigentlich nicht. Wir machen das seit der ersten Platte – die übrigens auch gerade wieder neu gemastered herauskommt –  immer sehr schnell. Boi, der Gitarrist und ich legen die Grundlagen immer sehr schnell – und dann kommt Gamiel und legt seine Stimme drauf, und dann kommen eigentlich auch erst die Melodien ins Spiel.  Boi und ich – Gitarre Drums legen vor – und Gamiel kommt dann ins Studio – und daran hat er sich auch gewöhnt, er hat dann ganz schnell Texte und auch neue Ideen. Das schnelle Arbeiten sorgt dafür, dass es zwar nicht improvisiert ist, aber doch frisch klingt.

entertaim.net: „God of Wars“ ist der Opener des neuen Abums- ein ziemlich neuartiger Song, viel Hiphop drin und krasse Breaks. Wird den einen oder anderen überraschen. Dass ihr damit das Album eröffnet: Absicht, Zufall? Wollt ihr die Fans herausfordern?

F.W.:  Ja das ist schon so `ne Nummer wie der Mann der aus’m Busch springt . War schon Absicht. Aber das Gitarrenriff ist entstanden als Boi beim Soundscheck seinen Amp angeschmissen hat und seine Gitarre aufgedreht hat, und auf einmal gab es so`n Signal wie ein Feedback- und ich so: kannst du das nochmal machen? Und genau das war dann der Sound für den Song…

entertaim.net: Apropos Album: ist es für euch eigentlich wichtig, in welcher Reihenfolge die Songs dort erscheinen? Ist das althergebrachte Album überhaupt noch relevant in dieser Zeit, oder ist das nur noch ein Paket  von Streaming-Songs?

F.W.: Also ich seh das Album absolut als wichtig an. Wir verkaufen unsere Vinyl-Platten ja auch fast nur live beim Merch. Kannst du nach der Show direkt bei mir kaufen. Die Leute legen die Platte ja zu Hause auf und erleben das auch als Album. Solange wie auch andere Bands ihre Platten pressen und solange Leute Plattenspieler haben, solange wird es Alben geben. Was die Reihenfolge der Songs angeht, da machen wir uns am Ende des Aufnehmens schon Gedanken. Du musst ja auch ganz pragmatisch beachten, die Klangsättigung der Schallplatte nicht zu überfordern, also eine bestimmte Minutenzahl nicht zu überschreiten. Und je enger die Nadel zum Loch kommt, desto ruhiger sollte das Stück werden. Boi, der die Platte auch gemastered hat, sagt mir gerade, dass zum Ende hin die Rille immer kürzer wird und die Nadel sich schneller dadurch bewegt, deswegen liegen da besser die ruhigeren Songs.

entertaim.net: Es gibt am Ende des Albums eine „Fairies Wear Boots“ Black Sabbath Coverversion. Völlig anders als das Original. Wie kamt ihr gerade auf den Song?

F.W.: Das Riff ist auch aus verschiedenen Soundchecks entstanden. Und beim Spielen hat sich dann Gamiel einfach nur an einem beliebigen Songtext festgehalten, das macht man ja manchmal, so Songlinien, die man halt kennt. Das war dann zufällig das Lied. Und wir haben das dann einfach mal so laufen lassen, und schon war`s fertig.

entertaim.net: Ich hab mal gelesen irgendwo, dass du einen Jazz-Background hast, ist das richtig?

F.W.: Ich hab mal an der Universität der Künste in Berlin Schlagzeug studiert. Da war damals die Jazzabteilung. Aber nur bis zum Vordiplom, ich hab dann abgebrochen wegen der Liebe. Aber das ist auch so ein Mythos. Zum Beispiel der Boi, ein Supergitarrist, hat nie eine Musikschule besucht. Muss man auch mal relativieren. Ich kann halt Jazz spielen und Noten lesen. Aber für Hodja hätte ich die UDK nicht besuchen müssen. Ein Musik-Studium ist halt ein geschützter Raum, wie eine Seifenblase. Und du kannst dich der Sache voll hingeben und dich ein paar Jahre nur mit Musik beschäftigen und du wirst auch von deinen Dozenten herausgefordert. Das ist halt der Unterschied.

entertaim.net: Hast du den Film Whiplash über diesen Drummer-Studenten gesehen?

 F.W.: Ja, aber das hat überhaupt nichts mit meinen Erfahrungen  zu tun.

entertaim.net: Ich hab bei euch immer so ein spezielles Gefühl wenn ich euch höre, da klingt oft so was Altes mit, so Südstaaten, Louisiana, Voodoo, Screaming Jay Hawkins mäßig…

 F.W.: Klar, du hast die Stichworte genannt. Diese Voodoo Assoziation einerseits, und andererseits die Verbindung zu Screaming Jay Hawkins oder anderen Bluesern, mit dieser expressiven Stimme, die auch gerne mal brechen kann und die aus dem Bauch heraus singt. Das passt auch zu Gamiel. Seine beiden Eltern kommen ja aus Afrika. Er ist in London geboren und in New York aufgewachsen, ist sozialisiert mit der US-Musik.  Das ist halt auch authentisch bei ihm..

entertaim.net: Habt ihr schon mal im Sonic Ballroom gespielt?

 F.W.: Ja schon 4 mal mit Hodja und ich schon 5 mal mit `ner Band in der ich vorher Schlagzeug spielte

entertaim.net: Dann ist das ja fast wie nach Hause kommen….

F.W.: Ja das denkt man schon. Auf einer Tour gibt es immer ein paar Läden, die man so gut kennt. Dadurch ergibt sich dann ein sehr weit gestrecktes Zuhausegefühl. Das sind Stationen, da kannst du ein wenig durchatmen.

entertaim.net: Gerade der Ballroom – es ist ja unfassbar was die da machen – jeden Tag ein Konzert, was für eine Hammer-Arbeit die durchziehen, und mit wieviel Liebe die das bewerkstelligen!

 F.W.:  Gottseidank  gibt es noch ein paar solcher Enthusiasten! Wenn du dich dann mit ihnen unterhältst und erfährst deren Realität, und ihnen auch ein wenig zusiehst, dann versteht du auch: das machen die auf alle Fälle nicht wegen des Geldes!

entertaim.net: Abschließend zu Dänemark.  Wir von entertaim.net haben ja auch oft Leute beim Roskilde Festival quasi vor eurer Haustür. Da wart ihr aber auch noch nicht oder?

 F.W.:  Eigentlich wäre eine dänische Band unseres Kalibers da schon längst aufgetreten, klar. Aber wie gesagt: unser gesamtes Business, unser Booking und das Label sind in Deutschland. Das ist halt schwierig. Wir waren auch noch nie in einem dänischen Musikmagazin!

entertaim.net: Der Prophet im eigenen Lande… auf jeden Fall viel Spaß heute Abend!

 F.W.: Danke dir bis später!

 

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