ABC-Klassiker des Heavy Metal / M / MOTÖRHEAD / No Sleep Till Hammersmith (1981)

Motörhead no sleep

1980 brachte die Band schon mal eine kleine Liveplatte raus: The Golden Years, eine EP vom Lochem Pop Festival in Holland. Diese Platte ist auch meine erste Erinnerung an MOTÖRHEAD – damals war die Band schon eine kleine Legende.  Saulaut und sehr dreckig war es, und ich erinnere mich, dass ein älterer Bruder meines damaligen Freundes, ein langbärtiger Hippie, diese EP auflegte und meinte „das ist ja scheiße, die können ja gar nicht spielen“. Soviel zum Thema Hippies und Musik. Danach kann ich mich an die 45er Single zu „Motörhead“ (den Live-Song) erinnern (Rückseite „Over the Top (live)), die vom Hammersmith-Album ausgekoppelt wurde– das Ding lief bei mir rauf und runter – und als junger Teenie konnte ich nicht glauben, dass allein die  megakrassen ersten ohrenbetäubenden Sekunden nur Lemmys Bass zu hören war!! Selbst in Bravo und Co kam die Band vor – als lauteste, dreckigste und schnellste Band der Welt – und da sie auch Playback diverse Male im Musikladen und anderen deutschen TV-Shows auftraten und sie mir da schon auffielen ob ihrer rohen Wildheit – ich erinnere mich an den denkwürdigen  Musikladen Playback Auftritt mit dieser Single, als ein völlig konsterniertes Disco-Popper-Publikum so gar nicht glauben  konnte was da auf der Bühne passiert – musste ich natürlich die No.1 Platte aus dem UK haben:  „No Sleep Till Hammersmith“, Motörheads erste richtige Live-LP. Erst danach entdeckte ich dann den Backkatalog.
Hammersmith hat uns junge Teenie-Rockfans damals dermaßen umgeblasen – danach war nichts mehr wie vorher!

Na klar – auch das 80er Album Ace Of Spades hätte es verdient gehabt, hier besprochen zu werden, war es doch überhaupt das erste Mal, dass eine Band ein so dermaßen hartes Studio-Album einspielte. Aber Hammersmith ist noch mal krass härter und fängt vor allem die Livemagie damals auf der 81er Tour ein. Motörhead waren mit diesem megaharten Album im UK No. 1 – unglaublich rückblickend, heute undenkbar! Auf dem Gipfel des Erfolges, in der klassischen und besten Besetzung – Lemmy, Eddie, Phil.

Das ikonografische Layout der Hülle mit der Band on stage – der witzige Titel (übrigens wurden die Songs NICHT im Hammersmith Odeon aufgenommen!) – die Songs – jeder einzelne ein Knaller! Beginnend mit dem damaligen aktuellen „Ace Of Spades“ – die Zockerhymne war mit Sicherheit einer der ersten Speed-Metal Songs überhaupt, obwohl Lemmy immer meinte, dass Motörhead eine RocknRoll-Band ist. Dann Stay Clean und Metropolis vom Overkill-Album, bevor The Hammer („Thank you very much. This one is dedicated to little Philthy. This is called Thee Hammer!”) unglaublich brutal über die  Bühne donnert. Und dann kommt: “This one is dedicated to all the Angels in here, and  everyone else really, but especially them. It’s called Iron Horse/Born To Lose.” Vom 77er Debüt – hier aber schneller und aufregender gespielt. Die Hell’s Angels waren am Anfang ein wichtiger Einfluss für die Band und einer der führenden Angels im UK, Guy “Tramp” Lawrence, hatte diesen Klassiker mitgeschrieben.  Der böse Antilovesong No Class beendete die erste Seite, und Lemmys großartiger Humor kommt in der Ansage zum Vorschein, als er den Song Eddie und sich selbst widmete, weil Phil ja schon eine Widmung hatte (wie geil ist das denn!): „This one is ah, dedicated… because Phil has already had one, this one is for me and Eddie. And this is called No Class.” Lieblingsstelle: your perfect smile/ Betrays your lack of style …. eine geile Abrechung!
Wenn man dann die Nadel in die Seite 2 einsetzte, erwartete einem das bis dato Unerhörte. Overkill war ja schon auf der gleichnamigen LP ein schneller schmutziger nicht enden wollender RocknRoll-Aufreger – aber was Phil hier ablieferte an den Drums, gab es bis dahin einfach nicht. Ein unfassbares double bass Gewitter – mit dieser ultraschnellen Version hatte er sich unsterblich gemacht. Ich behaupte mal, allein mit dieser Version hat Animal nicht nur seinem Spitznamen alle Ehre gemacht, sondern den Grundstein für all das gelegt, was später im Speed- und Thrash-Metal drum-mäßig en vogue war. Don’t sweat it – give it back to you! Der Song ist dermaßen krass und hart gespielt, dass es einem heute noch die Fußnägel hochkringelt. Legendär. Gern hörten wir auch diese Reihenfolge auf unseren alkohollastigen Headbangerparties: zuerst Overkill, dann auf volle Kanne gestellt die Zwischenansage als Lem G.R., einen Roadie auf die Bühne holt, der dann kurz die Fans begrüßt: “Now, the loudest voice in any road crew. G.R.” dann G.R.: “Come on Newcastle, let’s hear it for the road crew. Oooooooaaarrgghhhhhhhhh!” (jahrzehntelang glaubte ich, Lemmy oder Eddie hätten diesen Schrei losgelassen… ) Lemmy:
“This is dedicated to a fine body of men. It’s called (We Are) The Road Crew.” Und dann dieser unfassbare Song – sehr LEGENDÄR! Danach wird’s nicht wirklich langsamer, auch wenn Lemmy es behauptet: „This one is, a slow one, so as you can get mellowed out you know? This is called Capricorn.” Ein weiter Megaklassiker von „Overkill“ – phantastische Atmosphäre, und Lemmy gibt alles am Mikro. Anschließend „Bomber“ vom gleichnamigen 79er Album in einer irrwitzig schnellen harten Version – Animal wirbelt ohne Ende, double bass Gewitter again, Fast Eddie haut die Riffs raus, Lemmy schreit sich die Seele aus dem Laub und prügelt seinen Rickenbastard-Bass, und man sieht fömlich wie das Bomber-Lightning-Rig mit kreisenden Scheinwerfern runterkommt. Eigentlich alles unfassbar rückblickend – die Motörheadbanger-Kids müssen ja schwer ausgeflippt sein damals! Zum Schluss: “Thank you very much! This one goes…!” — und dann kommt der signature song Motörhead – Lemmys Bass-Riff zu Beginn so laut wie ein Triebwerk, der Bass volle Kanne als rhythmguitar wie NUR er das spielen konnte!  Sunrise, wrong side of another day, Sky high and six thousand miles away, Don’t know how long I’ve been awake, Wound up in an amazing state, Can’t get enough, And you know it’s righteous stuff, Goes up like prices at Christmas, Motorhead, you can call me Motorhead, alright  – eine Drogenhymne, ein Bastard von einem Hardcore-Hardrock-RocknRoll-Song, der so schon auf dem Debütalbum zu finden war – aber hier megaschnell gespielt wird; ein irrwitziges Ende einer wahnsinnigen Live-Platte, inclusive Fade-out-Feedback – das definitive Statement zum Ende der großartigsten Live-Platte aller Zeiten.

mindestens 5/5 Punkte!!

Martin

 

und hier der legendäre Playback-Auftritt im Bremer Musikladen – Lemmy als coolste Sau der Welt – der Inbegriff des harten Rockstars.  Ich frag mich heute noch, wie Motörhead in dieser Disco-Pop-Show gelandet sind. Irreal! Geil!!