ABC-Klassiker des Heavy Metal / M / METALLICA / Ride The Lightning (1984)

ABC-Klassiker des Heavy Metal / M / METALLICA / Ride The Lightning (1984)

„Wir waren wirklich pleite“, meint Lars Ulrich, wenn er über METALLICA 1984 redet, als sie ihr zweites bahnbrechendes Album, Ride the Lightning, produzierten. „Wir mussten von Tag zu Tag leben. Ein Freund hatte uns seine Wohnung in Kopenhagen  zur Verfügung gestellt, während wir aufgenommen haben. James und ich teilten uns das Schlafzimmer, Kirk und Cliff die Couch.“ Und durch das Zurückbringen von leeren Carlsberg-Flaschen bekam man so viel Pfand raus, dass man sich neue kaufen konnte. Von spätnachmittags bis in die Nacht  wurde mit Producer Fleming Rasmussen (der mit Metal eigentlich  nichts am Hut hatte) aufgenommen, nebenan hatten Mercyful Fate ihren Proberaum, dann ging es zurück in die Wohnung, man schaute sich Musikvideos an, bekämpfte das Heimweh (außer Lars natürlich), schlief, und am nächsten Tag ging es weiter.

Es war im Frühjahr 1984, als das Thrash-Metal-Quartett aus der Bay Area in Kopenhagen – der Heimat von Ulrich – einflog. Die Aufnahmen fanden aus zwei Gründen dort statt: Rainbow hatten dort ihr Difficult To Cure-Album aufgenommen, die Band mochte den Sound des Albums sehr. Und: es war billig!  Zu der Zeit waren Ulrich und James Hetfield beide 20, Kirk Hammett 21 und Cliff Burton war mit 22 Jahren der „alte Mann“ der Gruppe. Weniger als ein Jahr zuvor hatten sie den Gitarristen Dave Mustaine rausgeworfen und Hammett rekrutiert, sowie ihr Debüt Kill ‚Em All rausgebracht, die Platte, die den US-Thrash Metal definierte und auch in Europa recht bekannt war.  Jetzt arbeiteten sie an dem Album, das die Band Metallica neu definierte.

Für uns jugendliche Metalheads war dieses Album eine Erleuchtung. Kill Em All fanden wir alle schon megageil, weil das Debüt auf seine Art ein Meisterwerk war – man dachte damals, dass sich so etwas schwer toppen ließe. Und dann kam ein Jahr später dieses Ding – und blies uns alle um. Alles was Metal davor war – Maiden, Priest, Motörhead – erschien auf einmal altmodisch im Vergleich zu diesem fetten Großwerk. Die Atmosphäre dieses Albums war überwältigend, genau wie der megafette klare und heavy Sound, der das Debüt eher wie Garagenrock klingen ließ. Aber das beste und beeindruckendste waren diese Songs…. here we go!

  1. Fight Fire With Fire – Ist dies der heavyieste, schnellste und alles pulverisierendste Song in der gesamten Diskografie von Metallica? Das Akustikgitarrenintro musste einfach sein  – denn dadurch knallte der nachfolgende Song umso mehr. Die muskulösen schnellen Riffs von Hetfield, seine im Vergleich zu Kill Em All tiefere Stimme, der dystopische Atomkriegs-Text (Blow the universe into nothingness, Nuclear warfare shall lay us to rest! the Gods are laughing, so take your last breath!) ,    Hammetts Solo und Ulrich, der tierisch double bass Gas gibt. FFWF musste unbedingt mit einer Atomexplosion enden!!! Welch ein Einstieg!
  2. Ride The Lightning: obwohl er im Laufe der Jahre nur selten in Live-Sets von Metallica aufgetaucht ist, ist der beeindruckende Titeltrack des Albums eine aufregende Tour-de-Force. Ein Midtempo Hammer-Riff (auf dem Album zeigten Metallica, dass man nicht schnell sein muss, um „megahart“ rüberzukommen), heavy as fuck, die mitreißenden Lyrics haben uns damals schwer begeistert  – wie muss es sein, unschuldig auf dem elektrischen Stuhl zu sitzen?? –  Das Arrangement des Songs in verschiedenen Teilen ist quasi ein Warm-up für das komplizierte Master of Puppets zwei Jahre später.
  3. For Whom The Bell Tolls  ist einer der beliebtesten Tracks von Metallica, inspiriert von Ernest Hemingways klassischem Kriegsroman.  Das Eingangsriff nach den Amboss-Schlägen, die Lars genauso so im Studi einhämmerte wurde um eine Cliff-Burton-Basslinie konstruiert, die er mit Verzerrern und Wah-Wah-Effekten versah. So innovativ! Nach diesem bombastischen Intro marschierte der Song unaufhaltsam in die Herzen von uns Heavy-Metal-Fans; seine pure Heavyness brachte auch viele eher traditionelle Hardrock-Metal-Fans dazu, sich ernsthafter mit Metallica zu beschäftigen. Ich finde, der anklagende Text ist ein frühes Meisterwerk von James Hetfield. Wer mit 19/20 solche beeindruckenden Bilder des Kriegswahnsinns entwerfen kann, der muss damals schon ein ganz Großer gewesen sein. Time marches on!!!
  4. Fade to Black ist zweifellos einer der wichtigsten Songs in der Karriere der Band. Ihre erste wahre Ballade zeigte, dass sie viel zu schlau waren, um sich kreativ einengen zu lassen und nur Pedal-to-the-Metal-Thrasher zu spielen. Im Gegenteil: James singt zum ersten Mal mit klarer toller Stimme; der Song beginnt mit wunderbaren düsteren Akustik-Moll-Akkorden, und die Lyrics – oh Mann, diese waren für eine Metalband extrem ungewöhlich! Ein Lied über Selbstmord zu schreiben, und das mit diesen wohlgesetzten Worten, auch hier muss ich Hetfield frühes Genie bescheinigen. Außerdem sind Kirks Gitarrenmelodien hier grandios, vor allem der Beginn des 2. Teils. Ein unfassbar geiler Song, der jeden Fan damals mitten ins Metal-Herz und in die Magengerube traf. Das war echt und wahrhaft heavy, gleichzeitig traurig, düster, aber auch unglaublich mitreißend!
  5. Trapped Under Ice: nicht ganz so großartig im Kontext des Albums. Hier bewiesen sie, dass sie natürlich auch schnell können – auch wenn das Album insgesamt midtempo ist. Die Metal-Thrashing-Riffs sind aber so geil, dass jede andere Band dafür gestorben wäre. Interessante Lyrics – hat davor und danach auch nie mehr jemand einen Song drüber geschrieben.
  6. Escape: sehr okay, nicht so memorabel wie der Rest. Haben sie – bis vor Kurzem einmal – nie live gespielt . Es war ein Versuch etwas „Kommerzielles“ zu machen, um vielleicht ein Majorlabel zu überzeugen. Dennoch auch dieser Song wäre bei einer anderen Band zu der Zeit das Albumhighlight gewesen….
  7. Creeping Death – vielleicht DER Metallica-Song überhaupt . Geschrieben von der ganzen Band (die Bridge z.B. kommt noch von Kirks alten Exodus-Demos), zerstreute „Creeping Death“ alle  Zweifel an dem kollektiven Genie des Quartetts. Das war epischer, echter, state-of-the-art heavy thrash metal. Das Riff ist so mächtig, so krass in seiner Heavyness, das man auch 35 Jahre später immer wieder niederknien möchte. Der Text über die biblischen Plagen ist auch wieder so geil geschrieben und gesungen – der Tod der Erstgeborenen (Die! By my hand!!)  wird hier als großes Metaldrama aufgeführt. Ein Klassiker des Metals, der bei keinem Metallica-Gig fehlen darf. Unzählige Male zu gebangt.
  1. The Call of Ktulu – die für mich geilste Arbeit von Cliff Burton: sie kombiniert die Liebe der Band zu H.P. Lovecraft mit einer seiner inspiriertesten und größten Leistungen am Bass. Wie er dort hinter der Gitarren-Wall-of-Sound Hetfield/Hammett agiert, ist genial. Dieses Instrumental hat uns damals endgültig überzeugt, dass Metallica schon in jungen Jahren überlebensgroß waren. Von Anfang bis Ende faszinierend, die Riffs bauen fast mathematisch aufeinander auf, eine bisher ungehörte Melodienführung, die eine irgendwie krasse düstere Atmosphäre generiert, mega heavy im alles niederwaltzenden Midtempo arrangiert, megageile Soli, keine Sekunde verlieren sie die Spannung und das über fast 9 Minuten! Was sollte danach noch kommen?

Naja es kam: Master Of Puppets, nicht minder geil, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Diese Platte hier hat es verdient im Pantheon des harten Rocks ganz oben zu stehen. Sie hat Metal neu definiert, Heerscharen von Fans und Musikern inspiriert,  und den Metal in eine neue Zeit geführt. Ride The Lightning werden Metalfans – sofern es dann noch welche gibt – auch in 100 Jahren noch hören.

5/5

Martin