ABC-Klassiker des Heavy Metal / G / GUNS’N’ROSES – Appetite For Destruction (1987)

ABC-Klassiker des Heavy Metal / G / GUNS'N'ROSES – Appetite For Destruction (1987)

Ein Album für die Ewigkeit – Appetite For Destruction ist eines der größten, fettesten, räudigsten, größenwahnsinnigsten, makellosesten Debüts der Musikgeschichte – eines, das die Messlatte für Rock’n’Roll-Bands auf die gleiche Art und Weise hochsetzte, wie es Led Zeps Debüt 1969 vorgemacht hatte. Ein Album, das wirklich alles veränderte und die Band innerhalb kürzester Zeit in beispiellose Höhen katapultierte: the most dangerous band in the world? You bet! Bis heute wird dieses Album mit Ehrfurcht betrachtet und mit Bedeutung aufgeladen, wie nur wenige andere.

Die schiere Power von Appetite For Destruction lässt sich nicht leugnen. Die Band widersetzte sich allen Widrigkeiten, mixte die Aggression des Punkrock mit hartem RnB, um ein Album zu kreieren, das bis heute unglaublich einflussreich ist. Warum dies eine der besten Bands in der Geschichte der Popmusik ist, ist jedem klar, der den Wahnsinn der GnR Karriere damals miterlebte. Und dieses Album hatte ja nun wirklich JEDER, der auf Hardrock/Metal stand. Mit Axl Rose’s manchmal sogar an die Nerven gehenden Sirenengesang, der unfassbaren Gitarrenarbeit von Slash (einer DER Gitarristen des Jahrhunderts), dessen Chemie mit Songwriter Izzy Stradlin, und mit der an Genialität auch nicht zu überbietenden Rhythmusgruppe mit dem Bass-Maniac Duff McKagan und Steven Adler, ist dies ein Album, das einen Klassiker in einer Zeit definierte, in der Hardrock langsam aber sicher zu einer Parodie seiner selbst wurde. Dies war der Sleazerock der L.A. Guns – der Vorgängerband – bis ins Extrem getrieben; dies war das ultimative Statement einer Rockband, die sich mit einem Album in die Stratosphäre schoss.

Es gibt in der Geschichte de Rockmusik wenig passendere Opener als „Welcome to the Jungle“ – und wenig Opener, die ein geileres Intro haben! Die von Slash gespielten verhallten Kadenzen und Axls leise gestammeltes „Oh my god“ deuten  auf den Wahnsinn hin, der gleich beginnen würde. Und dann, unterstützt von Steven Adlers  schwingendem Schlagzeug und düsteren Background Vocals, wird der ganze Horror ausgebreitet – eine Welt, in der jedes Laster möglich ist und mit diesen selbstredend gehandelt wird, in der Genuss und Sünde einfach zusammenfließen. Der zuckende Zusammenbruch am Ende, der zu Axls kreischendem Climax führt: “You know where you are? You’re in the jungle, baby! You’re gonna diiiieeeeeaagghh,” – ein Horrorfilm en miniatur für alle diejenigen Weicheier, die bis dato dachten, der  Rock’n’Roll Lifestyle wär nur endloser Spaß.

Die  Chroniken des wilden Lebens in Los Angeles ziehen sich durch dieses Album, in derbe Lyrics gepresst von einem rasend hyperventilierenden W. Axl Rose, während seine Band den räudigsten Punk-Sleaze-Hardrock prügelt, den man sich vorstellen kann.  Drogen, rocknroll, Sex – die heilige Dreieinigkeit des Rock and roll- Lifestyle der 70er und 80er wurde in den Texten durchexerziert und gnadenlos verhandelt.  Es war der Dschungel, Baby, und du wirst sterben….

Diese bad vibes, das böse Image waren ein Grund für den immensen Erfolg der Platte. Die Musik dazu aber war genau so bahnbrechend. Punk, Sleaze, Hardrock, sogar etwas Funk, Aerosmith, Stones – alles trug dazu bei, dieses Album unsterblich zu machen.  „Im letzten Jahr habe ich über 1.300 Dollar für Kassetten ausgegeben, alles von Slayer bis Wham!. Produktion, Gesang, Melodien“ habe er gründlich studiert, so Axl 1987 in einem Interview.  Und das Beste hatte er sich für diese Arbeit aufbewahrt. Mike Clinks ökonomische Produktion passte wie die Faust aufs Auge: rauh, aber ausgefeilt, mit Mut zum Exzess.

„Welcome to the Jungle“ folgt „It´s So Easy“– das ist eines der genialsten Doppelpacks von Songs  der Rockgeschichte. Axl singt tief, das genau so tiefe Riff fräßt sich rein, Adler treibt an –  mega.  „Nightrain“  (mit dem fehlenden „t“) – noch so ein Trademark Intro von Slash! Dann wird langsam aufgebaut, der unvergessliche Chorus erst nach der 2. Bridge – klassisch!   „Loaded like a freight train….“

So geht es immer weiter – jeder Song ein Meisterwerk, jeder Song brilliant bis ins letzte Arpeggio durchgespielt, immer an der Kante zum Wahnsinn. Als ich das Album damals mit ca. 20 Jahren zum ersten Mal ganz hörte, konnte ich diese schiere Power nicht glauben – es war einfach a touch too much. Das war nicht die pure Metalpower von Metallica, das war nicht der Dreck von Lemmy, die schiere Gewalt von Slayers Reign in Blood –  und schon gar nicht Poison, Warrant, Bonfire oder Bon Jovi – das war Guns n fuckin Roses, eine Band von der man hatte munkeln hören, die wohl in L.A. das next big thing waren – und das war das Debüt, es führte uns Fans alle in nicht für möglich gehaltene Dimensionen krasser musikalischer Brillanz mit dem Mut zum überlebensgroßen RocknRoll.

Trotz Appetites echtem Hardcore-Ansatz mit einer gehörigen Portion Dreck fand das Album den Weg zum Mainstream-Hörer – naja zumindest ein paar Sogs. Der fast balladeske Ansatz von „Sweet Child O’Mine“ war der Riesenhit des Albums – ein Liebeslied, das von Slashs fetter Melodienführung lebte (schon wieder ein Intro für die Ewigkeit!!), und Axls bittersüßen Lyrics.  Das Video dazu lief auf heavy rotation und ist ins Gedächtnis der Popwelt eingebrannt. Das Besondere an Axls Lovesongs  war immer dieses Wissen um die Flüchtigkeit der größten Emotionen – und das machte sie zu etwas Besonderem. Hier singt und schreit er schließlich in einem der größten Momente der Platte: “Where do we go? Where do we go now?” Liebe und Tragik – Jahre später bei „November Rain“  kam noch Pathos dazu – Axl Rose liebt sowas.

Der triumphalste Moment des Albums ist sicherlich „Paradise City“, eine Hymne im Fiebertraum, und Scheiß drauf: wenn du genau hier einen Synthesizer hinzufügen willst, mach es! Und es passte! Das Intro mit Slashs enigmatisch gezupften Akkorden, Axls Worte für den RocknRoll-Himmel: „take me down to the Paradise City where the grass is green and the girls are pretty“, dann das Main Riff – es fügt sich alles in einer dieser so kriminell einfachen Melodien, die für die Arenen der Welt gemacht sind: G C F C G, die Bratakkorde reingehämmert, und dann gib Gas! Was Duff dann hier durchgehend am Bass verantaltet ist nur noch zum Niederknien, völlig  irre! Und wenn nach 4:30 im Song der schnelle Teil beginnt, spätestens dann gibt’s kein Halten mehr und alle gehen ohne Ende  ab – hat man jemals vorher und nachher so etwas gehört? Axl flippt völlig aus und schreit sich die Seele aus dem Leib, Slash verliert sich in einem abgefahren Mega-Solo, Adler verdrischt seine Felle, McKagan siehe oben  – ein Hexenkessel, völlig over the top! 6:45 Minuten purer RocknRoll-Wahnsinn – und 87/88 war diese Hymne – auch dank MTV und dem ikonischen „GnR-im-Stadion-und-on-the-road-Video“ – das Nonplusultra auf jeder halbwegs anständigen Party. Schwer vorstellbar, dass heute so ein krasser Song so erfolgreich sein könnte.

„Rocket Queen“, zum Schluss: eine brillante und beunruhigende Studie, so eine Art Mini-Epos, das auf die ziemlich ausladende  Ästhetik hinweist, die Axl und seine Bandkollegen mit dem Use Your Illusion-Doppelalbum übernehmen würden.  Berühmt natürlich wegen des Orgasmus: das Stöhnen der Frau verwirbelt sich mit Slashs Gitarren und kulminiert passenderweise in einem solistisch untermalten Schrei. Axl ist der bad guy, bis er in der zweiten Hälfte des Songs erlöst wird und barmt: “All I ever wanted… was for you to know that I care,” – das sind die letzten versöhnlichen  Worte einer großen Platte;  mithin ein Ausrufezeichen, das die Band unisono setzte – so „bad“ wollte man ja gar nicht sein.

In vielen Umfragen wird Appetite als das größte oder „beste“ Hardrockalbum aller Zeiten geführt – meines Erachtens nicht zu Unrecht. Es zeigt eine (damals noch) verschworene Band, in blindem Zusammenspiel auf dem Weg zum Rocknroll-Gipfel, auf dem Weg durch den Dschungel Richtung Paradise City – wo sie jahrelang die größten der Welt waren. Ein Meilenstein, in der Retrospektive auch ein Abgesang auf die 80er Hardrock Jahre – denn 2 Jahre später war es aus mit Rocknroll und Grunge übernahm.  Nichts weniger als eines der größten Werke der Musikgeschichte!

5 Punkte von 5  sind eigentlich zu wenig…

Martin

 

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