ABC-Klassiker des Heavy Metal / C / CINDERELLA – Long Cold Winter (1988)

ABC-Klassiker des Heavy Metal / C / CINDERELLA – Long Cold Winter (1988))

Was war das ein Erweckungerlebnis, im Sommer 1988 “Gypsy Road” zum ersten Mal zu hören und das geniale in Asien aufgenommene Video auf MTV zu sehen: die neue Single des neuen 2. Albums der Band um Mastermind Tom Keifer!  Sie kamen nach dem auch schon guten Night Songs mit einem erdigeren authentischen Hardrock Sound zurück.  Der Glam-Hair-Faktor wurde fast komplett zurückgefahren – dafür gab’s  auf einmal auch pedal steel Gitarren, Pianos, Hammond-Orgeln und die nötige Portion Dreck.

Die grandiose Besetzung auf diesem Album damals: Tom Keifer (voc, g), Jeff LaBar (g), Eric Brittingham (b). Und an den Drums?  Unglaublich aber wahr und eine der Sachen, die ich im Laufe der Jahre total vergaß: Der große Cozy Powell! Er ersetzte den etatmäßigen Drummer, der für die Produktion noch nicht gut genug war, so Tom Keifer viel später im Rückblick.

Die Songs: Cinderella waren nie besser . Genau die richtige Mischung zwischen dem Wumms der 1. Platte und dem späteren sehr rootsigen Americana/Bluesrock Ansatz auf Heartbreak Hotel (eine ebenfalls großartige Platte).

Auf Long Cold Winter stimmt wirklich  alles. Der bluesige Auftakt “Bad Seamstress Blues” zeigte dem Fan sofort – hier hat sich eine Band auf einen neuen Weg begeben. Anschließend dann direkt das Mega-Doppelpack “Fallin’ Apart at the Seams” und der Übersong „Gypsy Road”.  Beide dürfen im Jahre 2019 als unvergessene Klassiker der Hair Metal”Ära gelten – obwohl sie ja gar nicht  Hair Metal sind.  Gerade Gypsy Road – diese unglaublich treibende Hymne, das unvergessliche bluesige Hardrock-Riff,  der sich tief ins Gehirn fräsende  Chorus: My gypsy road can’t take me home/ I drive all night just to see the light/ My gypsy road can’t take me home/ I keep on pushing ‚cause it feels alright – es ist  zweifellos einer der geilsten Songs die je im Rock’n’Roll geschrieben wurden – unsterblich. Gut, dass er heute noch auf so mancher Hair Metal/GlamMetal Party zur Aufführung kommt!

Aber vergessen wir nicht: “Don’t Know What You Got (Till It’s Gone)”, DIE epische Powerballade der Band! Na klar, Aerosmith konnten solche Dinger auch raushauen, aber hier kommen Tom Keifers Melodiengespür, sein Klavier, Streicher, der Mut zum Pathos, der Chorus, das Thema (wer kennt das schmerzende Gefühl nicht: you don’t know what you got till it’s gone!!), und ein zum Niederknien schönes Gitarrensolo zusammen, das mir heute noch einen Schauer über den Rücken jagt. Wer da keine feuchten Augen bekommt, dem ist nicht zu helfen.

Die 2. Seite wurde damals mit einem ernsthaften Blues eröffnet, dem title track. Zugegeben, hier haben sie ganz schön bei Led Zep abgeguckt, und Tom macht den Robert Plant.  Damals (und heute) ist das aber richtig toll anzuhören, und man merkte einfach, die Band will mehr als nur die nächste Hair Glam Sensation sein.  Die Hammond orgelt schwer, Cozy gibt stoisch den langsamen Beat vor, und Jeff gniedelt geile 12 bar blues Soli, das sich die Balken biegen.

Irgendwann kommt dann die Single “Coming Home”, eine herzergreifende Country-HardRock-Ballade, mit einer weiteren unglaublichen Melodie; der Text könnte in seiner On the road Melancholie vom mittleren Springsteen sein: I took a walk down a road it’s the road I was meant to stay/ I see the fire in your eyes but a man’s gotta make his way/ So are you tough enough for my love/ Just close your eyes to the heaven above/ I’m comin home – herrlich! Die Gitarrenmelodien im Mittelteil sind pure Gänsehaut.

“Fire and Ice” dann noch ein klasse  heavy Song, ein bisschen wie auf dem 1. Album – und dann der wunderbare album closer:  “Take Me Back”, Cozy mit Cowbelleinsatz, die Slide jubelt rein, und es entfaltet sich ein weiterer toller Roadsong, der die Zeit überdauert.

Long Cold Winter war der Höhepunkt im Schaffen der Band, die sich leider viel zu früh trennen musste. Alle Cinderella-Alben sind großartig, aber dieses hier toppte alles. 1988 war ihr Jahr.

5/5

Martin