PAUL MCCARTNEY / Egypt Station (Universal)

PAUL MCCARTNEY / Egypt Station (Universal)

Im Sommer gab es dieses Video das viral steil ging. Paul bei Carpool Karaoke. Millionen Menschen sahen wie er die alten Stätten besucht (Penny Lane!), wie er nahbar mit Fans plaudert, die Wohnung seiner Kindheit besucht, im Auto Lieder mitsingt, und am Ende einen unfassbaren Überraschungsgig in einem Liverpooler Pub spielt. Und jeder, der nicht mindestens eine Gänsehaut, wenn nicht gar Tränen der Rührung vergießt bei diesem Trip durch die Zeit hat ein Herz aus Stein. Die Reaktionen der Gäste im Pub als auf einmal ein Vorhang aufgeht und Paul mit Band dort steht – unglaubliche Bilder.  Dann spielt er dort DIE Songs die JEDER auf der Welt kennt, und du wünschst dir nur das möge niemals aufhören.
Jedoch: selbst einer wie er  kann die Zeit kann auch nicht aufhalten.  Die 75 sind überschritten, das ist unfassbar wenn man ihn sich live on stage anschaut, und nun dieses Album hört. Macca ist keiner von denen, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen. Weiterhin kreativ zu sein, dem Alter ein Schnippchen schlagen, einfach immer weitermachen, auf der Bühne, im Studio: das ist sein Mantra.  In den fünf Jahren seit seit seinem letzten Album, „New“, arbeitete er an einem Videospiel-Projekt und arbeitete u.a. mit Kanye West und Rihanna an einigen Songs. Nun also liefert er mit Egypt Station sein seit Jahren abwechslungsreichstes und zupackendstes Album ab.

Egypt Station ist eine Wundertüte, die wie eine musikalische Reise gestaltet ist – angefangen mit den Bahnhofsgeräuschen der  „Opening Station“, bevor es zu „I Do Not Know“ geht, der schwermütigen Single, die wie viele andere Songs so leicht und einfach wirken, die aber nur ein McCartney genauso so schreiben kann – du merkst sofort wer hier am Werke ist.  Auf dem uncharakteristisch delikaten  „Fuh You“ (der Text lautet: „I just want it fuh you“, aber gesungen klingt das GANZ anders), hat Paul wohl mehr im Sinn als zu kuscheln. „You make me wanna go out and steal,“ singt er, bevor er dann zum Punkt kommt. Alles klar. „Come To Me“ ist von der gleichen Sorte, und es passt und ist völlig unpeinlich.
Die Reise geht weiter, und es gibt jede Menge Wendungen und Überraschungen. Z. B.  „Hunt You Down / Naked / CLink“: ein irres ideenüberladenes 6-Min.-Medley, mit harten Gitarren, nostalgischem Einschub, und schließlich einem völlig unerwarteten Bluesgitarren-Ende.
Na klar, Pauls Stimme knarzt hier und da, und er hat ab und an einige Schwierigkeiten, die Noten zu halten, aber sein Songwriting ist immer noch weit vorne. Er ist immer noch einer der größten der Welt, wenn es um Vers/Chorus-Abwechslung geht, und einige der Songs hier sind seine melodisch stärksten seit Jahren. Er erinnert sich an seinen Drogenkonsum („Happy With You“), seine Freundschaften („Confidante“) und seinen Lebensplan („Dominoes“), alles kleine melodische Kunstwerke, die er seiner beeindruckenden Sammlung von Klassikern hinzufügt.  „People Want Peace“ ist simpel gestrickt, einfach Give Peace A Chance re-visited, aber warum nicht  – wer außer Sir Paul darf denn sowas? Und er kann rocken – bei wirklich für seine Verhältnisse harten Nummern  wie „Who Cares“ und dem funkrockigen „Caesar Rock“ gibt’s ordentlich auf die Mütze.
Egypt Station endet wieder im Bahnhof. Die Reise ist beendet. 47 Jahre nach „Ram“ gibt es also ein Album, welches ähnlichen Esprit und Ideenreichtum und Mut verkörpert.  McCartney ist eine  Legende, die die populäre Musik des 20. Jahrhunderts mit erfunden hat, und die als Künstler immer noch noch etwas zu sagen hat. Er gibt noch nicht auf. Und das ist auch gut so.

Martin

5/5

 

Advertisements