JONATHAN WILSON / Rare Birds (Bella Union PIAS)

JONATHAN WILSON / Rare Birds (Bella Union PIAS)

Jonathan Wilson? Multitalent, musician’s musician, Singer/Songwriter, Edel-Gitarrist, gefragter Produzent (z.B. Father John Misty, Roy Harper), auf Tour mit und auf Platte bei Roger Waters – man könnte Seiten füllen mit seiner Vita. Sein neues Album nach dem Großwerk „Fanfare“ (2013) hält all diesen aus seinem Werk abgeleiteten Versprechen stand. Nicht mehr ganz so old school Laurel Canyon mäßig ist er Rare Birds angegangen, es gibt viel modernere Sounds  – anscheinend haben The War On Drugs hier einen neuen Standard etabliert; und so darf Meister Adam Granduciel hier auch als klasse Referenz dienen, was Produktion und Arrangements angeht. Rare Birds ist ein Album im klassischen Sinne – die Summe aller Songs ergibt mehr als die einzelnen Teile. Man sollte es in einem durchhören, damit es maximale Wirkung entfaltet.

Los geht’s mit sphärischen Intro-Tönen  (Roger Waters wo bist du?) – aber “Trafalgar Square” wächst schnell zu einem  70er Boogierock Schunkler heran, wie er eigentlich gar nicht mehr gespielt wird.  Wilsons Arbeit mit  Waters ist hier und da doch präsent, man höre mal “Me” mit  diesen Dark Side Of The Moon vocals, welches mit einem Fusionjazz-Saxofon am Ende herrlich zerfranst. „Over The Midnight“ kommt wie astreiner 80er Radio-Poprock daher, transformiert in über 8 Minuten in das Jahr 2018. „There’s a light“ danach ist einfach nur wunderschön, eine krass memorable Westcoastpop-Melodie zum Niederknien: wer macht sowas heute noch?  Und so geht es munter weiter: eine Charakterstudie à la alte  Kinks mit einem Schuss Sgt. Peppers (“Miriam Montague”), eine Hippie-Hommage mit Father John Misty als Gast („49 Hairflips“), eine Piano-Ballade („Sunset Blvd“), die mit Streichern und Chören ausklingt, „Living With Myself“ mit Lana Del Ray, und der Titelsong geht erstmal los mit einer Minute Neil-Young-Gitarre, bevor klassisches Storytelling einsetzt.

Alle Songs wunderbar gelungen, oft ausufernd, im Schnitt 6 Minuten,  alles auf diesem Album ist auf epische Wirkung angelegt; es gibt unzählige  Feinheiten zu entdecken, es überwältigt den Hörer in mehrfacher Hinsicht. Die glorreiche Vergangenheit und die ungewisse Zukunft der Rockmusik verbindet derzeit keiner so wie Wilson.  So also kann Rockmusik 2018 klingen. Meisterwerk.

 

5/5 P.

Martin