KREIDLER / European Song (Bureau B)

KREIDLER / European Song (Bureau B)

KREIDLER nahmen gerade ein Album in Mexico-City auf – es war fast fertig – als sie von der Nachricht der Trump-Wahl getroffen wurden. Getrieben vom Gefühl einer neuen Notwendigkeit, sich dem Protest der Künstler, Intellektuellen und Bürgernanzuschließen, die damals spontan gegen die neue Ordnung protestierten, ließen sie alles stehen und liegen, um sich auf eine neue, intensivere Arbeit zu konzentrieren. Mit einer ausgeprägteren rhythmischen Heransgehensweise, nd mit einem mentalen Überbau, der das neue Werk „European Song“  prägen sollte. 

Mit diesem Elan machten sie sich an die Studio-Live-Sessions von European Song in einem Hildener Studio. Iinnerhalb einer Woche wurde so ein komplett neues Album eingespielt, unter dem Druck der Ereignisse – der Mastering-Termin musste ja auch eingehalten werden. Die Band war nach einer kurzen Tour gut eingespielt und nutzte die Zeit. Die Songs wurden in spontanen Improvisationen live aufgenommen. Es gibt kaum Overdubs , aber viel Prägnanz, Druck, Dringlichkeit.  Die Aufnahmen vereinigen die Geschmeidigkeit und die kühle elektronische Arroganz des Düsseldorfer Quartetts mit einem organischen Live-Ansatz, der stets im Hintergrund lauert.  Dafür steht vor allem auch Thomas Klein an den Drums, der z.B. in „Kannibal“ einen tollen NEU!-Beat spielt.  Die Stücke von Kreidler wurden auch früher oftmals als dystopisch bezeichnet; bei  diesem Spätwerk der Band – im 23. Jahr ihres Bestehens – passt genau diese Bezeichnung. Denn nur kraft ihrer instrumentalen Musik, ohne Vocals, schaffen sie es, eine Atmosphäre der Klaustrophobie und Verweigerung zu erschaffen. Repetition und leichte Modulationen gehören seit jeher zum KREIDLER-Sound und ergeben ein nahezu perfektes Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Dabei sind sie nicht The Clash oder Springsteen – keine Worte weisen den Weg, sie müssen sich auf die Magie ihrer Musik verlassen, müssen die notwendigen Erklärungen halt verbal mitliefern. Klassische Elektronik – Kraftwerk lassen stets grüßen – sowie oft die Rhythmik und Herangehensweise des Krautrocks, klar: aber Eigenständigkeit wird trotz dieser Einflüsse immer großgeschrieben bei KREIDLER.  Diese Platte fasziniert auch ohne den Überbau  – aber mit ihm regt sie zum Nachdenken an.

VÖ: 07.04.17

3,5/5

Martin

 

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