FAMILY 5 / Ulan Bator’s calling / Neues Album + Tour / Interview mit Xaõ Seffcheque

FAMILY 5 / Ulan Bator's calling / Neues Album + Tour / Interview mit Xaõ Seffcheque

FAMILY 5: Eine der einflussreichsten deutschen Bands – so stand es kürzlich in der Spex – da muss ja was dran sein. Wer in den 80ern en offenes Ohr hatte, stolperte irgendwann über die rheinischen Soul-Punk/Wave-Pioniere um Xaõ Seffcheque und Peter Hein (Fehlfarben). Mit hohem Kultstatus bei Fans ausgestattet, gelang ihnen so manches tolle Album. Und sie machten sporadisch immer weiter – bis 2004, als das letzte Album erschien. Das war’s dann, dachten alle. Und nun  – völlig überraschend aus dem Nichts – ein vitales Lebenszeichen der Band: ein grandioses neues Album namens „Was zählt“ samt Tour. Grund genug, sich mit Xaõ zu unterhalten, dachte sich unser Autor Martin Hannig – und meldete sich zum Kaffee bei ihm …. Bild: (c) Ekki Maas

entertaim.net: Ich hab euer neues Video zu „Wenn“  gesehen, da sitzt du so entspannt im Stuhl und klimperst auf einer Akustischen rum. Passt ja gar nicht zum Song.

Xaõ: Ich hatte zuerst auf der Elektrischen gespielt, die ich auch in dem Song spielte. Aber das kam dann zu statisch rüber. Und da Janie (Peter Hein) auch nur so einen Satz in die Kamera spricht, hab ich mir gedacht: machste halt irgendwas andres.

entertaim.net: Woher stammt das ganze Archivmaterial aus den 80ern? Da sind ja supergeile Bilder bei.

Xaõ: Das ist alles von mir! Die Filme sind von der Italientour 1984. Das war damals eine TV-Aufzeichnung, die hatte ich noch als VHS-Kopie. Die Fotos aus den ganz alten Zeiten sind alle aus meinem Privatarchiv.

entertaim.net: Teilweise sind das ja Sachen aus der Ratinger Hof-Zeit. Da gibt es ja auch eine Facebookgruppe zu, in der diese Fotos hochgeladen werden. Dass diese ganzen Fotos von den Protagonisten so lange aufbewahrt wurden ist ja ein Wunder….

Xaõ: Ja ich denke man ahnte schon damals dass das eine besondere Zeit war. Es wurde dann aber lange vergessen. Erst nach dem „Verschwende deine Jugend“ -Buch wurde klar, dass das alles zusammengehört, 25 Jahre danach! Alles zwischen Dorau, Plan, KFC und Slime gehörte auf einmal dazu.

entertaim.net: Von „Wege zum Ruhm“ zu „Was zählt“. Wir hatten uns vor ein paar Jahren schon mal getroffen und da gab es auch schon Ideen mal wieder was mit F5 zu machen. Kannst du mal erzählen was in der Zwischenzeit passiert ist?

Xaõ: Also nach der „Wege zum Ruhm“ hatten wir noch eine Tour gespielt. Danach hatten wir noch ein paar einzelne Gigs gemacht, aber das wurde dann immer weniger. Das letzte mal richtig groß aufgetreten sind wir dann 2012 in der Kunsthalle Düsseldorf, an dem selben Abend an dem Lena den ESC gewonnen hat. Wir dachten da kommt dann eh kein Mensch, aber das war dann echt gut. Dann kam im Herbst noch der Sampler raus, „Hunde wollt ihr ewig leben“, sowas wie die definitive Werkschau, 36 Songs, Doppel-CD mit dickem Booklet. Danach war das Thema für mich eigentlich erledigt. 2014 habe ich dann zusammen mit dem André in dessem Proberaum und dem Ferdi nochmal aus Spaß 4 Songs aufgenommen. Das klang echt gut. Aber André hatte keine Zeit und Lust,  mehr daraus zu machen. Letzten August besuchte mich Peter Hein dann in Italien. Dann kam auf einmal dort ein Anruf von Tapete, ob wir nicht Lust hätten wieder was  zu machen. Die fanden das richtig geil und hatten Bock was zu machen mit uns. Der Janie saß neben mir und ich frag ihn „Hast du Texte?“ und er: „Nee“ – er fragt mich „Hast du Songs?“ und ich „nee“ (lacht). Daraufhin haben wir zugesagt! Das war ja die beste Voraussetzung. Wie damals zu Beginn: Wir hatten ja auch nix, hatten eine Single gemacht, das war ja ein Witz, und haben dann direkt das erste Konzert zugesagt, damals in der Alabamahalle, 2000 Leute, tolle Gage, wollt ihr spielen?-  klar. Wir hatten nix: keine Band, keine Songs, gar nix. So haben wir es diesmal auch gemacht. Tapete hat uns aber auch totale Freiheit gelassen und uns auch finanziell unterstützt. Wir haben auch die Option auf ein späteres 2. Album bei Tapete. Im November haben wir dann angefangen zu proben, hatten auch schon ein paar Songs.  Wir probten dann mit einem neuen Drummer aus Düsseldorf, der hatte aber am Ende auch keine Zeit. Unser Trompeter kam dann mit einem neuen Drummer, Simon Heinen, das war der Schüler von dem anderen Drummer. Der war super. Zu dem Zeitpunkt hatten die anderen auch ein paar Songs geschrieben, so dass wir plötzlich so 18 19 Songs am Start hatten. 17 davon aufgenommen, 16 fertig produziert. 13 sind auf dem Album, die anderen sind für spezielle Sachen, z.B. ein Song für ein Tribute Album für Die Sterne, und eine Coverversion von Procol Harum, „Homburg“. Und ein Song der platzmäßig nicht mehr aufs Album passte, der Text ist aber im Booklet drin. Es sollte ja Vinyllänge haben und wir waren schon bei 46 Minuten. Das ist schon Obergrenze für Vinyl.

entertaim.net: Naja es gibt auch längere Alben auf Vinyl….

Xaõ: Aber dann leidet die Qualität! Die Rillen fangen echt zu Kreischen an.

entertaim.net: War es von Anfang an klar dass ihr auch Vinyl rausbringt?

Xaõ: Das war Vertragsbedingung. Vinyl, CD, digital. Digital aber erst 3 Monate nach Veröffentlichung.

entertaim.net: Es gibt ja grad so einen kleinen Vinyl-Aufschwung….

Xaõ: Und die CD ist ja eh bei Vinyl auch dabei. Und ein Poster, und ein nummerierter Cover-Andruck, alles was der Sammler so braucht. Wir besprechen grade das T-Shirt-Motiv; im September geht die Tour ja los.

entertaim.net: Erster Gig im Luxor in Köln…

Xaõ: das erste Mal Start in Köln, bisher ging es immer in Düsseldorf los! Düsseldorf ist diesmal gar nicht dabei, es gab da keinen passenden Termin  und kein gutes lukratives Angebot für uns. Naja wir werden schon nochmal in Düsseldorf spielen, wahrscheinlich dann 2017. Ist ja auch nicht einfach wir müssen ja immer alle Zeit haben für die Gigs. Ich bin schon froh, dass wir soviel proben können.

entertaim.net: …und im Luxor muss dann alles stimmen!

Xaõ: Ja, aber ich denke wir werden noch eine öffentliche Probe machen, nicht angekündigt. Aber ich mach mir keine Sorgen, wir kennen unser Zeug.

entertaim.net: Wie war die Zusammenarbeit mit Ekki Maas?

Xaõ: Die Produktion war enorm. Interessanterweise werden unsere besten Produktionen immer in Köln gemacht. Ich fand die bisher beste vom Sound her die „Terroridee“, die wurde bei der EMI produziert.

entertaim.net: Woher kanntest du Ekki?

Xaõ: Ich kannte eigentlich auch nur Erdmöbel und wusste dass er das macht. Die haben ja so einen gewissen Kultstatus. Das war ein Vorschlag von Tapete, die hatten ihn auf dem Schirm. Dann bin ich da mal zu seinem Studio am Eigelstein hingegangen. Wir waren uns dann sofort sympathisch. Ich merkte er hat einen Plan. Da hingen so hundert Gitarren an den Wänden. Da stand ein Wurlitzer-Piano und ein richtiges Klavier, eine Sitar,  eine Mandoline… Es war nicht so eine Soundklinik. Es war so wie im Proberaum oder zu Hause aber mit der Technik des Studios. Ich hab sofort gesagt, hier nehmen wir auf. Da muss man sich auch vom Instinkt leiten lassen.

entertaim.net: Du bist ja auch kein Neuling in dem Geschäft…

Xaõ: Aber beim Studio kann man schon mal ins Klo greifen. Wenn du merkst dass an dem Sound was nicht stimmt… deswegen ist die Platte nicht schlecht, aber es fehlt dann was. Die „Wege zum Ruhm“ z.B. war nicht schlecht, die litt aber für mich unter der fehlenden Homogenität des Klangs. Ich wollte dieses mal auch einige andere Songs machen, die man von uns nicht kennt. Die traditionelleren Family 5 Songs, die man von uns kennt, hat Markus Türk geschrieben, was super gepasst hat.

entertaim.net: Bisher hattest du ja immer die Songs geschrieben….

Xaõ: Naja wir hatten einfach nicht genügend Songs. Ich hatte 9 fertig, 6 sind aufs Album gekommen. Die anderen sind von unserem Trompeter, plus das Heroes-Cover.

entertaim.net: Also durchaus ein neuer Ansatz, weil du andere mit ins Boot geholt hast….

Xaõ: Das gabs früher schon mal vereinzelt – aber diesmal hatten wir echt nicht genügend Songs und Texte, das musste also so sein. Diesmal hat der Markus Türk klassischere Family 5 Songs geschrieben als ich! So richtig voll Family 5 hab ich diesmal nur einen geschrieben. Mir fiel auch nix mehr in der Richtung ein. Ich hatte diesmal eine andere Art von  Songs geschrieben, die ja auch gut sind. Durch das Instrumentarium und das Bläserarrangement klingt das Album aber trotzdem homogen. So konnte ich aber auch mal was ausprobieren – bei einem Song hab ich Bratsche und Harfe gespielt, oder bei einem anderen Sitar. Oder es gibt mal eine Bassklarinette im Arrangement oder ein Wurlitzer E-Piano – hat der Wolfgang von Erdmöbel eingespielt. Aber natürlich ist es super dass wieder richtige Family 5 Songs dabei sind, wir wollen die Leute ja nicht vergrätzen. Ich hab jetzt mal wieder alle unseren alten Songs komplett durchgehört, weil der neue Drummer sie einstudieren muss. Ich weiß nicht ob ich heute noch sowas wie „Du wärst so gern dabei“ zu schreiben – diese Unbefangenheit  habe ich nicht mehr.

entertaim.net: Thema Heroes-Cover. Da dachte ich spontan: muss das denn auch noch sein? Gibt’s doch schon so viele Cover von.

Xaõ: Naja wir haben ja traditionell immer ein oder 2 Cover auf den Alben. In diesem Fall wollte Janie es unbedingt machen – obwohl er eigentlich zu Bowie ein sehr ambivalentes Verhältnis hat. Wir hatten früher schon mal Bowie Songs eingeprobt, z.B. Rebel Rebel. Und es passte dann, weil es auf deutsch ist. Wir hatten ja auch „Homburg“ eingespielt, aber das passte dann irgendwie nicht aufs Album, vom Sound her, auch weil es auf englisch ist. Wir haben Helden dann relativ nah am Original aufgenommen. Nur am Ende fällt das Stück dann so Tomorrow Never Knows – mäßig in seine Bestandteile auseinander, was ja sehr geil ist.

entertaim.net: Was sagst du zu der Einschätzung von SPEX, nach der ihr eine der wichtigsten deutschen Bands überhaupt seid?

Xaõ: Also den Schreiber von SPEX, der das schrieb, den kenne ich persönlich gar nicht. Er scheint uns ja zu vergöttern. Sowas liest man nicht jeden Tag. Das ist ja nicht irgendein lokales Stadtmagazin, sondern sowas wie das Leitmedium des Independent Sounds. Bringt dann eventuell auch ein paar Leute dazu mal nachzuforschen: Family 5, was ist das? Muss ich mal was hören. Ist echt interessant, und ich merke es auch bei anderen, es gibt da so ein posthumes Interesse.

entertaim.net: It das auch sowas wie späte Genugtuung? Es gab ja keine deutsche Band mit so einem Sound , das war durchaus stilprägend….

Xaõ: Ich war früher, als es noch wichtig war, immer überzeugt von uns – aber ich war oft allein überzeigt. Wenn nun andere überzeugt sind frag ich mich: sitz ich nun dem eigenen Mythos auf? Wird das jetzt so oft wiederholt bis ich es selber glaube? Schwierig das selbst zu beurteilen. Im Fußball heißt es ja auch: sollen andere meine Leistung beurteilen. Aber richtig ist: das hat zu dem Zeitpunkt niemand gemacht. Danach haben es einige versucht, z.B. Superpunk, die nicht schlecht waren. und es gibt ja auch ein Tote Hosen Album mit Bläsersätzen. Farin Urlaub hat mir mal gesagt, dass wir ihn schon geprägt hätten. Er wollte gerne so klingen wie wir. Genau wie bei uns: wir wollten ja auch klingen wie The Jam mit Bläsersätzen.

entertaim.net: Bläser im Punk war ja damals nicht so angesagt…

Xaõ: Ich war immer davon überzeugt. Ich hatte ja schon bei meinen allerersten Soloplatten mit Bläsersätzen gearbeitet. Die ganzen alten Solo-Sachen werden übrigens alle nun wiederveröffentlicht, in Schweden, und hier bei Tapete. In Schweden gibt es so Discoversionen auf Vinyl. Tapete macht so ein Best of Seffcheque.

entertaim.net: Auf der Bühne kommt eure wahre Stärke zum Vorschein, sagen einige Fans der ersten Stunde. Wie siehst du das? Bühne oder Studio?

Xaõ: Auf der Bühne ist wie ein Fußballspiel. Du gewinnst ein Spiel drei null, alle sagen super Spiel, aber nur du weißt was es für eine Arbeit war so zu gewinnen. So ähnlich auf der Bühne: du kämpfst oft mit em Sound, mit den Verhältnissen, mit den Arrangements, sind jetzt alle präsent, verspielt sich einer, die Scheiß-Gitarre krieg ich heute nicht gestimmt, … aber es gibt so Momente, oft in der Zugabe, wo du vergisst, dass du live spielst, sondern denkst du bist im Proberaum. Und gehst einfach ab. Für die Fans ist es immer spannend, für uns auch, aber nicht für alle in der Band gleichermaßen immer unterhaltsam. Um gemeinsam richtig Spaß zu haben musst du ganz sicher sein, das bist du eigentlich erst nach ein paar Konzerten. Ich weiß noch 1988 auf der Tour – von der es das Livealbum gab – da dauerte das Set, das wir am Tourstart in 60 Minuten spielten, am Tourende in Düsseldorf nur noch 40 Minuten. Das konnten wir dann so runterspielen, ohne groß nachzudenken, wir waren so dermaßen eingespielt. Aber grundsätzlich spielen wir alle sehr gerne live. Im Studio kannst du natürlich viele Sachen ausprobieren. Kannst du live teilweise auch, aber eigentlich spielst du es dann doch so wie du es geprobt hast. Live ist also eigentlich immer das konservativere, eine spaßmachende Reproduktion. Das Innovative passiert inzwischen im Studio. Übrigens wir spielen nächstes Jahr eine Tour für das Goethe-Institut!

entertaim.net:  Nein! Klassiker! Das ist die endgültige Musealisierung der Family 5….

Xaõ (lacht): Ja genau. Das geht dann nach Minsk, und nach Ulan Bator, das ist ja richtig geil. Ich glaube, dass wir für Ulan Bator mindestens so exotisch sind wie Ulan Bator für uns! Freu ich mich drauf. Ist ja für uns im Herbst der Karriere auch ein großer Spaß sowas zu machen. Vor allem nachdem wir schon vor Jahren dachten dass wars mit F5…