HEIMSPIEL 2016: Afjespeck und aggressiv / ZELTINGER BAND / Interview mit Jürgen Zeltinger

Zeltinger bei entertaim.net

Anlässlich des „Heimspiel 2016“ genannten Gigs im heimatlichen Underground gestattete uns De Plaat eine Audienz im Backstagebereich des Kölner Rockschuppens. Eine Stunde bevor die Zeltinger Band druckvoll und phonstark ihre genuine Mixtur aus hartem Rock’n’Roll und Punk, welche die Fans euphorisch bejubelten  – garniert mit den völlig einmaligen Ansagen des Chefs Jürgen Zeltinger („seid ihr beide schwul oder was?“). Am Ende hinterließ er ein glückliches Publikum, das alte Klassiker und ein paar neuere Songs lautstark abfeierte.

Am Ende des Sets wurde man Zeuge eines gerührten Jürgen Zeltinger – sowas gab es auch noch nicht.  Er bedankte sich warmherzig und mit ehrlichen Worten bei seinen Fans, die ihn  nach noch nicht ganz überstandener Herz-Krankheit auf Händen trugen (metaphorisch gemeint). Er hätte vor Kurzem nicht gedacht, so Jürgen, dass er heute abend auf der Bühne stehen könne. Noch liegt eine nicht ungefährliche Herz-OP vor ihm – und der Applaus und die Zuneigung seiner Fans werden ihm die Zeit im Krankenhaus hoffentlich erleichtern. Diese Krankheit war aber nicht Thema bei unserem Gespräch mit Jürgen und seinem Gitarristen Dennis Kleimann (im Bild ganz rechts) kurz vor der Show.

Interview von Martin Hannig / Bild mit freundlicher Genehmigung der Zeltinger Band

entertaim.net: Jürgen, heute ausverkauft hier im Underground, der Biergarten ist voller erwartungsfroher Fans. Hast du das erwartet heute abend?

Jürgen: Ja sicher hab ich das. Das war ja beim letzten Konzert hier auch voll. Dass es ausverkauft ist, ist ne schöne Sache nebenbei. Ich hab grad erfahren, dass viele Leute extra aus dem Ruhrgebiet gekommen sind und nicht mehr reinkamen hier, weil die Kasse zu ist – das ist natürlich scheiße und tut mir echt leid.

entertaim.net: Da stellt sich ja gleich die Frage nach einer größeren Location, wenn hier ausverkauft ist…

Jürgen: Dat weeßte ja vorher nit. Größere Location würde ja heißen: Live Music Hall. Aber da weißte nit, ob et voll jenuch weed. Und dat sind ja da ganz andre Preise. Bisher war dat Underground super. Dat wir nun immer mehr Zulauf bekommen merk ich ja auch, zB. Im Internet , bei facebook und so. Da muss man sich echt mal überlegen wo man noch hin kann! Du hast in Köln echt ein Problem wenn du sowas suchst, so ein Zwischending zwischen dem Underground, wo 500 reinpassen, und der LMH, wo 1500 bis 2000 reinpassen.

entertaim.net: Essigfabrik?

Jürgen: Da haben wir vor Jahren mal jespeelt, dat wor ok. Da passen glaub ich auch so 500 rein… Da könn wir auch hier spille.

entertaim.net: Aber man will ja auch nicht meckern, sondern sich freuen, dass so‘n Zulauf herrscht.

Jürgen: Ja dat ist okay!

entertaim.net: Du spielst ja sehr viel im Umland Kölns, und relativ selten hier in Köln. Gibt es im Umland mehr Fans?

Jürgen:  Also dat is irgendwie schwierig. Du spielst hier, und es ist ausverkauft. Aaachen z.B. ist auch immer rappelvoll.  Fährste 10 km wigger weg kommen 50 Mann. Da blickste echt nit durch! Es mag teilweise auch am Veranstalter liegen, dass der zu wenig Werbung macht. Das kriegen wir ja dann oft mit auf Facebook, dass die Leute gar nicht wussten, dass wir spielen. In Oberhausen vor 2 Wochen war auch eher mau – und dann hören wir hinterher, dass die Leute sich beschweren und es gar nicht bekannt war dass wir spielen. Und dann spiele ich ja auch einige Solo-Konzerte nur mit dem Dennis .

entertaim.net: Genau, das Album „Afjespeck“ kam ja dann raus mit diesen Unplugged-Sachen und den ruhigeren Songs. Wie kamt ihr beide auf die Idee das zu machen? Ist ja doch total anders als die Bandplatten….

Jürgen: Da muss ich weiter ausholen. Als Dennis damals eher zufällig zu uns stieß, weil unser Gitarrist verstarb…

entertaim.net:..der Alex Parche…

Jürgen: … jenau, da wollt ich unbedingt nen jungen Gitarristen haben. Wir haben uns jesaat „alt simmer all“ – frisches Blut tut uns bestimmt gut. Dennis kannte ich schon eine Weile, weil er mal bei einem Soloauftritt im Vorprogramm spielte.  Und dann stellte sich im Verlauf der Proben im Studio heraus, dass wir die gleichen Vorlieben hatten. Auf der einen Seite aggressiven Rock, auf der anderen Seite aber auch sentimentale, ruhigere Songs. Wir hatten uns gesucht und gefunden. Wir hatten auch die gleichen Einstellungen und insgesamt waren wir auf der gleichen Wellenlänge. So kamen wir dann auf die Idee nochmal ein Soloprojekt zu starten. Erstmal nur Soloauftritte. Endlich hatte ich dafür nen Gitarristen, der meine musikalischen Interessen auch vertrat. Damit bin ich ja auch aufgewachsen. Ich bin ja eher gezwungenermaßen in den Rock gekommen. Dat sollte ja nur ne Session sein damals mit „Müngersdorfer Stadion“, daraus wurde dann aber ein Hit, und deshalb bin ich im Rock geblieben. Obwohl ich damals liebe James Taylor und Crosby Stills & Nash hörte.

entertaim.net: Dat hört man ja dann auch auf der Platte! Und wie du da singst – da hört man erstmal, dass du richtig toll singen kannst….

Jürgen: Naja ist ja schön dass du dat sagst – aber ich wusste das immer, ich hab ja früher auch im Chor gesungen, und war auf der Rheinischen Musikschule … Ein guter Rocksänger singt auch automatisch solche Lieder gut,  weil er kann ganz einfach singen! Auch wenn er ab und zu schreit – singen kann er.

entertaim.net: ….und auf solchen Platten wie Afjespeck hört man es dann auch besser. Wer kam eigentlich mit dem BAP-Song „Paar Daach früher“ an? Ist für mich der schönste Song auf der Platte.

Jürgen: Dennis hat mich auf BAP gebracht. Er spielte da beim Proben immer so nebenher BAP Songs, er ist ja auch so‘n kleiner Major-Fan.  Auf einmal fiel mir diese schöne Melodie auf und ich fragte ihn „was ist dat denn?“ „Das ist Paar Daach fröher von BAP“… ich sag: „ein absolut super Song“. Und dann hatte der Wolfgang (Niedecken ) den Schlaganfall bekommen und  da wurde ich vom Fernsehen gefragt, ob ich da ein Statement zu bringen könnte. Und da haben wir beide gesagt: lass uns jetzt „Paar Daach fröher“ singen. Das haben wir dann das erste Mal live im Fernsehen gespielt. Und da waren alle total überrascht, wie gut das klang. Und dann haben wir uns gesagt: warum machen wir das nicht richtig als Programm? Damit können wir doch auftreten.  So ist das alles ins Rollen gekommen.  Und in dem Programm singen wir nur Sachen auf die wir auch richtig stehen. Da kommen dann auch so Sachen zustande wie „Über 7 Brücken musst du gehen“ oder n paar Bläck Fööss Leeder.

entertaim.net: Das Projekt heißt ja auch ZELTINGER/KLEIMANN, und nicht Zeltinger.

Jürgen: Ja, bewusst. Damit die Leute merken, „aha dat ist nicht nur der Zeltinger“.  Früher hatte ich beim Soloprogramm Leute da, die wollten eigentlich die Band sehen. Das ist jetzt klar getrennt.

entertaim.net: Das Album erschien ja dann erstmals auf dem Dabbeljuh-Label. Das fand ich ein bisschen merkwürdig, denn die kenn ich nur als Label von Karnevalsbands…

Jürgen: Ich kenn den Wolfgang (Löhr, Labelchef) ja schon Jahrzehnte. Es ist ja schwer mit so nem ganz neuen Projekt an Majorlabels ranzukommen.. Ich bin ja außerdem auch keine 20 mehr, verstehste?

Dennis: Der Wolfgang kennt ja auch Gott und die Welt. Der war genau richtig für uns in dem Augenblick, für so ein Duo, das die Leute das erstmal kennenlernen sollen.

entertaim.net: Und so konnte er ja auch neue Hörerkreise für euch erschließen, nicht nur die alten Zeltingerfans.

Dennis: Genau!

Jürgen: Und der Erfolg hat ihm und uns Recht gegeben. Das läuft gut, das Ding.

entertaim.net: Könntet ihr nicht davon was in eurem Rock-Set reinbringen?

Jürgen: Nee, das sind 2 grundverschiedene Paar Schuhe! Das einzige was wir mit der Band machen: so ne kleine Verschnaufpause und dann spielen wir sowas wie „Mir weede alt“ von meiner damaligen Solo-Plaat

entertaim.net:  Du hattest mir ja damals mal angedeutet, dass die Leute deine erste Solo Platte, die Wolfgang  Niedecken mit dir machte,  gar nicht einordnen konnten. Ich finde die immer noch super, viel besser als so manches Band Album was danach kam.

Jürgen: Das ist heute noch meine Lieblingsplatte. Damals konnten die Zeltinger-Fans und die BAP-Fans das gegenseitig gar nicht akzeptieren, das der Wolfgang da mitmachte. Die mochten ja auch die jeweils andere Band nicht. Das waren hier die Asis und da die Müslis.

entertaim.net: Apropos Wolfgang. Er macht ja auch noch regelmäßig neue BAP-Alben, ist weiterhin kreativ, und die Leute respektieren ihn deswegen sehr. Wie sieht es bei dir aus?

Jürgen: Der Wolfgang määt immer wigger. Und wir auch – selbstverständlich! Wir sind jetzt erstmal mit der Zeltinger Band dran. Wir haben gerade die neue Platte fertiggemacht. Heute drehen wir dazu ein Video, deswegen ist ein Kamerateam gleich dabei. Die Platte wird mit Sicherheit im September herauskommen, auch auf Dabbeljuh. Erst dachten wir, das klappt im Mai zu meinem 67. Geburtstag. Aber da sind doch noch so viele Sachenzu machen, das Mastering, und so Kleinigkeiten wie das Cover aussieht und so weiter. Dann verschieben wir das lieber in den September, denn in den Sommerferien ist eh nix los. Das ist dann aber wieder richtig Zeltinger Band, so aggressive Dreckscheiße (lacht).

entertaim.net: Das letzte Studio Album war ja schon mal richtig gut. „Deine Ex“ z.B. – ein geiler Song. Spielt ihr den heute ?

Jürgen: Im Moment nit. Wir wechseln das zwischendurch häufiger.

Dennis: Aber „Unvermittelbar“ spielen wir von der Platte.  Und mit „Frittebuud“ fangen wir an.

entertaim.net: Auch was von dem ganz neuen Album?

Dennis: Nee noch nicht. Das heben wir uns auf.

Jürgen: Wir wollen dann im September zur Veröffentlichung die neue Platte in irgendeinem Club hier  in Köln präsentieren. Und dann spielen wir die ganz neuen Sachen.