Michael Rother und der Krautrock – Electri_city Conference in Düsseldorf

In Düsseldorf fand die Electri_city Conference statt – Diskussionen, Vorträge und Konzerte zum wegweisenden Buch von Rudi Esch.

In Düsseldorf fand die Electri_city Conference statt – Diskussionen, Vorträge und Konzerte zum wegweisenden Buch von Rudi Esch.

Bericht von Martin Hannig.

Die Veranstaltung glänzte einer gesunden Mischung aus wissenschaftlicher Analyse und popkultureller Verortung der prägenden Jahre der Düsseldorfer Elektronik-Szene, die sich aus dem Kraftwerk-Nukleus heraus bildete. Einige internationale Gäste wie Andy McCluskey und Rusty Egan verliehen der einmaligen Konferenz um Organisator Esch den Glanz,  den sie sich verdiente.

entertaim.nets Martin Hannig hatte die Gelegenheit, den Krautrock–Tag der Conference mitzuerleben. Bevor Michael Rother mit Band im CCD der Messe ein überragendes Gastspiel gab, trat er als Gast auf dem Panel „Krautrock“ auf, zusammen mit Jürgen Dollase und Harald Grosskopf – beide waren in der langlebigen Formation WALLENSTEIN aktiv, Dollase als deren Chef, Grosskopf zeitweise als Drummer. Über Michael Rother noch Worte zu verlieren hieße Eulen nach Athen tragen. Trotzdem der Vollständigkeit halber: angefangen als Gitarrist bei Kraftwerk, dann wegweisend und stilprägend bei NEU!, später bei Harmonia und natürlich mit seinen Solowerken ist er nun weltweit anerkannt und gefragt als Musiker und als Innovator.

Es gab einen wundersamen und annekdotenreichen Talk über die Gründerjahre des sogenannten Krautrock. Dollase wies richtigerweise darauf hin dass dieser Terminus eigentlich in England erfunden wurde und klar abwertend gemeint war. Erst im Laufe der Jahrzehnte wurde diese eher lächerliche Bezeichnung ebenfalls von England ausgehend umdefiniert zu einem Trademark und Qualitätssiegel für innovative und völlig neu gedachte Rockmusik aus Deutschland. Am Ende steht ein klar auszumachender „ästhetischer Wandel“, so Dollase, der den momentanen Krautrock-Hype direkt befeuert. In London ist es heute fast unmöglich junge Musiker zu finden, die keine Krautrock–Alben kennen… Ganz anders als in Deutschland, wo wenig bis gar kein Wert gelegt wird auf das eigene kulturelle Erbe der Rockmusik.

Dollase und Grosskopf konnten mit manchem Schwank aus den Krautrockjahren glänzen – wobei aber stets der „traurige Kern“ dieser formativen Jahre zum Vorschein kam. Es gab so gut wie keine Musik- und Live-Technik für ausgefeilte Tourneen, es gab kaum professionelles Management, um die durchaus zahlreich vorhandenen Potentiale ins nationale und internationale Rampenlicht zu bringen – auch in diesem Bereich war die englische Musiklandschaft der deutschen um Jahre voraus. Michael Rother wies in diesem Zusammenhang auf Folgendes hin: Vergessen werde oft, dass es auf Grund mangelnder Einnahmen und kaum vorhandener Professionalität gar nicht möglich war, technische Neuerungen in die Musik aufzunehmen. Megateure Synthesizer a la Pink Floyd zum Beispiel sucht man im NEU!-Werk vergebens, alle Effekte wurden mit herkömmlichen Instrumenten eingespielt – kaum zu glauben wenn man die Alben mit den ungehörten Soundscapes heute hört.

War was mit Drogen? Selbstverständlich! Er selbst, so Dollase, hat anfangs nur Musik gemacht um LSD-Trips zu vertonen – ohne Drogenkonsum ging Anfang der 70er gar nichts. Die legendären Sessions für das Label Kosmische Kuriere wurden stets unter dem Einfluss e“extra guten“ LSD aufgenommen, so Dollase : Trips einschmeißen, verschiedene Musiker versammeln und den Aufnahmeknopf drücken…. Michael Rother hingegen hielt sich von Drogen jeglicher Art fern – was seiner künstlerischen Leistung augenscheinlich keinen Abbruch tat.

Rother als Elder Statesmen des Kautrock wies dann ebenfalls auf den Wertewandel des Begriffs in den letzten Jahren hin. Dennoch hat er so seine Probleme damit,  denn er sieht sich unter diesem Label eher falsch einsortiert und fühlt sich dem Genre – soweit es dieses überhaupt gibt bzw. gab – gar nicht zugeordnet. Dennoch gab es natürlich eine Schnittmenge in den 70ern, was Musiker, Aufnahmetechniken und Einstellungen anging.

Und genau diese Einstellungen waren ursächlich für diese plötzliche Explosion von Bands der Krautrock-Szene. Im Ursprung des Krautrocks, erklärte Rother, ging es vor allem um Abgrenzung. Man wollte halt völlig andere Musik spielen als es die anglo-amerikanische Rockmusik vorgab. Es war eine bewusste Distinktion vom gängigen popmusikalisch-kulturellen Einfluss. Sogar so weit, dass er, Rother, irgendwann gar keine Musik mehr gehört hat außer seiner eigenen.

Der Wunsch, eine eigene künstlerische Identität zu bilden, war übermächtig; es sollte etwas komplett Neues geschaffen werden. Für Rother und viele andere Protagonisten des Krautrocks kann man dies vorbehaltlos bejahen – die gerade erschiene exclusive Harmonia-Box mit allen Alben der legendären Gruppe um Rother, Moebius, Roedelius bestätigt dies nur.

Wer sich nun ernsthaft mit dem schillernden Krautrock-Universum befassen möchte, dem seien neben den stilprägende Bands wie Faust, Guru Guru, Amon Düül II, Kraan, oder Birth Control ans Herz gelegt. Was die Düsseldorfer Szene angeht, sollte wirklich jeder Musikhörer sich einmal mit Klaus Dingers NEU!-Nachfolgeprojekt LA DÜSSELDORF auseinandersetzen!