THORSTEN LEHMANN / HÄ? – DIE AUSSTELLUNG

Thorsten Lehmann

Bochum, Kunstverein Bochumer Kulturrat, 7. November 2015: Um 19 Uhr füllten sich die Ausstellungsräume und Kunstliebhaber bestaunten die neusten Werke von Thorsten Lehmann im Rahmen seiner Vernissage „Hä?“ – Der Kunstverein zeigte mehr als 70 Malereien, Zeichnungen sowie einige Installationen des Malers und Zeichners Thorsten Lehmann. Die sehenswerte Ausstellung mit dem ungewöhnlichen Titel ?“ ist vom 7. November bis zum 18. Dezember in den dortigen Räumlichkeiten zu sehen. Wir führten ein Gespräch mit dem Künstler, in dem er uns einen kleinen Einblick in seine Schaffenswelt eröffnete.

Interview und Fotos: Dennis Rowehl / Bilder (c) Thorsten Lehmann

Lehmann Thorsten HÄ?
entertaim.net: Hallo Herr Lehmann. Herzlichen Glückwunsch zur erfolgreichen Vernissage.Vor einer derartigen Veranstaltung ist man sicher angespannt? Wie ist das Gefühl, wenn ein erfolgreicher Abend abgeschlossen ist?

Thorsten Lehmann: Vielen Dank. Ich war mit dem Aufbau der Ausstellung derart eingebunden, dass ich kaum Zeit hatte, angespannt zu sein. An dieser Stelle möchte ich gerne meinem Kurator Carsten Roth und den vielen Helfern danken, ohne die dieser gelungene Abend nicht denkbar gewesen wäre. Natürlich ist es aufregend, bisher unveröffentlichte, in den letzten fünf Jahren entstandene Arbeiten zum ersten Mal einem Publikum zu zeigen. Dass es am Ende so viele Besucher waren, hat mich selbstverständlich gefreut. Es gab viele interessante Begegnungen und Gespräche. Ein Abend, der mir angenehm in Erinnerung bleiben wird.

entertaim.net: Wie wichtig sind grundsätzlich derartige Veranstaltungen für einen Künstler?

T.L.: Es ist immer wichtig, sich der Öffentlichkeit angemessen zu präsentieren. Dabei ist das Wo und Wie nicht unerheblich. Das mich Carsten Roth vom Bochumer Kunstverein vor einem Jahr einlud, eine Ausstellung für die speziellen Räume des Kunstvereins zu planen, ist eine Freude und Annerkennung meines Schaffens zugleich.

entertaim.net: „Hä?“ lautet der Titel der Ausstellung … wie ist dieser Titel entstanden und was steckt dahinter?

T.L.: „Hä?“ ist eine Äußerung, mit der eine Empfindung augedrückt wird. Gleichzeitig eine auf das Wesentliche und Ursprüngliche formulierte Frage, die den Betrachter auf sich selbst zurückwirft. In der Reduktion auf eine Frage, im besten Falle eine ´neue Frage´ liegt der Reiz des Möglichen. Reduktion in der Malerei heißt ja nicht ausschließlich, dass wenig auf dem Bild vorhanden sein muss, sondern eher, dass die eingesetzten Mittel klar und eindeutig Verwendung finden. Ich male keine Sehnsucht nach Übersichtlichkeit und Kontrolle, sondern das Jetzt, das mich umgibt und durchströmt. Die heutige Zeit ist, wie sie ist und das sie komplex und bisweilen schnell und unübersichtlich ist, sollte Anreiz und Aufgabe sein, sich ihr zu stellen. Da ich oftmals Erfüllungsgehilfe des großen Ganzen bin, scheint mir Demut nicht unangebracht zu sein.

entertaim.net: Das Papier ist definitiv Ihr favorisiertes Medium. Was ist das Besondere an Papier im Gegensatz beispielsweise zur Leinwand?

T.L.: Das Papier ist dünn wie eine Haut, ebenso zart wie verletzlich, eine dünne Schicht zwischen mir und meiner Umwelt. Papier als Bildraumträger bildet mehr als direkt ab, was an Gefühl, Feinstofflichkeit und Intension durch mich hindurch dringt. Es verzeiht nicht so schnell wie flexiblere Bildgründe. Darin sehe ich eine Chance, meine Bildräume angemessen zu erforschen und ihnen Fremdes zu lassen, dass sich in die Fasern einprägen kann.

entertaim.net: Das Ambiente in Bochum passte sehr gut zu den Werken … verwirrt waren sicherlich einige Besucher von der Leberwurst-Frau. Wie wichtig ist es für die Kunst, immer wieder verblüffen zu können?

anni bei entertaim.net

T.L.: Das stimmt. Wunderbare Räumlichkeiten und herrliche Blickachsen, verwinkelt und intim. Sie sprechen von der Installation „Die braune Anni“. Dabei handelt es sich um eine Arbeit der Künstlerin Andrea-Tiebel-Quast, die sie im Zuge ihrer Werkreihe „Tatorte“ mit mir zusammen für diese Ausstellung erdachte und vor Ort umsetzte. Eine Schicht Wurst in anderem Kontext kann verblüffen, abschrecken und verwundern. Sie verändert sich und ist niemals gleich, wenngleich fest umrissen.

entertaim.net: Welche Projekte stehen in naher Zukunft bei Ihnen an?

T.L.: Eine Ausstellung in Dortmund sowie zwei Ausstellungen mit Arbeiten meiner Meisterklassen-Studenten der Malerei. Seit einigen Monaten arbeite ich an einer gänzlich neuen Serie, in der ich die Malerei unter anderen Gesichtspunkten untersuche.

entertaim.net: Eine letzte Frage noch als Kunstlaie … weil dieser Begriff bei Ihnen, als auch beim Kuratoren im Rahmen der Laudatio fiel … was genau ist der Bildraum und welche Bedeutung spielt dieser in Ihren Werken?

T.L.: Der Bildraum in meinem Verständnis von Malerei und Zeichnung umfasst 4 Stufen. Die erste Stufe ist der zweidimensionale Bildträger auf dem mit gestalterischen Mitteln ein weiterer Bildraum entsteht. Diese zweite Stufe kann sowohl mit perspektivischen Mitteln eine Illusion von Tiefe erzeugen, als auch plan- und schichtenhaft sein, einfach nur Punkte, Linien, Flächen und Formen. Dadurch entstehen potentiell unendliche Aktions- und Reaktionsräume, die eigenen zum Teil fremd wirkenden, scheinbaren Gesetzen folgen. Die dritte Stufe ist der Bildraum, der sich im Kopf des Betrachters (ab)bildet – geprägt von Erfahrungen, Wissen, Unwissen und Fremdheit. Schließlich die vierte Stufe, die den physischen Raum zwischen Bild und Betrachter ausfüllt. Dieser Bildraum ist ein irrisierendes, feinstoffliches Feld.

entertaim.net: Vielen Dank für diesen Einblick.

T.L.: Sehr gerne. Ich danke Ihnen, Herr Rowehl.

Hä? und entertaimnet