Andrew Keen auf der Interactive Cologne / We are the internet! / Aus der Traum vom Global Village, es lebe die Kultur der Zerstörung ….

Andrew Keen auf der Interactive Cologne / We are the internet! / Aus der Traum vom Global Village, es lebe die Kultur der Zerstörung ….

Eine bessere Welt, in der Informationen frei fließen und jeder überall gleichberechtigt Zugang zu ihnen hat, mehr Transparenz, wirtschaftlicher Wohlstand, Jobs und kulturelle Vielfalt – das war die Vision, die viele einst mit dem Internet verbanden. Der britisch-amerikanische Autor, Redner und Unternehmer Andrew Keen, einer der einflussreichsten Kritiker des Internets, konstatiert heute hingegen: „The Internet Is Not The Answer“, so der Originaltitel seines Erfolgsbuches „Das digitale Debakel“. Dieses wirtschaftliche, kulturelle und soziale Debakel zu beschreiben, und wie wir das Netz retten können, das erklärte Andrew Keen beim INTERACTIVE COLOGNE Festival. Ein Bericht von Martin Hannig, Bild von Frank Schoepgens / Interactice cologne

Moderator Jan Hendrik Becker (NDR) hatte den schwersten Job der Interactive Cologne 2015: er sollte Keene interviewen. Leichter gesagt als getan – denn der Internetexperte aus den USA nahm die Fragen sehr wörtlich, legte sie auf die Goldwaage, und ließ dem saloppen Dauerjugendlichen Becker keine Unschärfen in den Fragen durchgehen. Da auch Becker – nachdem er ein paar Mal von Keen zurechtgewiesen wurde – am Ende auf Angriff gebürstet war, gehörte das Wortgeplänkel zwischen ihm und Keen sicherlich zu den Höhepunkten der I.C. Mindestens genauso interessant wie die weithin bekannten Thesen von Keen – die er hier eloquent wie immer vortrug. Es war ein Genuss, Keen in seiner Gedankenwelt zu folgen…..

Ausgehend von der Ausgangsfrage ob das Internet nur ein „epic fuckin fail“ ist, wies Keen eingangs darauf hin, dass die Konstruktion eines Gegensatzes zwischen DEM Internet und DER Gesellschaft albern ist – denn „internet is us – we are the internet“! Und dies ist dann auch kein Grund, das Netz zu mythologisieren. Denn man darf nicht vergessen: das Internet ist längst erwachsen – die erste E-Mail ging schon 1969 raus. Wir leben also schon sehr lange mit ihm, aber: hat es die Glücksversprechen der ersten Internetgeneration gehalten – die Welt zu demokratisieren und zu einem gerechteren Ort zu machen? Aber nein, so die Antwort Keens. Wir stehen vor multinationalen Monopolen mit ungeheurer ökonomischer Macht; wir stehen vor einer Kreativwirtschaft, die am Boden ist dank der Umsonstmentalität; wir stehen vor dem Wachstum einer Wirtschaft ohne Arbeitsplätze; wir sehen die ökonomische Mittelschicht zerstört; wir sehen überall wachsende Ungleichheit, Arbeitslosigkeit, und am Ende eine deformierte Privatheit. Die digitale Revolution – ausgerufen um die Welt zu verbessern – hat das Gegenteil bewirkt. Bei all dem Negativen bezeichnet sich Keen trotzdem nicht als Dystopist – er erkennt natürlich auch all die alltäglichen und tollen Erleichterungen durch das Netz an. Was jedoch daraus erwachsen ist, missfällt und alarmiert ihn.

Andrew Keen berichtete dann von seinen Erfahrungen im Silicon Valley. Dort herrsche eine Kultur der Zerstörung, die einem Fetisch gleichkommt. Medizin, Transport, Bildung, Handel – überall werden Unternehmen gegründet, um den alten den Garaus zu machen. Peter Thiel, Paypal-Gründer, sieht diese neuen Unternehmen als „Übermenschen“, als Weltverbesserer; und Mark Zuckerberg nimmt genau diese Haltung ein als Entschuldigung für sein Datenkraken-Geschäftsmodell.

Sodann ließ Keen seine Verachtung der narzisstischen Selfie-Kultur des Internets erkennen. Facebook, Instagram und Co. führen zu einer psychotischen Verformung der Nutzer. Während es gerade in Deutschland noch relativ gesittet zugeht und der Datenschutz hierzulande eine Dauerthema ist, wären in den USA alle Hemmungen gefallen. Der Eintritt in das Zeitalter des exzessiven Narzissmus ist völlig ungesund, so Keen. Die sich selbstverliebt anstarrenden Nutzer der Sozialen Medien führen zu einer Selfie-Kultur, die Soziale Medien nur noch als selbstreflexives Instrument nutzt.

Was ist daran denn dann noch sozial? Für Keen sind Social Media absolut unsozial. Es geht mit Social Media wieder „back to the village“. Jeder postet und liest in seiner kleinen Gruppe von Kontakten  – global ist nur noch die Technologie des Internets, die einstigen Träume vom „global village“ sind ausgeträumt. Hinzu kommt, dass immer mehr Staaten ihr eigenes Internet abschotten – China, Iran, oder Russland nennt er als Beispiel.

Gibt es denn Lösungen für die beschriebenen Zustände? Ein Ansatz laut Keen ist eine Regulierung der Monpolisten – z.B. Amazon. Wichtig ist ihm zu betonen, dass nicht das Internet selbst reguliert werden müsse, sondern die Big Player, die es zur Marktbeherrschung nutzen. Sogar in den USA regt das Data Mining von Google oder Facebook immer mehr Menschen auf. Sie fühlen sich dem ausgeliefert. Dabei lobt Keen dann auch direkt die EU, die das „Recht auf Vergessen“, den Datenschutz im Internet vorantreiben. Zudem müsse der Trend zur Free Economy – allles für lau – durchbrochen werden. Außerdem und ganz wichtig für Keen: „politics has to matter!“ Wem denn sonst soll man vertrauen – den Unternehmen? Nur die Politik kann die Unabhängigkeit aufbringen, um grundlegende datenschutzrechtliche und regulatorische Gesetze auf den Weg zu bringen. Keen vertraut hier Frau Merkel mehr als Herrn Zuckerberg – wen wundert’s… Politik muss sich aber auch neu erfinden. Keen meint hier nicht unbedingt Deutschland: Merkel lobt er als Vertrauenswürdigkeit in Person. Bei Briten und Amerikanern vermissst er dergleichen….

Am Ende ist Keen einer der Vordenker eines neues kritischen Umgangs mit der Internetökonomie. Er tritt die Utopien der einst als naive Weltverbesserer angetretenen ersten Netzgeneration pauschal und wohl auch zurecht in die Tonne – möchte aber keine Dystopie gegenüberstellen, sondern dem Netz zu einer neuen Daseinsberechtigung verhelfen. Ökonomisch und politisch reguliert, mit einem neuen Bewusstsein der Nutzung – dass sich der Nutzer aber selbst draufschaffen muss. Ob wir im Narzissmus der Selbstbespiegelung vergehen oder das Netz eigenverantwortlich und im wahrsten Sinne des Wortes „sozial“ benutzen – dass müssen wir ganz allein entscheiden….