ELECTRI_CITY / Düsseldorfer Impulse für die Welt / Interview mit Rüdiger Esch

Rüdiger Esch bei entertaim.net

Das Buch mit dem ikonischen Cover hat es in die Fuilletons und TV-Kulturmagazine geschafft: „Electri_city“von Rüdiger „Rudi“ Esch – seines Zeichens Bassist bei DIE KRUPPS – ist eine historischer Rückblick auf die Zeit ab 1970, als Düsseldorfer Musiker sich anschickten, völlig neue Soundlandschaften zu erkunden. Sounds, die irgendwann ab Mitte der 70er völlig elektronisch erzeugt wurden – ein Novum, eine Innovation, die den Lauf der Popmusikgeschichte entscheidend beeinflusste. Ein Sound, der in seinen ganzen Ausprägungen und mit seinen vielen Protagonisten bisher noch nicht ansatzweise dokumentiert wurde – von den üblichen KRAFTWERK-Geschichten einmal abgesehen. Ein Sound, der außerhalb Deutschlands Heerscharen von Musikfans anzieht, in Deutschland selbst allerdings nur wenigen Eingeweihten bekannt war. Rudi Esch hat hier tolle Pionierarbeit geleistet – und mit seiner „Oral History“ dem Vorbild Jürgen Teipel, der mit „Verschwende deine Jugend“ ja schon den Düsseldorfer Punk-Aufbruch ab Ende der 70er bestens dokumentierte, seine Reverenz erwiesen.

Unsere Autoren Martin Hannig und Markus Drost sind ja Experten in diesem Metier, betrachteten sie doch gemeinsam mit Xaõ Seffcheque bereits die Düsseldorfer Punk-Szene eingehend (siehe https://entertaimnet.wordpress.com/2013/10/16/xao-seffcheque-flashback-die-dusseldorfer-punk-szene-neulich-bei-xao-aufm-sofa/) . Nun trafen sie den bestens aufgelegten, sympathischen und auskunftsfreudigen Rudi Esch in Düsseldorf, um mit ihm die Hintergründe von „Electri_city“ zu belechten. Dabei stellte sich heraus, dass es gar gemeinsame Wurzeln gibt: Das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Düsseldorf – eine Keimzelle des Düsseldorfer Punk – besuchten Rudi und Markus zur gleichen Zeit – ein witziger Zufall, der Rudi staunen ließ und direkt zu Anekdoten von damaligen Klassenfahrten in den Allgäu führte. Dann rückten wir mit einem Plakat seiner allerersten Show mit seiner ersten Band FDA im Vorprogramm der Toten Hosen anno 83 raus, bei der Markus – Zufall Nr. 2 – damals ebenfalls mit dabei war…. . Ein quasilegendärer Gig! Zuerst musste sich Breiti einen Verstärker bei ihnen ausleihen, weilseiner kaputt war. Und nach dem Gig gab es noch eine Riesenschlägerei draußen vor der Tür, der Rudi dank der im Auto wartenden Eltern aber entging, während Markus und Freunde einfach Fersengeld gaben und in die nächste S-Bahn sprangen. Nach diesen Anekdoten aus grauer Vorzeit war das Eis gebrochen und ein langes Gespräch begann ….

von Martin Hannig / Bild mit freundlicher Genehmigung sowie Copyright von Rüdiger Esch

 

entertaim.net: „Oral History“ – Geschichte schreiben über Aussagen von Protagonisten – war dein Ansatz. War es immer klar, dass du selbst nichts dazu sagen möchtest?

Rudi: Es ging ja um die Zeit, als ich noch gar nicht selbst als Musiker dabei war. Es sollte ja um die analoge Phase der elektronischen Musik gehen – als ich mit Jürgen anfing Musik zu machen war es ja schon digital – mit Atari Computer und so.

entertaim.net: Wir haben ja alle „Verschwende deine Jugend“ gelesen von Jürgen Teipel. Es gibt ja auch Überschneidungen bei euch z.B. die DAF-Story. Hast du dich versucht irgendwie abzugrenzen von Teipel?

Rudi: Teipels Buch ist total super. Wir hatten ja beide eine gemeinsame Vorlage: „Please Kill Me“, die Oral History der New York Punkszene um die RAMONES. Danach hat Teipel sein Buch aufgebaut, und ich dann meins. Deswegen habe ich es auch dem Verlag angeboten (Suhrkamp, d. Red.), da ich wusste, die haben Teipel damals gemacht. Und ich kenne den Jürgen ja auch, was toll war, denn er hat mir dann sein Original-Interview mit Chrislo Haas gegeben. Es gab also keine Abgrenzung in dem Sinne, obwohl der Verlag natürlich schon sagte, wir wollen jetzt nicht dass du das, was in „Verschwende“ steht, alles nochmal bringst. Aber ein paar Dopplungen waren dann doch unvermeidlich, gerade bei DAF. Die London-Story musste natürlich mit rein. Wobei die Gespräche ja neu waren mit Robert Görl und Gabi Delgado. Plus Tina, die ja in „Verschwende“ nicht dabei war!

entertaim.net: Und außerdem vergisst man doch nach Jahren wieder die Hälfte. DAF in England: was für geile Storys, bei wem die da gehaust waren….

Rudi (lacht): Das war einfach zu gut als dann zu sagen „nee war schon in Verschwende, können wir nicht mit reinnehmen“. Also DAF war schon klasse – und ich find die ja noch immer super, z.B. „15 neue DAF-Songs“ ist ein tolles Album gewesen. Das ist gar nicht so einfach nach all den Jahren noch so gute Songs zu schreiben, für keine Band!

 entertaim.net: Ich hatte bisher nie diese Düsseldorfer Bands als historisch zu einer Sache gehörend gesehen. Ich kannte bisher NEU, ich kannte den Dinger, durch dein Buch hab ich Michael Rother zum ersten Mal gehört, da dachte ich zuerst an Ricky King (alle lachen) – und „Flammende Herzen“ kann man auch für Kitsch halten. Aber ich finds gut.

Rudi: Ja der Rother alleine ist schon süßlich.

entertaim.net: Die erste RHEINGOLD habe ich zum ersten Mal gehört wegen des Buchs. Die „R“ mit Fan-Fan-Fanatisch hatte ich schon, sehr geiler Rock-Sequenzer-Sound, aber die erste noch nicht. Aber der Song „Grafittis“ ist ja Quatsch – falscher Plural!

Rudi: (lacht). Aber musikalisch ist das doch ganz cool. Wird kaum geschätzt, es gibt keinerlei Rezeption. Von NEU erzählt jeder, von RHEINGOLD nicht. Der Bodo (Staiger, d. Red.) ist echt gut gewesen, das sagt auch jeder in dem Buch. Für jeden der Musik macht bei uns, ist das klar, Ralf Dörper z.B. hört schon immer RHEINGOLD. Wobei Bodo auch immer sagt, es gab ja gar keine Düsseldorfer Szene.

entertaim.net: Gute Frage: GAB es überhaupt eine Szene? Erstaunlich für uns als Leser sind ja die Querverbindungen. Dinger und Rother ganz früher bei KRAFTWERK, dann bei NEU, irgendwie kannten sich alle. Bodo hat ja gesagt, es gab viel Neid, und da ist jeder für sich geblieben, man hat keinem was gegönnt.

Rudi: (lacht) für Bodo war es ja auch so. Durch den Film „Der Fan“ wurde er ja schlagartig bekannt, da hat er ja sogar die Hauptrolle gespielt. Da hat er gedacht, jetzt geht’s ab. Eigentlich war man damals nicht souverän genug. Heute sind alle was älter, da kann man auch mit jedem quatschen. Jeder sagt dir auch wie er das damals empfand, wen er doof oder gut fand.

entertaim.net: Peter Hein fand ja immer alle doof….

Rudi: (lacht) Ja, aber im Buch kommt er ganz gut weg. Und andere auch. Es steht ja unheimlich viel auch gar nicht im Buch. Wenn jedes Interview, das ich machte, so 90 Minuten dauerte – überleg mal was du da für Material anhäufst. Da fiel auch einiges untern Tisch.

entertaim.net: Nach welchen Kriterien hast du denn die zu interviewenden Künstler ausgewählt?

Rudi: Ich wusste nur dass ich die Leute haben will die in diesen 8 Bands waren – egal wo die jetzt wohnen. Solange sie noch lebe, wurden sie ausfindig gemacht und gefragt ob sie mitmachen. Außer natürlich Ralf und Florian., die ja nie mit jemanden sprechen. Dazu kam die Außensicht aus England, das war immer klar, dass ich die mit dabei haben wollte. Ich weiß ja wie die Bands in England rezipiert werden. In England sind NEU größer als hier – hier triffst du ja nur Leute, die sagen: NEU – nie gehört! Letztens steig ich gerade angekommen in London in Nottinghill Gate aus der U-Bahn, und den ersten Plattenladen den ich sehe: alle 3 NEU-Alben hängen im Schaufenster! Hätte Dinger das erlebt, mein Gott, wie glücklich der wäre… Also jeder der sich DAMALS schon auf eine dieser Bands bezogen hat, sollte im Buch dabei sein. Z. B. ULTRAVOX als sie bei Conny Plank waren, oder OMD. Aber nicht Typen die heute irgendwas zu KRAFTWERK sagen können. Jeder DJ kann was zu denen sagen. Man muss also streng bei seinem Konzept blieben. Weil jeder natürlich eine andere Meinung einbringt: Wieso nur bis 1986, wieso haste nicht KREIDLER drin, wieso nicht 1992, wieso haste nicht den Typ drin, der nur wegen KRAFTWERK angefangen hat Musik zu machen… Das waren dann so die Hauptgruppen, und am Ende haben wir dann noch ein paar „nachnominiert“. Leute, die was zum Zeitgeschehen beitragen konnten, Künstler und so. Und dann ist mir aufgefallen dass ich die Hälfte der Leute eh schon kenne. Und das dann so aufzuziehen, dass man diplomatisch vorgeht und keinen vor den Kopf stößt, das war dann mein Verdienst. Wenn schon nichts von mir drinsteht, hab ich es immerhin geschafft, dass die Leute dann doch alle erzählen. So das keiner sagt, “nee der Typ ist doof – der hat ja schon mit dem und dem gequatscht“ oder „nee, das unterstützen wir nicht, wir machen unser eigenes Buch“ – das war so ein bisschen Politik und Diplomatie. Und immer mit der Ausrichtung auf die Musik, das war ganz wichtig, damit die Musiker sich auch einbringen können. Hat aber nicht immer geklappt, z.B. bei DAF hat der Robert Görl mir abgesagt, Gaby aber direkt zugesagt. Und dann hat der Robert gehört: wie der Gaby hat zugesagt? Dann muss ich aber auch was dazu sagen. Am Ende aber hat doch fast jeder, den ich gefragt habe, auch mitgemacht. Man rennt damit echt offene Türen ein. Das wär noch vor 7 Jahren anders gewesen. Vor „Verschwende“ gab‘s dafür kein Interesse, aber jetzt ist’s lang genug her, dass man souveräner darüber reden kann.

entertaim.net: Was war mit den Redakteuren, Moderatoren, z.B. Winfried Trenkler vom WDR, der in seiner „Radiothek“ ja ganz oft diese Bands hervorbrachte?

Rudi: Ja, den hatte ich auch auf dem Schirm. Aber er war nicht mehr aufzutreiben, der war irgendwie nach Schweden ausgewandert, da gab‘s wohl mal vorher Querelen mit dem WDR. Schade.

entertaim.net: Thema Klaus Dinger. Der kommt ja im Buch als einer der Hauptakteure sehr schillernd rüber. Durchaus kontrovers. Große musikalische Meriten, gerade als Drummer, aber als Mensch nicht einfach. Du kanntest ihn ja persönlich, hast mit ihm gespielt. …

Rudi: Ja, der Dinger hatte uns damals 1986 nach einem Gig einfach angequatscht ob wir was mit ihm machen würden. Der Typ hatte damals ja schon 3 Platten mit NEU gemacht und 3 mit LA DÜSSELDORF – er war der erste, der überhaupt zu uns sagen konnte: hier, hört mal rein in meine Platten! Er war ein ernst zu nehmender Künstler für uns.

entertaim.net: Kanntest du denn damals die alten Sachen von ihm schon vorher?

Rudi: Nein ich glaube nicht. Und als ich mir dann damals NEU und LA DÜSSELDORF anhörte – laaangweilig. Wann geht’s denn los, ey? (lacht) Erstens singt keiner, zweitens kein Punk – wie konnte man nur 11 Minuten den gleichen Akkord spielen (lacht).

entertaim.net: Hat Xao damals auch im Interview gesagt: wir haben unsere Musik gemacht und gelebt, und das war Punk, alles andere war alte Scheiße. Hippiezeug.

Rudi: So war’s ja auch. Dann hat Dinger gesagt: hör dann wenigstens von der NEU 75 das „Hero“. Ja ok, schon besser. (lacht). Aber bei LA DÜSSELDORF genauso, das kam mir vor wie so `ne Rocktheater-Gruppe. Deswegen hab ich jetzt auch Klaus‘ Image im Buch ein bisschen wiederhergestellt. Ich hab mich damals schwer an ihm gerieben. In meiner Band war ich wohl der, der geredet hat und übers Image nachgedacht hat, die anderen waren mehr für die Musik zuständig. Mit dem Dinger bin ich dann deswegen dann schnell aneinandergeraten. Damals waren wir ja auch jung – und wir wollten was erreichen, wir wollten richtig was machen! Und nicht so langsam sein, so hippiemäßig den ganzen Tag kiffen. Der hatte ja schon 6 Platten im Rücken und deswegen `ne ganz andere Einstellung. Inzwischen find ich den Typen aber supergeil, klar.

entertaim.net: In den letzten 2 Jahren gibt’s ja wieder sehr viel junge Bands die genau diese Art zu spielen nach vorne bringen, die diesen Dinger-Beat haben, diese langen ausgedehnten Stücke mit dem metronomischen Drums, und sich teils auch auf ihn berufen!

Rudi: Hey, und ich stand mit ihm im Proberaum und hab gesehen, wie er einen an die Wand gespielt hat (lacht). Das war damals auch die schlechteste Phase, keiner hat das zu der Zeit gut gefunden, und man hätte nie gedacht, dass man das je wieder gut finden würde. Auch der Rother selbst war ja ganz erstaunt, so vor 4 Jahren hieß es auf einmal überall „NEU! Cool!“ – wer hätte das geglaubt?

entertaim.net: Du warst kürzlich auf einer KRAFTWERK-Konferenz in England, hast du vorhin erzählt…

Rudi: Ja, dort wurde eine akademische Tagung abgehalten „Industrielle Volksmusik for the Twenty-First Century“, nur über KRAFTWERK. (siehe http://www.aston.ac.uk/lss/news/events/indindustrielle-volksmusik-for-the-twenty-first-centuryustrielle-volksmusik-for-the-twenty-first-century/) Da reisen aus der ganzen Welt Wissenschaftler und Experten an, um darüber abzunerden. Wahnsinn, was die auf die Beine gestellt haben. Ich habe vor, diese Konferenz mit den ganzen Teilnehmern nach Düsseldorf zu holen, am 12. & 13.11., und der 14.11., der Samstag, wird dann der Musiktag. Ich bin gerade in Verhandlungen; in Düsseldorf renne ich damit offene Türen ein. Wird eine große Sache. Ich bin ja überhaupt nur auf diese ganze Buch-Idee gekommen, weil ich im Ausland ständig angesprochen werde auf Düsseldorf. Genau wie mit unserer Band DIE KRUPPS. Wenn wir hier im Tor 3 spielen interessiert‘s keinen. Spielen wir in New York oder Stockholm – wow.

entertaim.net: Das ist ja auch verrückt – 1981 war der Höhepunkt von KRAFTWERK, und die Philippshalle war nicht mal ausverkauft – glaubt man gar nicht mehr heute!

Rudi: Und sie hatten ja auch Probleme mit der Technik gehabt damals.

entertaim.net: Was Ralf und Florian angeht: war es für dich von Anfang an klar, dass du an die nicht rankommst?

Rudi: Also erst einmal sollte das kein Kraftwerk-Buch werden – auch wenn es sicherlich die wichtigste Band war – aber da sie sowieso keine Interviews geben war von vornherein klar, dass ich sie nicht fragen würde. Und ich habe sie auch nie gefragt. Ich habe mir gedacht es wird auch ohne sie funktionieren – gleichzeitig bin ich auf ihre Shows aber auch immer eingeladen worden – ob in Düsseldorf, London oder New York. Sie haben mich immer schön auf die Gästeliste gesetzt. Ich bin mit denen im gleichen Flieger von den Shows in New York zurückgeflogen, habe meinen Koffer vom Band geholt wie sie auch. Nur drüber reden mit ihnen wollte ich auch nicht – das Ganze ist irgendwie Teil ihrer Kunst. Es gehört sich einfach nicht darüber zu reden. Das ist wie Charlie Chaplin: zu sagen er solle mal Buntfilme drehen oder Gilbert und George zu fragen ob man sie alleine sprechen könnte. Gleichzeitig, da sie ja wussten dass ich ein Buch über die Szene schreiben würde, haben sie mich aber über Leute wissen lassen, was sie nicht lesen möchten. Es war also schon ein Thema für sie – auch wenn sie nicht darüber reden wollten. Und eigentlich wüsste ich auch nicht was ich mit denen reden sollte.

entertaim.net: Es wird nicht direkt geschrieben – aber dass sie unnahbar und abgehoben sind kommt im Buch schon immer mal unterschwellig rüber. Dass Ralf und Florian im Maßanzug auftraten, die anderen Mitglieder jedoch nur im Anzug von „der Stange“. Kraftwerk sind Ralf und Florian, die anderen sind Angestellte.

Rudi: Diese Geschichten habe ich auch deshalb erzählt denn Bilder sagen manchmal mehr als Worte. Drum habe ich auch Wolfgang interviewt; eine souveräne Figur die nicht an Kraftwerk leidet. Eine Person die nicht immer versucht den Robotermythos aufrechtzuerhalten, sondern ein echter Rheinländer ist der durch Zufall zu Kraftwerk kam und lange dabei war.

entertaim.net: Wolfgang hat ja dann auch das Vorwort zum Buch geschrieben und man kann sich jetzt doch vorstellen wie es bei Kraftwerk war. Für mich war Kraftwerk immer ein Mysterium – total geheimnisvoll.

Rudi: Ich weiß auch nicht ob das Buch anders geworden wäre wenn sie (Ralf und Florian) doch geredet hätten. Aber dadurch dass sie nicht reden sind sie doch irgendwie drin – ich habe nicht alles dran gesetzt damit sie reden müssen, ich bin ja auch nicht davon ausgegangen dass sie mit mir reden. Aber dadurch dass sie nicht reden, sind sie – genau wie sie ihre Musik machen – in dem Buch. Sie kommen im Buch ja vor – sie sagen nur nichts.

 entertaim.net: Das Buch bringt unglaublich viel Einblicke – was ich zum Beispiel nicht wusste ist, welch eine Figur Conny Plank damals war.

Rudi: Er war der Strippenzieher. Von im ist auch nicht viel überliefert- von daher war es gut dass die Leute gesagt haben, Conny war so und so. Und Conny war berühmt dafür und dafür.

entertaim.net: Plank hat ja damals unglaublich viele Sachen produziert. Und was er sich damals schon traute, was für ein Ohr er hatte – da war die Industrie noch lange nicht soweit.

Rudi: Conny hat zuerst Schlager und Big Band Sachen gemacht. Und nachts hat er dann weitergearbeitet und seine Dinge produziert. Über Conny hat mir viel Hans Lampe (Schlagzeuger von Neu! und Mitarbeiter bei Conny Plank) erzählt- wie sie zum Beispiel zusammen das Studio in Hamburg aufgebaut haben. Vieles musste leider für das Buch immer wieder gekürzt werden. An Hans Lampe zu gelangen war übrigens nicht einfach- er heißt nämlich überhaupt nicht Hans Lampe. Ich habe dann zufällig von einer Podiumsdiskussion erfahren wo er als Teilnehmer eingeladen war – dort habe ich ihn dann einfach angesprochen.

Alles was nicht 100% stimmte ist auch nicht im Buch- da steht wirklich nichts Falsches drin. Wir haben uns bemüht alles zu recherchieren – aber alles bekommst Du nicht mehr hin; und dann ist es halt auch nicht drin. Zum Beispiel wusste keiner mehr wann Pere Ubu im Ratinger Hof gespielt haben. Jeder erzählte von Wire – das Konzert war auch recherchierbar. Aber wann haben Pere Ubu gespielt? Vorher oder nachher- keiner wusste das Datum. Darum haben wir im Buch auch kein Datum genannt. Jetzt haben sich aber Leute gemeldet, die noch die Poster haben- also ist das Datum jetzt belegbar. Das freut dann auch die Leute von Suhrkamp – denn das wird in der jeweils nächsten Ausgabe im Buch angegeben.

entertaim.net: Wie viele Jahre hast Du an dem Buch gearbeitet?

Rudi: Das waren so 3 Jahre. Ich habe 2011 eine Veranstaltung mit elektronischer Musik für die Stadtwerke im Rahmen des ESC (Eurovision Song Contest) gemacht; der Marketing-Mensch von den Stadtwerken hat dann sogar auch später das Buch finanziell unterstützt. Nach der Veranstaltung für die Stadtwerke bin ich erst mal in den Sommerurlaub und habe mir dort überlegt- Mensch, das ist doch ein gutes Thema für ein Buch: elektronische Musik in Düsseldorf. Ich bin dann zur Funkausstellung nach Berlin, weil dort OMD gespielt haben und dort haben sie mir auch die Zusage zu einem Interview gegeben. Das war dann die Geburtsstunde für das Buch. Dann habe ich das Konzept geschrieben und herumgeschickt und habe angefangen die Leute zu interviewen; zuerst hab ich mal mit meinen Kumpels gesprochen (Jürgen Engler und Ralf Dörper von den Krupps).

entertaim.net: Das war sicher auch eine skurrile Situation.

Rudi: Auf einmal sitze ich mit einem Aufnahmegerät und meinen Kumpels, die ich seit über 25 Jahren kenne, an einem Tisch und sage denen, „Lass uns mal über früher reden“ und drücke auf den Aufnahmeknopf. Das war schon reichlich komisch – und man musste erst mal in diese Rolle hineinwachsen.

entertaim.net: Von deinem Alter her waren die 60er/70er Jahre ja auch noch kein Thema für dich….

Rudi: Stimmt und ich war noch nicht einmal ein großartiger Elektronik-Fan. Wir (Die Krupps) gehören da natürlich dazu, aber das heißt nicht dass wir das auch hören. Ich bin kein Experte auf diesem Gebiet. Ralf Dörper ist ein Experte und den habe ich auch immer schön angezapft.

entertaim.net: Für uns war das Buch auch eine Zeitreise – wir kannten zum Beispiel das Cream Cheese auch noch nicht (die Künstler- und Musikkneipe Anfang der 70er Jahre in Düsseldorf) – Ratinger Hof, klar – aber das Cream Cheese war ja halt einige Jahre vorher. Und das war ja damals das große Ding.

Rudi: Das Cream Cheese ist schräg gegenüber vom Ratinger Hof gewesen. Das ist heute ein ganz normales Wohnaus….