The Experimental Tropic Blues Band / The Belgians (Jaune Orange/Rough Trade)

Experimental

Zuerst dachte ich: what’s that, ein Album von The Belgians. Cooler Name! Nur wer ganz genau hinschaut, sieht klein darüber „The ETBB presents“ – und das ist die Experimental Tropic Blues Band – natürlich aus Belgien. Das Punk-Garage-Trio versucht sich an einer Art Konzeptalbum über unser kleines, zerrissenes, neurotisches Nachbarland.

Das ganze Vorhaben, ein Album über belgische Befindlichkeiten abzuliefern, mutet leicht surreal an. Kein Wunder, ist ja Belgien die Heimat des Surrealismus (remember Magritte!). Natürlich wird hier die Kritik an belgischen Neurosen unter dem Deckmantel des Spotts und des höheren Unsinns verborgen. Die politischen Versäumnisse der Flamen und Wallonen, sich aufzuraffen und wieder friedlich nebeneinander und miteinander zu leben, sind ja nun Legende. Sie werden hier in Titeln wie „Belgian State Of Frustration“, „Belgian Shake“, „Belgian Herd“, „Belgians Don’t Cry“ mit viel Humor abgehandelt.

Die ETTBB rockt hier konzise und frei von der Leber weg den Belgiern vor, wie es besser sein könnte. Eine respektlose Hommage an ihr geliebtes / gehasstes Belgien – und mal ehrlich Freunde: wo wären wir ohne belgische Pommes Frites, ohne das wundersame belgische Bier, ohne belgische Muscheln, und wer hat das Atomium gebaut und das Manneken Pis? Und wessen Nationalelf macht sich auf ganz vorne in der Welt mitzuspielen?

Und die Musik? Das letzte ETBB-Album wurde vom großen Jon Spencer produziert – und in diese Richtung geht auch dieses Album mit dem Willen zum Punklärm, zum Low-noise-Garagenrock-Surf’n’roll. Es gibt ein bisschen von allem, kunstfertiger Lärm, freaky Atmosphäre und ein Schuss B52s, nervöser Rockabilly, sogar ein Electro-Boogie in „Belgians Don’t Cry“. Sehr eklektizistisch, sehr überraschend.

Allein für diese tolle Idee eines völlig durchgeknallten Konzeptalbums gibt’s hier noch nen Punkt obendrauf. Das Cover der Platte ist aber auch äußerst geil, im typischen Design der maoistischen Propaganda , aber in den belgischen Nationalfarben. Irre! Die ETBB vertritt die sehr kluge Idee, dass das, was Flamen und Wallonen und alle anderen Belgier verbindet mehr als das ist, was sie trennt – im Sinne einer neuen belgischen nationalen Identität. Aber nicht verkniffen und abgrenzend – eher witzig und künstlerisch wertvoll. Mögen sie zu Hause erhört werden. Et vive la Bélgique!!

4/5

Martin