Agenten, Booker, Tour-Promoter / Wie bringe ich meine Musik auf die Straße? / Reeperbahn Festival Konferenz

Reeperbahn Fest Konferenz

Das Geld liegt auf der Straße! Denn der große Plattenvertrag und hohe Verkaufszahlen von CDs oder Downloads bleiben nur den allerwenigsten Künstlern vergönnt. So ist der Live-Auftritt und die Tournee die Haupteinnahmequelle für den Solokünstler oder die Band von heute. Aber ohne das richtige Wissen, wie das Geschäft rund um einen Tournee funktioniert, wie man den richtigen Agenten, Booker und Tour-Promoter findet und welche Aufgaben diese eigentlich genau haben, wird der Plan, die eigene Musik auf die Straße zu bringen, meist nur ein Traum.

entertaim.net war mit Martin Hannig zu Gast beim proppevollen „Workshop“ genannten Erfahrungsaustausch mit Ernst-Ludwig „Ernie“ Hartz  von seiner E.-L. Hartz Promotion und Yan Mangels, Booking Agent von FKP Scorpio

 

Workshop-mäßig war hier wenig – es ging eher um den Austausch von Informationen zwischen den „alten Hasen“ auf dem Podium und den vielen Zuhörern, die sich zahlreich mit Meinungen und Fragen beteiligten. Ansonsten war’s halt ein ganz normales Panel. Und auf diesem ging‘s gleich um Kohle: welche Gagen werden eigentlich bei Gigs gezahlt? Voller Überraschung erfuhr Moderator Manfred Tari, dass einige Bands viel Geld auf Sogenannten Corporate Events machen, wo schon mal 10 bis 15.000 € für einen 15-Minuten-Kurzauftritt gezahlt werden. Davon kann der gemeine Indie-Act auf Tour nur träumen, der sich mit mittleren dreistelligen Beträgen zufrieden geben muss wenn’s gut läuft.

Deshalb, so Ernie Hartz, ist auch das Kostenmanagement für reisende Künstler so wichtig. Sinnvoll ist es, das Equipment des Clubs zu nutzen, und auch günstige Hotels zu finden – was gerade in Messezeiten z.B. in Köln schwierig ist, wo gerne 200 € für eine Übernachtung aufgerufen werden, so dass weitere Fahrten zum Hotel durchaus unumgänglich sind, oder gleich zum nächsten Ort weitergefahren wird. Die Tour-Kosten, so Hartz, sind heute für viele ein Alptraum, da sie inflationär steigen. Es wird immer schwerer, heute mittelgroße Acts auf Tour zu schicken; viele Promoter hätten Angst, ihre Kosten nicht gedeckt zu bekommen.

 Die Tour-Kosten sind ein Alptraum! (Ernie Hartz)

Dramatische Veränderungen in der Live-Industrie macht auch Yan Mangels aus. Konnte vor 15 Jahren ein Künstler sein Einkommen größtenteils aus Tonträgerverkäufen generieren, muss dies nun das Livegeschäft auffangen. In den letzten 7 Jahren gab es so viele neue Liveacts wie nie zuvor, jeder will und müsse heute Liveshows spielen. Außerdem kommen viele DJ-Sets auf Tour hinzu. DJ/Electro ist nun ein wichtiger Markt geworden– aber nur wenige richtig große Acts sind dort auch live erfolgreich. Die digitale Revolution, meint Yan, führe verstärkt dazu, dass jeder nur auf den nächsten Hype wartet.

Was macht denn nun für Yan eine erfolgversprechende Band aus, die er für eine Tour bucht? Er frage immer: was ist die „Story“ der Band, was hat sie zu erzählen? Und wenn es nicht genug dazu gäbe, so müsse man es halt entwickeln. Es geht weiterhin um den „Stage-Look“ der Band, und auch um den Social Media-Auftritt, z.B. die Zahl der Follower. Alles dies sind wichtige Kriterien für Mangels – aber wenn ihn die Musik richtig überzeugt, in ihrer ganzen Brillianz, dann bucht er sie trotzdem auf Tour. Also – ein höchst persönliches Geschäft, wie sich wieder mal zeigt.

Auffällig ist die große Zahl der Festivals in Deutschland. Und Yan Mangels stellt auch fest, dass alle Festivals voll gebucht sind – kleinere Promoter haben kaum noch Chancen dort Bands unterzubringen, die paar Großen im Markt machen das unter sich aus. Was Festivalpromotion angeht, stellte Yan auch das neue FKP-Abkommen mit Spotify vor: Spotify macht beim Streamen PR für’s Hurricane (was von FKP promotet wird) und verlinkt dann direkt zum Ticketing. Er sieht hier viele neue Optionen für innovative Promo-Modelle.

Nicht nur für mittlere Festivals, auch für viele Clubs ist es generell sogar sehr schwierig an gute Gis zu kommen – deswegen buchen viele Clubs inzwischen verstärkt Comedians, weil die nur ein Mikro brauchen, kaum Licht, und allein sind – somit geringe Kosten verursachen.

Welchen Wert haben eigentlich all die Showcase Festivals für die verantwortlichen Booker? Stimmt es wirklich dass hier neue Talente entdeckt werden? Das Reeperbahn Festival – genauso wie das Eurosonic in Groningen – haben diesen Ruf, und sowohl Yan als auch Ernie bestätigten ihn ausdrücklich. Es handelt sich in der Tat bei den Showcase-Festivals um so etwas wie „Supermärkte für Bands“. – Wer etwas werden will, sollte also zusehen, dort einen Gig zu erhaschen!

Die Herren kamen dann auf die Chancen, es als Künstler im Live-Sektor zu schaffen – früher hieß es ja immer, dass bei Plattenfirmen damit kalkuliert wurde, dass es nur einer von 10 schafft. Yan übertrug diese Zahl auf die Chance, durch Livespielen bekannt zu werden. Oftmals werden heute Acts promotet ohne eine Ahnung zu haben ob sie es schaffen können – und dies ist unabhängig davon ob sie bei einem Majorlabel sind oder nicht.

Lokale Promotion – was ist da heute Stand der Dinge? Ernie Hartz erklärte, dass aus seiner Sicht das gute alte Poster sehr bedeutsam ist. Es müsse schon 2 Wochen hängen – dies ist zwar teuer, wird aber von allen erwartet. Dazu kommen immer die Pressearbeit, Social Media, und bei ihm funktioniert auch sein Newsletter prächtig. Auch über die Ticketing-Macht CTS gäbe es gute Promotion. Zupass komme ihm, dass der Livemusikmarkt recht konservativ strukturiert ist – man arbeitet meist mit den Promotern die man schon gut kennt.

Apropos Social Media: wie sieht’s denn konkret mit Facebook-Marketing aus im Promobereich? Yan und Ernie berichteten hier von gemischten Reaktionen der Fans – mal super, mal kommt gar nichts zurück. Mit einem Startbudget von ca. 100 €/Jahr kann man aber sinnvoll bei Facebook Marketingaktionen starten – also durchaus kleines Geld für eine im besten Falle sehr große Wirkung. Yan wies darauf hin, dass die Konversionsrate (also der Anteil der umsatzgenerierenden Klicks an allen Klicks) über Facebook absolut mies sei – er lobte es aber als gutes Kommunikationstool. Dies ist aber auch inzwischen Marketing-Allgemeingut: Facebook bringt nicht direkt Geld ein – aber die indirekten Wirkungen sind nicht zu unterschätzen.

Einige anwesende Promoter/Manager im Publikum beschwerten sich dass es zunehmende Probleme beim Catering der tourenden Bands gebe – ständig würden Absprachen nicht eingehalten, oder gar weniger aufgetischt als verabredet. Dies sei nur so erklärbar, konstatierte Yan, weil die Clubs immer mit einem bestimmten Budget kalkulieren müssen. Wenn „sold out“ an der Kasse steht, läuft alles bestens; aber wenn – was nicht selten vorkommt – nur 20 Leute im Raum stehen, hat der Club schon Verlust gemacht bevor das Catering überhaupt abgerechnet ist. Zunehmend kämpfen viele kleinere Clubs um’s finanzielle Überleben – dies mache sich dann halt auch so bemerkbar.

Praktische Fragen rund um die Tourplanung und das Ticketing wurden am Ende diskutiert. Kleinere Acts, so Yan, werden schon mal nur 4 Wochen vorher geplant. Deutschland ist jedoch generell ein sehr spezieller Markt für Konzert-Karten, denn die Verkäufe gehen hier sehr langsam vonstatten. Während in den Benelux-Ländern oder im UK eine Tour rasend schnell ausverkauft ist, werden in Deutschland ca. 70% der Tickets in der letzten Wochen verkauft. Der deutsche Livemusikfan ist also ein Spontanbesucher – wichtig zu wissen für tourende  Bands, denn so hat man bis zum letzten Tag eine reelle Chance, an die Leute ranzukommen.

Fazit der Runde: Das Livegeschäft ist seit jeher ein hartes Business – und der Wettbewerb wird immer härter! Andererseits vergrößern sich auch die Chancen für neue Künstler durch das Internet. Ein letzter Tipp von den anwesenden Praktikern: die Künstler und deren Manager sollten sich idealerweise auch zu den Konferenzen begeben (z.B. c/o pop, Reeperbahn Festival), dort auf jeden Fall Netzwerke knüpfen, und das möglichst über mehrere Jahre. So ergeben sich im Laufe der Zeit über hoffentlich viele Bekanntschaften auch viele Optionen!