Was hat dich bloß so ruiniert? Clubkultur in Not – Reeperbahn Festival Konferenz

von Martin Hannig / Foto (c) von Lidija Delovska

Foto (c) von Lidija Delovska

Vielleicht waren die Zeiten nie fett und rosig, doch kulturbegeisterten und ambitionierten Menschen, die derzeit mit der Idee daherkommen einen Club gründen zu wollen, wird der Hang zur Selbstzerstörung oder Realitätsverlust vorgeworfen. Die GEMA befindet sich im Höhenflug und schließt neue Tarife im Veranstaltungsbereich, mit denen nicht alle Akteure zufrieden sind.  Und wie sieht es mit anderen Abgaben aus? Auch die KSK kündigt verstärkte Kontrollen an. Von Ausländersteuer und Anstieg im Mindestlohnsegment mal ganz zu schweigen. entertaim.nets Martin Hannig war vor Ort auf der Konferenz des Reeperbahn-Festivals dabei.

Ist das Ende der deutschen Clubkultur in Sicht? Diese bange Frage stellten sich Vertreter die Club-Szene (Olaf Möller von der Livekomm und Dr. Johannes Ulbricht, Anwalt des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft) und hofften auf Antworten vom ehemaligen Schlagertexter und früheren Rattles-Sänger Frank Dostal (jetzt im Aufsichtsrat der GEMA) und Dr. Tilo Gerlach von der Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten GVL.

Astronomische Steigerungsraten der GEMA-Sätze für die Clubbetriebe – dies brachte das Blut der Club-Vertreter zum Kochen und beherrschte die gesamte Diskussion. Woher soll denn bitte das Geld für die GEMA kommen angesichts der Flut von Auflagen und Kostensteigerungen allerorten, machte sich Dr. Ulbricht für die Veranstaltungswirtschaft stark – „diese Steigerung tut uns weh!“ Viele Rechenexempel wurden aufgestellt, auch von den zahlreich anwesenden Fachbesuchern, die eifrig mitdiskutierten. Allerdings, so machte Frank Dostal die Gegenrechnung auf: „den kleinen Clubs geht es heute eindeutig besser!“ Zudem – und das wurde im Grunde von keinem bestritten: es wurde in den früheren, fetten Jahren deutlich zu wenig an die GEMA bezahlt. Nun sei es an der Zeit, sich zusammenzusetzen und neu zu verhandeln. Dostal machte sich dafür stark, ganz neue Ideen in die Diskussion einzubringen – zurecht stellte er die Frage, ob denn die stringente Abrechnung nach Quadratmetern jedem gerecht würde. Auch Dr. Gerlach wies darauf hin, dass dringend eine neue Lösung gefunden werden müsse, damit Musiker und Autoren in Zeiten wegbrechender Tonträgerverkäufe angemessen vergütet werden.

 


„Diese Steigerung tut weh!“ (Johannes Ulbricht)


 

 

Diese etwas biederen Versuche, den Clubs das Feuer aus den Argumenten zu nehmen, verfingen allerdings nicht. Olaf Möller war sichtlich sauer, dass maßlose Anhebungen von 10% verlangt werden. Dies ist auch betriebswirtschaftlich extrem fragwürdig – wenn der Großteil der Umsätze für Abgaben draufgeht, so Möller, werden Clubs gefährdet. Er machte eine unwidersprochene Rechnung auf, nachdem die Steigerungsrate der GEMA-Gebühren bei Konzertveranstaltungen teilweise bei 40% liegt – „ein Wahnsinn und überhaupt nicht vermittelbar!“ Auch im Fachpublikum regte sich an dieser Stelle Unmut. Ein Club-Besitzer konstatierte den „Fehler im System“: Abgaben an die GEMA, KSK, GVL, Haftpflichtversicherung, plus Künstlergage – am Ende kommt man auf 70% fixe Kosten, und von den restlichen 30% soll der Betrieb überleben, seine Mitarbeiter bezahlen, investieren in neue Technik – wie soll das funktionieren?

Was meinte Herr Dostal von der GEMA dazu? Er arbeitete sich erst einmal langatmig und ausschweifend am Kulturbegriff ab – seine ziellosen, arg selbstbeweihräuchernden Ausführungen sollten wohl die „gegnerischen“ Akteure in eine Art Dämmerschlaf versetzen. Johannes Ulbricht hielt tapfer dagegen, wies noch einmal darauf hin, dass die geplante 7,2%ige Abgabe für kleine Clubs auf jeden Fall zu einer Reduzierung von Veranstaltungen führen werde. Die Situation ist dergestalt, dass GEMA-seitig Gigs inzwischen teurer durchzuführen sind als Disco-Veranstaltungen. Auch hier sieht er eine gefährliche Schieflage – es muss einfach komplett neu gedacht werden bei der GEMA-Gebühr. Hier traf er auf Frank Dostals ausdrückliche Zustimmung, der festhielt, dass den kleine Clubs bei den Verhandlungen entgegengekommen werden muss.

Fazit: eine 40%-Steigerung für bestimmte Clubs ist einfach nicht hinnehmbar – es steht im Raum die Gefahr der Verödung der Clubkultur, aber auch die Frage der Angemessenheit der Vergütung von Urhebern. Diese Frage muss nun in weiteren Verhandlungen der GEMA mit der Live-Wirtschaft dringend auf den Tisch – und ganz neue Abrechnungsmodelle werden von beiden Seiten nicht ausgeschlossen.