GENDER MAINSTREAMING IM HARDCORE / Popkultur–Hochschulen im Diskurs auf der Convention

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Popculture today –zwischen Theorie und Praxis hieß das muntere Panel auf der Convention der c/o pop im albernen Denglisch – denn gesprochen wurde Deutsch. Moderator des munteren Stelldicheins der Größen deutscher „Popwissenschaft“ war der unnachahmliche Ralf Niemczyk vom Rolling Stone. Verhandelt wurde der Stand des Pop als akademischer Bildungsinhalt – und das teils hochkarätig besetzte Podium wusste einerseits mit einigen Bonmots und Stilblüten zu Gefallen, als auch mit hintergründigen Statements zur populärkulturellen Ausbildung an deutschsprachigen Hochschulen. Ein Bericht von Martin Hannig.

Allein die Anwesenheit des Kulturwissenschaftlers (und ex Spex-Manns) Diedrich Diedrichsen, deutscher Papst der Poptheoretiker, intellektuelle Speerspitze der Grundfragen der populären Kultur, adelte die Convention und die Anwesenden. Der nun in Wien als Professor tätige D.D. tat kund, dass man Kunst / Pop natürlich lehren kann. Das bedeutet allerdings nicht dass in Wien Stars fabriziert werden müssen – im Gegenteil: es gelte, den Zugriff von ökonomischen Verwertungen auf die Uni abzuwehren. Die schiere Ausbildung für den Markt in Diedrichs Ding nicht – er trat vehement für die „Erhaltung der antikapitalistischen Enklave Hochschule“ ein, als „Schutzraum“ für kreative Versuche der Studierenden ohne Marktinteresse. Gleichzeitig räumte er ein, dass gerade aufgrund der diffusen Kunst-Ausbildung die Lebensverhältnisse der Absolventen in der Regel auf ein halbsubkulturelles Prekariat hinauslaufen; die Leute müssen sich meist mit verschiedenen Jobs über Wasser halten. Nur die wenigsten können z.B. klassisch vom Bilderverkauf in Galerien leben. Als Niemczyk dann einwarf „jeder Jeck is ja anders“, schlagfertigte D.D.: es gebe halte im Kulturbetrieb ganze „Tribes von Jecken“ . Auch Andreas Grimm (Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf) konstatierte einen wachsenden Einfluss der Kreativwirtschaft auf die Hochschulen; Pop an Hochschulen, so D.D., „soll Rendite bringen“.

Udo Dahmen von der berühmten Pop-Akademie Mannheim empfahl natürlich seine Institution als popkulturelle Ausbildungsstätte, indem er beeindruckende Zahlen zu den Stars nannte, die sie im Laufe der Jahre hervorbrachten (sinnigerweise spielte am gleichen Abend Get Well Soon im Alten Wartesaal mit Konstantin Gropper als ehemaligen Mannheimer). Die Möglichkeit des Netzwerkens sei gerade in Mannheim außerordentlich.

Fehlt noch der Hans Dampf in allen Gassen: Hans Nieswandt, DJ, Autor, und nun auch Künstlerischer Leiter des neugegründeten Folkwangs-Instituts für Populäre Musik in Bochum. Im ersten Durchgang des Master-Studiengangs hat er 6 Studis mit Bachelor eingesammelt – nicht gerade viel, aber mehr als 8 pro Semester sollen es auch nicht werden. Eine eher kleine Einheit also, mit der er das Ruhrgebiet popwissenschaftlich beglücken möchte. Auf die Frage, wie man sich das Auswahlverfahren denn vorzustellen habe, antwortete er unter Gelächter des Publikums: „Wie bei Fame!“ Aber natürlich würde auch die künstlerische Erfahrung der Bewerber besonders berücksichtigt, will Nieswandt doch die Studierenden bei ihren Projekten begleiten und sie dort unterstützen, wo es notwendig ist. Auch ein paar theoretische Lehrinhalte kommen dazu aus dem Bereich Pophistorie oder Musikwirtschaft – so ganz genau konnte oder wollte er aber dazu nichts sagen ; wohl zurecht denn der Lehrbetrieb wurde gerade erst aufgenommen. Nieswandt beharrte ähnlich wie Diedrichsen auf der Idee des Schutzraums, denn nur so „kann man in Ruhe verrückt sein!“.

Die Runde driftete dann wunderbarerweise ab zu einem vieldiskutierten Artikel von D.D. in der SZ, als er gegen die gehypte David Bowie Ausstellung agitierte. Tendenzen zur Verhochschulung des Pop gebe es ja schon lange – siehe dieses Podium – nunmehr sind wir bei einer Musealisierung und „unaufhaltsamen Kanonisierung“ (Dahm)  angekommen, die im Falle der Bowie-Ausstellung, so D.D.,  nur „öde und tautologisch“ war. Das Bestreben von Museen dem Populären hinterherzulaufen führt dann in diesem Falle auf das Niveau einer „3-D—Bravo“. Wenn Popmusik derart populistisch dargestellt werde, sei man falsch beraten.

Die Frage nach den Inhalten der Studien wurde vom wie immer glänzend aufgelegten Ralf Niemczyk (der schon allein den Besuch des Panels wert war) so gestellt: „Was macht ihr denn da so – geht’s da um sowas wie Gender Mainstreaming im Hardcore?“ Der Lacher war auf seiner Seite – die Antworten dann eher nicht so aussagekräftig. Die Theorie-Ausbildung in Wien hielt z.B. D.D. (wen wundert’s!) für das „tägliche Brot“ eines Studierenden. Seine Erfahrung: 50% der Studis sind total desinteressiert, 20% ein wenig interessiert, und 30% Feuer undFlamme für die Disziplin. Andreas Grimm hob hier an seiner klassischen Hochschule die Idee der inhaltlichen Interdisziplinarität hervor, während Hans Nieswandt den Projektgedanken (s.o.) erläuterte. Am Ende, so die Runde, übernehmen die Hochschulen heuer die Aufgaben, die früher klassische Labelarbeit war, aber mangels finanzieller Perspektiven meist wegfalle: Künstler begleiten, in Ruhe arbeiten lassen, stützen.

Bleibt nochmal das Problem der Absolventen aufzugreifen, die gemäß D.D. ja gar nicht so viel zu lachen haben – finanziell. Udo Dahmen konterte, dass gemäß einer Umfrage unter Mannheim-Alumni sage und schreibe 90% einer regelmäßigen freiberuflichen Tätigkeit als Musiker nachgehen. Dabei kommen sie auf einen Durchschnittsverdienst von 1750 EUR. Ob das nun viel oder wenig für einen akademisch gebildeten Menschen ist, möge der Leser entscheiden. Aber – Gott sei Dank! – „Erfolg ist nicht nur finanzieller“, so Dahmen, „sondern auch künstlerischer Erfolg!“ Na dann – ist ja alles gut….