ROSKILDE FESTIVAL 2014 / Music and Art / STONES Back On Orange – Finally!

Roskilde bei entertaim.net

Es geht um Musik, Kunst und das was Roskilde-Sprecherin in der Pressekonferenz  Christina Bilde „Co-Creating“ nannte: die gemeinsame „Produktion“ eines einzigartigen Erlebnisses. Die 43. Ausgabe des Roskilde Festivals kombiniert den modernen Ansatz der elektronischen Musik mit der alten Schule des Rhythm’n‘ Blues. Auf anderen Festivals würde dieses Experiment scheitern – aber gerade wegen des hohen Risikos bei der Programmierung des Festivals wird es von den Roskilde-Jüngern geschätzt, „weil Roskildebesucher seit jeher daran gewöhnt sind und keine Probleme haben, um sowohl Spaß mit den alten Dinosauriern und mit neuerer elektronischer Musik gleichzeitig zu haben“, so Chrstina Bilde. Das ist natürlich nur ein Aspekt von vielen, die dieses Festival so einzigartig machen. Auf der anderen Seite findet man – neben der Musik auf vielen Bühnen – eine anspruchsvolle Kunst-und Performance-Erfahrung, die in diesem Jahr ihren Höhepunkt fand in der neuen „Art Zone“, in der internationale Künstler speziell für Roskilde entworfene Kunst zeigten unter den Aspekten „transformation, participation, repetition“.

Ein Bericht von Martin Hannig with a little help from Markus Drost und Carsten Drescher

Fotos mit freundlicher Genehmigung vom Roskilde Festival, Bild Rolling Stones (oben) von Rashid Akrim / (unten) von Christian Hjorth

Aber nun zur Musik! entertaim.net war vor Ort um euch zu berichten – und wir hatten einige Aha-Erlebnisse und unglaublichen Spaß – wie jedes Jahr!

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DAY 1: ELECTRIC WIZARD, THE ROLLING STONES

Donnerstag begannen wir mit unserem Festivaleinstieg ELECTRIC WIZARD. Die langjährigen Doom-Metaller um Jus Osborne aus dem UK waren ein würdiger Opener der Arena stage. Sie lieferten volle Breitseite heavy Sabbath-Riffs in das erwartungsvolle Publikum. Das ganze kam denn auch viel heavier rüber als auf ihren Platten, die eher retrorockig klingen. Das Outfit der Band mit ihren coolen Westen und der Zakk-Wylde-Gedächtnis-Schlaghose von Gitarristin Liz Buckingham ist eh unbezahlbar cool. Fast das Beste an dem Eröffnungs-Gig waren aber die Ausschnitte aus italienischen Trash-Giallo-Filmen der 70er Jahre, die im Bühnenhintergrund liefen und perfekt zu den morbiden Doom-Tönen passten. Eine positive Überraschung!

“Legenden bei der Arbeit”: Aber das war ja nur das Intro für das was kommen sollte – für viele das Highlight des diesjährigen Festivals. Die ROLLING STONES waren bereit, die Orange Stage zu spielen – die witzigerweise 1976 für ihre damalige Europa-Tour konstruiert wurde! Allein dies eine wahrhaft historische Begebenheit anno 2014 in Roskilde! Keine Ahnung wie der Festivalprogrammer DAS hingekriegt hat und wieviel Euros dafür in die Stones-Taschen wanderten, aber endlich hat er’s hingekriegt – so dass ein übergreifender Jubel aufbrandete, als die STONES auf die Bühne kamen um „Jumpin Jack Flash“ zu intonieren. Jeder wurde überwältigt von dem Gefühl, hier echte Legenden bei der Arbeit zu sehen. Mick, Keith, Charlie, Ronnie präsentierten ihre goldenen Hits in einer spektakulären Abfolge. Mick und Keef gaben das Odd Couple, Charlie – der inzwischen wie Chris Reas Vater aussieht – den britischen Gentleman-Drummer, und Ronnie betonte seine Guitarslinger-Attitüde, die auch bei Aerosmith oder Guns’n’Roses gut gepasst hätte.

Wenn man mal davon ausgeht, dass dies die letzte Stones-Tour ever ist, dürfen wir froh sein, sie in solch bestechender Form erlebt zu haben. Der Sound reduziert auf das was die Stones im Kern ausmacht, nämlich eine hart rockende R’n’B-Band, ohne die Gimmicks der letzten Stadionrock-Jahre: nur nackter Gitarre/Bass/Drums-Sound, roh und schmutzig.

Zu den Songs: „Tumbling Dice“ wurde bissig vorgetragen, mit knackigem Gebläse und tollem Backlingchor. „She’s So Cold“ hatten sich die Fans gewünscht und wurde druckvoll und groovy gespielt. Der “Brown Sugar“ schmeckte genau so: süß und verbrannt, immer noch eine Bestie von einem Rocksong, während beim schleppenden „Honky Tonk Women“ wirklich alle mitgröhlten. „Doom And Gloom“ – der Neuling im Set – fiel erstaunlicherweise nicht ab. Mick Taylors Auftritt beim nicht enden wollenden viertelstündige Exile-Kracher „Midnight Rambler“ war eine willkommene Erinnerung an die ursprünglichen Bluesinstinkte der Stones, mit einem fantastischen Gitarren-Finale Taylor/Wood/Richards – und das vierminütige irrwitzige Solo von Taylor war anbetungswürdig! Eine Fahrt tief in die Eingeweide des Blues, wie sie Roskilde selten erlebt hat. Danach durfte die Menge mit Keef akustisch durchatmen: „You Got The Silver“ gab er mit seiner unnachahmlichen whiskeygestählten Nichtstimme – „Can‘t Be Seen“ hätte aber nicht auch noch sein müssen. So war man froh als Mick wieder auf die Bühne kam und – er lässt es sich nicht ausreden – immerhin ein paar Sätze auf Dänisch zustande brachte. Na klar hatten die Stones noch einige Asse im Ärmel, so z.B. das manische, dunkle „Sympathy For The Devil“, mit Mick in Höchstform. Oder das immer wieder unfassbare, weit ausufernde „Gimme Shelter“, für mich der beste Stones-Song ever, mit Gänsehautgarantie. Sie beendeten diesen furiosen Gig mit den obligatorischen Zugaben „You Can’t Always Get What You Want“ und „Satisfaction“ – danach blieben keine Fragen offen.
Der Gig überzeugte auch in klanglicher Hinsicht mit einem nahezu perfekten Sound über die 140 Minuten Spieldauer. Alle zeigten dabei erkennbar Spiellaune. Die Abkehr vom Stadionrock war extrem überzeugend, sie zeigten uns Nachgeborenen, wie es damals war, als sie in den Clubs als Rhythm’n’Blues Band begannen. Und das Rock’n’Roll doch irgendwie mit dem Jungbrunnen zu tun hat, konnte man bei allen Stones sehen, die agil und drahtig wirkten, und niemals den Anschein einer Rentnertruppe zeigten. Dass Mick sich mitm 70 noch immer das Mikro in die Hose steckt – geschenkt. Seine tänzelnden Läufe über den ins Publikum ragenden Laufsteg sind rock n roll pur, ohne Fremdschämen, und ganz selten durfte auch Keef mal mitgehen – wahrscheinlich hatte er bei Mick vorher eine schriftliche Genehmigung beantragt.😉

Man hört immer wieder, die Stones parodieren sich selbst nur noch. Wer diese Band erlebt hat, kann dies guten Gewissens verneinen. Sie entschieden sich halt vor langer Zeit, ihr ganzes Leben dem Rock’n‘Roll zu widmen – wie viele Bluesmusiker und Rock’n’Roller vor ihnen. Dennoch: es fühlte sich nun irgendwie an wie der endgültige Abschied – das er auf der Orange Stage zu erleben war – unglaublich!

Setlist: Jumpin Jack Flash/  Let’s Spend The Night Together/ It’s Only Rock’n’Roll / Tumbling Dice/ Wild Horses/ Doom And Gloom/ She’s So Cold/ Out Of Control/ Honky Tonk Women/ You Got The Silver/ Can’t Be Seen/ Mdnight Rambler (mit Mick Taylor) / Miss You/ Gimme Shelter/ Start Me Up/ Sympathy For The Devil/ Brown Sugar/ Encore: You Can’t Always Get What You Want/ Satisfaction  (mit Mick Taylor)

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DAY 2: SEEED, DAMON ALBARN, MOGWAI, FUTURE ISLANDS, ATOMIC BOMB! BAND

Der 2. Tag für uns vor Ort begann am späten Nachmittag mit SEEED, die zum dritten Male in Roskilde spielten. Sie lieferten eine nahezu perfekte Reggaeshow ab. Für Peter Fox eine tolle Sache, erzählte er doch zwischendurch wie er vor 20 Jahren noch im Publikum vor der Orange Stage stand, und nun spielt er endlich selbst unter dem orangen Dach. Sowieso Fox: im hellblauen Anzug mit stylisher Sonnenbrille war er der klare Chef der Band, die mächtig groovy und cool die Party zum Kochen brachte. Neben dem großen SEEED-Repertoire spielten sie auch Songs von Peter Fox. Absolute Live-Band!

Danach mussten wir uns sputen, um noch das WM Viertelfinale gegen Frankreich irgendwo zu sehen. Nachdem es erstmals keine Live-Bilder vom Fußball-Großereignis im Festivalgelände gab, galt es schnell ein Taxi in die Stadt zu nehmen, dort einen Pub zu entern und danach schnell wieder zurück. Musste sein!

Gerade noch rechtzeititg, um den großen Mr. DAMON ALBARN zu sehen.  Sehr viele Songs vom neuen Album waren zu vernehmen. Albarn und seine formidable Band (der Einfluss von The Clash war manchmal nicht zu überhören!) gingen mit einer unglaublichen Spielfreude zu Werke, er hängte sich voll rein, gab die Rampensau – man merkte, er mag Roskilde total, er war ja auch schon diverse Male dort (obgleich er sich mit der Jahreszahl seines ersten Gigs dort vertan hat, wie aufmerksame Besucher merkten – sei’s ihm vergönnt, war ja schon Anfang der 90er mit BLUR). Das Publikum trug ihn auf Händen durch das Set. Am Ende wartete man dann aber doch auf die GORILLAZ-Songs, bei denen dann erwartungsgemäß Party herrschte – auch wenn Kano’s Rap bei „Clint Eastwood“ ziemlich deplatziert daherkam. Dafür knallte De La Souls Gastauftritt bei „Feel Good Inc.“ umso besser – die Stimmung hochexplosiv, als die Meute fast durchdrehte. Am Ende ein toller Gig mit tollen Musikern, vor einer begeisterten Menge in der Arena, der mit „Heavy Seas Of Love“ sehr stimmungsvoll und mit einer kleinen Gänsehaut endete. Den kompletten 90 minütigen Gig vom Festival-TV gibt’s hier: https://www.youtube.com/watch?v=I-f7pqJv1L4

 MOGWAI danach waren auch – wie immer – verdammt gut, aber auch sehr laut, wie hier und da bemängelt wird. Aber wozu werden Earplugs verteilt? Die Songs von neuen Album „Rave Tapes“ standen im Mittelpunkt, garniert wurden diese mit sehr gut dazu passenden Songs aus der langen Bandgeschichte. Sich in den instrumentalen Mahlstrom dieser Band versinken zu lassen, ist immer wieder ein Erlebnis; Musik wird durch MOGWAI – auch durch die immense Lautstärke – richtiggehend fühlbar. Ein atmosphärisches Highlight! Den kompletten 70-minütigen Gig vom Festival-TV gibt’s hier: https://www.youtube.com/watch?v=Z4_6nDcmg_c

FUTURE ISLANDS in der frühen Nacht: das Zelt war tierisch voll, die Fans standen bis weit nach draußen, als Alleinunterhalter Samuel T. Herring samt Gefolge ein beeindruckendes, wahnsinnig schönes Konzert ablieferten. Mit ihrem extrem melodischen Synthpop ist die Band aus Baltimore auch in Dänemark eine recht große Nummer geworden – über all die Jahre fast unbemerkt. Immer haarscharf an der Kitschgrenze lang balancieren die FUTURE ISLANDS – aber um diese Uhrzeit in der Nacht war das alles sehr überzeugend. Samuels einmaliges Stage-Acting darf man entweder intensiv und gänsehautauslösend nennen oder wahlweise auch völlig durchgeknallt. Egal: er hatte die Menge im Griff, schuf mit seiner Präsenz riesige Emotionen und machte auch diesen Gig zu einem Highlight des diesjährigen Festivals!

Aber die Kette von unfassbar geilen Gigs war an diesem Tag noch nicht am Ende: die Funk-Groove-Revue ATOMIC BOMB! WHO IS WILLIAM ONYEABOR? BY THE ATOMIC BOMB! BAND and SPECIAL GUESTS . Was dort in der Nacht in der Arena abging ist kaum in Worte zu fassen – die Afro-Funksters Sinkane hatten viele hochkarätige Gäste um sich geschart, um eine riesige Party zu Ehren des nigerianischen Produzenten und Musikers William Onyeabor zu präsentieren. Seine funk-african-beat-Songs standen im Mittelpunkt der Show, die mit 2 Schlagzeugern und diversen Percussion rhythmusmäßig nach vorne ging. Die super lang ausgebauten Groovemonster von Songs wurden von von Money Mark (Beatie Boys) und Alexis Taylor (Hot Chip) veredelt – und am Ende konnte es sich Damon Albarn nicht verkneifen, seinem tollen Gig vom gleichen Abend noch einen draufzusetzen und zu „Fantastic Man“ dazu zu kommen und obendrein mit einem 3-Minuten-Synth-Orgelsolo zu glänzen (siehe https://www.youtube.com/watch?v=3h_VcVUQS6g) . Bei diesem Gig sah man keinen still stehen, eine tolle nächtliche Simmung im Publikum und ungebremste Spiellust auf der Arena Stage. Was für ein Konzert!

DAY 3: LES AMBASSADEURS feat. SALIF KEITA, ICONA POP, SPIDS NØGENHAT, THE MEN, INTERPOL, HOOKWORMS, SLOWDIVE

LES AMBASSADEURS feat. SALIF KEITA waren der erste Programmpunkt am späten Samstagnachmittag. Der Altmeister aus Mali – die „golden voice of Africa“ – trat in der gut gefüllten Arena auf mit seinem um diverse Gäste verstärkten Ensemble Les Ambassadeurs. Uns bot sich eine entspannte Samstagnachmittag-Ethno-Veranstaltung. Die Band spielte dabei begeisternd auf – eine polyrhythmische Musik mit teils für den gemeinen Rock-Experten exotischen Instrumenten. Funk, Jazz, Latin und Swing wurden kombiniert mit typisch malischen Gesängen des Herrn Keita – für unvorbereitete westliche Ohren jedoch durchaus gewöhnungsbedürftig. Ebenso das Stageacting des megasouveränen Salif Keita: wie ein James Last in Afrika, wurde per Fingerschnipp einfach mal angezeigt wer denn nun das nächste Solo zu spielen habe, und zwischen den Songs war auch des Öfteren für einen längeren Plausch mit seinen Musikern Zeit. Tiefenentspannt der Mann!

Anders dann kurze Zeit später die Schweden-Gören von ICONA POP an gleicher Stelle: in der extrem vollen Arena ging es bei Schwedens Popexport partymäßig voll zur Sache. Mit ihrem Bubblegum-Disco-Pop, der oft an an Lilly Allen erinnert, wurde die Arena spätestens beim Riesenhit „I love It“ abgerissen. Aino Jawo und Caroline Hjelt sind aber auch hervorragende Entertainerinnen; sie hatten die Menge dank ihrer einfallsreichen Stageshow jederzeit im Griff. Nur der Schlagzeughampelmann, der mit seinen E-Drums ab und an mal was zur Musikkonserve beisteuern darf, und der auch mal die Elektronik einschaltete, sah manchmal wie bestellt und nicht abgeholt aus im Dance-Wunderland der 2 Icona Pops.

Der Rest des Abends und die Nacht standen ganz im Zeichen des Gitarren-Shoegazer-Revivals. Los gings mit SPIDS NØGENHAT (Dänemark) im Avalon-Zelt. Nach mehr als 10jähriger Aufnahme-Pause kamen die Psych-Rocker – in Dänemark sehr bekannt – mit einem neuen Album zurück nach Roskilde, was vom dänischen Publikum frenetisch gefeiert wurde. Ihr psychedelischer Space-Rock a la Hawkwind ging einher mit einer psychedelischen Projektion im Hintergrund, wie es sie 1967 in London bei jeder Band gegeben haben muss. Große Melodien, Echo auf der Stimme, verschwurbelte Keyboard-Sounds – so geht Psych.

Schnell rüber zu THE MEN im Pavilion: „We are The Men from New York“ waren die einzigen Worte ans Publikum – und dann gabs eine Stunde energische Musik, die zu definieren selbst altgedienten Konzertgängern schwer fällt. Jeder Song hörte sich anders an als der vorhergehende. Einzige Konstante: die beiden Sänger sangen meist extra schräg, und der Drummer versuchte sich erfolgreich am Metronom-Beat a la Klaus Dinger. Die neueren Songs vom letzten Album „Tomorrow’s Hits“ sind klar im Americana verortet, teils hört man Neil Young heraus, manchmal gar Countryrock. Dann wiederum gab es Grateful Dead-artige Seancen mit Krautrockappeal, und diverse Punkeinschübe. Ein extrem riskanter und ungewöhnlicher Mix, der aber sehr kraftvoll und mit viel Spielfreude rübergebracht wurde, so dass sie das Publikum am Ende auf ihrer Seite hatten.

Zu späterer Stunde wars dann Zeit für die großen INTERPOL: Die Arena-Bühne ganz in blau getaucht, die Band wie immer stylish hoch 10. Paul Banks erschien rein äußerlich fast wie der David Bowie der 80er Jahre, aber seine an diesem Abend großartige Stimme und natürlich die immer wieder fantastischen Songs von INTERPOL sind ganz im Hier und Jetzt verhaftet. Die Band hatte erkennbar Freude an der Arbeit, besonders Daniel Kessler zeigte hin und wieder einige coole Rock-Posen. Sie spielten viele ältere Sachen wie „Evil“ oder natürlich das tolle „Turn On The Bright Lights“, bei dessen Chorus die Arena kurz hell erstrahlte – das einzige Mal, dass die blauen Scheinwerfer ausgingen und somit ein unglaublich erhabener Effekt. Besonders toll bei diesem Konzert war der Sound von Interpol – und was Atmosphäre angeht, reicht ihnen eh kaum jemand das Wasser.

Die HOOKWORMS aus Leeds/UK sind klar der Welle der neuen Shoegaze-Noiserock-Bands zuzurechnen, die nun auch in Roskilde gestrandet ist. Eine Gruppe von Nerds mit dem etwas dicklichen Obernerd am Keyboard und lead vocals: dies sind HOOKWORMS. Natürlich muss da extrem viel Hall auf die Vocals! Super auch hier: bewusst oder unbewusst nimmt der Drummer den NEU!-Faden auf, spielt diese metronomischen Drums wie damals Klaus Dinger sehr druckvoll und schnörkellos auf den Punkt, und treibt die Band somit ständig vor sich her – dieses Phänomen war eigentlich bei allen Shoegaze-Bands der neuen Generation festellbar. Und das ganze wird dann natürlich sehr krautrockig, wenn Bass und Drums den sturen Background liefern, damit vorne sich die Instrumente minutenlang austoben können. Wer darauf steht, ist bei Hookworms richtig! Ein teils psychedelischer Post-Krautrock mit vielen elektronischen Effekten, dessen hypnotische Wirkung durch die schiere Song-Länge entsteht.

Wenn schon denn schon, die siebte Band des Tages für die Berichterstatter war SLOWDIVE – da heißt es bis zum frühen Morgen des nächsten Tages kämpfen um nicht im Stehen einzuschlafen. Aber die alten Shoegazer-Helden auf großer Reunion-Tour, die nun um 2:15 Uhr im im Avalon vorbeischauten,  durften keinesfalls verpasst werden! Eigentlich waren ja Chromeo gebucht – aber da die Amerikaner nicht antreten konnten, wurde mit Slowdive ein mehr als gleichwertiger Ersatz gefunden. Leider war der Sound bei diesem Gig sehr verwaschen. Nun haben sie ja schon bei Studioaufnahmen ohne Ende Hall auf Stimme und Gitarren – live wird’s nicht besser, wenn man das noch potenziert. Aber war wohl Absicht…. Dennoch ein wunderbarer Shoegazer-Gig, wenig Gesang, lange Instrumentalpassagen, intime Atmosphäre, und ein ziemliches Feedback-Brett wenn die aparte Rachel Goswell sich auch noch die 3. Gitarre umschnallte. Bis zum bitteren Ende gegen halb vier…

DAY 4: DEERHUNTER, KASABIAN

Der letzte Tag begann für uns in der Arena mit DEERHUNTER: Feedback again – auch hier viele Gitarren im Einsatz, wenn die Band um Obernerd Bradford Cox (diesmal mit Kappe und Holzfällerhemd, das um seinen dürren Körper nur so schlackerte) zu ihrem Indie-Shoegazer-Mix antreten. Standesgemäß ist der Bühnen-Boden mit Effektgeräten und Pedalen zugebaut, so wie man es erwartet, damit man 10 Minuten auf dem Boden sitzen und an den Effekten rumspielen kann – das ist für Cox kein Thema, und die Fans freuen sich über die Darbietung. DEERHUNTER erinnern damit manchmal an Sonic Youth, die aber noch abgedrehtere Gigs lieferten, während DEERHUNTER erkennbar doch immer Kurs halten und nie den Song aus dem Augen verlieren. Die Jungs standen entspannt auf der Bühne rum, wirkten gar lethargisch – aber nicht nur hier war erkennbar: die Shoegazer/noise/Gitarrenbands (wobei DEERHUNTER ja nun auch schon ein paar Jahre dabei sind) kümmern sich einen Dreck darum, wie sie wirken und rüberkommen, die machen ihr Ding und sind überzeugt davon und wirken dadurch umso authentischer. Gute Unterhaltung mit viel Feedback.

Gut unterhalten wurde die Orange Stage dann von KASABIAN. Uns ist es allerdings schlicht unerklärlich, dass sie im UK so groß sind und vor hunderttausend in Glastonbury abgefeiert werden. Wie dem auch sei: „We are the mighty Kasabian“, so Sänger Tom Meighan zu Beginn der Show, und das bringt das Selbstverständnis der 4 auf den Punkt. Geboten wurde ein Gig mit extrem unterschiedlichen Songs, ein recht wilder Stilmix zwischen Elektro – vor allem vom neuen Album – und Indierock. Wenn Serge Pizzorno die Gitarre beiseite legte und die Keyboards bediente und auch selbst sang, wurde die Orange Stage zur Großraumdisco, und dann war auch richtig Stimmung in den ersten Reihen.  Allerdings gibt’s nur wenige Bands die gegen die allgemeine Lethargie eines Sonntags nachmittags um 17.00 Uhr auf der großen Bühne anspielen können, und das auch noch vor relativ wenig Fans, und damit so gar kein Problem haben. Dazu bedarf es Chuzpe und Professionalität – und beides haben KASABIAN im Übermaß. Sehr interessante Charaktere, aber man muss wohl Brite sein um die ganz toll zu finden.

CU again 2015 Roskilde!