ANDREAS DORAU / Der Geruch des Fritz Honka – Pfeifen mit Leichenteilen / Interview mit der Lichtgestalt des deutschen Pop

Andreas Dorau bei entertaimnet

Die graue Eminenz der deutschen populären Musik: Andreas Dorau ist seit Anfang der 80er unverzichtbares Element dieser von Indie-Slackern oft hochnäsig als zweifelhaft angesehenen Musikrichtung. Seine hintergründige Tanzmusik, oft ausgestattet mit unglaublichen Hooks allerhöchster Ohrwurmklasse (siehe „Girls In Love“) kommt zusammen mit seiner Vorliebe für merk-würdige, teils abgründige Sujets in den Lyrics – all dies macht ihn für uns unverzichtbar. Wer meint, Intelligenz und Pop schließen sich aus, hat seinen Dorau nie gelernt. Nun gibt es von ihm – der es ja nicht so mit regelmäßigen Veröffentlichungen hat – gleich das volle Programm: zuerst die Best Of am Jahresanfang, dann aktuell seine neues Album „Aus der Bibliothèque“, auf dem er seine Alltagsbeobachtungen um den bisher in der Musik viel zu kurz gekommenen Bereich der Öffentlichen Stadtbibliothek erweitert. Außerdem – den Fan wird’s freuen! – werden wir ihn leibhaftig auf einer seiner seltenen Touren sehen im Mai! (Termine siehe unten)

Von Martin Hannig, Bild von Sönke Held (Soenke Held)

entertaim.net: Du hast auf deinem neuen Album mit der Liga der gewöhnlichen Gentlemen zusammengearbeitet. Wir haben ja Carsten Friedrichs letztes Jahr auch interviewt und da hat er noch nichts davon erzählt. (siehe https://entertaimnet.wordpress.com/2013/06/05/liga-der-gewohnlichen-gentlemen-das-leben-nach-superpunk-gute-musik-und-nette-leute-interview-mit-carsten-friedrichs/). Wie kam es denn zu der Kooperation mit der Liga?

Andreas: Also Carsten kenne ich schon eine ganze Weile, seit Superpunk. Als die damals ein Tribute-Album gemacht haben, hatte ich einen Song von ihnen bearbeitet und den haben wir auch mal zusammen performt. Ich muss mal ausholen: Bureau B hat ja den ganzen Atatak-Katalog übernommen. Sie wollten dann zu meinem 50. Geburtstag eine Best Of und eine Raritätenplatte rausbringen und fragten ob ich das mitmachen würde, und ob ich mir vorstellen könnte zum Geburtstag Konzerte zu geben. Ich hatte mir dann mal meine sogenannten Raritäten alle angehört, und stellte dabei fest, dass es ein Stück gab, das überhaupt noch nicht veröffentlicht war, was ich sehr interessant fand – das war „Stählerner Adler“ – sowie noch 2 andere Stücke, die quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit veröffentlicht wurden auf Winziglabels. So kam ich dazu, der Best Of/Raritäten zuzustimmen, ich würde aber auch gern gleichzeitig noch eine neue Platte machen. Was die drei Stücke, die ich da in meiner Schublade fand, gemeinsam hatten: sie waren alle eher gitarrenlastig. Die passten hervorragend zusammen und bildeten sozusagen die Basis für mein neues Album. Insofern war für mich gesetzt, dass da Gitarren zu hören sein sollten! Und dann meldete sich Carsten: „Wir würden gern mitspielen!“ Und ich: „Ja, freut mich sehr!“ – Und so kam es dass wir bei Zwanie im Studio das Album aufnahmen.

entertaim.net: In unserem Interview (Link siehe oben) hat Carsten mir damals erzählt, dass seine absolute Lieblingsplatte das 2. Album von Die Doraus & Die Marinas ist. Für ihn ist das ein absolutes Meisterwerk. Hat er dir das eigentlich erzählt?

Andreas: Ich kann diese Platte überhaupt nicht ausstehen! Bei Carsten und mir gibt’s viele Deckungen musikalischer Natur, aber ich manchen Punkten gehen wir auch stark auseinander…

entertaim.net: Superpunk fandest du aber immer ok?

Andreas: Superpunk mochte ich immer schon gerne. Carsten benutzt für seine Texte ein sehr gutes Deutsch, nicht so ein „rockistisches“ Deutsch. Er gibt sich sprachlich echt Mühe, und die Themenwahl ist ungewöhnlich. Find ich echt sehr schön.

entertaim.net: Apropos ungewöhnliche Themenwahl. Auf deinem neuen Album hast du….

Andreas (unterbricht): … da hab ich dir aber `ne schöne Brücke gebaut…

entertaim.net: Wunderschön, danke sehr! Solche Interviewpartner sind mir natürlich die liebsten….

Andreas: (lacht)

entertaim.net: Also deine Sujets sind ja leicht subversiv, hintergründig, oder auch sehr traurig, finde ich. Zum Beispiel hab ich grad nochmal das 2011er Album „Todesmelodien“ gehört mit dem Seniorenheim-Stück….

Andreas: Ich weiß gar nicht, ob das traurig ist, ich empfinde das nicht. Eher spooky. Das geht über traurig hinaus, das ist die totale Leere. Da sind die Tränensäcke schon leer – das ist schon das Endstadium.

entertaim.net: Endstadium – da frag ich mich geht das eigentlich noch weiter hinaus als bei „Tannenduft“ vom neuen Album? Das Zusammenbringen von sehr positiver, fröhlicher catchy Musik, mit diesem Text, da frag ich mich, was hat er denn jetzt gemacht? Ein Lied mit Pfeifen über Leichenteile…. Wunderst du dich auch mal selbst darüber was du so zusammenbringst?

Andreas: Es ist ja nicht so dass ich da 5 Minuten rumbastele und dann hinterher staune. Der Text zum Beispiel der liegt schon 4 Jahre bei mir herum. Den hab ich immer wieder angefangen, und nun im Zuge dieser Platte hab ich ihn endlich mal zuende geschrieben. Die Person Fritz Honka (Anm. d. Red.: ein Serienmörder in den 70er Jahren) hat mich schon immer fasziniert. Es gibt ja erstaunlicherweise gar kein Buch über ihn, so dass ich mir alle Informationen aus dem Netz mühseligst zusammensuchte. Was ich erstaunlich und faszinierend fand: dass er eben an diesem Geruch erkannt wurde. Wie das wohl gestunken haben muss – faszinierend.

entertaim.net: Du hast ein Video gedreht zu „Flaschenpfand“. Und auch da fiel mir auf: die Flasche mit dem Aufkleber „leckere Zitronenlimonade“. Ist doch wieder typisch Dorau, oder?

Andreas: Diese Flasche in dem Video sollte ja eine jungfräuliche Flasche sein. Die Story des Videos: eine Flasche gerät auf die schiefe Bahn, ins soziale Abseits. Und begeht am Ende Selbstmord oder macht einen Selbstmordversuch. Und es musste deshalb ein harmloses Getränk sein, was kein Wässerschen trüben kann. Jetzt wollten wir kein Markenprodukt nehmen, und am Ende hatten wir die Wahl zwischen Apfelsaft und Zitronensaft. Es sollte bloß darstellen, dass es sich um ein total harmloses naives Getränk handelt.

entertaim.net: (lacht). Naives Getränk im sozialen Abseits – sehr gut. Ich finde das passt hinein in eine gewisse Zeitlosigkeit, die deine Werke ja ausstrahlen. Diese Flasche sieht ja auch aus wie aus der Zeit gefallen. Und der Song mit seinem Kinderlied-Refrain könnte glatt aus den Fünfziger Jahren stammen.

Andreas: Da versuche ich auch drauf zu achten. Es gibt nichts vergänglicheres als wenn man z. B. Modeworte benutzt. Ich versuche in meinen Texten sehr darauf zu achten, dass ich mir vorstellen kann, dass sie in 30 Jahren auch noch sprachlich und inaltlich funktionieren.

entertaim.net: War es für dich eigentlich ungewöhnlich mit einer Band im Studio zu arbeiten? Du bist ja eigentlich nicht so ein Künstler, der mit vielen Musikern im Studio rumhängt…

Andreas: Ich hatte einen gewissen Respekt davor. Ohne es den anderen mitzuteilen, habe ich mir gesagt: wenn sich das nun blöd anfühlt, breche ich es ab. Aber es war ausgeprochen nett. Zu zweit am Computer zu sitzen und Musik zu machen ist auch schön. Aber jetzt zu dritt oder viert in einem Raum zusammen zu sein, und es entsteht dabei etwas – und am Ende freut man sich in einer größeren Runde. Wir haben uns ja auch nicht 2 Wochen im Studio eingeigelt und dann in einer großen Hauruck-Aktion das Album eingespielt. Wir haben uns meist nur für drei, vier Stunden getroffen, etwas eingespielt, und uns ein paar Tage später wiedergetroffen um das nächste aufzunehmen. Die Gefahr eines Lagerkollers war damit gut umschifft.

entertaim.net: Du bist ja ein Künstler der nicht so oft live  spielt. Nun steht also diese Jubiläums-Tour an – was können wir da erwarten? Wirst du allein oder mit einer Band auftreten?

Andreas: Wir werden zu dritt auf der Bühne stehen. Eine Person, die sozusagen das „Studio“ bedient, also Computer und Synthesizer, und dann Schlagzeug und Gesang. Wir werden auf jeden Fall einige Stücke der neuen Platte spielen. Hoffentlich die richtigen!

entertaim.net: Hoffentlich „Tannenduft“!

Andreas: Wir sind noch nicht mit den Proben angefangen. Du meinst also wir sollen Tannenduft einproben? Interessant zu hören, mal schauen…

entertaim.net: Gibt es weitere Pläne für das Jahr 2014?

Andreas: Im späten Sommer werden wir ein paar Festivals spielen, in dieser Besetzung. Das mache ich sehr gerne, es macht mir immer viel Spaß. Ansonsten mache ich keine großen Pläne.

entertaim.net: Vielen Dank für das Gespräch Andreas! Es war uns eine Ehre mit dir plaudern zu dürfen!

Andreas: (lacht) OK, wir sehen uns in Köln beim Konzert!

 

Vormerken sollte man sich diese Tour-Termine für einen der größten deutschen Pop-Künstler:

03.05.2014: Wien (Brut)

09.05.2014: Rostock (Zwischenbau)

10.05.2014: Leipzig (Täubchenthal)

13.05.2014: Düsseldorf (Zakk)

14.05.2014: Stuttgart (Merlin)

15.05.2014: München (Ampere)

16.05.2014: Frankfurt (Mousonturm)

17.05.2014: Köln (King George)

01.08.2014: Jena (Kassablanca)

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