ZELTINGER BAND/ Neulich im Knast – die Rückkehr des Retters / Zeltinger über ungewöhnliche Locations, und die Sache damals mit Lemmy….

Zeltinger bei entertaim.net

In unserer kleinen Reihe „Berühmte Artikel aus dem Autona-Archiv“ wollen wir euch folgendes Kleinod nicht vorenthalten, als wir vor der Record Release Show“ am 27.05.10, im Luxor zu Köln mit Jürgen ZELTINGER sprachen. Der Artikel erschien damals im entertaim.net-Vorgänger Autona…..

here we go:
Im Kölner Luxor startete die ZELTINGER BAND  ihre Tour zur anlässlich des Erscheinens der neuen Platte „Rückkehr des Retters“. Nach den obligatorischen „Jürgen, Jürgen“ Rufen des gut gefüllten Luxors vor der Show legte die Zeltinger Band direkt los mit „Frittebud“ vom neuen Album und entwickelte gleich viel Druck. Der älteste auf der Bühne war natürlich die Plaat – Jürgen Zeltinger lässt sich aber sein Alter zumindest gesanglich nicht anmerken. Seine 150 Kilo trägt er immer mit einer gewissen Würde nd Grandezza mit sich rum – so kennt man ihn halt, und „Stageacting“ braucht man von ihm nicht groß erwarten. Der erste vielumjubelte Höhepunkt dann „Asi mit Niwoh“ – das fast durchweg ältere, aber äußerst feierfreudige Publikum natürlich 100% textsicher. Die älteren Klassiker werden sowieso abgefeiert, aber auch fast alle Songs vom neuen Album „Rückkehr des Retters“ werden gespielt – ist ja schließlich die “Record Release Show“. Der Plaat merkt man allerdings an, dass sie die neuen Texte noch nicht 100% parat hat – manchmal muss noch ein bereitgelegter Zettel helfen. Mitten in der Show verlor der gute Jürgen dann sogar völlig den Faden in seinem Zettelwust und wusste nicht mehr, was als nächstes gespielt werden sollte. Nach gefühlten 10 Minuten gings dann aber doch weiter. Durch sein charakteristisches total einmaliges Rumgelaber mit dem Publikum (Hä? Wat ess? Halt de Fress! Dat he is n ernsthaftes Konzert!) und seine patentierten Ansagen (wir spille jetz dat nächste Stücksche…) hat er die Sympathien natürlich immer auf seiner Seite. Beim Bossa Nova „Der Schmeichler“ kommen dann 2 zunächst knapp bekleidete, später barbusige Animierdamen zum Tanzen auf die Bühne, was auch in den hinteren Reihen für hoch gereckte Hälse sorgt. Der Applaus war so groß, dass das gesamte Lied (samt Tänzerin) direkt noch ein 2.. Mal gespielt wurde ;-). Von der neuen Platte kam „Deine Ex“ am Besten an – Powerballade mit Mitgröhlrefrain. Am Ende dann ein Knaller nach dem nächsten – Panzerfahrer, Knochen, Bekloppt, und als sogar Arno Steffen, Kölner Musiklegende und der Produzent des neuen Albums, mit auf die Bühne kam für „Nie Diät“ und „Entzug“ gab‘s kein Halten mehr. In der Pause vor der Zugabe dann – auch das ein schönes Zeltinger-Ritual – singt das ganze Luxor „Wandersmann“, bis der Drummer auf die Bühne kommt und per Bassdrum anzählt. Die Band steigt ein, und es gibt die berühmteste Liedfolge des kölschen Asirocks: „Wandersmann“ und direkt hinten rein „Müngersdorfer Stadion“ – Kölns ewige Punkrockhymne. Perfekter Abgang – aber die Plaat lässt sich nicht lange zur 2. Zugabe bitten. Der verlängerte „Stüverhoff“ mit Publikum-Nutten-Chor und kurzen Soloeinlagen aller Musiker lässt das Konzert schön ruhig ausklingen. Alles in allem gab’s hier gehörig auf die Ohren mit musikalischer Hausmannskost auf hohem Niveau – für technische Spielereien und aktuelle Trends sind andere in Köln zuständig. Ein grandioses Heimspiel der Plaat – und der Beweis, dass man auch mit 61 noch authentisch rüberkommen kann.
Ein paar Stunden vorher hatte entertaim.net Gelegenheit, mit Jürgen Zeltinger backstage ein paar Worte zu Gegenwart und Vergangenheit der Band zu wechseln:

Interview: Martin Hannig / Bild mit freundlicher Genehmigung von Zeltinger.

entertaim.net : Jürgen, ihr habt gestern im Klingelpütz (berühmtes Kölner Gefängnis) gespielt. Wie war das?

Jürgen: Ja das war sogar an meinem Geburtstag, also passte das ganz wunderbar. Der erste kleine Schock für mich: Nur vor Frauen. Ich denk: wat is dat denn? Aber is schon ok, ich bin ja auch ne kleine Tunt, das passt schon. War ein super Dingen, nur was Horror war, war die hauseigene Anlage. Dat war was für‘n Duett, aber nit für ne Band. Jetzt hab ich mit denen vom Gefängnis besprochen, dass ich demnächst mal ein bisschen was von meinen Einnahmen spendiere, damit die da eine anständige Anlage kriegen. Dat is ja auch ein Scheiß-Leben da drin. Ich hab mich mit ein paar Frauen unterhalten, da kriegst du Kopfschmerzen. Wenn du fragst: Wie lange bist du schon drin? Und sie sagt: schon 8 Jahre – aber ich hab noch 7…. Dat is schon heavy.

entertaim.net : Kannten die dich denn?

Jürgen: Ja klar. Man merkte das auch, als sie die älteren Lieder mitsangen. Also finde ich, da sollte man schon mal ne anständige Anlage hinstellen.

entertaim.net : Ihr seid ja nicht die einzigen da, ich glaube BRINGS spielten da auch schon…

Jürgen: Ja, die haben da gespielt und so ein paar Punkbands. Ich werde mich auch mal mit RTL zusammensetzen, vielleicht kriegen wir da irjendwat hin.

entertaim.net : Euer neues Album wurde produziert von keinem geringeren als Arno Steffen. Ihr knüpft da an die 3 frühen Meisterwerke von euch an, die damals alle mit Arnos Hilfe produziert wurden.

Jürgen: Ich bin ja jetzt seit 3 Jahren bei der EMI, und jetzt war es mal Zeit für ein neues Album. Wir haben bandintern überlegt: wer könnte produzieren? Ich meine, wir könnten das ja selbst machen, dat wär kein Problem, aber du bist ja auch schon wat abgestumpft nach all den Jahren… Irgendwann hatte ich dann die Idee: lass uns den Arno nehmen, der hat immer super Texte geschrieben. Im nachhinein haben wir es nicht bereut, es war eine super Arbeit, ganz lockere Atmosphäre. Dann kam auch noch der Renè Tinner dazu, ein ganz berühmter Mann, guter Toningenieur. Der hat ja auch schon mit PINK FLOYD  zusammengearbeitet und mit WESTERNHAGEN.

entertaim.net : …also relativ aufwendig das Ganze….

Jürgen: ja war schon aufwendig, aber auch cool, klasse Nummer.

entertaim.net : Der Sound und die Arrangements auf der neuen Platte hören sich ja eher old school an, eher so wie auf „Der Chef“, und nicht mehr so metalmäßig wie in den 90ern.

Jürgen: Ja, weil genau in der Zwischenzeit zwischen „Chef“ und der neuen war ja Alex Parche dabei, der leider verstorben ist. Dat war ein Metalmann, und der hat den Sound sehr beinflusst. In den 90ern hab ich mich aber auch gar nicht so drum gekümmert um die Musik. Ich hab mir damals gesagt: ok machste noch ne LP, und kassierst ein paar Mark, und nach mir die Sintflut… Naja , der neue Sound kam ja dann automatisch, da Alex verstorben ist, durch den neuen Gitarristen, Volker Vogt, ein ganz alter Zeltinger-Fan. Der hat auch fast alle neuen Lieder geschrieben. Den Volker haben wir gesucht und gefunden, das war ganz toll. Ich brauchte selbst nicht mehr viel zu machen. Ich war schon am überlegen: wat machste jetzt? Ich hatte auch ein paar Lieder geschrieben, die passten auf einmal gar nicht mehr in dieses Konzept. Die bringe ich vielleicht später mal solo raus. Der Volker kam direkt mit 12 Songs an, da haben wir uns 8 ausgesucht, die waren einfach gut. Und wenn wat gut ist, warum sollste et nit nehmen? Ich bin ja da nit fies für, wenn da nit Zeltinger steht als Komponist oder Texter.

entertaim.net : Also hast du gar nichts geschrieben?

Jürgen: Ich hab gar nix geschrieben. Der Arno Steffen hat noch 2 Texte gemacht. Es kam ja noch hinzu, dass ich die ganze Zeit während der Vorbereitung im Krankenhaus war. Probleme mit der Atmung und und und. Wenn du den Kopf nit frei hast und ständig mit deiner Krankheit befasst bist kannst du keine Texte oder Musik schreiben.

entertaim.net : So stand das Produkt schon, als du dazu kamst?

Jürgen: Das stand musikalisch. Anfangs hatte ich noch Schwierigkeiten beim Einsingen, ständig heiser und keine Kraft in der Stimme. Aber wir haben das gottseidank cool und gut hinbekommen. Wir hatten ja auch keinen Zeitdruck; es gab zwar einen Abgabetermin bei der Plattenfirma, aber wir hatten keinen Zeitdruck bei Arno im Studio.

entertaim.net : Apropos Arno. Der neue Song „Der Schmeichler“ ist ja ein reiner Bossa Nova, unglaublich eigentlich. Da habe ich sofort an „Saunaboy“ von LSE gedacht…

Jürgen: Jaja, hab ich auch sofort dran gedacht. Ich wollte auch erst, dass Tommy Engel den Chor drauf macht, aber dat wär auch zuviel des Guten. Lass den Engel woanders singen, aber nit beim Schmeichler, dat wär doch too much… (lacht)

entertaim.net : Die Texte sind ja teilweise auch sehr witzig. „Deine Ex“ ist ja auch ein toller Song für Leute, die gerade geschieden sind.

Jürgen: Ja, das war ja auch was mit dem Song im Knast. Wir spielen das ja heute auch erst alles zum 2. Mal live, ist noch alles neu für uns. Wir haben das da im Knast auch gespielt, und ich hab extra das Wort „Funz“ (Anmerkung der Red.: kölsch für das weibliche Geschlechtsteil) besonders betont. Aber ich glaub die kannste so schnell nit mehr schockieren, die Frauen im Knast.

entertaim.net : Letztes Jahr gab’s die große 30-Jahre-Show in der Live Music Hall und dazu kam dann eine eine Best of raus….

Jürgen: Ja, diese Platte mit dem Irokesen vorne drauf. Diese best of – uns war dat auch zuviel. Die 8 neuen Songs wurden da gar nicht mehr registriert. Ich hab auch zur EMI gesagt: Liebe Freunde, dat is die 3. Best of hintereinander, wer soll dat denn noch kaufen? Müngersdorfer Stadion kauft man sich ja nur einmal… da war‘n ja 40 Songs drauf oder so… Da hat die EMI gesagt, wir machen dann auf jeden Fall ein neues Album mit neuen Songs. Letztes Jahr auf meinem Geburtstag sind dann die ersten 3 Alben veröffentlicht worden, erstmals auf CD. Wir haben das losgeeist von der Ariola. Ich hatte mit der Ariola jahrelang Streit, da ging nichts!

entertaim.net : Zum Schluss mal ein Blick zurück. Meine Lieblingsplatte ist ja die „Solo-Plaat“, das Projekt damals mit Wolfgang Niedecken…

Jürgen (laut): DANKE SCHÖN! Danke – wunderbar! (Lacht seine Kumpels in der Garderobe triumpierend an) Einige haben die gehasst!

entertaim.net : Ich fand die genial, weil die Songs total anders sind, vielfältiger.

Jürgen: Ich fand die so super. Wunderbare Songs drauf. Die war sehr entäuschend im Verkauf. Es fanden zwar einige Leute die Platte gut, aber dat einzige wat ich gehört habe: „wie kannste nur met dem Niedecken arbeiten“… und bei Niedecken: „Wie kannste met dem Zeltinger arbeiten“… Dann hab ich mit dem Niedecken ja noch „Asch huh – Zäng ussenander“ jemaat.

entertaim.net : Ist wohl eine Hassfigur für die alten Zeltinger-Fans…

Jürgen: Ich muss davon ausgehen. Die Platte ist damals boykottiert worden. Für mich war das die beste Platte, die ich jemals gemacht habe. Und da waren gute Musker bei, z.B. der von IDEAL, Effjot Krüger. Ich glaube auch, dat dat ne zeitlose Platte ist – die ist ja auch bei der EMI erschienen damals. Wir merken das an den Verkäufen, die ist permanent immer ein bisschen am Verkaufen.

entertaim.net : Du und Niedecken, ihr seit ja irgendwie beide gleichzeitig angefangen, kölsche Texte zu schreiben, Ender der 70er.

Jürgen: Ja, obwohl wir noch ein bisschen früher draußen waren. Wir waren was früher populär. Ich kann mich noch erinnern, wie der Stefan, der Bassist von BAP, eines Sonntagsmorgens bei mir anrief. Ich werd es nie vergessen: “Hör mal, die EMI will uns haben, wat sollen ma maache? Ich sach: Pack zu, da liegt dat Geld! Eigelstein – ihre damalige Plattenfirma – waren ja nicht mehr in der Lage sie zu promoten. Dann sind sie zur EMI gegangen, und dann hat et ja geknallt, ne?

entertaim.net : Ihr wart ja mit Müngersdorfer Stadion auch bundesweit im Fernsehen, in der „Plattenküche“. Damals gab‘s ja nur 3 Programme, da hat euch ja jeder gesehen…

Jürgen: Plattenküche – und dann noch beim ZDF „Rockpop in Concert“. Eine Eurovsions-Sendung, live, wir sollten die erste Band sein. Und da bin ich dann kurz vorher krank geworden. Dat war ein schwerer Karriereknick. Also wenn wir die Nummer durchgezogen hätten… Und dann hatte ich auch den Krach mit der Ariola gekriegt. Da war grad die Chef-LP draußen, sehr hoch in den Charts gestiegen. Und dann das Eurovisions-Dingen und ich musste absagen, weil ich Probleme mit der Stimme hatte. Dann war‘n die sauer, und es hieß hinter vorgehaltener Hand „Der is drop, der is besoffe, der kann nit mieh, der is platt..“. Da haben die für uns nix mehr gemacht, die Platte fiel aus den Charts raus, und dann gab‘s großen Krach. Und das hat so lange gedauert, die haben nix von unseren Platten freigegeben. Bis das jetzt endlich geklappt hat nach 100 000 Jahren. Unfassbar – als Musiker hast du keinen Einfluss auf dein eigenes Werk.

entertaim.net : Ihr habt ja mal mit MOTÖRHEAD getourt. Lemmy ist ja noch älter als du, und er spielt dieses Jahr Rock am Ring…Er ist ja auch ein Dinosaurier des Rock’n’Roll.

Jürgen: Den Lemmy kenn ich ja gut. Wir haben ja auch den gleichen Musikverlag. Ich kann mich noch erinnern, auf unserer Tour suchte er einen neuen Schlagzeuger. Und er sagt zu mir: „Hör mal, du hast so nen geilen Schlagzeuger, kann ich den haben“ und knallt mir so‘n Haufen Koks auf den Tisch (allgemeines Lachen im Raum). Ich dann: „Du kannst mich am Arsch lecken, meinen Schlagzeuger kriste nit.“ Dat war der Robbie, unser jetziger Schlagzeuger, dat hab ich dem nie erzählt. Erst 20 Jahre später hab ich zu ihm gesagt: „Du hättst damals Schlagzeuger bei Motörhead sein können“! (lacht)
(Riesige Pizza Salami für Jürgen wird nun reingetragen)

entertaim.net : Danke für das Gespräch und viel Spaß heute Abend!

Martin Hannig