ARCADE FIRE / Reflektor (Vertigo)

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Aha – James Murphy  (früher LCD Soundsystem) hat an vorderster Front mitproduziert – deshalb klingt Arcade Fires neues Opus Magnum „Reflektor“ gerade in  der ersten Hälfte sehr dancelastig.  Arcade Fires vierte LP wurde fieberhaft  weltweit erwartet – und Reflektor dürfte in vielerlei Hinsicht eine Zäsur in AF Schaffen darstellen. Die schiere Länge (85 Minuten, früher nannte man das Doppel-LP), die unglaubliche Vielfalt im Songwriting, die virtuose Umsetzung, die Abkehr von ihrem Trademark-Sound aus treibenden sich steigernden Hymnen, Akustik-Nummern  und springsteen-beeinflusstes Storytelling (siehe The Suburbs). „Refektor“ ist ein Reboot – die Band erfindet sich neu und ist dennoch jederzeit wiederzuerkennen, dank Win Butlers Stimme.

Der großartige Dance-Titeltrack zieht eröffnet das Album mit James Murphy typischen LCD-Rhythmus. Schon hier erkennt man, dass es etwas verrückter zugeht, dass der Rock-Gestus der letzten Alben in den Hintergrund rückt. Es geht hier um Groove, Rhythmus, Auskosten der neu gewonnen Freiheit. Und hat nicht sogar David Bowie – einst AF-Entdecker der ersten Stunde – eine kurzen Gastauftritt?

„We Exist” ist eine Hommage an Außenseiter und eine Verdammung der Konformität    – “Down on your knees, begging us please, praying that we don’t exist” barmt Win Butler, während Drums und Bass hier den Sound bestimmen. Verzerrte Vocals dann im fantastischen “Here Comes the Night Time”, ein Song der die Indie-Disco erobern wird mit seinem charmanten Chorus und extrem tanzbaren Basslines. “Joan of Arc” knüpft an das bisherige Werk an – etwas punkig, Regine Chassagne singt französisch, und wie immer auf diesem Album hört der Song ganz anders auf als er anfängt.

Disc 2 unterscheidet sich frappant vom ersten Teil. Hier geht es viel ruhiger, fast kontemplativ  zu. „Porno“ erinnert an den Gothic-Pop von Depeche Mode, während “ Afterlife“ New Order-ähnlich klingt. Insgesamt kann man den 2. Teil von „Reflektor“ als Erholung vom hyperaktiven ersten Teil sehen. Ob das in der ganzen Breite der 6 Songs nötig war, sei dahingestellt. Es ist ein Angebot zum Durchatmen. … Der ersteTeil von „Reflektor“ darf auf jeden Fall als neues Meisterwerk gelten! Die ehemalige Indieband dürfte mit diesem Werk einer der größten Acts der Rockwelt sein.

4/5

Martin Hannig