Die Weihnachtsgeschichte: „DIE WAHRE BEGEBENHEIT“

Eine wahre Begebenheit

Kurzgeschichte: „Eine wahre Begebenheit“ (c) 1992 (D. Rowehl)

DIE WAHRE BEGEBENHEIT

„… es gibt keine Wahrheiten, sondern lediglich Erkenntnisse.“ (Robinson Crusoe)

„Hunderte von Händen quollen und räkelten sich gen Himmel, um sich dann ergötzend zu erbrechen. So, nun komme ich einem Vögelchen gleich.“ (Rick Slaughter)

Eine weitere Präsentation:

Rick Slaughter war ein herunter gekommener Journalist, der die merkwürdige Angewohnheit besaß, Heavy Metal zu hören und Zigaretten grundsätzlich bis zum Filter aufzurauchen. Die glorreichen Tage, in denen er noch für die Washington Post in einer Führungsposition arbeitete, waren nun endgültig vorbei, denn nachdem er einen Skandal über neurotische Pyromanen in der Berufsfeuerwehr von Washington D.C. aufgedeckt hatte, beschlossen führende Köpfe im Pentagon, die mit der Versicherungsbranche konspirativ unter einer Decke standen, seine Karriere zu beschließen, sodass er letztlich bei der einzigen US-amerikanischen, einer kommunistischen Fiktion folgenden Boulevardzeitung namens AMERICAN WARFARE landete. Bei einem Wohltätigkeitsessen für die Hungernden in Afrika, welches im Gourmet-Club von Bel Air abgehalten wurde, dachte Rick über seinen missratenen Cousin Dörte nach. Dieser lernte niemals lesen und wiederholte diverse Male die erste Klasse. Er stellte eigentlich stets ein Musterbeispiel für einen missratenen Jugendlichen dar, bis er schließlich Rapper wurde und unter dem Namen „Em and M“ berühmt wurde. Über diesen Cousin dachte Rick nach und kam zu der Erkenntnis, dass die Welt schon merkwürdig sei. Auch in der näheren Zukunft ereigneten sich wenig sonderlich sinnvolle Dinge, doch eine Abwechselung bot sich an, als er beruflich nach Bremen musste, um über die dort herrschende Strahlung einen Bericht zu verfassen. Er nahm einen Billigflug bei einer Airline mit hässlichen Stewardessen und so saß er in seinem Flugzeugsessel und fühlte sich elendig … er hatte das, Gefühl, als befände er sich in einem Haufen kognitiver Scheiße und somit entzündete er sich erst einmal eine filterlose Zigarette, um genüsslich seiner Intention, irgendwann an Lungenkrebs zu verenden, folgend diese filterlose Kippe zu Ende zu rauchen, doch dann bemerkte er unmissverständlich, wie er missgünstig von Fratzen begafft wurde. Er wurde das Gefühl nicht los, dass ihm die anderen Zeitgenossen zu verstehen geben wollten, dass er das Rauchen vielleicht einstellen sollte, doch das war ihm irgendwie völlig egal. So und dort im Sessel abhängend und die Luft verpestend fühlte er sich wie Schleimhaut Problematisierendes und dachte über andere Leute, deren Probleme und gescheiterte Existenzen nach, was ihn zunehmend belustigte und seine Stimmung verbesserte. Seine Zigarette neigte sich allmählich dem Ende entgegen und durch den Kopfhörer seines Discman (Anmerkung: Fucking oldschool!) dröhnte Sepultura. „Möchten Sie etwas trinken“, ertönte alsbald eine Stimme neben ihm und er bemerkte eine rothaarige Stewardess, die ihm offensichtlich etwas gegen ein paar Dollar etwas zu trinken anbieten wollte. „Jim Beam mitohne Eis“, erwiderte er mit lebloser Stimme. Wohlwollend nickte das nicht gänzlich unhässliche Geschöpft mit dem unfreundlichen Antlitz, schenkte ein und … goss ihm das ganze Getränk über die Hose. Ebenso leblos blickte er in ihre Augen, der es doch ein wenig peinlich war. „Großartig, ich sehe aus, als hätte ich mir in die Hose gepinkelt.“ „Mann, das tut mir echt …“ „Ja, ja … ich weiß.“ Beim Vorgang des Trocknens hinterließ die jimbeamierte Hose tatsächlich einen gelben Rand und sah tadellos uriniert aus, sodass sich Rick Bockwürste freute.

Einen letzten Blick in den Spiegel der Bordtoilette … um Himmels Willen, wie scheiße sehe ich denn aus, als wäre ich um Jahre gealtert. Deprimiert wankte er zurück zu seinem Platz und sah derart Mitleid erregend aus, dass ihn ein kleiner Junge für Ozzy Osbourne hielt und ihn nach einem Autogram fragte. „Bitte anschnallen, wir werden in wenigen Minuten landen!“

Rick bemühte seine müden Knochen zurück in den Sessel und stellte seine Uhr nach Bremer Zeit: „Mmh“, schmunzelte er und wandte sich zu seinem Sitznachbarn, „ wir verlieren einige Stunden, nicht wahr?“ „Ja“, antwortete dieser, ohne sich jedoch umgedreht zu haben. Rick überlegte einen Augenblick und wandte sich erneut zu seinem Nachbarn: „Echt faszinierend!“ Nun blickte ihn sein potentieller Gesprächspartner doch an: „Was? Was ist faszinierend?“ „Haben Sie sich schon mal darüber Gedanken gemacht, dass man die Zeit austricksen kann?“ „Ach ja?“ „Passen Sie mal auf. Gesetz den Fall, dass wir mit Lichtgeschwindigkeit fliegen, so könnte ich bei der Ankunft in Bremen wegen des Zeitunterschiedes mit mir selbst telefonieren, wenn ich mich in L.A. anrufen würde. Ist das nicht verblüffend?“ „Ja, schier unglaublich!“ Dann wandte sich der Nachbar wieder ab, um seinen Gurt zu schließen. Rick Slaughter dachte noch einmal über seine Erkenntnis nach und war von sich sehr beeindruckt. Er war schon ein toller Typ. Nach der Landung eilte er sofort zu einem Telefon, überlegte, wo er sich vor neun Stunden aufgehalten hatte, und wählte die Nummer des Büros. „Hello, hier die American Warfare. Was kann ich für Sie tun?“ „Hi, hier Rick … äh … Slaughter, könnte ich bitte mit Herrn Slaughter sprechen?“ „ÄH, was war das denn jetzt?“ „Sorry, hier Arthur Miller, könnte ich bitte mit Herrn Slaughter sprechen?“ „Ach so, nein, Herr Slaughter ist vor etwa vor 10 Stunden nach Deutschland geflogen…“

Rick zögerte, legte den Hörer schließlich auf die Gabel und war in der Tat verunsichert. Wieso war er nicht in Los Angeles, er hatte doch die Zeit ausgetrickst und 9 Stunden gewonnen oder so. Schließlich kam ihm des Rätsels Lösung, denn das Flugzeug hatte sich nicht mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegt. Dann hätte es vermutlich funktioniert. Da er zu lange überlegt hatte, entwendete ein gewisser Rudolf Schenka seinen Koffer von der Gepäckaufnahme und versuchte sich aus dem Staub zu machen. Selbstverständlich hatte Herr Schenka keinerlei Kenntnisse darüber, dass Rick Slaughter diverse Gegenstände in seinem Koffer hatte, die er hätte verzollen müssen, sodass Rudolf einige Stunden beim Zoll verbringen musste. Harmlose Sachen wie … na Ihr wisst schon! Rudolf wird einige Jahre Zeit haben, darüber nachzudenken, dass sich unehrliche Arbeit DOCH nicht auszahlt.

Nachdem Rick Slaughter einen Tag später seine Recherchen über die Bremer Strahlung beendet hatte, charterte er ein Flugzeug back to L.A., dabei kippte er sich derartig heftig einen hinter die Binde, dass er die gesamte Zeit schlief und somit nicht mitbekommen hatte, dass er irgendwie im falschen Flugzeug, welches sich auf dem Weg nach Kreta befand, saß, sodass er auch keinerlei Notiz davon nahm, dass das Flugzeug, in dem er hätte sitzen sollen, von kurdischen Separatisten entführt wurde und aus ungeklärten Umständen im Bermuda-Dreieck verschwand. Andere behaupteten, das Flugzeug sei über Nassau in Flammen aufgegangen, doch derartige Meldungen wurden niemals bestätigt. Wie auch immer … Rick Slaughter erwachte mit tierischen Kopfschmerzen, die sich gewaschen hatten, auf dem Flughafen in Heraklion und er hatte so seine Probleme, die Orientierung zu gewinnen. Es war bereits spät und ein paar Griechen säuberten die Flughafenhalle. Er raffte sich auf, erkundigte sich nach seinem Standort, unterließ es jedoch, herauszufinden, weshalb er nun auf Kreta war, denn er würde es eh nicht glauben, doch da er nun schon mal dort war, wollte er erst einmal Urlaub machen. Planlos lief er durch die Berge und wurde schließlich von einem Schäfer beherbergt, worüber er – völlig pleite – echt froh war. Nicht ganz so froh war er allerdings über die Tatsache, dass der Schäfer nicht ganz dicht war und behauptete, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen und so was, was vermutlich auch der Grund war, weshalb das arme Mädchen schon vor geraumer Zeit das Weite gesucht hatte, sodass der Schäfer immer wunderlicher wurde.

Nach einer ganzen Weile und diversen kleinen Sonnenbränden und Litern von selbst gebranntem Kräuterlikör beschloss Rick irgendwann wieder, zurück in die Zivilisation zu reisen und tauschte zwei Schafe gegen einen Flug nach Deutschland, weil dort ein namhafter Politiker gestorben war und er eine Story witterte. Dort angekommen fand er schließlich heraus, dass es der Medizin immer noch nicht gelungen war, diesen Politiker wieder zum Leben zu erwecken (ach nee). Er, also Rick, ließ sich in einer Kneipe nieder, um einen Kaffee zu schlürfen, verspeiste anschließend ein paar Frikadellen mit Kartoffelchips, kam allerdings in gewisse Schwierigkeiten, da er immer noch pleite war und versucht hatte, sein Essen in einer Art Tauschhandelstransaktion gegen einen Dackel einzutauschen, den er in Heraklion als Wechselgeld für die beiden Schafe bekommen hatte. Was dann aus Rick Slaughter wurde, kann keiner mit Gewissheit sagen, fest steht allerdings, dass er den Artikel über die Strahlen aus und in Bremen niemals abgeliefert hat. Gerüchten zufolge soll er im Süden von Dänemark mit Rollerblades gesichtet worden sein. Vielleicht hat er aber auch seine Kontakte nach Rocky Beach genutzt, um Privatdetektiv zu werden … aber wer weiß das schon.

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