MANIC STREET PREACHERS / Rewind The Film (Sony)

Manic Street Preachers feat. Martin Hannig

Was kann denn noch kommen nach “Postcards From A Young Man”? Nach diesem Überalbum, diesem Quell unfassbarer Hymnen und Melodien. Ganz einfach: die „Manics“ gehen einen Schritt zurück, reduzieren ihre Pracht – um aber dann gleich im ersten akustischen Song „This Sullen Welsh Heart“ festzustellen: „can’t fight this war any more/ Time to surrender, time to move on/So line up the firing squads, kiss goodbye to what you want/ Go with the flow, go home/ You can keep on struggling when you’re alone/ This sullen Welsh heart/ It won’t leave, it won’t give up/ The hating half of me/ Has won the battle easily…” James Dean Bradfield – er kann nicht anders als diese großen Lyrics, diese trotzigen Statements, und sein verbissenes walisisches Herz ist immer noch groß und sehnsüchtig. „Show Me The Wonder“ dann mit diesem typischen Manics-Melodiebogen, aber mit sehr viel Soul-Gebläse, Backing-Chor – hört sich alles an wie eine dicke Unplugged-Session! Der Titelsong an 3. Stelle ist dann mal wieder ein Lied, das man nie vergessen wird. Nicht nur weil der Mega-Crooner als Gast Richard Hawley hier barmt und seine geniale Akustik-Gitarre spielt, sondern weil „Rewind The Film“ die Manics-Kunst auf ein kaum glaubliches noch höheres Level hebt – ein fantastischer Über-Song, und ich frage mich ernsthaft, kann Musik vollendeter sein? Schiere Gänsehaut, tief berührend. Die walisische Nationalheldin Cate Le Bon darf in „4 Lonely Roads“ mit ran, einer kleinen Folk-Ballade – sie wird die Manics auch auf ihrer Tour supporten. Das ruhig dahinfließende „I Miss The Tokyo Skyline“ glänzt mit seinem japanischen Twang-Einschlag im Chorus. Und wieder gibt es Street Preachers-Melodien im Überfluss, wenn auch kein Bombast wie zuletzt, alles auf Sparflamme gesetzt, aber nicht minder schön. Am ehesten kommt noch „Anthem For A Lost Cause“ den „Postcards“ am nächsten – wäre dort auch als toller Song aufgefallen. Das berückende, gospelartige  „As Holy As The Soil (That Buries Your Skin)“, mit Nicky Wire als Sänger, geht an die Menschen, die man verloren hat, und im Besonderen den verschwundenen Richey Edwards, – “I love you so, won’t you please come home…“ – noch so ein gänsehauterzeugendes Kunstwerk, und man weiß nicht, wie sie das immer wieder hinbekommen. „3 Ways To Despair“ erinnert an den großen tragischen Stuart Adamson, der mit Big Country in den 80ern ähnlich große Gefühle erzeugte und Songs schrieb, die die Zeiten überdauern werden – aber dann 2001 in einem Hotel auf Hawaii Selbstmord beging.

Über die Lyrics zu sprechen, hieße ja Eulen nach Athen zu tragen. Natürlich gibt es wieder die großen Themen, und sie werden nicht ruhen, bis unsere aus den Angeln geratene Welt eine bessere geworden ist. Sie sind eine der wenigen Bands die um inhaltliche Strahlkraft bemüht sind. Wer „30 Year War“ hört, kann sich vielleicht an die Bilder zum Bergabeiterstreiks der Thatcher-Ära erinnern, oder er sieht sie sich mal auf Youtube an. Hier wurde das Gewissen einer Nation beerdigt, und die Manics werde nicht müde, ihre Empörung darüber in Songs zu kleiden – wohl wissend dass auch Cameron mit seiner Neocon-Clique aus „Etonian scum“ mit seinem radikalen Sparkurs auf Thatchers Wegen wandelt: „It’s the longest running joke In history / To kill the working classes In the name of liberty /The lies of Hillsborough The blood of Orgreave / All their vision at the BBC /And thirty years of war / To darken all our class / Black propaganda, lies and mistrust / See it in our eyes, the fire dimming away / The old-boy network won the war again / And the endless parade of old Etonian scum / Line the front benches so what is to be done? / All part of the same establishment / I ask you again what is to be done?  In Stein gemeißelt.

Die Manic Street Preachers haben angekündigt, sehr bald das nächste Album rauszubringen – sie haben es gleichzeitig mit “Rewind“ eingespielt und es soll wieder rockiger ausfallen. Bessere Nachrichten kann es nicht geben. Rewind The  Film: Platte des Jahres!

5/5

Martin Hannig