XAÕ SEFFCHEQUE/ Flashback: Die Düsseldorfer Punk-Szene / Neulich bei Xaõ auf’m Sofa ….

XAO Family 5

Eine kleine Abordnung von entertaim.net besuchte Xaõ Seffcheque (auf dem Family 5-Foto der erste von links) zu Hause im Kölner Süden: ein Künstler, der seit 30 Jahren in den verschiedensten Kunstrichtungen unterwegs ist.  Zuerst solo als Musiker und Autor und ungemein wichtiger Protagonist der folgenschweren New Wave Explosion in Düsseldorf Ende der 70er/Anfang der 80er,  reüssierte er später unter anderem als musikalischer Leiter und Gitarrist der FAMILY 5 und als Drehbuchautor für Film und TV. Ein Musiker mit schillernder, überbordernder Vergangenheit. Und er ist ein wandelndes Fußball-Lexikon: die Geschichten und Anekdoten der Fußball-Weltmeisterschaften erzählt keiner besser als er, sein enzyklopädisches Wissen der Bundesliga ist legendär, und als langjähriger beinharter Fortuna-Düsseldorf-Fan ist er  in Köln ein absoluter Exot. Und er selbst kickt auch noch gern den Ball. Mit entertaim.net redete der gebürtige und kraft seines Akzents weiterhin als  Grazer Erkennbare über seine Aktivitäten in der Düsseldorfer Punk- und Wave-Szene, über FAMILY 5, und natürlich über Fußball (haben wir aber hier nicht dokumentiert). Es wurde ein sehr anregendes Gespräch, mit vielen witzigen Einlagen, bei einem auskunftsfreudigen und charmanten Gastgeber, der abseits der Musik noch viele andere Interessen hat.  Bei Xaõ auf’m Sofa – hier das Protokoll eines launigen Abends ….

Interview von Martin Hannig & Markus Drost, Bild mit freundlicher Genehmigung von Xaõ Seffcheque

entertaim.net: FEHLFARBEN haben wir letztens gesehen. Es war ein eindrucksvoller Gig, eine richtige Wall of Sound von der Bühne.

Xaõ: Mal schauen wann wir wieder live spielen. Unser Drummer ist ja 2004 gestorben, und der André, unser zwischenzeitliche Drummer, hat wohl keine Zeit. Du kannst natürlich keinen so einfach ersetzen. Ich habe mit Rainer seit 77 zusammen gespielt, später ab 81 bei FAMILY 5.  Die ganzen gemeinsamen Geschichten und die Erlebnisse kannst du nicht ersetzen. Du kannst nur jemanden holen und in die Band integrieren. Du hast ja auch die Leute von früher nicht mehr zur Verfügung, die machen meist was anders heute, da musst du halt junge Leute ranholen. Das ist ja auch geil, die bringen neue Impulse rein. Nur, wenn du denen was erzählst von einer Tournee in den 80ern in Italien – da waren die grad 10 Jahre alt. FEHLFARBEN – das ist schon Ironie. Peter Hein wollte ja nie Berufsmusiker sein, und jetzt ist er fast gezwungen, Musik zu machen, während wir bei Family 5 es nur noch aus Passion sind. 2008 haben wir ja hier in Köln im Blue Shell gespielt.

entertaim.net:.. und im Underground…

Xaõ: Genau. Blue Shell war super, das war das letzte Konzert wo es mir gut ging, danach wurde ich ganz schön krank. Aber ich hab mich wieder erholt.

entertaim.net: Das heißt, dass Projekt FAMILY 5 geht immer weiter?

Xaõ: … das hört nie bewusst auf. Das ist ja eine Familie! (lacht) Die lässt sich nicht einfach „beenden“. Und wenn mal unsere Kinder mitspielen, ist es auch ok. Das war ja auch immer ein ganz anderer Zusammenhalt als bei FEHLFARBEN. Der Janie (Anm.: Peter Heins alter Punkname) sagt auch immer, FAMILY 5 ist seine „richtige  Band“.

entertaim.net: Wie fandest du die letzten FEHLFARBEN-Platten?

Xaõ: Die haben ein paar gute Stücke gemacht. „Handbuch für die Welt“  war aber Mist. Und dann der Titel damals von „Knietief im Dispo“ – das war ja schon echt visionär. Da waren auch geile Stücke drauf.

entertaim.net: Family 5 waren ja stilistisch immer ganz anders. Viel Bläser. Und immer viel Druck. Erinnerte mich immer an ELVIS COSTELLO & THE ATTRACTIONS.

Xaõ: Und THE JAM, ca. die letzte Platte. Ich mochte das immer sehr  gern, das ist unser Stil. Bei FEHLFARBEN hingegen merkt man schon, dass Thomas Schwebel weg ist. 2 Keyboarder hören sich anders an als 2 Gitarristen.  Manchmal denke ich, es könnte mehr rocken. Live ist es für Janie gut, wenn er ne Band hat, die ihm in den Arsch tritt.

entertaim.net: Bei euch hab ich dich immer als musikalischen Leiter gesehen, Janie war immer für die herrlichen Zwischenansagen zuständig. Ich würd jetzt nicht behaupten, dass er immer besoffen ist, aber…

Xaõ: Ganz gleich ob er besoffen ist oder nüchtern, er ist immer so. Er hat ja nie Drogen genommen, nichts, außer Alkohol. Er ist „natur-high“. Das mit dem musikalischen Leiter hab ich lange so gemacht, ich hab alles allein komponiert damals. In letzter Zeit schreibt Mecki Türk aber viel Musik bei uns, er ist ja auch ein toller Musiker und kann das. Musik machen und spielen ist schon was Geiles, es ist wie beim Kicken. Beim Drehbuchschreiben und Filmen ist das anders, das hast du so einen zeitverzögerten Orgasmus, das dauert 2 Jahre, unglaublich. Musik ist eher simultan.  Manchmal tut es einfach gut auf der Bühne mit mehreren zu stehen und abzurocken.

entertaim.net: Ist es schwer für FAMILY 5 an Locations zu kommen?

Xaõ: Weißt du, ich spiele ja nur dann wenn ich Lust habe. Der Aufwand ist sehr groß, und es muss passen. Wenn uns einer haben will, muss er halt angemessen zahlen. Oder ich spiel umsonst, das geht auch. Aber ich spiel nicht für Gymnasialbandgagen, warum sollte ich das machen? –Ich find Ausbeutung scheiße, und wir beuten uns auch nicht selbst aus.

entertaim.net: Du bist ja aus diesem Verwertungsmechanismus raus, dass man für eine neue Platte eine Tour machen muss…

Xaõ: Ich leb‘ ja nicht von FAMILY 5. Wir werden ja auch nie so viel verkaufen, dass man damit reich werden kann. Weißt du, wann ich die größte GEMA-Abrechnung bekommen hab? Als FARIN URLAUB ein Stück von uns gecovert hat. Da hab ich gar nichts für gemacht und zack kommt die Kohle. Wenn wir einen Gig spielen, spielen wir ja dann nicht nur Stücke von der letzten Platte. Wenn ich auf ein Konzert gehe, und die spielen dann nur Stücke von den letzten Platten und von den ersten 20 nicht, dann bin ich auch stinksauer. Das ist ja normal. Wenn wir auf Tour sind…

entertaim.net: … spielt ihr immer die „Top Of The Flops“…

Xaõ: Ja, aus den ersten 5 Jahren ist immer aus jedem Jahr ein Stück im Set. Klar, die neue Platte ist immer die beste, aber die Fans sehen das anders. Die neuen Stücke werden erst dann Klassiker, wenn die nächste Platte kommt. Aber ich find die alten Stücke ja auch geil, „Scheißegal“ oder „Kinder im Rhein“ – ich spiel die auch gerne! Du bist immer wieder gebannt, von dem Pfund dahinter, und was dann geschieht beim Spielen, dann denkst du: geil, das war so ein 1-Minuten-Rausch. Und nach 500 mal „Kinder im Rhein“ KANNST du es spielen!

entertaim.net: Die Akkorde kannst du im Schlaf…

Xaõ: Klar. Wir trainieren zwar ein bisschen die Einsätze und Jokes. Aber manchmal gibt’s auch Sachen, die muss ich mir zu Hause anhören, da weiß ich nicht, was ich da gespielt habe damals im Studio.  Was sind das denn für Akkorde? Und da kommt dann so’n junger Schnösel und sagt mir: nee, du spielt hier ganz was anderes. Dann erklärt er dir, WAS du damals gespielt hast. Grotesk! (lacht)

entertaim.net: Mir fällt jetzt keiner ein, der aus der damaligen Punkszene außer Fehlfarben so lang musikalisch überlebt hätte.

Xaõ: Frank Z. noch, der macht jetzt viel Dance-Songs. Der ist auch noch als ABWÄRTS unterwegs. Und wer auch noch dabei ist, sind die Humpe-Sisters. Bei denen war nie so diese Haltung eines Peter Hein dabei, das war eher Entertainment. Frank Fenstermacher und Pyrolator sind noch dabei. Ich bin großer Fan vom PLAN, aber das ist halt eine ganz andere Form von Punk.

Die Geschichte, wie Xaõ schon mit 17 einen Club in Graz eröffnete( !) und über den Kontakt zu einer Performance-Gruppe dann1977 nach Düsseldorf umgezogen ist, wo gerade ein neue Szene entstand, hat er schon oft erzählt. Was passierte dann?

Xaõ: Ich hab nach einiger Zeit begonnen Musik zu machen mit MINUS DELTA T, und später dann auch meine eigenen Sachen. Aber vor allem wurde damals gerade das Stadtmagazin ÜBERBLICK gegründet, bei dem ich über Musik und Filme zu schreiben anfing. Dann gab’s natürlich Kontakte zur Ratinger-Hof-Szene und dadurch dann auch zu SOUNDS, für die ich begonnen habe zu schreiben. Bald darauf kam mein Jungendfreund Peter Glaser aus Graz nach.

entertaim.net: SOUNDS ist ja damals auf der Welle oben mitgeschwommen…

Xaõ: SOUNDS war das Leitmedium! SOUNDS war die Bibel. Musik-Express war mehr Mainstream, und SOUNDS war die Avantgarde, auch durch Leute wie Hilsberg und Diedrichsen. Hilsberg hatte die Serie „Aus grauer Städte Mauern“ geschrieben und plötzlich merkte man, dass da noch was existiert. Ich bin da ziemlich reingefallen in die Szene, hatte dann aber ganz schnell viele Verbindungen durch meine Musik und meine Schreibjobs und durch Veranstaltungen, die ich organisierte.

entertaim.net: Es ist interessant, dass eine regional so eng begrenze Szene hinterher eine so große Strahlwirkung hatte.

Xaõ: Es gab ja vorher schon England, aber in Deutschland war Düsseldorf die Nr.1, erst später kamen Hamburg und dann Berlin. Interessanterweise war Köln damals gar nicht existent. CAN gab es ja schon länger, BAP gab’s auch relativ früh, aber das hat uns nie interessiert. CAN fanden wir schon interessant, aber die waren ja 15 Jahre älter als wir.

entertaim.net: Hattet ihr Kontakt zu NEU! und LA DÜSSELDORF?

Xaõ: Die waren auch älter, die kannten wir natürlich, aber es war auch nicht unsere Szene. Eher akzeptiert wurde KRAFTWERK. Das waren für uns natürlich auch erwachsene Männer, aber Ralf und Florian waren schon cool. MENSCH-MASCHINE war eine gute Platte. Oder „Ruck-Zuck“ oder „Ananas-Symphonie“, das fanden wir damals auch cool. Es war ja nicht nur Gitarrenzeugs bei uns, es gab ja auch Reggae, es gab die RESIDENTS. Man fand auch John Lennon irgendwie super. In einem gewissen Rahmen fand man die BEATLES geil, die KINKS großartig. Man fand die WHO natürlich gut. Und VELVET UNDERGROUND waren immer sakrosant, LOU REED auch. Und BOWIE – Hunky Dory ist `ne Platte für die Ewigkeit. Es gab doch noch nicht so viel auf was wir uns damals beziehen konnten. Heute kannst du sagen: ich find SOUNDGARDEN gut oder NIRVANA, aber damals fehlte doch die ganze Historie, es fehlten 30 Jahre.

entertaim.net: Was ging denn gar nicht?

Xaõ: Sowas wie SUPERTRAMP war grausam. Oder BARCLAY JAMES HARVEST, grauenvoll, YES und GENESIS, das war reiner Hass. ZAPPA wurde von den Punks auch entthront. Im Nachhinein teilweise zu unrecht. Bei uns waren 3 Akkorde angesagt, er war uns da zu technisiert.

entertaim.net: KFC sollen dann ja die erste richtige deutsche Punk-Band gewesen sein.

Xaõ: Captain Nuss vom KFC spielt ja jetzt bei uns Bass. MALE gab’s aber auch schon damals. Das waren ja alles Söhne aus gutbürgerlichen Verhältnissen. Der Vater von Tommi Stumpf war Rechtsanwalt, der hatte den Keller voller Bordeaux-Weine – das erste Gespräch zwischen Tommi und mir war nicht über Musik, das ging über Bordeaux-Weine. Ich war dann so ein Bindeglied zwischen den Fraktionen, einerseits MITTAGSPAUSE und PLAN, und dann KFC. Mich haben die akzeptiert, ich habe keinen auf die Fresse gekriegt von denen.

entertaim.net: Ich kann mich nur noch an „Folta für Travolta“ erinnern.

Alle singen: „Alle wollen das Gleiche, Travolta seine Leiche, alle wollen dasselbe, Travolta in die Elbe“ J

Xaõ: Tommi Stumpf hab ich neulich noch getroffen. Wir haben zusammen geredet, als hätten wir uns gestern noch gesehen. Er ist heute IT-Spezialist, Softwareentwickler. Der erste KFC-Sänger, Trini Trimpop, wohnt heute in Köln, er war ja später bei den Hosen. Die anderen vom KFC sind Psychiater in einer Klinik und Heilpraktiker geworden, der 1. Bassist Zonker ist im Irrenhaus, wenn er noch lebt…

entertaim.net: Düsseldorfer Bands: Ich kann mich noch dunkel an die DA CAPO MOVIE BAND erinnern, mit vielen sehr guten Musikern.

Xaõ: Kenn ich auch noch, klar. Jürgen Dahmen hat dann später bei FAMILY 5 Bass gespielt. Tolle Musiker! Aber bei denen gab’s keine „Weltanschauung“ dahinter, keine Idee, was sie sein wollten, wie bei z.B. MITTAGSPAUSE.

entertaim.net: Und dann gab’s ja auch noch die ganz andere Fraktion in der Düsseldorfer Punk-Szene, das waren ZK bzw. später die HOSEN. Hast du den Aufstieg von ZK in deiner Düsseldorfer Zeit noch mitbekommen?

Xaõ: Ja klar. Fabsi war so meine Generation, während Campino und Kuddel die Jüngeren waren. Wir haben die ja produziert. Die erste EP „Das Grauen geht auf große Fahrt“, und dann die erste Studioplatte „Eddies Salon“, da habe ich ja das Cover für die Platten gemacht, und die Abmischung und das Mastering. Wir haben die bei Rondo sehr unterstützt. Wir waren mit FAMILY 5 ja sogar auf dem Totenkopf-Label, und wir waren mit den Toten Hosen zusammen auf Tour!

entertaim.net: Das ging ja damals mit den HOSEN richtig ab…

Xaõ: Ja, die haben auch überall gespielt, im Auto gepennt und so. Fand ich immer klasse. Ich hab noch die ersten Singles, und die 1. LP „Opel Gang“ ist einfach toll. Das war witzig, und neu, und wild und abgefahren. Ähnlich wie die Ärzte, die wir damals als Erste nach Düsseldorf holten, als die noch ein Duo fahren. Mit Jan – also Farin – bin ich immer noch sehr befreundet. Er hat ja auch unser Stück gecovert!

entertaim.net: Und er hat wie FAMILY 5 die Bläser ausgepackt!

Xaõ: Genau. Und als ich mir damals eine Gretsch geholt habe, hat er sich auch eine besorgt – daher kommt sein Gretsch-Faible. Ich schätze die Ärzte sehr, nach wie vor. Deren Manager Axel Schultz hat ja auch bei FAMILY 5 Saxofon gespielt. Ich war hier auf dem Konzert in der Lanxess-Arena, ausverkauftes Haus, und sie waren RICHTIG gut. Wir hatten Spaß, und sie haben dem Publikum richtig was gegeben, fast 3 Stunden gespielt. Wer macht denn das noch?

entertaim.net: Gibt nicht viele. BAP! (Lachen)

Xaõ: Ja ok. Ich will denen ja nichts, aber ich war nie BAP-Fan. Für mich war das immer „Daddys Rock“.

entertaim.net: Eher so Stones-mäßig…

Xaõ: Die Stones fand ich aber immer gut. Es gibt von denen Platten, da kommst du nicht dran vorbei. Die Sticky Fingers, oder Gimme Shelter, Sister Morphine, Brown Sugar. Keith Richards hat mich als Gitarrist sehr beeindruckt. Und natürlich Pete Townshend, und Johnny Thunders. Auch Mick Jones und Joe Strummer, tolle Gitarristen. Chris Spedding war Gott. Slash ist ein Genie. Und dann der Grunge-Sound der Gitarre, der hat mich schon umgehauen. Seitdem hab ich als Gitarrist – was die Entwicklung der Gitarre betrifft – nichts mehr gehört, was mich richtig umhaut. Was ganz primitiv ist, aber umso besser, waren die White Stripes, Jack White, super.

entertaim.net: hm- Slash?

Xaõ: Slash ist super. Die „Appetite For Destruction“ ist eine Wahnsinnsplatte. Jeder Song ein absoluter Knaller. Das ist so eine Gänsehautplatte. Du musst die Platte nicht mögen, aber du musst vor ihr Respekt haben. Das ist eine meiner Top-20-Rockplatten, eine Jahrhundertplatte. Ich wollte immer den Sound von 2 Gitarristen erreichen: das waren Chris Spedding und Slash.

entertaim.net: Obwohl du schon so viele Jahre Gitarre spielst, hast du durch Slash noch mal so einen Kick bekommen?

Xaõ: Na klar. Und dann der Grunge. Ich habe Nirvana hier  im Luxor gesehen, vor 300 Leuten, die waren cool. Wenn du dir die FAMILY 5 Platte von 89 anhörst, „Das Blaue vom Himmel“, der Gitarrensound dort, das war zwar kein Grunge, aber es lag in der Luft.

entertaim.net: Damals war Metal ja so gut wie tot, und es gab ja nachfolgend kaum noch Gitarrenbands.

Xaõ: Und kaum Bands, die zu der Zeit deutsch sangen. Wir waren mit den Boxhamsters fast die Einzigen. Ich fand die Boxhamsters sehr gut, ich hatte denen damals auch eine gute Kritik geschrieben, so nach dem Motto, wenn wir mal abtreten:  „Völker der Erde, hört auf diese Band!“ Das war auch die Zeit, als Blumfeld aufkamen. Die haben sich damals bei uns mit allen Tricks in die Gigs geschmuggelt, gefälschte Backstagekarten und so.

entertaim.net: Blumfeld sind ja dann unglaublich durchgestartet. Die ersten Alben – Wahnsinn, die Wortkaskaden. Uns später dann der Wechsel in die Naturlyrik – Distelmeyer ist damit durchgekommen.

Xaõ: Unglaublich. Ich schätze ihn, er hat einen eigenen Kopf.

entertaim.net: Du hast ja „Happy New Wave“ gemacht, und Sachen einfach zusammengeschnipselt. Viel später ist mir dann auf einem Rolling-Stone-Sampler ein ähnliches Stück in die Hände gefallen, das Gunter-Gabriel-Cover „Hey Boss ich brauch mehr Geld“. Erzähl mal.

Xaõ: Ich wurde gefragt, ob ich einen Beitrag liefere für einen Gunter-Gabriel-Cover-Sampler, und dann hab ich mich verspätet, und das ist auf der Rolling-Stone-CD gelandet. Ich habe lange überlegt, was ich da aufnehmen soll. „Hey Boss“ ist das einzige, was ich noch von früher kenne. Eine Geschichte dazu: ich war mal in Bergisch-Gladbach auf einem Schützenfest. Ich ging hackevoll in das Festzelt rein, da spielte Gunter Gabriel dort. Und wer war sein Gitarrist? Mein ehemaliger Bandkollege Markus Winstroer. Der hat mich dann Gunter Gabriel vorgestellt. „Hey Boss“ war ja einerseits Kitsch, andererseits von der Musik ganz ordentlich, damals – als Kind. Mit diesen Worten  würdest du heute bei jedem Manager ins offene Messer laufen. Und ich hab dann genau diesen Manager auf dem Song gemacht. Als ich das dann an die Plattenfirma lieferte, hat erstmal keiner was gesagt, und dann gab’s eine tierische Diskussion, ob man so was Zynisches rausbringen kann. Da gab’s dann eine Geheimabstimmung. Es gab eine Stimme mehr dafür als dagegen. Und dann ist es beim Rolling Stone auch erschienen.

entertaim.net: Wie war das bei „Happy New Wave“ – fanden das die Künstler damals noch ok? Oder dachten die: was macht der denn jetzt mit unserer Musik, spinnt der?

Xaõ: Also das Publikum fand’s gut – das war damals meine meistverkaufte Platte! Einige Musiker aber haben mich gehasst. Einige haben mich angefeindet, andere haben so zwangsweise mitgelacht. Moritz vom PLAN war sehr säuerlich über meine PLAN-Satire. Der Gabi von DAF wollte mich verklagen. Lächerlich, verklag mich und ich verkauf noch mehr Platten. Ich wurde nur deshalb nicht verklagt, weil ich sie persönlich kannte. Robert Görl war ja ein alter Freund aus Graz. Das große Manko bei KRAFTWERK war, dass die humorfrei waren. Die gingen zum Lachen in den Keller.

entertaim.net: Naja – für Humor standen die ja nie. 🙂

Xaõ: Die waren bierernst. Aber die haben auch gesagt, ist in Ordnung, weil ich die kannte.

entertaim.net: Musstest du die damals fragen für die Songs?

Xaõ: Ich bitte dich – fragen. Ich frag bis heute niemanden. „Darf ich bitte einen Witz machen?“ Nee. War mir immer scheißegal. Das ist eigentlich Punk… Die Haltung hab ich eigentlich nie aufgegeben. Peter Hein hat sich schlappgelacht bei der Platte, der fand die supergeil. Die Platte war dann auch der Beginn der Zusammenarbeit mit Peter Hein, als er bei den Fehlfarben ausstieg.

entertaim.net: Du hast grad DAF erwähnt, noch so eine große Düsseldorfer Band. Du kanntest ja den Görl…

Xaõ: .. aber den Chrislo Haas kannte ich viel besser, mit ihm war ich schon immer befreundet. Die haben ja beide Jazz in Graz studiert. Und in meinem Club sind die aufgetreten mit Free-Jazz, und da hab ich die kennengelernt.

entertaim.net: DAF waren ja zuerst eine richtige Band.

Xaõ: Eher experimentell, jazzig. Chrislo Haas war für mich der Kreator des Sequenzer-Rock-Sounds. Er hatte plötzlich so harte Riffs auf dem Sequenzer – er war der erste der’s gemacht hat und damit Erfolg hatte.  Er war begabt und hat radikal damit gearbeitet. Er hat interessante Leute um sich geschart, und das hat funktioniert.

entertaim.net: Aber irgendwann war er ja raus.

Xaõ: Er war ja auch ein Freigeist, und ein Acid-Freak. Hat sich ja das Hirn mit Drogen weggepustet. Ist ja dann auch sehr früh gestorben.

Entertaim.net: Dann gab es den berühmten Gig in der Phillipshalle.

Xaõ: Ich bin mit ihnen vorher zusammen aufgetreten bei einem Festival in Wien im Künstlerhaus, und ich war nicht schlecht. Wir spielten so als Band mit Gitarren. Aber als die auftraten, als ich das sah, was die da machten – da war das von uns im Verhältnis dazu total anachronistisch. Das war schon beeindruckend. Die Phillipshalle war dann Wahnsinn.

entertaim.net: Warst du denn selbst auch in der Phillipshalle dabei?

Xaõ: Natürlich. Ich war für die „Spex“ damals dabei, die kamen ja aus Köln, ja – kommt da auch mal wieder was her! Wir sind ja immer gern nach Köln gefahren, zum ausgehen, tanzen. Es gab da immer gute Kneipen, gute Clubs wie Luxor, Rose Club, Tunnel, und natürlich die Kunstszene.

Nun driftet  unser Gespräch ab in heimische Gefilde. Wobei ein ENTERTAIM.NET-Redakteur erstaunt feststellt, dass er mit Xaõ – neben gemeinsamen österreichischen Wurzeln – auch einige gemeinsame alte Bekannte aus dem Fortuna-Düsseldorf-Umfeld hat. Klein ist die Welt….

entertaim.net: Zurück zum Düsseldorf-Gig von DAF. Wie hast du diesen legendären Gig erlebt?

Xaõ: Ich hab das auch so erlebt, es hat mich aber nicht überrascht. Der Chrislo hat mir z.B. damals die Vorabmischung vom „Mussolini“ vorgespielt, „so, das machen die Jungs jetzt“ – und ich sagte „Welthit!“, und er: „wahrscheinlich ja“. „Du bist zu früh ausgestiegen“ J

entertaim.net: Könnte das heute auch ein Hit werden, wenn es heute neu erscheinen würde? Mit „Tanz den Adolf Hitler…“

Xaõ: Ich denke schon. Die politische Correctness würde schon den Hammer rausholen, und dadurch würde es ein Hit werden.

entertaim.net: Wenn ich mir das heute anhöre, finde ich es immer noch unfassbar gut, provokativ, aber auch witzig.

Xaõ: Und total simpel. Die Provokation basierte auf einer ganz simplen Idee. Die einfachste Ebene der Provokation, aber sie funktionierte musikalisch. Und sie funktionierte überall, Adolf Hitler war ja ein Begriff.

entertaim.net: Auch in Italien? Dort war ja sogar Mussolinis Enkelin im Parlament

Xaõ: Das stimmt, Mussolini ist in Italien nicht so gaga wie hier Hitler.

entertaim.net: Gehen wir noch einen letzten Schritt in deiner journalistischen Vita. 1984/85 gab es den „Musik-Convoy“. Im damaligen ARD-Sender WWF.

Xaõ: Da war ich Moderator. Mit Robert Treutel und Alan Bangs.  Alan hat eine riesige Plattensammlung. Die ist so groß, er musste seine damalige Wohnung mit Stahlträgern unterfüttern, damit die nicht einstürzt! Die Quadratmeterbelastung war auf mehrere Tonnen gestiegen. Da sind Räume, da gehst du rein, da sind nur so Gänge, rechts und links nur Platten. Soweit dein Auge reicht.

entertaim.net: Oh Mann. Hast du noch Kontakt zu ihm?

Xaõ: Ja hab ihn kürzlich noch getroffen. Ein feiner Mann.

entertaim.net: Die ARD remastered ja jetzt alle Musik-Convoy Sendungen, die werden gerade alle digital aufbereitet und sollen auf EinsFestival ausgestrahlt werden. Wie bist du damals da rangekommen?

Xaõ: Über Ronald Gräbe (heute Odeon Filmproduktion), der damals als junger Redakteur beim WWF anfing. Der war ja vorher auch in `ner Band, beim MEK BILK…

entertaim.net: Mobiles Einsatzkommando Bilk – kenn ich noch! Politrock aus Düsseldorf.

Xaõ: Und er hat mir geraten, mich dort vorzustellen. Ich bin dann dahin. Alan Bangs war der einzige der gesetzt war. Ich hab dann so ein fiktives Interview gespielt, mit KRAFTWERK. Ich hab da sowohl den Musiker als auch mich selber gegeben. Ich war so halb geteilt angezogen, eine Seite den Seffcheque-Look, andere Seite den Kraftwerk-Anzug, und dann hab ich mich so hin und her gedreht beim Sprechen.  Das fanden die gut, und so hatte ich den Job. Ich hatte dann damals pro Auftritt, also jeden Montag 685 Mark gekriegt, das war für mich ein Vermögen.

entertaim.net: Ich hab mir mal auf EinsFestival angeschaut, wer da damals alles spielte. Family 5, ihr habt da auch selbst gespielt, Violent Femmes, The Cure, Jethro Tull, Marius Müller-Westernhagen, Go-Betweens, Nick Cave! Wie lief das ab? Ihr seid mit dem Laster in die Provinz gefahren…

Xaõ: Dann haben wir den ausgeklappt als Bühne, und die sind dann im Playback oder Halbplayback aufgetreten. Es war Publikum da, es war live. wir haben die anmoderiert. „Hallo Frechen!“

entertaim.net: Gibt’s irgendwelche Geschichten aus der Zeit?

Xaõ: Ja klar. Also als John Cale da war, das war großartig. Und ich hab Alan mal vor’m Ertrinken gerettet. Wir haben in so einem Schwimmbad moderiert, im Becken, und Alan hatte noch nie getaucht, und der sollte tauchen. Er hat dann irgendwie mit der Atmung Probleme bekommen, Wasser in die Lungen bekommen. Ich merkte dass er absäuft. Die Crew hat nichts mitgekriegt, also bin ich mit meinen Klamotten rein ins Wasser und hab ihn da rausgezogen. Unglaublich. Und was supercool war: die RAMONES. Und dann gab’s auch noch so riesige Arschlöcher. KLAUS LAGE zum Beispiel. Dem hätte ich fast eins auf die Schnauze gehauen, weil der mich so blöd anmachte. Das war Hass auf den ersten Blick zwischen uns beiden. Ich hatte den bei den Proben so ironisch angesagt: „und jetzt was Neues zum Thema Krautrock: Kraut Lage!“ (allgemeines Lachen) Da war der angepisst. Versteh ich ja. Ich hätt’s auch andersrum machen können, erst falsch proben und dann live den so ansagen. Aber das wär unprofessionell gewesen.

entertaim.net: Konntest du selbst auch Vorschläge für Bands machen?

Xaõ: Ja ab und zu. Oftmals haben die Redakteure gesagt: „Oh Gott, was ist denn das?“ Aber das ging schon. King Kurt hab ich untergebracht…

entertaim.net: Die Mehl-Show!

Xaõ: Klar, das war cool. Und die Hosen hab ich untergebracht. Hip Hop Bommi Bop. Mit Rapper. (alle singen): Aisgecolta bommalunda bommalunda aisgekult. Ain belekte bruta…

entertaim.net: Hörst du aktuelle, neue Musik?

Xaõ: Ja schon. Aber eher selten ganze Alben. Also höchstens so im Electronic-Jazz oder Trance-Bereich, da brauchste ganze Alben, das muss man durchhören. Sonst meistens einzelne Songs, die ich bei itunes lade. Ich oute mich mal: GOSSIP find ich schon Hammer. Also was die Frau macht, 180 Kilo und dann bauchfrei, und dann rockst du das Haus, diese Haltung find ich super, das ist Punk. Oder auch die Schweden, PETER PAUL & JOHN. Das ist so schön pur. Popfan war ich ja immer. Wär ja auch total langweilig wenn man sich gar nichts Neues mehr anhört. Früher musste man ja in die angesagten Plattenläden, und spezielle Geheimsendungen hören, um sich die Sachen zu besorgen. Heute findest du alles sofort nach der Veröffentlichung in youtube bevor du’s irgendwo anders hörst. Heut spielt sich die Avantgarde oben ab, nicht unten. Der Underground ist inzwischen der Overground, der Overground weiß alles, der Underground weiß nichts. Musik hat für mich allerdings nicht mehr die Bedeutung wie vor 20 Jahren. Sie ist nicht mehr der Soundtrack des Lebens, aber weiter wichtig. Als wir damals „All Mod Cons“ von THE JAM oder „London Calling“ gehört haben, da dachte ich, so wie die Musik ist, so muss mein Leben sein. Meine Musik, meine Kleidung, meine Gedanken, meine Freunde. Das erfüllte alles im Leben. So muss meine Wirklichkeit sein. Dass das anders ist heute, hat sicherlich was mit dem Alter, mit Reife zu tun. Aber auch mit Wahrnehmung von Musik. Die Bedeutung von Musik gibt es so nicht mehr. Heute kommt es mir vor, als wenn die Musik als Vergrößerungsglas dient, mit dem man auf die Welt blickt. Damals war Musik die Welt selbst. Sie hatte realitätskonstituierende Wirkung.

entertaim.net: In so einer Szene, in der ihr ja auch wart, war das bestimmt so. Aber es gab ja auch immer andere Musiken, und andere Bedeutungen von Musik. Ich denke, wo du dein Herz reingelegt hast, das gibt’s vielleicht in dieser Form gar nicht mehr, nicht in dieser Unbedingtheit.

Xaõ: Ich trauere dem aber auch nicht nach. Das was wir dort erlebt haben, Ende der 70er bis Mitte der 80er, ist wahrscheinlich so nicht wiederholbar. Weil die Entwicklung der Musik ja auch immer weitergeht. Mahler konnte ja auch am Klavier nicht so viel ausprobieren wie Mozart, weil Mozart schon vorher so viel ausprobiert hat. Also musste er in seinem kleinen Gebiet das Beste rausholen und sich dort weiter entwickeln.

entertaim.net: Und trotzdem gibt es immer wieder Bands oder Musik, die dich völlig fassungslos machst, weil sie dich so richtig tief berührt. Arcade Fire war bei mir so ein Fall oder manchmal Manic Street Preachers oder Frank Turner. Das passiert doch weiterhin.

Xaõ: Und das ist ja das Schöne an der Musik und an der Kunst überhaupt. Dass immer wieder was Neues geht. Ich bin jetzt aber altmodisch und sage: Musik löst keine Bewegung aus. Das war früher die Zeit, als man dachte, Musik kann eine Regierung stürzen. Die Zeit ist vorbei. Regierungen stürzen eher die Musik.

entertaim.net: De facto war’s ja auch nicht so, dass Musik wirklich eine Regierung stürzen konnte. Es war wohl der tiefe Glaube an neue Zeiten.

Xaõ: Wie es nun mal jeder revolutionären Phase innewohnt. Wir sind momentan in keiner sehr revolutionären Phase, obwohl die Bedingungen eigentlich das Gefühl von Notwendigkeit erzeugen müssten.

 

Nun wurde noch die Finanzkrise diskutiert und anschließend haben wir Privates über das Leben im dörflichen Kölner Süden beredet, und wie man als urban geprägter Künstler damit umgeht, plötzlich mit Frau und Kind einer mehr oder weniger bürgerlichen Existenz (whatever that means) nachzugehen. Nur soviel: Alles was X.S. macht, macht er ganz oder gar nicht, deshalb hat er mit solchen Wandlungen des Lebensweges keinerlei Probleme.