Blue Angel Lounge / Augen zu und durch / Interview beim Roskilde-Festival

Blue Angel Lounge on entertaim.net

In unserem Bericht vom Roskilde Festival 2013 (siehe https://entertaimnet.wordpress.com/2013/07/24/roskilde-festival-2013-music-nonstop-expect-the-unexpected/) gingen wir schon auf sie ein: BLUE ANGEL LOUNGE, die weithin unbekannte Band – ursprünglich aus Hagen – die mit zwei fantastischen Alben die leere Stelle in Deutschland zwischen Joy Divsion, Velvet Underground und Interpol besetzt hat. Bloß hat kaum jemand bisher davon Notiz genommen. Wer ihre Alben hört und ihre Videos sieht ist schlichtweg begeistert – so ging es auch uns von entertaim.net, die zum ersten Mal auf dem Line up des Roskilde Festivals von dieser Band lasen. Wie kann es sein, dass eine derart talentierte, mit mehr als fabulösen Songs und einer beeindruckenden Live-Performance ausgestattete Band so „underrated“ ist? Die BLUE ANGEL LOUNGE hat es verdient, viele Zuhörer und Fans zu gewinnen –  wir wollen sie euch hier mit einem Interview vorstellen, das wir mit der Band einen Tag nach ihrem spätnächtlichen Gig beim dänischen Roskilde Festival im dortigen gemütlichen Media Village führten.

von Martin Hannig, Bild mit freundlicher Genehmigung von Blue Angel Lounge

entertaim.net: Unglaubliche Story. Die Blue Angel Lounge beim Roskilde Festival…. Wie war der Gig gestern nacht für euch?

BAL: Wie fandest du es denn?

entertaim.net: Wir hatten wir gerade in unserem Team über den gestrigen Tag gesprochen. Und für euren Gig können wir festhalten: das war ganz große Kunst, echt richtig geil. Wir fanden es alle toll.

BAL (lachen): Für jeden von uns war es zunächst echt unglaublich schwer, in den Gig reinzukommen so dass wir das Gefühl hatten, es wenig genossen zu haben. Der Sound auf der Bühne war recht schlecht.

entertaim.net: Ihr habt immer wieder gestikuliert mit eurem Mixer…

BAL (Theo): Naja, aber das ist halt so bei Festivals da muss es ratzfatz gehen. Wenn du dich da dann nur über den Sound aufregst kommste auch nicht rein…. Also das war eher Augen zu und durch. Ist natürlich leichter in einem kleinen Club zu spielen wenn man Soundcheck hat. Das war ja mit eines unserer ersten Open-Air-Festivals überhaupt.

Moritz meinte dann, dass er es eigentlich am Anfang sehr geil fand, nur als dann noch Instrumente dazukamen im Laufe des Sets, z.B. Nils am Harmonium, da wurde es für ihn schlechter. Interessant war aber auf jeden Fall dieses Augen zu und durch-Gefühl zu haben, und sich darauf zu verlassen, dass man gut geprobt hat.

entertaim.net:  Naja was vorne bei den Zuschauern ankam, war `ne coole Ausstrahlung, und wunderbare Songs…

BAL: Wir sind ja Profis (lachen).

entertaim.net:  Es gibt ja viele Bands die spielen x Festivals im Sommer. Aber ihr nicht. Why?

BAL (Theo): Wir haben halt kein richtiges Booking am Laufen. Bei unserem Label ist alles eher selfmademäßig, und es ist unglaublich schwer ohne die richtigen Kontakte was zu machen. Deshalb spielen wir so wenig live. Aber unser Booker hier in Skandinavien hat richtig gute Arbeit geleistet. Wir sind echt froh dass wir hier in Roskilde spielen dürfen.

Die Rede kam dann auf das immer wieder interessante Thema Songwriting. Es sei halt gerade nicht so wie bei anderen Bands, dass jemand mit einem fertigen Song in den Proberaum kommt. Die Songideen der einzelnen Bandmitglieder, z.B. von Nils oder Theo, werden meist von allen zusammen in einem längeren Prozess sukzessive ausgearbeitet. Dies hat sich in den letzten Jahren erst ergeben – während es früher noch Standard war, dass man sich abends traf, sich einen Song vorknöpfte und dann die Nacht durchmachte bis er fertig aufgenommen war. Auch habe man früher dazu tendiert die Songs zu überladen, so dass sie live schwer umzusetzen waren. Dies habe sich mit der jüngeren Arbeitsweise korrigiert, weil man durch das ständige Weiterarbeiten an den Songs immer auch ihre Bühnen-Umsetzung im Auge habe.

entertaim.net: Es kam mir gestern so vor, dass das Harmonium auf der Bühne euer Ankerpunkt ist. Es stand in der Mitte, und jeder hat sich mal darangesetzt und was gespielt….

BAL (Theo): Ja das war aber eher Zufall, kommt immer darauf an wie die Bühne aufgebaut ist. Aber das war gestern schon ganz gut so, das machte auch was her.

entertaim.net: Wir hatten beim Hören der beiden Alben den Eindruck, dass da gerade durch das Harmonium ein starker DOORS-Einschlag in der Musik steckt….

BAL (Theo): Nee, also DOORS eigentlich gar nicht. Ganz am Anfang waren VELVET UNDERGROUND und NICO schon entscheidende Impulse für meine Musik. Später hat sich das dann in die 70er verlagert. Heute ist es eher ein Mix aus 80er und aktuellen Sachen.

entertaim.net: Wie hat sich denn euer für das Jahr 2013 recht eigenwilliger Sound ergeben? Wer kam mit diesen Ideen zuerst an?

BAL (Theo): Das hat sich so entwickelt. Es gibt schon einen gewissen Unterschied zu früher, als wir das Ding starteten zu zweit. Heute ist auf jeden Fall ein Band-Ding daraus geworden.

entertaim.net: Ich hab mir mal eure Videos angesehen, die ja auch sehr stilisiert sind. „In Distance“ treibt das auf die Spitze, mit der Leni Riefenstahl-Ästhetik und Originalbildern aus ihren Filmen. Gab es deshalb auch Anfeindungen?

BAL (Theo): Ja es hat mal einer gesagt: welcher bescheuerte Idiot hat diesen Leni-Riefenstahl-Mist denn da reingesetzt? Seid ihr bescheuerte Nazis oder was? Für mich ist das pure Ästhetik, ich hab ja gar keinen Bezug zu diesem Nazi-Background. Ich weiß natürlich Bescheid über Riefenstahl und wie umstritten sie gesehen wird, und ich denke sie hat das auch ganz bewusst damals für die Nazis eingesetzt. Aber sie hat wirklich diese berühmten  Kamera-Einstellungen auch erfunden, das muss man ihr zugestehen. Ich hab einfach mal mit meinem Bruder den Film mir angeschaut, und er hat aus Spaß mal einen Song von uns druntergelegt.

entertaim.net: Darf man das eigentlich, gibt es da nicht Rechte dran?

BAL (Theo): Nein nach einer gewissen Zeit verfallen diese Rechte das ist kein Problem gewesen. Wir machen davon ja auch keine DVD oder so.

entertaim.net: Ich hab ein Interview mit einem von euch gelesen, da ging es um die deutsche Radiolandschaft. Da beschwert ihr euch darüber was dort gespielt wird. Und ich fragte mich: was wollen die denn nun eigentlich? Mit eurer Musik habt ihr doch eh keine Chance in der Prime Time gespielt zu werden.

BAL (Theo): Nein wir wollen ja auch nicht in die Prime Time. Aber wofür macht man denn Musik oder Kunst – man möchte doch dass die Leute irgendwie darauf reagieren.

entertaim.net: Naja, es gibt ja durchaus Platz für eure Musik z.B. Plan B bei 1Live…

BAL (Theo): Ja genau. Dort wurden wir aber auch noch nie gespielt. Was aber mit dem Thema von vorhin zu tun hat, Vernetzung, Kontakte und so. In den USA z.B. gibt es ganz viele College-Radios, die haben da eine ganz andere Radiokultur wo auch viel schräges Zeug läuft. Generell sind die Menschen dort auch viel offener. Ein Typ in HipHop-Klamotten geht da zum Brian Jonestown-Konzert und hat von uns CDs gekauft, weil er uns gut fand. In Deutschland hingegen ist alles eher geschlossen, statisch. Und als deutsche Band in Deutschland hast du es auch schwerer. Du kannst Kackmusik machen, und kommst aus England und hast trotzdem gleich einen anderen Status.

entertaim.net: Ich bin mir sicher wenn ihr aus dem UK wärt, würde euch sofort mehr Gehör geschenkt.

BAL (Theo): Wie z.B. SAVAGES, die ja auch hier spielten. Die sind jetzt auch nicht megageil. Die sind ok, und ich find auch gut dass es sie gerade gibt. Aber die werden ja mega gehypt. Da kommen mehrere Sachen zusammen.

BAL (Moritz):  Zudem ist es in Deutschland total schwer für Bands wie BAL oder andere gute Bands, die ich kenne, die  – wenn ich das so sagen darf – künstlerisch wertvoll sind. Wenn du nicht verortbar bist, wenn du nicht einem Genre zuzuordnen bist, wenn du nicht einschätzbar bist: wo willst du unterkommen? Im UK und in den USA herrscht einfach eine ganz andere Musiktradition, die sind einfach extrem viel offener und haben einen künstlerischen Ansatz. Andererseits muss man aber auch sagen, dass es inzwischen bei uns viele coole kleine Sachen gibt, über die man Promotion machen kann. Aber das ist derzeit nicht unsere Stärke (lacht).

BAL (Theo): Das ist gerade bei uns ein Thema. Und es tut sich gerade auch was. Ich will aber nicht zuviel verraten.

entertaim.net: Das letzte Album „Narcotica“ ist ja schon ein paar Jahre her. Gibt es was Neues in dieser Richtung?

BAL (Theo): Ja wir stecken gerade mittendrin in der Albumproduktion. Die Frage ist, wann wir es veröffentlichen und wie. Das hat was mit dem zu tun war wir gerade besprochen haben. Wir sind noch nicht komplett fertig, aber die die fertig sind, sind super (alle lachen).

BAL (Moritz): Wir nehmen in einem Studio in Berlin auf, bei einem Kumpel, am Funkturm. Tolle Atmosphäre, ein ganz altes runtergekommenes Ding, riesenhohe Decken. Unglaubliche Räumlichkeiten, es klang echt unglaublich gut.  Ich glaub wir alle waren sehr sehr zufrieden.

BAL (Theo): Es hat unglaublich Spaß gemacht und hat sich im „noch-nicht-mal-Rough-Mix“ super angehört.

entertaim.net: Da steht uns ja noch was ins Haus! Danke euch allen!

PS Das angesprochene Video findet ihr hier: http://www.youtube.com/watch?v=-9j70YlczRA

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