THE BIANCA STORY auf der c/o pop / Interview mit Elia / Zelebriere den Moment: Wahnsinn, Glück und Wasser kochen in Abbey Road!

The Bianca Story auf entertaim.net

Die heißeste Nacht des Jahres! Nach einem brütend heißen Tag mit Rekordtemperaturen öffnete der Stadtgarten abends seine Veranstaltungshalle, um THE BIANCA STORY und RETRO STEFSON am 2. Abend der c/o pop aufspielen zu lassen. War es abends noch immer 25 Grad draußen, herrschten im unklimatisierten Stadtgarten subtropische Gewächshaustemperaturen. THE BIANCA STORY (Schweiz) legten dennoch ein tolles Set hin, begeisterten die Menge mit ihrem hymnischen Art-Pop – und Sänger Elia ließ es sich am Ende trotz Sturzbächen von Schweiß, die durch seinen Vollbart rieselten, bei „Afraid Of The World“ nicht nehmen, einen Ausflug ins Publikum zu unternehmen. Mit dem heimlichen Sommerhit „Bird Rocket“ wurde ein Auftritt beendet, der nicht nur wegen der Temperaturen erinnerungswürdig war.

Die Isländer RETRO STEFSON erwiesen sich nach der Pause als die Söhne von Jamiroquai, und bei gefühlten 60 Grad im dicht bepackten Saal wurde eine Dance-Rock-Funk-Eurodisco-Melange ausgeschenkt, die auch dem letzten fächerwedelnden Zuschauer Respekt abnötigte – nicht nur, weil Sänger Unnsteinn Manuel Stefánsson anfangs den Bedingungen trotzend in zugeknöpfter Trainingsjacke auflief…. Selten sah man so verschwitzte Menschen sich so engagiert zur Musik zu bewegen.

Am nächsten Tag hatten wir beim Schweizer Meeting in der Wohngemeinschaft Gelegenheit, mit dem BIANCA STORY-Mastermind Elia Rediger zu sprechen, nachdem sie dort ein kleines Unplugged-Set für die versammelten c/o pop & c’n’b-Delegierten spielten.

Interview & Foto von Martin Hannig

entertaim.net: Ihr kommt aus Basel?

Elia: Ja, auch, aber auch aus München, Österreich…

entertaim.net: Ihr wart vor einem Monat schon mal hier in Köln, wie kommt’s dass ihr schon wieder hier spielt?

Elia: Wir werden eingeladen, und dann kommen wir natürlich! Letztes Mal war es mit unserem Projekt, mit dem wir auch an der Deutschen Oper waren.

entertaim.net: Ihr seid ja auch Freigeister und macht einige Kunstprojekte. Vor allem dieses Projekt „M & The Acid Monks“ an der Deutschen Oper in Berlin, was eine Adaption des E.T.A. Hoffmann-Romans „Die Elixiere des Teufels“ ist. Wie seid ihr da rangegangen? Das ist ja eine ziemlich finstere Geschichte, heute würde man sagen Gothic.

Elia: Wir sind ja auch finster! (Lacht). Es geht ja um den Wahnsinn in dieser Geschichte. Dass du den Wahnsinn, der in dir steckt, nicht mehr siehst. Ich hab mich dann auch mit dem Wahnsinn der Gegenwart auseinandergesetzt, weil der  ja auch in uns steckt. Ob das jetzt medial ist, alle machen Facebook, alle ziehen sich aus, alle drehen Pornos…

entertaim.net: Ihr macht auch Facebook, ihr macht auch Pornos…

Elia: Natürlich. (lacht) Das ist alles so ein Wahnsinn, der uns interessiert hat, und der steckt auch in diesem Schauerroman von E.T.A. Hoffmann. Und wir haben dann 12 Songs über dieses Thema geschrieben.

entertaim.net: Hat euch das Thema auch musikmäßig beeinflusst?

Elia: Nein wir unterscheiden das nicht, wir arbeiten einfach und wir verfallen dann dem musikalischen Wahnsinn. Es war nicht anders als an einer Platte zu arbeiten. Es war aber schon sehr  spannend, mit diesem Thema Wahnsinn umzugehen.

entertaim.net: Wie ist der Regisseur eigentlich auf euch gekommen?

Elia: Ja, die Künstlerkreise… man trifft sich und merkt dass man ähnlich tickt und dass man zusammen arbeiten kann. Der Luxus ist ja dabei nicht, unbedingt viel Geld reinzukriegen, sondern mit vielen tollen Leuten zu tun zu haben.

entertaim.net: Euch scheint das ja ganz glücklich zu machen.  Du hast da ja gerade in der Ansage zu dem Song „Glück macht einsam“ gesagt: „Kennt ihr überhaupt das Gefühl?“ Dazu müsste man ja erstmal das Glück empfinden können, dass du aus deiner Kunst offensichtlich ziehst…

Elia: Ja wenn man allen sagen muss dass man glücklich ist – das macht einsam. Es gibt ja Futterneid, es gibt immer was zu Nörgeln. Man ist ja oft gar nicht stolz glücklich zu sein. Ein bisschen Provokation steckt da schon drin.

entertaim.net: Meistens sucht man ja immer nur das Glück.  Du bleibst einfach nie stehen und sagst: „hey genau jetzt bin ich glücklich!“ Es ist immer im nächsten Schritt verborgen, den man plant….

Elia: Ja, genau! Das hat auch was damit zu tun, dass wir in der „Ersten Welt“, hier in Deutschland, in der Schweiz sowieso, so ein hohes Wohlstandsniveau haben. Das finde ich sehr spannend an dem Thema. Wir dürfen es uns gar nicht zugestehen dass wir glücklich sind, das ist ja krass, das darfst du gar nicht sagen. Und DAS dann zu behaupten, das ist so wichtig bei dem Beruf den wir haben. Auf der letzten Platte haben wir  Songs wie „Afraid Of The World“, das ist so eine „gehypte truth“ drin wie wir es nennen, eine Überwahrheit, die wir in unserer Musik ausdrücken können, das kannst du sonst nirgends.

entertaim.net: Gestern abend riefst du ja in die Menge „Are you afraid of the world!“ und alle „Yeaaah!“ Das ist schräg!

Elia: Geil, oder?

entertaim.net: Auf der Website von Motor Music, eurem Label, steht ein alter Artikel über euch: „Selten dämlicher Name – tolle Musik!“

Elia: Mit dem kann ich leben. Also das fing ja bei den BEATLES schon an – selten dämlicher Name, tolle Musik.

entertaim.net: Gestern bei „Bird Rocket“ bist du ins Publikum gegangen. Machst du das immer bei dem Song?

Elia: Je nach Laune.

entertaim.net: Als du dann unten warst wurde die Band aber immer leiser – normalerweise wenn einer ins Publikum geht ist das voll rock’n’roll ….

Elia: Ja, genau. Ich finde es spannend, die Popmusik mit aktionistischer Tendenz zu versehen. Wie z.B. meine Referenz David Byrne oder Lou Reed, das sind Typen die das Konzert noch mal auf eine andere Dimension probieren zu erweitern. Und wir kommen ja aus der Kunst, und wir machen ja auch performative Kunst, z.B. auf der Art Basel, und das ist schon sehr spannend. Mit den Erwartungen der Leute zu spielen – wie, jetzt wird er leiser, was ist das nun? Was kann man da übersteigern? Damit zu spielen, das ist schon toll. Als Künstler und als Band haben wir alle zusammen die Chance, Momente zu kreieren, die man dann auch nach Hause nehmen kann.

entertaim.net: Hört sich an wie FLAMING LIPS!

Elia: Ja, das hat diesen Anspruch der FLAMING LIPS, absolut! Ich mag die FLAMING LIPS, weil sie auch den Moment zelebrieren. Und das ist ganz wichtig in der Popmusik heutzutage, weil alles andere ersetzbar ist. Alles was man nicht im Moment aufs Höchste heben will, kann man ersetzen. Ich glaub das ist auch unsere Stärke, live so zu spielen, dass wir diesen Moment kreieren wollen. Das hat schon manchmal so sakrale Züge, und es ist gut dass man sowas machen darf ohne gleich im Pathos zu versinken. Das hat uns bis jetzt auch weit gebracht, und es macht richtig Freude. Die Leute verstehen dass wir es mit einer Ehrlichkeit zelebrieren wollen.

entertaim.net: Gehen dir diese Vergleich mit ARCADE FIRE eigentlich auf den Sack? Ich kannte euch bis gestern nicht, und ich habe euch zum ersten Mal live gesehen und dachte: „Ja klar – ARCADE FIRE – das kann ich nachvollziehen, alleine optisch, Anna und du.

Elia: Das ist mir völlig schnuppe. Ich mag gewisse Sachen von ARCADE FIRE. Das ist aber inzwischen so abgedroschen, da fällt mir nichts zu ein.

entertaim.net: Nach eurem Projekt an der Deutschen Oper – gibt es eigentlich Pläne für ein „normales Album“?

Elia: Wir haben schon 2 Songs heute gespielt davon. „Crescendo“ – eine sehr konzeptuelle Ballade, die kommt auf Festivals sehr gut. Meine Idee war es die Zeitlichkeit von Musik darzustellen, anhand eines Liebeslieds. Immer wenn man Musik hört ist es auch immer schon vorbei. Man kann im Moment nicht über Musik reden. Das hat mich fast wahnsinnig gemacht.

entertaim.net: Das gilt ja für das Leben an sich. Jeder Moment ist ja vorbei, sobald man ihn wahrgenommen hat.

Elia: Genau, das gilt nicht nur für Musik. Aber es lässt sich gut an dieser X-Achse von Musik darstellen. Wenn du eben eine Minute ein Crescendo zelebrierst, so ein Aufbauschen, und dann der erste Satz im Song ist: „did you hear that crescendo?“, dann ist das wie ein Rückgriff auf das was du eben gehört hast. Bei solchen Sachen steckt bei uns eben der Künstler drin, das liebevoll zu zelebrieren und zum Song zu machen. Später heißt es ja „I’m on my way up to you“ – solche Sachen dann auf die Spitze zu treiben mit dem „up to you“, wieder dieses sakrale Moment zu generieren. Und „Glück macht einsam“ ist ganz frisch, er ist 2 Wochen alt. Das macht riesig Spaß solche Sachen zu probieren und sie dann auch live zu spielen. In Darmstadt letztens war’s riesig, „Glück macht einsam“ vor 4000 Leuten, und alle so: „Glück macht einsam – hmmm?“

entertaim.net: „Glück macht einsam“ vor 4000 – das ist schräg 😉  Was ist mit dem geplanten Album?

Elia: Wir sind jetzt am Schreiben. Ihr werdet bald von uns hören, wir haben ein paar spannende Ideen dazu.

entertaim.net: Und Deutschland ist für euch jetzt ein Ziel?

Elia: Das überlass ich den Göttern  (lacht). Wir haben uns hier eine tolle wunderbare Fangemeinschaft erspielt. Da möchten wir jetzt weitermachen und anknüpfen.

entertaim.net: Zum Schluss eine Frage, die du wohl schon oft beantworten musstest. Wie kann es sein dass eine relativ unbekannte Band wie ihr in den Abbey Road Studios ein Album aufnehmen darf?

Elia: Glück.

entertaim.net: Die Spur des Glücks zieht sich durch die Band….

Elia: Absolut. Und das Wohlwollen von Leuten die uns mögen. Sonst wäre das nicht möglich. Wir hatten das Glück dass wir es nicht selbst bezahlen mussten. Wir sind `ne ganz bodenständige Truppe die sich NIE sowas leisten könnte.

entertaim.net: Abbey Road, unfassbar, was man da schon alles gelesen hat an Geschichten. Merkt man das dort, ist es ein spezieller Ort?

Elia: Es ist wahnsinnig toll dort zu arbeiten. Wir haben gute Freunde da, Leute die wirklich gute Ohren haben. Die hinhören und wissen was da läuft. Echt krass was da alles möglich ist. Wir fühlten uns da als Künstler 2 Tage völlig aufgehoben. Das kann ja auch hemmen, mit geballtem Respekt in der Umgebung aufzutreten, so: „Oh Gott wer bin ich schon?“ Sie haben das sehr gut gemacht, uns das wegzunehmen. Jetzt machen wir das genaue Gegenteil. Nach Abbey Road war es fast vorgegeben, dass wir nun im kleinen Rahmen aufnehmen. Das macht auch unglaublich Spaß, weil wir auch im Abbey Road gelernt haben mit Wasser zu kochen. Auch die Leute im Abbey Road, auch Typen wie Eric Clapton kochen mit Wasser, der ist nur einfach schweinegut.

entertaim.net: Richtig, und der hat VIEL Wasser zum Kochen…

Elia: Und er hat ein bisschen mehr Zeit. Aber auch der kocht mit Wasser. Das ist auch toll, ein Luxus, in jungem Alter – wie wir es sind – zu lernen, dass die mit Wasser kochen. Ich empfinde es als eine befriedigende Arbeit, so Musik zu machen wie wir es gerade tun.

entertaim.net: Hast du gestern auch gekocht als du auf der Bühne standest?

Elia: Ich hatte gestern 2 mal echte Atemschwierigkeiten.

entertaim.net: Allein vom Rumstehen war’s heiß…

Elia: … und ich hatte ja noch den schicken Anzug an. Ich wollte immer so rumspringen, aber alles hielt mich am Boden (lacht). Und die Gitarre wurde immer schwerer.

entertaim.net: Elia,  vielen Dank für das Gespräch – alle Gute euch!

Im Anschluss verriet uns Elia noch einiges über die geplanten, aber noch geheimen Aktionen zum neuen Album – ein ist sicher: man darf sich auf ungewöhnliche Nachrichten aus dem Hause BIANCA STORY freuen!

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