c/o pop / c’n’b / Evolution der Clubkultur / Von Gesundheitsnazis und Kultur-Pionieren

Martin Hannig

Die Livekomm – der Branchenverband der Live-Musikstätten – organisierte ein Panel zur „Evolution der Clubkultur“ in Deutschland – und dabei kamen einige Themen zur Sprache, die den Clubbesitzern auf dem Herzen liegen.

Ein Bericht von Martin Hannig

Livekomm –nie gehört? Da Clubbetreiber in der Regel Einzelkämpfer sind, versucht die Livekomm z.B. vermehrt durch die Teilnahme an solchen musikwirtschaftlichen Kongressen,  den Austausch und das Lernen voneinander zu ermöglichen.

Eingangs referierte Magnus Hecht, seines Zeichens Gründungsmitglied der Livekomm und Betreiber der Dresdner „Scheune“, in einem Rückblick über die Clubkultur von den Anfängen bis heute. Ein historischer Ausflug bis in die 30er Jahre, als es mit einer Unmenge an Jazzclubs und Varietées erstmals Anzeichen einer Livemusik-Kultur gab, so wie wir sie heute verstehen. Die „Scheune“ in Dresden war dann nach dem Krieg erstmal ein FDJ-Jugendheim. Nach der Wende wurde sie dann lange Zeit der einzige nennenswerte Club in der Stadt, Mittelpunkt der legendären „Bunten Republik Neustadt“, als sich die Subkultur dort in Dresden breitmachte. Magnus Hecht ließ aber auch die in vielen anderen Städten heutzutage zu beobachtenden Gentrifizierungstendenzen nicht aus – auch er kämpft nun damit, dass in der Nähe der „Scheune“ wohnende Rechtsanwälte sich über Lärm beschweren und ihre Interessen auch gerichtlich verfolgen.

Im anschließenden Panel, souverän und pointiert moderiert vom Rolling Stone-Autor und Ex-Spex-Urgestein Ralf Niemczyk, war gerade der letzte Punkt Aufhänger einer interessanten Diskussion. Stefan Bohne, Mitglied der Klubkomm Köln – der Vereinigung vieler Liveclubs der Stadt –wehrt sich gegen die Vielzahl von Gesetzen, die den Clubbetreibern das Leben schwer machen. Denn um die problembeladene Umsetzung der Gesetzeslage vor Ort müssen sich dann die Clubs selbst kümmern. Als drastisches Beispiel einer Überregulierung mag das neue „Nichtraucherschutzgesetz“ dienen, das dazu führt, dass die Clubgäste nun spätnachts rauchend die Straßen bevölkern und somit Stress mit den Anwohnern heraufbeschwören – eine Gemengelage, die der Gesetzgeber geradezu herausgefordert hat.

Die aktuelle Situation in Köln wurde – wer will es den Diskutanten verdenken – mehrfach aufgerufen. Schließlich saßen mit Bohne, Niemczyk, und der SPD-Landtagsabgeordneten Lisa Steinmann gleich 3 Kölner auf dem Podium. Köln ist demnach immer noch ein Big Player im Club- und Livegeschäft – aber Vorsicht scheint geboten: Die Politik bemerkt oft nicht, wie sehr die  Clubkultur inzwischen ein Wirtschafts- und ein Kulturfaktor ist. Stefan Bohne berichtete, wie sehr die gesetzlichen und ordnungsbehördlichen Auflagen den Druck auf die Clubbetreiber erhöhen, wie hoch der dadurch induzierte  Kostendruck ist. Da war die Geschichte von der vorgeschriebenen Höhe der gefliesten Kachelwand nicht nur eine traurige Anekdote…. Am Ende führt dies zum Verschwinden der Räume für unkonventionelle Clubs, zum Verschwinden des für die Subversivität so wichtigen Gefühls der Freiheit. Am Beispiel des Helios-Geländes in Ehrenfeld – für das sich Steinmann besonders einsetzt – wurde deutlich, wie eminent wichtig es ist, (Sub-)Kultur, hier das Underground – vor Investorenmodellen zu schützen und zu erhalten.  „Es braucht die Pioniere“, so Hecht – sie schaffen und erhalten die kreative Klasse, die grundlegend sind für Urbanität.

So konstatierte Niemczyk denn auch trefflich den Zeitgeist der „Gesundheitsnazis“ (hier hob zustimmendes Gelächter im Publikum an!) an den politischen Schaltstellen in Düsseldorf oder Brüssel. Die ökospießigen Moralapostel haben in der Tat mit dem Nichtraucherschutzgesetz ein besonderes Beispiel nicht allzu hoher Regierungskunst abgegeben – so kommt es dann absurderweise zu denunziatorischen Feststellungen von Clubgästen wie: „da drüben raucht aber einer!“.  Auch Bohne sieht hier die Gefahr, Clubatmosphäre komplett zu zerstören und letztendlich dem kulturellen Leben der Stadt den Garaus zu machen. Es gehe darum, wieder kreative und echte Freiräume zu schaffen, statt die Clubbetreiber mit immer neuen Reglelungen zu überfordern.

Die angesprochene Politikerin Lisa Steinmann hatte nach ihrem Bekunden auch „Bauchschmerzen“ bei diesem Anti-Raucher-Gesetz – es passe schlicht und ergreifend in dieser Form nicht zum urbanen Leben. Sie sieht aber auch die Vorteile der Regelungen, die alte Unklarheiten endlich beseitigt hätten.

Ein weiteres Damoklesschwert hängt mit der EU-Richtlinie zur Lautstärkebegrenzung über den Club-Inhabern. Laut Magnus Hecht würde die Umsetzung dieser Regelungen das Ende vieler Geschäftsmodelle in der Live-Wirtschaft bedeuten. Die Livekomm wird nicht tatenlos zusehen wenn diese EU-Initiative kommen sollte. Steinmann bekräftigte, dass die EU zwar nicht böse,  aber doch  „echt strange“ sei. Noch mehr Ungemach droht: Hecht wies darauf hin, dass neue Umsatzsteuerplanungen vorsehen, den reduzierten Satz von 7% auf einige Club-Leistungen auf den Normalsatz anzuheben – eine weitere erhebliche Kostenbelastung der Clubs wäre die Folge.

Steinmann sieht sich als Politikerin zwischen den Stühlen. Das Anspruchsdenken vieler Bürger steige – die Bürgerschaft neigt dazu, immer mehr reglementiert haben zu wollen. Dies betreffe beispielsweise die Diskussion um den Brüsseler Platz, wo urbane moderne Großstadtkultur auf erboste schlaflose Anwohner trifft – Ausgang des Streits offen.

Am Ende der Diskussion kam noch der verspätete Karsten Schölermann, Chef des Hamburger „Knust“, hinzu. Mit Erstaunen vernahm er, dass gerade die hansestädtische Clubkultur als vorbildlich hingestellt wurde. Dies, so Schölermann, könne gar nicht sein. Hamburg benutze nur seine Clubs zum „Glanz nach außen“. Man betrachte nur den c/o pop-Konkurrenten Reeperbahnfestival: nur 10 von 70 Hamburger Clubs wären dort beteiligt, zudem eine ganze Reihe Spielstätten außerhalb der Clubkultur – mehr Schein als Sein für die Hamburger Clubs also. Er spricht hier von Hamburger „Augenwischerei“ – die kommunale Förderung sei „ein Schiss“.

Nach derart drastischen Worten bleibt als Fazit: die Livekomm steht Gewehr bei Fuß, was die Begleitung der Einführung neue gesetzlicher Regelungen angeht – und sie muss dabei auf verständnisvolle Kulturpolitiker wie Lisa Steinmann hoffen, die die Sorgen und Nöte der Livekulturszene ernst nehmen und in ihre politischen Entscheidungen einfließen lassen. Dazu bedarf es allerdings der vertieften Einsicht, dass hier ein für das urbane Leben unersetzlicher kultureller und auch finanzieller Mehrwert geschaffen wird. Wer die Live-und Club-Szene auf Lärm, Alk und Raucher reduziert (auch wenn dies angenehme Seiten einer ausgiebigen Clubnacht sind), wird der ökonomisch-kulturellen Bedeutung der Branche nicht gerecht.

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