C’n’b convention / Digitale Arbeitswelt / Das Tor wird geöffnet / Aber die Verhältnisse in der Kreativszene sind prekär

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Der 2. Tag der c’n’b convention (der Kongress der c/o pop in Köln) brachte neben aktuellen Themen aus der Musikwirtschaft (weitere Berichte folgen) auch ein sehr interessantes Panel über die Arbeitsbedingungen vor allem in der digitalen “Kreativwirtschaft“, deren zentrale Thesen jedoch auch für viele „Old economy“ Unternehmen gelten – kann sich doch kein Unternehmen von den Trends der Digitalisierung von Geschäftsprozessen befreien.

Ein Bericht von Martin Hannig

In seinem Eingangsstatement ging Stephan Noller, der Chef des Online-Marketingunternehmens NUGG.AD, auf die vielen Vorzüge (Prozesserleichterungen, kollaboratives Arbeiten) aber auch die Nachteile der Digitalisierung der Arbeitswelt ein (ständige Präsenzkultur in einer männerdominierten Kreativbranche). Er sieht die Gefahren der ständigen Verfügbarkeit auch und schlug folgende Punkte zur Lösung vor:

  • Gewährung von zeitlichen Ausgleich (z.B. freier Nachmittag, keine Mails ab 18 Uhr oder im Urlaub)
  • „Scrum“-Kultur: hohe Fehlertoleranz, wenig Planung, mehr iterieren
  • Partizipation erhöhen durch Barcamp-Workshops, Wikis, Yammer
  • Zentrale Frage für ihn: Reichen Selbstverpflichtungen der Unternehmen oder brauchen wir auch dort Gesetze und Gewerkschaften? Kommen wir über einen Umweg wieder zur 35-Std.-Woche?

In der anschließenden Paneldiskussion wurde besonders die aktuelle Frage der E-Mail-Verfügbarkeit nach „Feierabend“ aufgeworfen. Große Unternehmen wie VW gehen dazu über, den Server nach der Kernarbeitszeit abzuschalten – während es bei kleineren Unternehmen meist heißt: „das kann jeder doch selbst entscheiden!“ Dies aber ist eine Illusion – welcher Mitarbeiter in der Probezeit würde sich trauen, eine Mail unbeantwortet zu lassen? Was ist, wenn der Chef im CC steht? Es entsteht oft auch interner Druck, wenn ein Kollege oder ein Vorgesetzter anfängt, Mails herumzusenden, andere antworten, und man es sich nur schwer leisten kann solche Kommunikation komplett zu ignorieren. Noller plädiert hier für Selbstverpflichtungen, gerade bei leitenden Angestellten.

Das eigentliche Problem nicht nur in der digitalen Kreativszene: die Kultur und die Hierarchie sind immer noch in konservativen Strukturen verhaftet, während die Tools durchweg neu sind – durch die damit entstehende Selbstausbeutung vieler oft junger Mitarbeiter „schaufelt sich die Szene ihr eigenes Grab“, so Noller. Gerade in der „hippen“ Kreativwirtschaft gibt es an allen Ecken und Enden prekäre Arbeitsverhältnisse (wenig Einkommen, ständige Verfügbarkeit).

Die Unternehmensberaterin  Nina Kalmeyer wies auf den Trend im Mittelstand hin (nicht nur in der kreativen Szene), dass Mitarbeiter immer verfügbarer sein müssen; die Effiziensgewinne der Digitalisierung werden nicht für die Mitarbeiter genutzt sondern für’s Unternehmen zur Gewinnerhöhung – Kalmeyer stellt hier Verhältnisse fest, die man durchaus „Ausbeutung“ nennen darf.

Ein weiterer Trend – der seit Jahren viel beschworen wird, aber nun in immer mehr Unternehmen tatsächlich ankommt – ist die Auslagerung von Arbeitspaketen in Projekten, die an Freiberufler vergeben werden. Als Negativbeispiel erzählte Kalmeyer von IBM, die ihre Risiken inzwischen systematisch in Projekte auslagern – so dass Mitarbeiter, die seit 25 Jahren dort arbeiten, sich eine Existenz aufgebaut haben, auf einmal mit Freelancern aus Indien und Pakistan um ihre Arbeit in Wettbewerb treten müssen – moralisch höchst fragwürdig, allein dem Kostendenken des Managements geschuldet. Ob es nicht einen Fachkräftemangel gebe, der für eine Umkehrung der Verhältnisse sorgen dürfte? Der sei, so Kalmeyer, bis auf wenige Expertenjobs gar nicht so groß – zumindest derzeit nicht. Sonst würden nicht überall prekäre Arbeitsverhältnisse entstehen.

Dem interessanten Fakt, dass die Arbeit in der Kreativwirtschaft unglaublich männlich dominiert ist, wurde ebenfalls auf den Grund gegangen. Nicht umsonst, meint Nina Kalmeyer, die selbst Mutter ist, ist der Karriereknick nach der Geburt in keinem Land der Welt so extrem wie in Deutschland. Vakanzen müssen einfach mal über längere Zeit ausgehalten werden können – dies wünscht sich auch Stephan Noller.

Die IT hilft am Ende, die Hierarchie mit Tools wie Yammer (das unternehmensinterne Twitter) und Wikis zu verflachen, so dass alte Machterhaltungssysteme durchlöchert werden – diese Vorgehensweise  in seinem Unternehmen sieht Noller als großen Trend – „das Tor wird geöffnet“.

Kalmeyer wies zum Abschluss darauf hin, dass solche Hierachieverflachungen durch Enterprise 2.0-Tools nicht immer einfach sind – in der Regel seien zwar Mitarbeiter (und hier meist die weiblichen) sehr offen, auch die Geschäftsführung ist oft überraschend offen– wer hingegen mauert sei das mittlere Management. Die haben sich in ihren männlichen Strukturen eingerichtet und sehen nun ihren Führungsstil gefährdet.