KADAVAR / Kein Visum – und ne Karre geschrottet / Neues Album fertig!

Kadavar bei entertaim.net

Eine der glorreichsten deutschen Neuentdeckungen des Jahres 2012 waren sicherlich KADAVAR. Das bärtige Trio überraschte mit seinem Debut-Album alle selbst ernannten Experten – denn diese kernig und reduziert eingespielte Retro-Mischung aus 70er Led Zep Hardrock, Black Sabbath Metal und Psychedelic Hawkwind Rock  hatte niemand auf dem Schirm, als das erste Album aus dem Nichts erschien. Es schlug auch international ziemlich ein und brachte die Band kurz nach der Gründung sogar bis in die USA. Selbst die ehrwürdige Institution WDR-Rockpalast wurde neugierig und zeichnete im Sommer 2012 einen Gig in Köln auf. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte – selten sah man in den letzten Jahren eine deutsche Band so schnell durchstarten.

Nun erscheint aktuell der 2. Longplayer „Abra Kadavar“, dieses Mal bei Nuclear Blast. Die Band tourte im Mai durch Deutschland und machte dabei im Kölner Underground Station. Was geboten wurde: KADAVAR pur, kompromissloser Rock der alten Schule, dabei aber völlig frei von altmodischen Sperenzchen wie stundenlange Soli, auf Höhe der Zeit, von drei hervorragenden Musikern präsentiert. Ein Gitarre-Bass-Drums-Sturm wie man ihn in letzter Zeit selten gesehen hat. Drummer Tiger total präsent, mit einem unglaublichen Anschlag, dabei ständig headbangend wie einst das Animal aus der Muppets Show,  die beiden anderen ständig nach vorn treibend; Wolf an der Gitarre mit seinem rifflastigen Spiel, der sich aber auch manchmal, was sein melodiöses Spiel angeht,  in Hendrix-Gefilde traut; und der neue Bassmann Simon “Dragon” Bouteloup, immer wieder die Melodien mitspielend, und die ganze Zeit stoisch seitlich zum Publikum stehend, nur seinen Bass im Blick. Außer ein paar „Dankes“ und ein „Wie geht’s“ gab’s keine Kommunikation mit den Leuten – KADAVAR lassen einfach nur diese harte Brett für sich sprechen, und am Ende geht man geplättet raus und fragt sich, wo das noch alles hinführen soll.

Martin Hannig sprach mit Drummer Tiger ein paar Tage nach dem Kölner Gig …. (Bild von Nuclear Blast)

entertaim.net: Tiger du kommst ja eigentlich aus Münster…

Tiger: Naja aus der Nähe von Münster. Aus Ibbenbüren.

entertaim.net: Kenn ich als Westfale natürlich – die Heimat der Donots! Ich hab mir euren Gig in Köln im Underground angeschaut – ich dachte „Mann Mann wird er eine Gehirnerschütterung bekommen…“

Tiger: (lacht) So lange da nichts im Weg ist geh ich ohne Gehirnerschütterung von der Bühne!

entertaim.net: Wenn ich mal ein Lob aussprechen darf –  du spielst  wie der nicht bekannte Bruder von John Bonhams Sohn!

Tiger: (lacht) Dankeschön! Das kraftvolle Schlagzeugspielen macht mir auch viel mehr Spaß als nur da zu sitzen und die Beats zu spielen, das reicht mir irgendwo nicht.

entertaim.net: Du wirkst ja beim Spiel sehr extrovertiert, während die beiden anderen eher zurückhaltend agieren. Ist das Absicht oder einfach so entstanden?

Tiger: Ich find’s auf jeden Fall okay. Es ist ja nicht so dass ein Konzept dahinter steht – jeder soll auf der Bühne machen wie er denkt und sich wohlfühlt. Das hat sich dann so entwickelt…

entertaim.net: Jetzt ist die neue Platte „Abra Kadavar“ draußen – ein sehr witziger Name übrigens – ihr hattet sicherlich viel weniger Zeit die Songs zu schreiben als bei der ersten Platte. War das ein Problem für euch?

Tiger: Problematisch war es nicht. Es ist zwar mit minimalstem Zeitaufwand entstanden. Wir wussten das ja schon lange und waren gedanklich darauf vorbereitet.  Wir waren das ganze Jahr auf Tour und wir wollten die neuen Songs unbedingt machen. Wir waren kreativ und hatten einen super Output und deswegen haben wir es auch geschafft. Innerhalb von 2 Monaten sind alle Songs entstanden mit Ausnahme von einem. Wir waren wirklich 24 Stunden dabei –  12 Stunden im Studio, dann abends noch mit der Gitarre im Bett gesessen und neue vorbereitet. Das ging nur so, weil wir es wirklich wollten und weil wir nichts anderes gemacht haben…

entertaim.net: Hört sich so an wie ein kreativer Rausch….

Tiger: Ja das kann man so sagen – wir haben kaum Tageslicht gesehen, ich habe keine meiner Freunde gesehen, wir waren nur an der Platte dran ….

entertaim.net: Die neue Platte ist der vom Sound her sehr druckvoll geraten. Ich habe gelesen dass ihr alles selbst gemacht habt, selbst produziert, selbst gemixt und gemastered. Ist das richtig und woher könnt ihr das eigentlich

Tiger: Ich mache das schon seit 10 Jahren, ich bin gelernter Toningenieur. Ich bin aber erst seit ein oder zwei Jahren richtig zufrieden mit dem was ich mache. Das ist nicht so, selbst wenn man es studiert,  dass man es sofort kann. Man lernt immer dazu und man braucht eine ganze Zeit. Und man benötigt viel Erfahrung. Das mit den Bands aufnehmen ist wirklich ein Prozess….

entertaim.net: Hast du selbst schon andere Bands aufgenommen?

Tiger: Auf jeden Fall – ich mach das ja schon ein paar Jahre. Angefangen habe ich im Keller meiner Eltern, eine Band aufzunehmen aus der Stadt….

entertaim.net: … aber nicht die Donots….

Tiger: Nee. Dann hatte ich mit einem Kumpel ein Studio und dann habe ich angefangen alleine zu arbeiten. Ich bin dann angefangen Punk und Hardcore Bands aufzunehmen aus ganz Deutschland,  die ich irgendwie über Ecken kenne.

entertaim.net: Du hast ja auch musikalisch noch andere Projekte oder Bands?

Tiger: Ich hab noch eine andere Band – Noem – die ist auch so unterwegs Noise Hardcore. Mit der mache ich grade nicht so viel. Wir haben Anfang des Jahres doch eine Single raus gebracht. Momentan schaffe ich es nicht auch noch so viel zu machen mit Noem wie ich gerne würde. Wir haben uns aber nicht aufgelöst und das habe ich auch nicht vor. Aber gerade geht’s halt nicht…

entertaim.net: Kadavar ist letztes Jahr sehr überraschend aufgetaucht – erst ein Video, dann ein geiles Album und dann habt ihr sehr schnell auch eine Tour gemacht und sogar im Ausland gespielt. Und der Rockpalast hat euch aufgezeichnet. Ging das nicht alles sehr schnell?

Tiger: Ja natürlich, wenn man das für die Musik macht, dann rechnet man damit ja gar nicht. Wir haben die erste Platte aufgenommen ohne Erwartung. So wie jede andere Band. Wir haben einfach eine 500er Pressung gemacht.  Wir wären genau so froh gewesen wenn sich die 500 Platten in einem Jahr verkauft hätten. Dass das so durch die Decke gegangen ist, war definitiv außerhalb unserer Erwartung.

entertaim.net: Hast du eine Erklärung dafür,  was macht euch so speziell?

Tiger: Da kann man nur mutmaßen. Meistens wird die Frage noch konkreter gestellt: warum die Musik, die wir machen, gerade so angesagt ist. Alles das was in den letzten 30 Jahren und speziell in den letzten 10 Jahren passiert ist, hat dazu geführt dass ein Musiker gar nicht mehr so viel machen muss. Die ganzen technischen Neuerungen, du kannst alles allein machen und alles wird dann sehr steril. Unsere Idee war, Musik so zu machen wie im Proberaum. Wir greifen auf überhaupt keine technischen Hilfsmittel zurück. Wir nehmen es so auf wie wir spielen und wenn es am Ende nicht perfekt ist, dann ist es halt nicht perfekt.

entertaim.net: Macht ihr das wirklich so dass ihr das dann zu dritt direkt zusammen einspielt als Grundlage, so als erste Spur?

Tiger: Ja das ist die erste und die letzte Spur…. Bei diesem Album haben wir zusammen alle Basic Tracks auf 8 Spuren eingespielt, 4 Spuren Drums , 2 Spuren Gitarre, 2 Spuren Bass. Und das dann live aufgenommen. Um genau zu sein haben wir dann noch ein paar Gitarren extra aufgenommen und die Vocals. Bei den letzten 3 Songs gibt’s noch ein paar Overdubs –  beim drittletzten eine Orgel, dann noch  ein paar Synthies und extra Gitarren. Aber grundsätzlich hört man nur eine Gitarre, einen Bass, ein Schlagzeug und einen Gesang. Das war’s.

entertaim.net: Dann habt ihr ja auch keine Probleme dass live umzusetzen.

Tiger: Nein, meistens ist es so dass man es live immer noch verbessert. Die Platte soll auch nur eine Momentaufnahme sein. Die ist so gut geworden wie wir es zu dem Zeitpunkt konnten, und damit bin ich auch zufrieden.

entertaim.net: Ich habe euer neues Video gesehen zu „Come Back Life“ –  das sieht ja irgendwie sehr teuer aus. Ist es wirklich in den USA entstanden?

Tiger: Ja, wir haben eigentlich vorgehabt eine Tour zu spielen –  die mussten wir leider absagen. Es gab Probleme mit den Arbeitsvisa. Wir hatten aber einen Haufen Arbeit hineingesteckt und dann sagten wir halt scheiß drauf – wir fahren jetzt trotzdem! Wir wollen auf jeden Fall dass South By Southwest spielen, das geht auch ohne die Visa. Dann haben wir uns gesagt, machen wir einen Roadtrip und haben dann  noch zwei Freundinnen  mitgenommen, die Videos machen. Wir hatten dann einen Bus und eine spezielle Karre, die wir extra für’s Video gekauft haben. Diese ursprüngliche Karre haben wir allerdings nach ein paar Minuten nachdem wir sie gekauft haben geschrottet. Im Video ist eine andere zu sehen. Wir wollten von Texas nach Kalifornien fahren und haben dann auf dem Weg diese andere Karre gefunden. Wir haben dann auf diesem Weg von Texas nach Kalifornien das Video gedreht – also „nebenbei“ gedreht wär übertrieben gesagt, das hat schon eine Menge Zeit gekostet…

entertaim.net: Hört sich alles sehr abenteuerlich an….

Tiger: Das war’s auf jeden Fall… Das war für uns auch das erste Mal in den USA. Das Video hat zwar sehr viel Zeit in Anspruch genommen, aber wir wollten auch Plätze  sehen die man sonst auf Tour nicht sieht. Deswegen sind wir nicht direkt von Austin zurückgeflogen sondern zwei Wochen später von San Francisco aus.

entertaim.net: Das SXSW muss ja ein riesiges Ding sein – eine ganze Woche voller Musik , stell ich mir traumhaft vor. Habt ihr auch das Festival selbst gesehen oder konntet ihr nur dort spielen?

Tiger: Ja, wir waren ja die ganze Woche da. Da ist den ganzen Tag was los, unglaublich,  2000 Bands spielen da. In jeder Kneipe, in jeder Bar. Da gibt’s natürlich auch den Plan, wer wo spielt, und in den ersten zwei Tagen haben wir versucht uns daran zu halten. Wir wollten zum Beispiel Nick Cave sehen. Aber überall waren bei den Hauptacts lange Schlangen und wir haben gemerkt das läuft so nicht. Dann sind wir später einfach durch die Straßen gelaufen und haben Leute gefragt welche Bands wo spielen und sind einfach hier und da hingegangen und haben uns das angeschaut. Wir haben so viele coole Bands gesehen. Du musst dich nur darauf einlassen, dass es mit einem Plan nicht funktioniert weil du sonst nur in der Schlange stehst.

entertaim.net: Das ist ja auch ein Traum von mir da mal hin zu fahren – eine Woche nur Musik – ist aber so leider weit weg…

Tiger: Das war total cool! Die beste Band, die ich da gesehen habe war Wu Tang Clan.

entertaim.net: Sind das nicht die Hip Hop Großväter?

Tiger: Die haben wir in einem 200er Laden gesehen und der Stall hat echt  gebrannt, Wahnsinn. Ich hör mir ja sonst nicht so viel Hip Hop an, aber das war richtig cool!

entertaim.net: Etwas was ihr bestimmt häufig gefragt werdet: euer Aussehen. Habt ihr euch so gefunden oder hat sich das dann so entwickelt mit den Bärten – ich vermute mal es gibt keinen Plan dahinter?

Tiger: Nee, eigentlich nicht. Ich habe meinen Bart seit ungefähr einem Jahr. Aber das wär ja auch lächerlich wenn man das alles planen würde, und wenn man da eine Casting-Band draus machen würde. Wir haben uns so gefunden und wir haben uns sofort gemocht. Sonst würde das nicht funktionieren.

entertaim.net: Die neue Platte kommt bei Nuclear Blast raus, die machen ja eigentlich nur Metal. Ist das für euch okay, passt ihr da rein?

Tiger: Also am Ende kommt es für mich darauf an ob sie gute Arbeit für uns leisten, und das tun sie auf jeden Fall. Abgesehen davon haben die vor ein paar Jahren angefangen sich für dieses Genre zu interessieren. Die haben ja auch Graveyard und Witchcraft… vielleicht wollen die das ja noch weiter ausbauen. Wir waren mit unserem alten Label This Charming Man auch zufrieden. Ich habe das damals über meine andere Band kennengelernt und sie haben uns auf jeden Fall nach vorne gebracht. Am Ende mussten wir uns entscheiden, was wir mit der zweiten Platte erreichen wollen – und Nuclear Blast konnte uns da noch mehr anbieten. Ich stehe auch dazu und bin sehr zufrieden damit.

entertaim.net: Was sind eure Pläne für 2013?

Tiger: Wir spielen jetzt ungefähr 30 Festivals im Sommer. Dann im Herbst machen wir 5 Wochen eine Europatour. Eventuell können wir im September die ausgefallene USA Tour nachholen, aber das ist noch nicht klar. Wenn am Jahresende noch Zeit ist würden wir gerne andere Plätze außerhalb Europas spielen. Ist aber noch nicht spruchreif. Grundsätzlich ist der Tourplan voll,  wir werden bis Ende des Jahres auf Tour sein. Danach wollen wir erstmal eine Pause einlegen und danach machen wir uns Gedanken um das nächste Album.

entertaim.net: Hört sich gut an, ist ja jetzt auch euer Ding …

Tiger: (lacht) Na klar, wir machen das ja auch gerne! Wenn man keinen Bock hat live zu spielen, muss man sich auch fragen ob man in der falschen Band ist.

entertaim.net: Apropros live. Euer Publikum ist ja total gemischt vom Abiturienten bis zum Altrocker, ist euch das schon mal aufgefallen?

Tiger: Natürlich ist das das schon aufgefallen. Wir quatschen ja auch viel mit den Leuten nach dem Konzert, und da sieht man ja wer da war. Das Witzige ist ja auch dass es auch etwas ältere Leute mögen weil es starke Referenzen an die 70er Jahre hat. Was mich am meisten gewundert hat ist, dass z. B. Skater auch auf die Musik abfahren. Damit hätte ich ja nie gerechnet. Scheinbar können verschiedene Generation der Musik etwas abgewinnen, das freut uns auch total, dass das nicht nur ein Ding für eine ganz spezielle Gruppe ist. Ist auf jeden Fall sympathisch.

entertaim.net: Ja danke dass du uns so viel über euch erzählt hast! Jetzt können wir einen fetten Artikel schreiben und euch NOCH bekannter machen  🙂

Tiger: (lacht) Vielen Dank an euch!

von Martin Hannig