Frank Turner / Tape Deck Heart (Interscope)

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Der englische Singer/Songwriter Frank Turner dürfte inzwischen  zu den etablierten Kräften im Folk-Rock-Genre gelten – seine ausverkauften Auftritte der letzten Tour, sein Wahnsinns-Gig in der Wembley-Arena, und nicht zuletzt sein überraschender Auftritt bei der Olympia-Eröffnungszeremonie dürften Beleg dafür sein. Nun erscheint mit „Tape Deck Heart“ die 5. Platte des Ausnahmetalents, der im Herzen immer noch der Punkrocker aus früheren Tagen ist.

In Kalifornien produziert von Rich Costey (Muse, Interpol), öffnet „Tape Deck Heart“ dem Turner-Fan neue Horizonte. Die Grundstimmung des Albums ist musikalisch und textlich im Vergleich zu den letzten Alben eher etwas dunkler, manchmal gar bitter, wenn Frank im tollen „Fisher King Blues“ der Ziellosigkeit im Leben – die jeder schon mal verspürt hat – eine Stimme gibt. „Recovery“ als Opener hingegen ist noch mal old Turner pur, so wie wir ihn kennen, wenn er atemlose Lyrics zu einer catchy Folkrock-Melodie liefert – er ist einer der wenigen Künstler, die mit diesem Song zeitgleich bei 1live die etwas jüngere, und bei WDR2 die etwas ältere Playlist erobert.

Das Album ist aber auch produktionstechnisch ein Schritt nach vorne. Fühlte es sich früher oft so an, dass seine Begleitband, die Sleeping Souls, seine Lieder nur nachspielt, kommt auf diesem Album echtes Band-Feeling auf – man spürt wie stark Turner und seine Band zusammengewachsen sind. Rich Cosey dürfte dann beim Sound noch extrem nachgeholfen haben, denn die Platte klingt einfach auch sehr sauber und state of the art. Dabei gibt es viele Kleinigkeiten zu entdecken, die bekannte Mandoline, das Bar-Piano, die Keyboards geben den Songs von herzhaftem Rock („Plain Sailing Weather“) bis nahem Folk („Anymore“) eine echte Band-Ausrichtung. Dass Springsteen-Fan Frank Turner dann beim euphorischen „Losing Days“ die E-Street-Band im Kopf hatte, dürfte jedem klar sein. „Oh Brother“ ist eine wunderbare sentimentale Reminiszenz an seine ersten musikalischen Gehversuche, „No Surrender“ auf britisch sozusagen.

Mit „Tape Deck Heart“ entfernt sich Frank weiter von seinen Akustik-Folk-Punk-Wurzeln.  Seine Musik und seine Texte sind aber weiterhin fast brutal ehrlich, manchmal schmerzhaft, manchmal auch noch witzig. Er trägt wie der junge „Boss“ in den 70ern die manchmal sentimentale, manchmal drängende Romantik eines weit gereisten Musikers auf der Zunge – und mit „Tape Deck Heart“ kommen nun noch einige bittere Aspekte der Selbsterkenntnis hinzu. Wer kann den Selbstzweifeln, dem Trauern um die verlorene Jugend, den gescheiterten Beziehungen besser Ausdruck verleihen als dieser 31jährige Engländer? Mir fällt keiner ein.

Das Besondere an Turner-Platten ist halt, dass man ihm jedes einzelne Wort abnimmt, dass man glaubt, ihn zu verstehen, dass man spürt, wie ehrlich er es mit seiner Kunst meint.

4,5/5

Martin Hannig

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