Nick Cave and the Bad Seeds / Push The Sky Away (Rough Trade)

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Es steht das 20-jährige Jubiläum der Bad Seeds an – und wer befürchtet hatte, das Nick Cave im gesetzteren Alter outputmäßig einen Gang zurückschaltet, darf sich erfreulicherweise getäuscht sehen. Nach einigen ungehobelteren Ausflügen mit seinem Düster-Rock-Outfit GRINDERMAN liefert Nick mit seinem auch schon 15. Studiowerk ein neues Bad Seeds-Album der Extraklasse.

Gegensätzlicher zu den teils explosiven GRINDERMAN-Sachen konnte diese Platte gar nicht ausfallen. Auch „Dig Lazarus Dig“,  die letzte, auch schon 4 Jahre alte Bad Seeds-Platte, hatte ja ihre fiesen Blues-Rock-Highlights. Die Bad Seeds bleiben nun aber mit „Push The Sky Away“ vollkommen im ruhigen, traumwandlerischen Fahrwasser. Die Loops schleichen sich kaum wahrnehmbar in die Hörrinde, während leise Klavier- oder Streicherakkorde subtile Akzente setzen. Ob das was mit dem Abschied von Mick Harvey zu tun hat? Das Augenmerk kann somit ganz auf die wie immer diskutablen Lyrics des großartigen Songwriters Cave gelenkt werden.

Zitat Nick Cave: „Fast alle Geschichten, die ich neuerdings erzähle, habe ich durch die Fenster meines Hauses in Brighton beobachtet. Es geht um die ‚Jubilee Street‘ hier in Brighton. Ein anderer Song heißt ‚Finishing Jubilee Street‘. Und in ‚Water’s Edge‘ singe ich über die Mädchen aus der Hauptstadt, die hier zum Baden her kommen und genau wissen, dass wenn sie am Strand liegen, von den Jungs hinter den Felsen beobachtet werden. Meine Beobachtungen vermischen sich mit meinen Tagträumen und ich beobachte mich, während ich darüber schreibe.“

So degradiert sich der Geschichtenerzähler, der Großmeister des Narrativen, der in den letzten Jahren so herrlich versponnene Storys aus den Untiefen der seelischen Höllen lieferte, zum reinen Beobachter. Was nicht weiter schlimm ist – denn seine Texte sind auch aus dieser Position heraus nachvollziehbar, obgleich spürbar verträumter und offener. „Jubilee Street“ kommt den „alten“ Bad Seeds noch am nächsten – hier darf auch die Gitarre mal lauter einsetzen,  so dass der Song auch auf älteren Seeds-Alben eine gute Figur gemacht hätte. Toller Song, der mit einem tollen Video glänzt.  Auch der leicht durchgeknallte Zeitlupen- „Higgs Boson Blues“ ist mit seiner merkwürdigen Geschichte so ein Anknüpfungspunkt an die älteren Alben. Und tatsächlich – ganz ohne Luzifer kommt Nick ja dann hier doch nicht aus! Die berüchtigte Kreuzung in Clarksdale, an der Robert Johnson seine schwarze Seele dem Teufel vermachte, führt zur Frage:  „Robert Johnson and the devil man/ Don’t know who’s gonna rip off who“ … Der Song ist nicht nur der längste, sondern in seinen dylanesken Visionen und völlig sinnlosen Verweisen auf Hannah Montana und Miley Cyrus auch der hörenswerteste auf dem Album. Zusammen mit dem wunderbar melancholischen „Wide Lovely Eyes“, das mich irgendwie stark an The National erinnert.

Ein ruhiges Alterswerk, wie viele meinen? Nick Cave hat schon Alterswerke geschrieben, als er noch viel jünger war. Hört man z.B. Großwerke wie „The Boatman’s Call“ oder „No More Shall We Part“ heute wieder, merkt man, dass er ähnliche melancholische, träumerische Stimmungen schon damals erzeugen konnte. Also hat er hier keinesfalls das Rad neu erfunden. Nur wie er es macht, wie traumwandlerisch sicher er durch die Songs leitet, wie er trotz geringster Instrumentierung Spannung aufbaut, wie er einen zwingt, die Songs im Album-Format anzunehmen (denn die Songs einzeln zu hören, liegt nicht in der Intention des Herrn Cave!), wie er einen immer wieder neu überrascht – dies macht einen wahren Künstler aus. So sieht er sich auch – zurecht. Maximale Punktzahl für ein großartiges Album. Es gibt wenige, die Nick Cave & The Bad Seeds das Wasser reichen können.

5/5

Martin Hannig