BONAPARTE / Juckt – aber von Hand gemacht!

Bonaparte by Dennis Rowehl

Tobias Jundt, Erfinder und Mastermind von BONAPARTE, dem Rock-Electro-Punk-Kollektiv aus Berlin, im Gespräch mit entertaim.net. Das Interview oszillierte zwischen musikalischem Sachverstand und purem Chaos – genauso wie BONAPARTE auf der Bühne. Wer dieses Interview liest, sollte selbst entscheiden, was völliger Unsinn ist und was der Wahrheitsfindung dient. Ein toller, teils irrwitziger Gesprächspartner, der spontanen Unsinn verzapfen kann wie nur wenige. Und ein Künstlertyp wie es nur wenige gibt in Deutschland. Auf jeden Fall war der anschließende Gig in der Kölner Live Music Hall (nur einen Tag nach dem Deckenabsturz) eine rauschende Demonstration des unbedingten Willens von Publikum und Band zu „party with the BONAPARTE“. Einige Fotos seht ihr hier bei uns etwas weiter unten.

Der Zirkus namens BONAPARTE ist die Band mit den besten Slogan-Songs („Anti Anti“ oder „Wir sind keine Menschen“), den schrägsten Tänzern, den blödesten Kostümen (Lampenschirm!), der geilsten Show, dem Mut zum Anderssein. Konsequent jede Ansage an das Pubilum vermeidend konnte BONAPARTE vom 1. Song „Quarantine“ an das Publikum auf seine Seite ziehen. Auch die neuen Songs von „Sorry We’re Open“ – sie spielten fast das komplette Album – wurden lauthals mitgesungen. Aufgelockert duch eine kleine old school Aerobic-Pause (von der Leinwand flimmerte ein Mitmach-Kurs) hämmerten sie dann zum Ende hin einen Knaller nach dem anderen in die wild pogende Menge vor der Bühne. Was Köln angeht: Nach Gebäude 9 (klein), Bürgerhaus Stollwerck (etwas größer) nun also die 3. Dimension des Aufstiegs von BONAPARTE in die vordere Liga deutscher Bands (Live Music Hall). Wo soll das noch hinführen?

Interview: Martin Hannig / Foto: Dennis Rowehl / Mehr Fotos: http://wp.me/p2LhPZ-jE

Tobias: Herzlich willkommen hier zum Casting. Du willst dich also als Tänzer vorstellen?

entertaim.net: Na klar. Ich kann das super.

Tobias: Zeig mal. Ach nee, bleib sitzen. Wir suchen ja eine Frau. Wegen gender und so.

entertaim.net: Gender ist natürlich bei Bonaparte super wichtig.

Tobias: Klar gender auf der Agenda! Wie heißt denn euer Magazin?

entertaim.net: Unser Magazin heißt „Gender Mainstreaming Today“.

Tobias: Nee. Das heißt sicher „Gender & Automobile“

entertaim.net: Die Zeitschrift für den landwirtschaftlichen Nutzverkehr. Also Verkehr jetzt im Sinne von Auto, oder Mähdrescher. Nicht was du denkst.

Tobias: Aha. „Aktfotografie mit Traktoren“. Nee sag mal echt, wie heißt das?

entertaim.net: entertaim punkt net. Kleines Wortspiel. Tobias, vor 2 Jahren haben wir uns schon mal gesprochen, vor eurem Gig beim Roskilde-Festival.

Tobias: Ich kann mich noch genau erinnern, auf der Bank…

entertaim.net: … in der Sonne.

Tobias: .. du hast mir nen Hochzeitsantrag gemacht.

entertaim.net: Ja stimmt, aber ich hatte das Kleid vergessen und dann war schon wieder alles vorbei…

Tobias: Also, ich erinnere mich genau an  Roskilde. Das war ein toller Gig. Das war der letzte Gig auf dem Festival und das war der Hammer. Alle waren dann in dem Zelt, es war ganz schön wild. Und am Ende kam die Sonne hoch! Wahnsinn.

entertaim.net: Ja, das muss dann gegen 4 Uhr morgens gewesen sein.

Tobias: Bin dann noch so rumgewandelt auf diesem Gelände in der Sonne früh am Morgen.  Und dann irgendwann sind wir wieder auf die Fähre…. Die Band davor waren 3 junge Japanerinnen, da sind wir wieder bei gender, Frauenbands…

entertaim.net: Wird der Kaiser den auch ausreichend gehuldigt auf diesem europäischen Gastspiel?

Tobias: Oh ja, es gab einige Städte, die ganze Straßenzüge geschmückt haben. Einmarsch auf dem Nightliner, wir haben ja so einen Aufbau auf dem Nightliner, wodrauf man stehen kann, so als Balkon, dann sind wir da durchgefahren und haben Sachen geworfen…. (dann weiter mit französischem Akzent) Paris gestern war pompös und grandios. „Bonaparte“!

entertaim.net: Oui…

Tobias: „er ist wieder da! Endlich Befreiung!“ Das war schon toll.

entertaim.net: Weißt du, dass hier in der Live Music Hall gestern die Decke runtergekommen ist?

Tobias: Ja, hab ich mitgekriegt, ich musste ja auch immer auf Facebook dazu posten. „Ja wir werden spielen, wir wissen aber nicht wo.“ „Ja, wir spielen hier.“ Ich hab sogar gerade noch ein Statement der Stadt Köln gepostet,  in dem steht, der Statiker war da, alles in Ordnung, damit die Mütter auch ihre Töchter senden können. „Da gehste mir aber nicht hin Hannelore, da werden die alle runterfallen!“ Jetzt kann ja nix mehr passieren, die Decke ist ja unten, die haben ja alles runtergenommen heute. Und der OB hat ja geschrieben, dass alles in Ordnung ist.

entertaim.net: Das hat der OB damals in Duisburg auch gemacht. (Gelächter und Buh-Rufe)

Tobias: Über die Musik spricht ja niemand, ob unsere Show bleibende Schäden hier hinterlässt…

entertaim.net: Ach so. Hab jetzt ’ne ganz ausgefallene Frage. Was denkst du, wird eure Show bleibende Schäden hinterlassen?

Tobias: Ich denke nicht. Bonaparte-Musik setzt eher befreiende Energie frei. Die Leute werden eher auf die Werte ihres eigenen Voodoos geschickt und so weiter, dass sie morgen früh anders zur Arbeit gehen. Bleibende Schäden nicht, eher bleibende Euphorie.

entertaim.net: Was wird uns denn heute erwarten, hast du wieder alle an Bord?

Tobias: Ja klar, alle dabei. Wir haben sogar extra ein kleines Aerobic-Interlude gebastelt, damit die Leute auch etwas tun für ihr körperliches Wohlbefinden.

entertaim.net: Cool.

Tobias: Körper, Geist und Intellekt und so weiter. Ich find deinen Zettel da sehr schön, dass du keine Computer benutzt für die Fragen.

entertaim.net: Natürlich nicht. Die schreib ich so auf. Mit Feder und Tusche bei BONAPARTE. Ich hab auf deiner Website diese riesige Tourliste gesehen, die fängt an beim allerersten Konzert 2006 in Berlin. Find ich total genial.

Tobias: Ich hab die alle stehen gelassen. Die meisten schämen sich ja dafür. Manchmal guckt man das an und denkt: Ok, ich bin verrückt, aber es ist gut. Es ist manchmal wichtig zu wissen: Was auch immer kommt, das was mal war, das kann man nicht mehr nehmen. Und ich hab bei keinem dieser Gigs gefehlt! Das ist das Absurde daran: Ich als einziger Mensch kann das angucken und sagen: Nicht gefehlt, ich war da. Auch wenn’s scheiße war (lacht). Auch wenn ich danebengehauen hab. Ich mag diese Liste sehr.

entertaim.net: Als ich mir diese Liste gestern anschaute, wurde mir erst mal klar, was du meinst in dem Text „at the mighty mighty in Wellington“. Bisher hab ich das immer nur so mitgesungen.

Tobias: (lacht) Ja, der Mighty Mighty ist ein Club in Wellington. Der ist sehr wichtig für mich, ich hab da öfter gespielt. Hab da auch öfter irgendwelche andere Sachen gespielt, mehr als da auf der Liste steht, so einen Marlene-Dietrich-Abend gemacht.

entertaim.net: Wie kamst du dahin? Neuseeland ist der am weitesten entfernteste Ort um Musik zu machen.

Tobias: Ganz einfach. Ich hatte da in Berlin diese sehr große Fabriketage, aber die war ohne Heizung. Außer einen Ölofen, der in der Ecke stand. Ich musste also immer Öl in der Gießkanne hochtragen aus dem Keller. Und immer wieder Kohle fressen, damit du keinen Durchfall kriegst und dann kriegst du es nicht warm. Ich habe damals die erste Tour gebucht im Bett unter einer Heizdecke mit meinem Laptop. Das war 2006.  Dann hab ich jemanden kennengelernt aus dem Umfeld der neuseeländischen Dub-Band Fat Freddys Drop. Und der hat mir dann dort eine Tour gebucht….

entertaim.net:.. schon unter dem Namen BONAPARTE?

Ich war die Band

und der Koch hat gekocht

Tobias: Ja klar. Ich hatte da schon meinen ersten Gig auf meiner Website stehen. Der hieß „BONAPARTE first and last time ever.“ Weil ich dachte, es würde nur den einen geben. Aber der hat so Spaß gemacht, dass wir heute immer noch den ersten und letzten Gig haben. Ich bin dann dahin, und der Produzent von Fat Freddy Drop hatte gerade geheiratet. Das war meine Einführung ins Land. Wir waren 3 Tage im Urwald. Alle hatten so seltsame Maori-Sachen im Blut, unglaublich diese Hochzeit im Dschungel. Das war so ’ne gute Einführung, dass die Tour danach the time of my life war. Hab mir ein altes Auto gekauft und bin dann die Tour abgefahren.

entertaim.net: Alleine?

Tobias: Ich und ein Koch. Ich war die Band und der Koch hat gekocht. In dieser Zeit hab ich auch am ersten Album geschrieben. Deswegen sind auf dem Album auch Maori-Wörter oder „Mighty Mighty“.

entertaim.net: Fährst du da eigentlich immer noch hin?

Tobias: Ja, ich will da immer gern hin, aber es muss halt passen zeitlich, wir touren ja auch sehr viel.

BONAPARTE –

Schaffellunterhose!

entertaim.net: Ihr werdet ja nun sogar richtig berühmt, die Zuschauerzahlen steigen, viele Medien  berichten.

Tobias: Ja,  aber viele kennen meine Schafzucht in Neuseeland noch gar nicht.

entertaim.net: Ah ja. „BONAPARTE – Schafe in Neuseeland“ sollte auf jeden Fall in unserer Überschrift stehen.

Tobias: „BONAPARTE – Schaffellunterhose!“

entertaim.net: Aber klar!?

Tobias: Also wenn du mal was ganz intimes wissen willst: meine Mutter hat mir damals so Anfang der 80er immer diese Unterhosen gestrickt. Die juckten wie Sau. Dann hab ich in der Schule gesessen und gedacht: ich hab eine Unterhose, die habt ihr alle nicht. Und dieses Bewusstsein ist – glaube ich – mit BONAPARTE immer noch da. „Juckt, aber von Hand gemacht!“ (lacht)

entertaim.net: Im Jahre 2026  – so steht es schon seit langem auf deiner Website – wird dein letzter Gig sein. Wer wird dann die Show mit dir zusammen spielen?

Tobias: Ich weiß nicht wer dann noch dabei ist. Wahrscheinlich werd ich alle einladen die mal bei uns gespielt haben. Best of. Vielleicht werd ich auch ganz allein da spielen. Da mache ich ein Video von, das wird ins Internet hochgeladen. Und danach wird das Internet für immer geschlossen für Uploads. Alles das, was dann bis dahin da ist, das gibt’s dann. Mehr nicht.

entertaim.net: Wenn’s dann größer wird: Welche Bands würdest du als Lieblingsband einladen, die auf jeden Fall da spielen sollen?

Tobias: Red Hot Chili Peppers spielen die Musik von John Coltrane, Leonard Cohen spielt Musik von Katy Perry, also was Herausforderndes.

entertaim.net: und BONAPARTE spielt die Musik von…

Tobias: BONAPARTE spielt BONAPARTE. Ein zweistündiges Medley. Rückwärts und simultan übersetzt in Gebärdensprache. Die Tänzer tanzen dann auch in fünf Sprachen.

(Der Tourmanager schaut rein und sagt dass es gleich Essenszeit ist)

entertaim.net: Ok, der Kaiser wird zum Mahl gerufen! Dann noch schnell eine Frage! Welchen Platz wird sich der Kaiser für seinen Ruhestand aussuchen: Elba, St. Helena oder Waterloo?

Tobias: Ich glaub Elba ist gar nicht so schlecht. St. Helena würd ich nicht machen rein geschichtlich gesehen. Waterloo ist ja nur ein Feld. Da kommen irgendwelche Verrückten und stellen so die Schlacht nach.

entertaim.net: Echt?

Tobias: Ja, einmal im Jahr stellen die die Schlacht nach, zu Tausenden in originalen Kostümen und so. Elba ist gar nicht so übel. Da gibt’s doch dieses Dessert das heißt Peche Elba…. Vom Pfirsich kann ich schon leben, das geht. Peche Elba.

entertaim.net: Heißt das nicht sogar Peche Melba?

Tobias: Ah ja, stimmt. Da hab ich mir selber ein Bein gestellt. Wo liegt denn Elba? Ist doch in Spanien?

entertaim.net: Eher Italien.

Tobias: Ja gut, dann kann ich da sicher steuerfrei leben. Mit meinem Cousin.

entertaim.net: Wann endlich coverst du den schrägen Hit „They’re coming to take me away ha haaa“ von NAPOLEON XIV?

Tobias: Aaaach, das wollt ich schon lange machen. Seit 2008 ist es schon geplant.

entertaim.net: Findest du nicht auch, das ist wie BONAPARTE, nur von 1966?

Tobias: Ja, der Song ist super. Ich mag auch den Typen selbst. Alle kennen nur das eine Lied, aber der hat noch ein paar echt tolle Sachen gemacht. Der Song selber – wie der die Stimmen gepitcht hat, in DER Zeit. Das ist ein Kunstwerk, das gibt’s gar nicht. Ich will wohl eher ein Remix davon machen, weil das ist so gut! Für die Zeit ist das ein Meisterwerk. Das kannste heut noch spielen, und die Leute so: „wow!“Ich sollte echt mal den Remix machen. Dann werd ich wieder angeklagt von Warner. Von meinem eigenen Label. Kennste Rhino Records?

entertaim.net: Ja, das Label das diese ganzen seltenen alten Platten neu herausbringt.

Tobias: Da war ich mal in LA. Als wir da spielten, kam ein Frau von Rhino zu unserem Gig dort. Ja, Leute von Rhino gehen zu BONAPARTE! Am nächsten Tag bin ich zu ihr ins Büro gegangen. Ich bin da mit 2 Taschen voller Platten rausgelaufen. Unter anderem auch ein Re-Issue von Napoleon XIV, mit einem super Booklet mit Interview und so. Sehr interessant.

entertaim.net: Allerletzte Frage, das Essen wartet. Du hast ja ’ne kaiserliche Familie. Wird deine Nachfahrin, deine Enfantin, deine kleine Tochter, wird die das Imperium eines Tages übernehmen?

Tobias: Schwierige Frage. Wird der Nachwuchs die Flagge übernehmen oder wird der Nachwuchs ins gegnerische Lage rübergehen und den Papa anklagen und in den Ruin treiben? Also sie macht was sehr eigenes. Was soll ich sagen: eine Granate!

entertaim.net: Die eigenen Kinder sind ja immer Granaten.

Tobias: Sie hat jetzt entdeckt in ein Mikrofon zu singen….

entertaim.net:  Nimmst du sie denn mit auf der Tour?

Tobias: Meistens. Auf der Tour hat sie das Mikrofon entdeckt, und Schlagzeug spielen mag sie auch. Naja. Ich denk immer, der Nachwuchs wird irgendwann so eine Maschine erfinden, die macht was, was die Welt rettet. Keine Ahnung, wir werden es gar nicht verstehen, weil wir dann old school sind. Wir können das dann gar nicht fassen, was da passiert, auch die Musik….

(Der Tourmanager kommt und holt Tobias zum Essen. Schade dass wir diese interessanten futuristische Vision nicht weiter erörtern konnten! )