UTE WIENERS / Zum Glück gab es Punk! / Interview

Ute Wieners war dabei – damals, Anfang der 80er, als sich eine Jungendbewegung in unseren Städten ihren Weg bahnte, deren Ausdruck sich in Klamotten, Musik, und Auftreten manifestierte. Öffentliches Dagegensein, Anarchismus, Rumlungern, Provokation, Sicherheitsnadeln, Irokesenschnitt,  und Punkrock – die Punks verstörten die Elterngeneration und die Öffentlichkeit massiv. Ihre Subkultur – gespeist aus den englischen Ursprüngen – bracht ein allen größeren Städten eine eigenständige Punk-Szene hervor. Hannover war eine der Adressen – Keimzelle der späteren Chaostage und der Anarchistischen Pogopartei Deutschlands  (APPD) um Karl Nagel. Ute Wieners hat darüber ein Buch geschrieben – ein Rückblick auf diese aufregende Zeit, ehrlich, ungeschminkt und wahr. Wieners lebt heute in der besetzten ehemaligen Schokoladenfabrik Sprengel in Hannover. Sie schreibt seit einiger Zeit Kurzgeschichten und hat in diesem Jahr mit ihrem ersten Buch  „Zum Glück gab es Punk“ in der immer noch existenten Punk-Szene und bei ihren ehemaligen Weggefährten der ersten Generation Punk für Furore gesorgt. Im Gespräch mit entertaim.net-Redakteur Martin Hannig gibt sie noch einmal einen Einblick in den deutschen Punk zu Beginn der 80er.

Foto: http://www.ute-wieners.de

entertaim.net: Du bist jetzt auf Lesetour mit deinem Buch. Wie machst du das, fährst du immer zurück nach Hannover zwischendurch?

Ute: Ich fahr immer zurück nach einer Lesung. Aber morgen fahr ich direkt weiter nach Nürnberg zu dieser linken Literaturmesse. Dann mach ich dort noch ein wenig Urlaub und dann hab ich noch eine Lesung in Fürth.

entertaim.net: Hast du damit gerechnet dass sich das so verselbstständigt und diese Anfragen kommen?

Ute: Eigentlich ja. Ich hatte ja ursprünglich gar nicht vor ein Buch zu schreiben. Ich bin ja mit Lesungen angefangen. Das Echo darauf gab mir das Gefühl dass es gut wäre, ein Buch zu schreiben. Viele Leute haben mir gesagt, wenn du mal ein Buch schreibst, kauf ich mir das!

entertaim.net: Du hattest dir dann damals immer Notizen gemacht oder so?

Ute: Ich hab schon immer so vor mich hingeschrieben. Ich hab dann mit Kurzgeschichten angefangen, von denen einige noch gar nicht veröffentlicht sind. Die hatte ich zuerst vorgelesen. Bei dem Buch war ich nicht immer überzeugt, ob das so gut wird. Man muss immer kritisch bis zum Anschlag sein mit sich selbst wenn man so was macht. Ich lese dann natürlich auch nur die Stellen, die mir immer noch 100% gefallen. Bei einige anderen Stellen denke ich mir auch, Mensch, da haste aber ganz schön auf die Tube gedrückt oder so.

entertaim.net: Wie ist denn das Feedback der Protagonisten von damals, deiner Freunde und Bekannten mit denen du noch Kontakt hast?

Ute: Ich dachte erst ich würde richtig Ärger kriegen. Aber bisher hab ich nur Positives gehört. Kann eigentlich nicht sein. In der Szene wurde eigentlich immer ziemlich viel gepöbelt. Aber es ist noch keiner gekommen der sich beschwert hat. Damit hatte ich eigentlich schon fest  gerechnet.

Punk war grundlegende Gesellschaftskritik

entertaim.net: Das Buch ist ja auch erkennbar nicht böse gemeint, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme.  Was bedeutete den Punk für dich, und welchen Stellenwert spielte die Musik damals für dich?

Ute: Musik war das was alle verbunden hat. Aber bei mir stand es nicht so im Vordergrund. Bei mir stand Punk immer für eine grundlegende Gesellschaftskritik, durch die Tat und den Ausdruck. Dass man die Gesellschaft total ablehnt. Musik war aber schon sehr wichtig auch für mich, ich hab sie auch andauernd gehört. Aber da ich nicht in einer Band gespielt habe, war es nicht andauernd präsent. In der Korn (damaliges Jugendzentrum, d. Autor) waren fast alle in einer Band. Natürlich meistens die Männer, bei denen war das eher Pflicht.

entertaim.net: Welche Bands haben dich damals stark beeindruckt?

Ute: Wen ich immer noch toll finde ist die Hamburger Band RAZZIA. Die werden immer wieder neu gegründet oder so, was ich aber nicht hören will (lacht). Viele englische Bands höre ich gerne, weil die meistens bessere Musiker sind, UNDERTONES, oder THE CLASH. Sowas hatten wir in Deutschland ja eher selten.  Wen ich heute auch noch gut finde sind die FEHLFARBEN.

entertaim.net: Ja, super. Peter Hein ist ein genialer Texter.

Ute: Der hat’s voll drauf. Die haben immer wieder neue Elemente in der Musik, das ist nicht immer das gleiche, aber das gleiche ist auch noch dabei. Diese Parolenbands wie SLIME haben mir eher nicht zugesagt. Hab mich damals natürlich gefreut über SLIME, weil die ein bisschen besser spielen können, weil das nicht nur die Lärmbelästigung war, weil man dazu auch tanzen konnte. Aber ich mochte es nie, die Parolen der Autonomen noch platter zu machen.

entertaim.net: Ich hab sie letztens noch hier in Köln live gesehen.

Ute: Ich kann das ein bisschen verstehen wenn es dabei um Geld geht. Ich kann verstehen wenn die Leute ihr Auskommen haben wollen, und wenn man schon mal bei SLIME gespielt hat ist eine Neuauflage einfach naheliegend. Aber wenn man dann immer noch diesen pubertären Film fährt, mit diesem Mackertum find ich das ein bisschen komisch.

entertaim.net: Punk war ja damals eine große Bewegung, es gab in allen Städten Punks. Das ist ja heute lange vorbei. Wenn du heute in die Jugendkultur schaust, findest du da kaum solche Einstellungen …

Meinungsfreiheit verpufft

Ute: Das ist ja auch viel schwerer heute. Die Typen  – manchmal auch die Frauen – aber meistens die Typen haben ja dauernd von irgendwelchen Leuten auf die Fresse gekriegt. Die sind einfach auf der Straße angepöbelt worden und verprügelt worden. Daran sieht man wie stark die Provokation war. Der läuft da so rum, dem hau ich jetzt eine rein. Man wollte ja auch provozieren und man wollte Beachtung. Heute kann ja jeder machen was er will man rennt einfach aneinander vorbei. Es gibt eine große Freiheit, man kann alles erzählen und es hat keine Wirkung. Was sollen die Jugendlichen denn machen? Und womit will man denn heute noch provozieren?  Andererseits ist die Polizeikontrolle härter als ich das früher je erlebt habe. Es gab damals Abende, da ist stundenlang was gelaufen, da hat sich kein Streifenwagen blicken lassen. Das ist heute nicht möglich, du kannst ja nicht mal in den Park gehen, die fahren ja ständig überall Streife. Und dazu die ganzen Kameras überall geben einem immer stärker das Gefühl sich nicht wehren zu können. Provokation verpufft, Meinungsfreiheit verpufft – die totale Kontrolle siegt. Das ist ja keine alberne Verschwörungstheorie, sondern das findet ja echt die ganze Zeit statt.

entertaim.net: Punks haben sich ja immer gern abgegrenzt. Von anderen Jungendkulturen damals, den Popppern z.B., den Gothics, usw., oder auch innerhalb der Punkszene von den vielen „falschen“ Punks. Hat man durch diese Abgrenzungen nicht etwas zu viel im eigenen Saft geschmort?

Ute: Ja, das war verbreitet. Bei der APPD war ja schon der starke Wunsch nach außen zu gehen. Es gibt ja herrliche Fotos von den APPD-Ständen in der City, wo dann so normale Leute mit Einkaufstüten in der Hand sich das Parteiprogramm durchlesen.  „Was machen denn die verrückten jungen Leute hier?“ Das war fand ich ein sehr guter Versuch, der aber auch leider wegen der internen Abgrenzungen gescheitert ist. Diese anfangs gute Außenwirkung war  nicht zu halten mit der Szene, die sich gegenseitig immer nur angepisst hat. Ich selbst war dann irgendwann nicht mehr im ZK, das war mir zuviel Arbeit.

entertaim.net: Karl Nagel, der APPD-Macher, hat sich ja kürzlich sehr lobend über dein Buch geäußert.

Ute: Ich hatte es ihm geschickt und er fand das wohl gut.

entertaim.net: Erzähl zum Abschluss noch wie es damals eigentlich zu den berühmt-berüchtigten Chaostagen kam.

Ute: Das entstand aus dem alljährlichen sogenannten Weihnachts-Pogo, bei dem sich ein Haufen Chaoten und Punks aus dem Korn im Zentrum getroffen haben und durch die Kaufhäuser gezogen sind und dabei gegen den Konsumterror zu Weihnachten protestiert haben. Irgendwann wurde nicht nur in Hannover sondern bundesweit zum Weihnachts-Pogo aufgerufen, und das dann Chaostag genannt. Das lief bei 1. Mal recht gut, dann wurd‘s gleich im Sommer nochmal versucht, und das lief auch ganz gut, aber dann ist das Unternehmen „Punks and Skins United“  gescheitert. Es gab dann Schlägereien.

entertaim.net: Es gab mal den Song von den GOLDENEN ZITRONEN, diese Coverversion von Alphavilles Forever Young, das hieß „Forever Punk“. Bist du jetzt auch „forever punk“?

Ute: Ich hab da eher wenig Interesse dran. Ich hör ab und an noch Punkmusik und gehe gelegentlich auf Konzerte. Ich hab keine Lust die gleiche Provokation zur Schau zu tragen wie 1981. Ich brauch das nicht mehr als identitätsstiftend.