Roskilde 2012 / Glory Days At Orange Stage

Roskilde Festival Orange StageDer Herbst ist da – der Festival-Sommer 2012 ist vorbei – und es gilt Rückschau zu halten. Wo gab’s das kälteste Bier? Wer hat die besten Bands? Wo sind die besten Vibes? Die Antwort ist nicht immer einfach bei der Festival-Schwemme der letzten Jahre. entertaim.net war wie immer auf vielen Open Airs unterwegs. Die Antwort auf die drei eingangs gestellten Fragen ist nicht einfach, aber besonders Punkt 3  – Vibes – spricht am Ende der Saison für: das ROSKILDE-FESTIVAL. Dieses Jahr wollen wir eines der berühmtesten Events in diesem Sektor Revue passieren lassen….

Ein Bericht von Martin Hannig, with a little help from Markus Drost ; Fotos: Bill Ebbesen (CC BY 3.0), außer Foto oben: Christian Hjorth/Roskilde Festival

 
Roskilde – der Mythos des Festivals ist nicht totzukriegen. Es geht hier natürlich  erstmal um Musik, um Kunst und um soziale Verantwortung. In Zeiten, in denen sich deutsche Festivals aufmachen, sich etwas ökologischer auszurichten, kann Roskilde schon seit vielen Jahren auf den „Green Footstep“ verweisen. Die sozialen Aktivitäten des Festivals aufzuzählen, würde den Raum sprengen. Aber vor allem und immer wieder geht es um den speziellen Geist, die Atmosphäre, die  über dem Festival liegt. Sie kreiert den einzigartigen Mythos vom Roskilde Festival. Er ist kaum beschreibbar, nur erlebbar. Er absorbiert seit Jahrzehnten die nachwachsenden Festival-Generationen, die Besucher, Macher, die Künstler und Volunteers. Alles hier geschieht ohne kommerziellen Druck, ohne jegliche Gewalt, mit maximaler skandinavischer Gelassenheit, mit extremer Freundlichkeit und nicht selten mit einzigartigen künstlerischen Leistungen.

1. Tag : KRAFTKLUB, THE CURE, JANELLE MONAE
2012 entsandte entertaim.net wiederum eine kleine Delegation zum Roskilde-Festival, um die musikalischen Highlights abzuarbeiten und Bericht zu erstatten. Die lange Anreise hat sich (natürlich) wieder voll gelohnt. Am Donnerstag begann für uns der Festivalmarathon mit dem überraschend kurzfristig eingeschobenen Auftritt von KRAFTKLUB. Trollten sich 10 Minuten vor Beginn nur eine Handvoll Leute vor der Odeon-Zeltbühne – was laut Sänger Felix Brummer die Band mit großer Sorge verfolgte – füllte sich das Zelt in den folgenden Minuten und während des Gigs immer mehr. Schließlich galt es der Premiere eines KRAFTKLUB-Gigs im Ausland beizuwohnen! Sicherlich auch für die Band ein absoluter Ausnahmefall. Die Chemnitzer gaben von Anfang an Gas, so wie man es kennt und erwartet. Sie machten ihrem Namen alle Ehre, powerten die Songs ihres Debuts herunter und freuten sich, dass die zahlreich anwesenden deutschen Fans Pit Circles bildeten und kräftig moshten. Toller straighter Auftritt – bis auf Brummers Ansagen, die sich auf Schulbuchenglisch-Niveau begaben und  zwischen peinlich und witzig herumirrten („It’s very foggy here, or what’s the right word?“ – „Let’s make the La Ola-Welle, you know….“). Tja, war halt der erste Gig im Ausland – da muss der Felix noch was üben….  Ansonsten aber ein gelungener Auftakt des Festivals, und mit der Zugabe „Scheiss in die Disco“ wurde die tanzwütige Meute in den ersten Abend entlassen.
WIZ KHALIFA konnten wir dann leider nicht sehen, die riesige Arena-Stage war proppevoll, es gab kein Durchkommen mehr – ein Trostbier in der Media-Area später aber gab uns wieder Zuversicht für THE CURE auf der Roskilde Open Air Hauptbühne, der berühmten Orange Stage.

The Cure

Zu Robert Smith (oben) und Band ist ja alles schon geschrieben worden. Wenn THE CURE sich in den Sonnenuntergang hineinspielen, ist natürlich Melancholie hoch zehn angesagt. Dass sie hier aber ein fantastisches 3-Stunden-Set spielten, nötigte uns hohen Respekt ab. Wer mit dem Output von THE CURE vertraut ist, den erwartete ein gigantisches Greatest-Hits-Programm von 1978 bis heute. Robert Smith – in der Tat etwas aufgedunsen, aber wieder mit der patentierten Vogelnest-Frisur incl. Trademark-Lippenstift – war erkennbar in guter Stimmung, was sich in einigen Seitengesprächen mit dem letzten Jahr wieder eingestiegenen Roger O‘Donnell (g) zeigte. Die Band spielte ihr Set routiniert, aber ohne großartige Abnutzungserscheinungen durch – in der Form sind die nächsten 10 Jahre wohl gesichert. Auffälligster Akteur seit jeher – neben Smith – sicherlich Bassmann Simon Gallup, der mit seinem nur schwer zu Musik passenden Dauerposing a la THE CLASH (Beine breit, Rücken gebeugt, Kopf runter) Kandidat für ein ausgeprägtes Rückenleiden sein dürfte. Man munkelt, dass er außerhalb der Bühne gar nicht mehr aufrecht stehen kann und sich breitbeinig und gebeugt fortbewegt…. That‘s rock’n’roll!  Die SETLIST: Open / High / The End of the World / Lovesong /  Push /  In Between Days / Just Like Heaven /  From the Edge of the Deep Green Sea /  Trust / Want / Pictures of You / Lullaby / The Walk /  Doing the Unstuck / Bananafishbones / Play for Today / A Forest /  Primary / Shake Dog Shake / The Hungry Ghost / Wrong Number /  One Hundred Years / End // The Kiss / If Only Tonight We Could Sleep / Fight // Dressing Up / The Lovecats / The Caterpillar / Close to Me / Just One Kiss / Let’s Go to Bed / Sleep When I’m Dead / Friday I’m in Love / Why Can’t I Be You? // Boys Don’t Cry

Doch noch ein Abstecher zur Arena gefällig? Nachts wiederum drängten sich dort die Massen, um JANELLE MONAE (Bild) zu sehen. Die Dame, die in Deutschland gerade mal vor ein paar Hundert Zuschauern auftritt, zog ca. 15.000 Leute an – ihr letztjähriger Roskilde-Gig hatte sich wohl herumgesprochen. Janelle Monae

Nachdem sie 2011 unglaublich auf einer kleineren Bühne abgefeiert wurde, durfte sie als einzige Künstlerin 2012 nochmal ran. Das Ganze erinnerte musikalisch ein wenig an Prince, die Massen war wieder mal aus dem Häuschen – also: Daumen hoch für JANELLE in Dänemark!

2.Tag : NIKI & THE DOVE, TER HAAR, ELEKTRO GUZZI, GOSSIP, THE VACCINES, JACK WHITE

Nach dem obligatorischen Umtrunk im Presse-Camp mussten sich die entertaim.net-Redakteure wieder den Härten eines langen Festival-Abends stellen. Nachmittags um 5 ging’s los mit GOSSIP auf der Orange Stage. Trotz ihrer Leibesfülle konnte Frontfrau Beth Ditto die Bühne nicht wirklich füllen. Zu statisch blieb das Ganze, zu wenig konnte sie von ihrer Power ins Publikum rüberbringen, so dass die Stimmung auch eher gedämpft blieb. Trotz Hits en Masse (Achtung Wortspiel) flog der berühmte Funken nicht rüber – anders als bei ihrem ersten Roskilde-Gig vor ein paar Jahren auf einer kleineren Bühne, als das Publikum wirklich kochte. Schade, aber man muss feststellen, dass GOSSIP dieses Jahr recht belanglos wirkten…
Genau das Gegenteil dann: THE VACCINES. Die britische Rock-Hoffnung überzeugte schon mit dem Intro vom Band (Rock’n’Roll-Radio von den RAMONES), und legte dann ein Punk-Indie-Gothic-Rock-Set vom Feinsten vor. Nicht nur optisch (die Haare, die Klamotten!), auch musikalisch merkte man, dass die Jungs RAMONES-Fans sind – aber dennoch Songs wie die EDITORS oder INTERPOL zustande bringen. Eine gefährlich gute Mischung, die live 100% überzeugte. Besonders die neuen Songs gefielen, das neue Album darf innig erwartet werden. Ein begeisternder Gig, das Zelt kochte: bisher das Highlight! Der VACCINES-Bassist ist Isländer, und für ihn galt mit dem Roskilde-Auftritt: „a dream comes true!“ Noch Fragen?

Jack White live

Schnell zurück zur Orange, denn erwartet wurde: der Meister des modernen Blues-Rock, JACK WHITE himself (Foto). Viele Zehntausende drängten sich, es war mal wieder heftigst voll, aber dank der innovativen „Front pit“-Politik der Security niemals zu voll. Diesmal erschien JACK WHITE mit seiner Frauen-Band THE PEACOCKS, die amtlich und virtuos hinter dem Meister her rockte. Die Männer-Band durfte dann wohl im Tourbus Karten spielen… WHITE lieferte ab: 90 Minuten auf höchstem Niveau, gespickt mit WHITE-STRIPES-Hits, RACONTEURS-Kracher und vor allem Songs seines ersten Albums „Blunderbuss“. Immer wirkte er wie ein manisch Gehetzter seines bluesgetränkten, riffgestählten, völlig zeitlosen Rocks, kaum ließ er sich Zeit für kurze atemlose Ansagen. Das ständige Auge-in-Auge-Zusammenspiel mit der unglaublichen Drummerin Carla Azar erinnerte an die besten WHITE-STRIPES-Momente, als Meg seine kongeniale Partnerin gab. Die strenge Farbgebung der Lights (alles in Blau-weiß, keinerlei andere Farben) erinnerten ans Whites ausgeprägten Stilwillen. Als letzen Song gabs dann doch noch die  „7 Nation Army“, was er nicht immer spielt  – aber auf einem Festival ist der Crowdpleaser dann doch bestens aufgehoben. Gelegenheit für den berühmten Stadionchor vor der Orange Stage!   Ein beeindruckender, faszinierend intensiver Auftritt einer der ganz Großen unserer Zeit. Die SETLIST: Dead Leaves and the Dirty Ground/ Missing Pieces /Sixteen Saltines / Love Interruption /Hotel Yorba / Top Yourself / Hypocritical Kiss /I Guess I Should Go to Sleep /Take Me With You When You Go / I’m Slowly Turning Into You /Steady, As She Goes / Blue Blood Blues/ Weep Themselves to Sleep /We’re Going to Be Friends / Hip (Eponymous) Poor Boy / Ball and Biscuit // Freedom At 21 /My Doorbell /You’re Pretty Good Looking (For a Girl)/ Carolina Drama/ Seven Nation Army

Ein Kontrastprogramm dann im etwas kleineren Pavilion – TER HAAR, Newcomer aus Berlin. Das junge Postrock-Trio begann etwas vorsichtig seine meist komplexen instrumentalen Entwürfe auf die Bühne zu bringen. Im Laufe des Gigs groovte sich TER HAAR aber dann immer mehr im Stile der BATTLES ein, und konnten so den Pavilion überzeugen.
Bass, Gitarre, Drums: das klassische Rock-Trio – eigentlich. Wenn sie nicht ELEKTRO GUZZI hießen und aus Österreich kommen. Ihr Set war reiner dancekompatibler Minimal techno, umgesetzt mit dem klassischen Rockinstrumentarium. Dabei spielten sie komplett eine Stunde durch, ohne Pause. Ein echter Trip im vollen Cosmopol-Zelt. Die Leute gingen irre ab, eines der Highlights des Festival, ohne Frage!
Zum Abschluss dieses Tages gönnten wir uns die Synthpopper NIKI & THE DOVE. Das Ensemble um Frontfrau und Wonneproppen Malin Dahlström verbreitete eine an die 80er erinnernde, sphärische, melancholisch wirkende Stimmung – eigentlich super, wobei Frau Dahlströms Cheerleader-Outfit in seltsamen Kontrast zur Musik stand: knallenge sexy Jeans und pinkes Flatter-Oberteil. Die phasenweise auftretenden Hoola-Hoop-Tänzerinnen sorgten ebenfalls für Irritation, wenn sie ihre billigen Leuchtstäbe ins Publikum hielten. Die anwesenden Schweden aber fanden’s supergut, konnten alles mitsingen, und Malins Ansagen waren konsequent schwedisch. Ein echtes Heimspiel also. Sonst aber ein schöner Nachtgig, der angenehm müde machte.

3. Tag : FIRST AID KIT, PAUL KALKBRENNER, DRY THE RIVER, BRUCE SPRINGSTEEN & THE E-STREET BAND

Samstag war BOSS-Tag in Roskilde – überall auf dem Festivalgelände und im Medienbereich hörte man: „Heute kommt er – gehste auch hin?“ Die Aufregung stieg stündlich – aber vorher sollten noch Konzerte besucht werden, denn der BOSS würde erst um 21.00 Uhr auftreten. Los ging’s zu nachtschlafender Zeit um 13.00 Uhr (!) mit DRY THE RIVER, der neuen Folkrockhoffnung aus dem UK, mit der wir später noch ein Interview führten. Mit ihrer großartigen Debutplatte „Shallow Bed“ konnten die Londoner auch auswärts für Furore sorgen, und der Roskilde-Gig bewies, dass die Lobgesänge auf die Live-Qualitäten von DRY THE RIVER ihre Berechtigung haben. Dabei hatten sie gar keine Probleme, das zu früher Zeit etwas verkaterte Publikum mitzureißen und schon bald gab es nach jedem Song großen Jubel. Dank einer durchgemachten Nacht mit morgendlicher Bierzufuhr (siehe unser Interview) war auch die Band noch in Partylaune auf 180 und gab vom ersten Ton an alles. Und: Endlich mal eine Folkband, die haarmäßig und von den Klamotten aussieht wie eine Metalband! Getragen von der einprägsamen hohen Stimme des Sängers Peter Little, verbreitete sich nahezu märchenhafte Stimmung in den ruhigeren, an die Fleet Foxes erinnernden Passagen. Aber regelmäßig endeten die Songs dann doch in einem wahren Explosions In The Sky-artigen Instrumentalrausch, der wohl dem  Punk- und Metal-Background der Londoner zu verdanken ist. Eine fantastische Kombination. Bis zum letzten Ton des abschließenden „Lion’s Den“ ein wahrhaft überzeugender Auftritt – man wird noch von DRY THE RIVER hören!
Eine entertaim.net-Abordnung wurde dann zu den Schwedinnen von FIRST AID KIT abkommandiert, statt dem traditionellen nachmittäglichen Tuborg-Genuss zu fröhnen. Fazit der Abstechers: „das war ja wie in Woodstock – zu ruhig für die Uhrzeit – ich wär fast eingeschlafen!“
Egal, jetzt hieß es sich vorbereiten auf das, was der absolute Höhepunkt des Festivals werden sollte. Vorher noch was essen + trinken, denn eins war klar: wir mussten früh an der Orange Stage sein, und wir würden lange dort stehen, denn BRUCE SPRINGSTEEN & THE E-STREET BAND gaben sich die Ehre. Die ersten Hardcore-Fans standen ja schon mittags am „Front Pit“- Eingang – wir kamen aber auch noch eine Stunde vor Beginn in den Extra-Bereich direkt vor der Bühne. Was dann kam, ist schwer zu beschreiben – man möge sich einige Youtube-Videos davon anschauen. Direkt der erste Songs „No Surrender“ ist ja mit seinem Bekenntnis „we learned more from a 3 minute record than we ever learned in school“ eine der ultimativen Boss-Hymnen, die schon nach einer Minute Scharen von Gänsehauten über die Rücken der Fans jagten. Danach gab‘s direkt das volle E-Street-Programm: „Badlands“, „Two Hearts“ mit Bruce + Little Steven am Mikro; der neue Über-Song „We Take Care Of Our Own“. Und immer wieder unglaubliche und unvergessliche Szenen:  –  Bruce, wie er immer wieder die ersten Reihen abmaschiert, die Leute abklatscht, sich über das Geländer hängt, dirigiert, seine Gitarre reinhält, geknuddelt und geknutscht wird (einmal erhielt  er einen riesigen pinken Lippenstiftfleck  auf seiner Weste 😉 –  die Tatsache, dass sich in den ersten Reihen fast nur sehr junge Fans aufhalten, die seine Enkel sein könnten – ein generationenübergreifender Gig! -die alten Buddies Bruce und Steve, wie sie tatsächlich ihr „Glory Days“ zusammen auf einer kleinen Plattform vor der Bühne singen – und wie Steve doch tatsächlich auch mal einen Ausflug in die erste Reihe macht, um sich feiern zu lassen, was Bruce zum Lachen bringt – Die herzergreifende Szene, als Bruce eine junge Frau aus dem Publikum bei „Dancing In The Dark“ zum Tanz bittet, und wie er sie danach liebevoll verabschiedet und noch Arm in Arm kurz mit ihr plauscht – wie Bruce beim überschwänglichen „Waiting For A Sunny Day“ mitten in der jubelnden Menge auftaucht und den größten Roskilde-Chor zum Singen bringt – die Gänsehautstimmung bei „The River“, dessen mit Kopfstimme von Bruce intonierte Melodie am Songende nicht nur bei mir für sehr feuchte Augen sorgte – die erschütternde 9/11-Gospel-Andacht „My City Of Ruins“ mit dem wiederkehrenden „Rise Up“ –  das überraschende „Because The Night“ – eine Party für alle – der Moment, als Bruce vor der Geister-Allegorie „We Are Alive“ erzählt, wie er und seine Schwester als Kinder mit der Mama auf den Friedhof gingen, und sie sich vorstellten, die Toten würden sie hören; und während dieser Story waren die Zehntausende mucksmäuschenstill, wie ich es noch nie erlebt habe in Roskilde – natürlich die ersten Akkorde von „Born To Run“, die alle Hände in die Luft bringen – als die ROOTS, die am Nachmittag spielten, schließlich beim „E-Street Shuffle“ auf die Bühne kamen und eine unglaubliche Version des Songs mit der E-Street-Band spielten – als schließlich bei „Tenth Avenue Freeze Out“ die Huldigung des Big Man Clarence Clemmons über die Leinwände eingespielt wurde – mit zu Herzen gehenden Bildern der Freundschaft mit Bruce.

Bruce_Springsteen live

3 Stunden dauerte die Rock-Soul-RocknRoll-Gospel-Show  – und jede Minute war intensiv und voller Herzblut von der E-Street-Band gespielt. SPRINGSTEEN verausgabte sich, wie man es von kaum einem anderen Künstler kennt. Hier waren echte Musiker am Werk, die es genossen, mit dem BOSS aufzutreten. Besonderen Applaus erhielt Jake Clemmons, der Neffe des Big Man, der seine Parts voller Inbrunst vortrug und die Zukunft der Band ohne Clarence erträglich macht. Alle Musiker dieser formidabel eingespielten Crew hatten ihre Momente: der unglaubliche Drum-Einsatz von Max Weinberg (er hat den Punch!); Nils Lofgren mit einem echten Neil-Young-Gedächtnissolo bei „Because The Night“; der „Professor“ Roy Bittan mit einem von Bruce nonchalant kommentierten verpassten Einsatz beim 10minütigen „Spirit In The Night“ (kann man bei Youtube sehen); die fabelhaften Bläser oder die Gospelstimmen der Background-Sängerinnen. Ein Erlebnis bis zum abschließenden, die Menge zum letzten Tanzen bringenden „Twist And Shout“. Mein ultimativer Roskilde-Wunsch war immer:  Den BOSS auf der Orange Stage sehen und dann sterben – was soll jetzt noch kommen? Die SETLIST: No Surrender/ Badlands/ Two Hearts/ We Take Care of Our Own/ Wrecking Ball/ Death to My Hometown/ My City of Ruins/Spirit in the Night/The E Street Shuffle/Jack of All Trades/ Trapped/ Because the Night/Working on the Highway/Shackled and Drawn/Waitin‘ on a Sunny Day/ The River/The Rising/Out in the Street/Land of Hope and Dreams/We Are Alive/Born in the U.S.A./Born to Run/Glory Days/Dancing in the Dark/Tenth Avenue Freeze-out/ Twist and Shout
Tja – was soll nun noch kommen? Bestimmt nicht Supermann  PAUL KALKBRRENNER, dessen nächtlicher DJ-Set in der großen Arena irgendwie nicht so richtig zündete. Ist aber auch schwer, nach dieser SPRINGSTEEN-Epiphanie sich einzulassen auf einen einzelnen Berliner, der auf einer riesigen Bühne ganz allein versucht, zu DJen.  Zudem erschien Paule auch von sich selbst gelangweilt – oder ist der immer so drauf? Was für ein emotionaler Absturz nach dem BOSS.

4. Tag: THE BARONS OF TANG, FRIENDLY FIRES, ALABAMA SHAKES, BJÖRK

Aber das Festival war ja noch nicht zu Ende. Der wie immer etwas ruhigere Sonntag stand ja noch an. Während die Schlangen der am Festival-Bahnhof (ja auch eine eigene Bahnstation hat das Festival!) wartenden, nach einer Woche Roskilde-Camping rechtschaffen müde aussehenden Abreisenden immer länger wurde, starteten wir entspannt in den letzten Tag mit THE BARONS OF TANG, die es mit ihrer Polka-Hardcore-Tango-Mischung schafften, den Festivalsonntag auf die richtige Betriebstemperatur zu bringen. Gute Festivalband, sollte immer am letzten Tag nachmittags gebucht werden! Die Arena füllte sich dann schnell für die FRIENDLY FIRES – ein rasanter Funk-Electro-Pop-Gig der Briten, deren Sänger Ed Macfarlane anschließend den Preis für die beweglichsten Hüften aller Zeiten übereicht bekam. Schon eine super Show, die er als extrovertierter Vortänzer abliefert, und die halbe Miete für eine ausgelassene Partystimmung im Publikum.
ALABAMA SHAKES am Abend war natürlich ein Muss. Das Debutalbum schlug ein wie eine Bombe, und so war es wenig erstaunlich, dass die Meute im Odeon – kurz vorm Festival-Kehraus doch noch recht voll – äußerst textsicher war. Die SHAKES sind zumindest live nur ein Vehikel für die Ambitionen der überragenden Brittany Howard, deren Stimme zu den eindringlichsten zeitgenössischen Blues- und Soul-Stimmen gehört. Die Kommunikation findet ausschließlich über die teils großartigen Songs des Albums statt – weitere Ansagen oder ähnliches unterlässt Brittany. Hier spricht nur die Musik und Howards intensive Performance. Ihre Band hingegen blieb seltsam blass, statisch und unbeweglich im Hintergrund. So kommt das Ganze wie ein Brittany-Howard-Solo-Gig rüber: aber das dann auch sehr gut, intensiv und wahrhaft.
BJÖRK durfte das Festival mit einem ihrer atemberaubenden Gigs abschließen. Ein BJÖRK-Konzert ist sicherlich mehr als ein „normales“ Konzert. Sie selbst ist ein Gesamtkunstwerk, und sie bringt Sachen und Sounds zusammen, die eigentlich nicht zusammen passen. Jeder „Song“ ist ein Klanggemälde von außerordentlicher Extravaganz, untermalt von BJÖRKS einmaliger Stimme, von meist seltsam verschobenen Rhythmen,  und von ihren hervorragenden Tänzerinnen, mit denen sie immer wieder interagierte. Sie erschien enigmatisch, so als ob sie mehrere Personen in sich trägt – jeder Song sah eine andere Björk. Und man darf darüber streiten, ob sie nun ein Genie ist oder total abgedreht. Das furiose Ende lässt darauf schließen, dass wir es mit einem künstlerischen Genie zu tun haben. Ein seltsamer, beeindruckender, würdiger Abschluss von Roskilde 2012.
Der Sommer 2013 kann kommen!