Earthbend / Lang geht immer…

Earthbend

Interview: Martin Hannig & Ivo Korth, Foto: Earthbend, Live-Foto vom Gig in Köln (Underground): Gregor Hübner

Finsterwalde liegt mitten in der brandenburgischen Provinz, und ist bekannt für sein Sängerfest. Eingeweihte wissen jedoch, dass dort seit einigen Jahren unerhörte Klänge produziert werden – die EARTHBEND befindet sich seit 10 Jahren auf einem Pfad der musikalischen Entwicklung, der sie fast solitär erscheinen lässt. Aufbauend auf einem soliden 70ies Rockverständnis verbinden sie hochmelodische Songs und harten Rock, krautige Improvisationen und schnörkelloses Geradeausspiel und sind dabei ganz im hier und jetzt verwurzelt.  Das Trio besetzt damit eine Nische die es bisher noch gar nicht gab im breiten Feld des deutschen Rock – „indie“ will hier als Attribut gar nicht passen, denn der Gestus ist ein anderer, nämlich „Rock“. Wenn die Welt gerecht wäre, würde die EARTHBEND in 1000er Hallen vor jubelnden Meuten spielen. Aber sie überzeugen zur Zeit wenigstens noch vor allem in kleineren Clubs wie dem Kölner Underground. entertaim.net unterhielt sich mit Bassmann Christian vor dem Gig als Support von SCUMBUCKET.

entertaim.net: Klar, erste Frage: warum EARTHBEND mit „e“?
Christian: Wir haben uns mal Andrew’s Earthband genannt, und weil’s die EARTHBAND schon gab, haben wir’s mit „e“ gemacht. Kein großes Ding.

entertaim.net: Ihr spielt hier auf der kleinen Tour mit SCUMBUCKET. Wie klappt’s bisher, ist es für euch als Support schwierig?
Christian: Das Paket SCUMBUCKET/EARTHBEND passt musikalisch und wir kennen uns mittlerweile schon lang. Ist für uns also eher eine Tour mit alten Freunden. Kurt Ebelhäuser hat ja schon die erste Platte von uns aufgenommen.

entertaim.net: Ihr spielt ja Ende Juni auch in Tschechien ein Open Air. Wie kommt das zustande?

Christian: Das hat sich irgendwann ergaben als wir damals begonnen haben, da hatten wir jemanden kennengelernt der dort Gigs organisiert hat, und dann haben wir mal dort gespielt. Liegt ja nicht weit weg von Finsterwalde. Und jetzt wurden wir wieder eingeladen, das machen wir immer gerne. Das ist auch ganz gut, das ist direkt an einem See, und es spielen gute Bands da, und das Bier ist gut (allgemeines Gelächter).

entertaim.net: Wie geht ihr denn einen Festival-Gig an? Gibt es einen Unterschied zu einem Club-Gig wie heute, was die Setlist angeht?

Christian: Also so wie hier als Support, das kann man schon gut mit einem Festival-Gig vergleichen, da haben wir auch nur 30 Minuten. Wir spielen dann eher die kürzeren Songs als zu sagen „hallo hier sind wir!“und machen dann erstmal 10 Minuten unser Gefrickel. Aber man kann jetzt nicht sagen, was man lieber macht, die Abwechslung macht’s halt aus. Beim Festival kann man sich halt immer auch noch ein paar Bands angucken.

entertaim.net: Das letzte Album „Attack“ wurde von Tosten Otto produziert, der ja auch einen recht großen Namen hat in der Szene. War es beim neuen Album – was bald rauskommt -für euch eine Option, nochmal mit ihm zu arbeiten? Das Album hatte ja einen super Sound….

Christian: Das lag nicht am Produzenten, sondern an der Band (lacht). Also „Attack“ war für uns keine einfache Produktion. Wir haben da so’n altes Kino in Finsterwalde, da haben wir aufgenommen…..

entertaim.net:.. das ist ja schon mal sehr Rock’nRoll…

Christian: … ja aber es war nicht einfach – wir haben da erst mal 6 Tage oder so Soundcheck gemacht (allgemeines Gelächter).

entertaim.net: War das Kino denn noch komplett mit Sitzen und so?

Christian: Das war komplett leer. Wir haben dann nochmal einen Raum in diesen Riesenraum gebaut zum Aufnehmen. Aber mit Kurt hingegen ist es immer so wie „nach Hause kommen“. Das passt hat einfach. Klar, vielleicht machen wir mal wieder was mit Torsten – wir hatten ja mal mit ihm eine EP geplant… Aber Kurt ist halt auch immer geil.

entertaim.net: Wieso habt ihr damals denn überhaupt Torsten Otto genommen?

Christian: Naja, die erste Platte hat Kurt gemacht, die zweite auch und so – und da dachten wir lass uns mal was anderes probieren – es war dann irgendwie an der Zeit. Es gab auch nie ein Problem mit Kurt, der fand das ok.

entertaim.net: Euer „Harmonia“-Album von 2008 wurde ja oft in die Krautrock-Schublade gesteckt. Wenn man es sich anhört, stellt man fest, dass das auch das eine ziemlich straighte Produktion ist. Stimmt das Label denn überhaupt?

Christian: Also wenn überhaupt dann für ein zwei Songs, und dann würde man weniger „Kautrock“ als „Progrock“ sagen. Das kam auch einfach durch den Titel „Harmonia“, der sich ja auf die Krautrockband  bezieht. Wir haben damals viel HARMONIA gehört und die Melodien haben wir auch abgewandelt.

entertaim.net: Euer Gitarrensound, auch auf „Attack“, hört sich für mich sehr nach THIN LIZZY an, mit diesen Twin-Guitar- Sound.

Christian: Da hatten wir auch eine starke Thin-Lizzy-Phase. Wir wollten das auch genau so.

entertaim.net: Ihr habt ja nur eine Gitarre auf der Bühne?

Christian: Ja, aber wir spielen auch immer viel viel mehr  ein! Wir haben jetzt auch einen 2. Gitarristen dabei, der spielt mit uns die Tour hier mit.

entertaim.net: Es gibt bald ein neues Album. Gibt es Unterschiede zum Attack-Album?
Christian: Der Sound wir wieder größer sein. Es ist immer schwer das aus meiner Sicht zu beurteilen, aber es geht sehr in Richtung der Harmonia-Platte. Es gibt auch zwei längere Stücke. Alles dabei was uns ausmacht. Wir hatten das Gefühl jetzt alles mal auf den Punkt zu bringen. Kurt hat wieder produziert.

entertaim.net: Wir haben mal „Finsterwalde“ gegoogelt und da haben wir so ein Festival entdeckt…

Christian: Das Sängerfest! Das größte Festival Brandenburgs.

entertaim.net: … und ihr seid mit dabei….

Christian: Wir wurden jetzt das erste Mal gefragt, ob wir da spielen wollen.

entertaim.net: Ist das denn kompatibel mit eurer Musik?

Christian: Nee (lacht). Ist eher ein Volksfest. Aber wenn wir gefragt werden spielen wir da natürlich. Kommen ja auch viele Freunde und Verwandte.

entertaim.net: Also seid ihr eine musikalische Bereicherung für das Sängerfest?

Christian: Für das Durchschnittsalter dort wahrscheinlich nicht. Die Leute, die das Programm da machen, sind alle über 50. Da sagt man sich immer: macht doch auch mal was für die 18- bis 30jährigen!

entertaim.net: Kommt ihr auch gebürtig aus der Ecke?
Christian: Ich bin der einzigste der in Finsterwalde geboren ist. Die anderen beiden kommen aus den umliegenden Dörfern – also es geht noch kleiner als Finsterwalde (lacht).

entertaim.net: Wohnt ihr denn alle in Finsterwalde?
Christian: André und ich wohnen dort. Tilo wohnt in Berlin.

entertaim.net: Also für euch gilt das KRAFTKLUB-Wort: „ich geh nicht nach Berlin“!

Christian: Für mich gilt das auf jeden Fall und für André sowieso, der hat da seine Familie. Und es ist ja auch noch recht nah an Berlin und an Dresden. Und man hat da relativ seine Ruhe….

entertaim.net: nomen est omen (Gelächter!) Provinz ist nicht verkehrt. Immerhin entstehen dann so tolle Bands wie bei euch. Wie kam es damals eigentlich dazu?

Christian: Also mit unserem Drummer spielte ich schon immer zusammen, seit ich damals zu Hause ausgezogen bin. André hatte damals als einzigster schon eine Band, er ist ja auch 10 Jahre älter als ich. Ich bin dort eingetreten, dann haben sie sich direkt aufgelöst (lacht). Dann war für André und mich klar dass wir weitermachen. Irgendwann kristallisiert sich einfach heraus – ohne überheblich klingen zu wollen – wer will wirklich ernsthaft Musik machen, und wer nur so nebenbei. Vor 10 Jahren haben wir uns dann als Band zusammengefunden.

entertaim.net: Ist es für dich absolut erstrebenswert das zu machen was du grad mit der EARTHBEND machst?

Christian: Das gehört für mich einfach dazu. Wir sehen das aber schon entspannter. Früher waren wir teilweise echt panisch, da haben wir jeden Tag geprobt, und haben uns selbst Druck gemacht. Das war dann sehr verbissen. Aber es gibt ja auch noch andere Sachen im Leben. Wir sind z.B. nie in Urlaub gefahren, es hieß immer nur „Band Band Band“ und so.

entertaim.net: Wie kamt ihr eigentlich auf den Titel „Ozzy Attack“? Warum „Ozzy“?

Christian: Die Vorlage war irgendwie so ein Splatter-Movie, und irgendwie kamen wir da auf Ozzy. André ist bei uns der Horrorfilm-Experte, der schreibt ja auch die Texte.

entertaim.net: Alle Leute, die bei youtube “Ozzy” eingeben, landen dann u.a. bei euch, was ja auch nicht schlecht ist! Und dahinter war dann direkt „Ozzy vs. Justin Bieber“ gelistet (Gelächter!)

Christian: Das Video spielt übrigens in dem alten Kinosaal!

entertaim.net: Habt ihr denn schon mal in Köln gespielt?

Christian: Wir waren schon mal im Underground, und einmal im Stereo Wonderland. Es war eher nicht sooo viel los. Im Underground spielen ja jeden Tag gute Bands, das gibt‘s bei uns so nicht. Ist aber ein allgemeines Problem, dass Leute Bands nicht mehr entdecken wollen. Die gehen meist nur zu den Bands die sie schon kennen aus den Medien.

entertaim.net: Ist es nicht auch total schwer für euch überhaupt Gigs zu spielen?

Christian: Ja, klar. Es gibt halt eine Region da weiß man ok es geht, aber man muss halt immer dran bleiben und neue Leute begeistern. Du brauchst halt auch Kohle und musst vieles bezahlen, den Bus und so. Und es gibt genügend englische und Ami-Bands die hier rüberkommen und für 300 Euro spielen.

entertaim.net: Euer Trademark-Sound ist dann also: melodiöser Rock mit… äääh…

Christian:.. mit progressiven Anleihen… (lacht)

entertaim.net:  Das zusammenzubringen auf einem Album ist wohl nicht ganz einfach, oder?

Christian: Nach den Jahren hat man halt sein Ding raus. Für uns ist es halt immer schwierig, kurze Songs zu machen. Lang geht immer! Bei der neuen Platte hatten wir einen 9 Minuten Song, da mussten wir 5Minuten rausschneiden um den als Song erkennbar zu machen. Es kommt immer darauf an, wie man Songs schreibt. Wir jammen ja immer und bauen dann erstmal aus.

entertaim.net: Was habt ihr denn zuerst, die Musik oder die Texte?

Christian: Die Texte kommen immer später, wenn der Songs so ist wie wir ihn uns vorstellen.

entertaim.net: Ihr seid ja in Deutschland insgesamt doch noch recht unbekannt, obwohl euer Sound und eure Songs auch international mithalten können.

Christian: Ja man bekommt von den Journalisten auch immer viel Schulterklopfen …

entertaim.net: … so wie jetzt bei uns….

Christian: … und das freut uns auch. Klar kennen uns in Deutschland recht wenige. Immerhin haben wir letztens in Berlin gespielt und da waren ein paar Hundert nur für uns.

Dann bleibt uns nur, der EARTHBEND viel Glück mit ihrem neuen Album zu wünschen!Earthbend live

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