Roskilde Festival 2013 / Music Nonstop / Expect The Unexpected

Roskilde 2013 on entertaim.net Review by Martin Hannig.

Der typische Roskilde-Festival-Besucher ist 23 Jahre, studiert an einer größeren Uni, gibt für das Festival umgerechnet 700 € aus, und bleibt 6 Tage dort. Er kommt wegen der Musik, der Atmosphäre, und dem Gemeinschaftsgeist. All dies und noch vieles mehr ist in der Pressemappe des Festivals nachzulesen, die dem geneigten Journalisten mit allerlei Hintergrundinfos zu Skandinaviens wichtigstem Festival verwöhnt.

Ein Bericht von Martin Hannig, with a little help from Markus Drost und Carsten Drescher; Fotos: Carsten Drescher, außer Logo: Roskilde Festival

Für eine Woche entsteht hier eine Kleinstadt mit 130.000 Einwohnern auf 1.576.000 Quadratmetern, das ist eine Größe von 215 Fußballfeldern. Die Bevölkerungsdichte dieser temporären City ist höher als in jeder anderen Stadt der Welt – die Infrastruktur dafür bereitzustellen, die nachhaltigen Ideen und künstlerische Konzepte einzubringen, dabei noch die Roskilde-Community interaktiv bei der Stange zu halten, all dies erfordert ein umfangreiches künstlerisches, soziales und geschäftliches Management.  Dass die Festivalmacher dabei höchst erfolgreich sind, zeigen die nackten Zahlen. So gab es immer Gewinne zu vermelden (eine Ausnahme das Jahr 2001, als nach der Pearl-Jam-Katastrophe maximal in die Sicherheit investiert wurde). Auch 2013 wurde die Gewinnschwelle – immerhin gilt es einen Kostenblock von umgerechnet 27 Mio. € (!) zu stemmen – locker genommen. „Tue Gutes und rede darüber“ – leider gilt dies nicht immer für das Roskilde  Festival. Dass alle Überschüsse konsequent dem guten Zweck dienen und gespendet werden- dies, so Festivalsprecherin Christina Bilde, sei selbst in Dänemark nicht jedem bekannt. Dass man damit auch global eine absolute Ausnahmestellung einnimmt, muss dementsprechend viel offensiver kommuniziert werden.

 

Roskilde 2013 on entertaim.net Review by Martin Hannig.

1. Tag : SUICIDAL TENDENCIES, THE LUMINEERS, DAVID LINDLEY, SAVAGES, JAKE BUGG, ANIMAL COLLECTIVE

entertaim.net tat Gutes und redet darüber: wir besuchten auch 2013 wieder das Roskilde Festival, wobei unser Schwerpunkt auf der Musik liegt, die auf 8 Bühnen dargeboten wurde. Der Donnerstag steht dabei für den Aufwärmtag, an dem vom späten Nachmittag bis circa Mitternacht die ersten Bands abgefeiert werden. Wie auch den ersten Act, den wir auf der Arena Stage erlebten: der unkaputtbare Mike Muir mit Trademark-Kopftuch und seine SUICIDAL TENDENCIES. Stagerunner Mike, der mit seinen unnachahmlichen Riesenschritten über die Bühne tigerte, lieferte seinen altbewährten  Punk-Metal- Crossover geradeaus, intensiv und voll auf die 12 –genau das was man von einem guten Festivalopener erwartet.  Highlight: Freedump!

Gleich danach im Laufschritt zu den Folkies von THE LUMINEERS aus Denver, die im Odeon auf eine erwartungsvoll feierwütige Menge trafen. Ein ganz nettes Konzert, das als besonderen Höhepunkt den Ausflug von Wesley Schultz in den hinteren Teil des Publikums sah, wo er 2 Songs zum Besten gab. Ihren Überhit „Ho Hey“ spielten sie schon früh, und er wurde natürlich frenetisch gefeiert. Dies war auch das – sofern man etwas kritisieren will – Problem dieses Gigs: die Menge wollte abfeiern zum Festivalstart, aber die LUMINEERS haben nicht die richtigen Songs dafür – die ständige angezogene Handbremse in ihren Arrangements sind für Fans vielleicht ok, für ein Festivalbeginn eher hinderlich.

Und was machte DAVID LINDLEY derweil im Gloria? Ein Mann und seine Gitarre! Vor einem älteren Publikum spielte der graumähnige David ein faszinierendes 90-min-Set – natürlich wie es sich gehört im Sitzen, die Slide-Gitarre auf dem Schoß. Was für Conaisseure – wenn sowas auf einem Musik-Festival möglich ist, dann nur in Roskilde!

Später am Abend dann weiter zu aktuellen Klängen. Der Auftritt der Londoner Postpunk-Ladys von SAVAGES im kleineren Pavillon verfehlte seine Wirkung nicht. Mit einer herrlich rotzigen Arroganz kamen sie auf die  Bühne – und stimmten erstmal ein paar Minuten ihre Instrumente. Wir nennen das unprofessionell – genauso wie die offensichtliche Reaktion der Sängerin Jehnny Beth, als sie ihren Text einmal vergaß. Am Ende wollten SAVAGES mit ihrer Attitüde sicherlich nur ihre offenkundige Unsicherheit überspielen… Nach einigen Anfangsproblemen kämpften die vier sich dann jedoch ins Set, um im Verlaufe immer besser zu harmonieren und einen Kracher des Debutalbums nach dem anderen rauszuhauen. Zwischen der ultratrockenen Gang Of Four-mäßigen Drums-Bass-Arbeit tobte sich Gemma Thompson an der Wave-Krach-Gitarre aus, während Siouxsie Sioux – äh Jehnny bewies, dass High Heels und Postpunk zusammenpassen. Werden wohl zurecht gehypt!

 

Und wieder ohne Pause rüber ins Odeon zu JAKE BUGG – dem Jung-Folkie und Nachwuchs-Dylan aus dem UK, dem die Mädchenherzen scharenweise zufliegen. Im proppevollen Zelt sahen wir einen sensationellen Gig, der sich natürlich aus den Songs des Debuts zusammensetzte. Jeder Song wurde unglaublich bejubelt – so dass Jake zwischendurch mal nachfragte: hey warum jubelt ihr schon, ich habe doch noch gar nichts gespielt…. Interessant wieviel Gitarren der Junge schon mit auf Tour nimmt – es gab gefühlt zu jedem Song eine neue gereicht. Egal ob alleine oder mit seiner souveränen Band: Jake Bugg hat großartige Songs, eine typisch englische Bühnenpersönlichkeit, und eine gute Nase für Cover: Hey Hey My My von Neil Young geht immer! Der Moment als nach „this is the story of a JohnnyRotten“ Jakes Band einsetzte und die Menge abging „it’s better to burn out…“ ist einer dieser unvergesslichen Festival-Momente.

Festivalberichterstattung kann richtig in Arbeit ausarten, wenn man sich den Zeitplan so zurechtgezimmert hat, dass man jede Stunde einen anderen Act sehen will. Um den ersten Festivaltag also abzurunden, fehlte noch der Besuch beim ANIMAL COLLECTIVE. Das verschrobene Projekt aus NY hatte von zu Hause seine aufblasbare Hüpfburg mitgebracht. Tolle Idee! Oder war’s doch Bühnendeko? Egal, es geht ja um Musik. Und da müssen wir konstatieren: dem intellektuellen Anspruch von ANIMAL COLLECTIVE waren wir kaum gewachsen. Kurz: das war zu hoch für uns. Oder wars zu spät? 3 Fragen: warum darf diese Band die riesige Arena spielen? Warum fanden sich recht wenig Leute im Riesenzelt ein? Was will uns die Band mit ihrer Musik sagen? In Insiderkreisen hoch gehandelt, auf Tonträger halbwegs goutierbar, in der Live-Umsetzung aber doch vieles offen lassend. Klar, es ist schon interessant zu sehen oder eigentlich vor allem zu hören, wie sich aus den Geräuschkulissen langsam die Loops emporschrauben, wie mit mehrstimmigen Gesang Kontrapunkte gesetzt werden, mit welchen Effekten Gitarren gespielt und Keyboards eingesetzt werden. Klar, hier sind Musik-Nerds am Werk, die sich auskennen. Am gepackt hat das keinen von uns, nicht mal ansatzweise – zu verkopft der Ansatz, zumindest für ein Festival abends um Elf…

2.Tag : DEAD CAN DANCE, SUUNS, DEVON TOWNSEND PROJECT, RIHANNA, VOLBEAT, BLUE ANGEL LOUNGE

An den anderen Tagen werden die Bühnen stets von mittags bis früh morgens bespielt, was zu diesem riesigen Angebot an Acts führt – hier kann der Black-Death-Metal-Fan nach seinem Lieblingsgeschrubbe gemütlich zur marokkanischen Wüstenband wandern, um sich dann den neuesten DJ-Hype um die Ohren zu hauen. Oder man freut sich über das Programm, beredet bei einem gekühlten Drink die Bands, die man eh ständig verpasst, und gibt sich den festen Roskilde-Traditionen hin (z.B.: freitags nie vor abends den Campingplatz verlassen…)

Aber keine Regel ohne Ausnahme: Erstmals machten wir uns nachmittags in die Arena auf, um DEAD CAN DANCE zu erleben. Eigentlich ist ein Auftritt um 3 Uhr nachmittags viel zu früh für diese Band; ob sie jemals so früh spielten? Auf jeden Fall schien es ihnen gar nichts auszumachen. Zu erleben war ein beeindruckendes Konzert, mit einem unfassbar klaren gut abgemischten Sound. Brendan Perry – der inzwischen aussieht wie Peter Gabriel – kann allein mit seiner unglaublichen Stimme ein so großes Venue beeindrucken. Und Lisa Gerrard – sie schwebt sonderbar erhaben über den Dingen und wirkt mit ihrem entrückten Dauerlächeln und ihrem Outfit wie eine jener Elfen aus Der Herr der Ringe. Ihre Stimme – glockenrein auch nach all den Jahren – ist ein Garant für ehrfürchtiges Schweigen im weiten Rund. Bandklassiker wie „Rakim“ mit seinem Trademark-Ethno-Percussion-Sound oder Lisa Gerrards gänsehauterzeugender Einsatz bei „The Host Of Seraphim“ wurden einfach nur brilliant dargeboten – sicherlich war dieses 100-Minuten-Konzert ein Highlight 2013 – und darüber hinaus!

Nach einer alkoholbedingten Unterbrechung landeten wir am frühen Abend bei SUUNS aus Kanada im Pavillion. Eine uns völlig unbekannte Band bis dato – aber welch ein Hammer! Ihre Fähigkeit, verschiedene Einflüsse aus Krautrock, Electro, Postrock in langen Songs auszubauen und sie am Ende dann oft eskalieren zu lassen, ist großartig. Empfehlung! Das ist der Reiz von Roskilde – du gehst irgendwohin und wirst dann völlig überfahren von einem neuen Sound.

Gleich im Anschluss das DEVON TOWNSEND PROJECT (UK): „Das ist ja Right Said Fred mit Gitarre!“ meinte Herr Drost – und recht hat er – optisch und musikalisch. Der heavy Stadionrock des Projekts tut keinem weh, die Späße waren eher lau – immerhin ein netter Zeitvertreib, bei dem man wieder nüchtern werden konnte, um sich auf die wichtigen Sachen des Abends vorzubereiten!

z.B.: RIHANNA gucken. Wo man sonst nicht hingegangen wär – hier ist alles im Preis inbegriffen. Auf RIHANNA konnte sich augenscheinlich das Gros der Besucher einigen – so voll wurde es während der folgenden Tage nicht mehr vor der großen Orange Stage. Das Come Together Konzert,  auf das sich alle einigen konnten! Denjenigen, die mit RIHANNA so gar nichts anfangen konnten, machten die Festivalplaner ein attraktives Gegenangebot: KREATOR spielten zeitgleich im Odeon – und Mille Petrozza konnte eine stolze Headbanger-Meute im Moshpit versammeln….  RIHANNA kam mit einer unangemessenen halbstündigen Verzögerung – ärgerlich, wenn man weiß, dass 99,99% aller Konzerte hier pünktlich beginnen. Abgesehen von dieser Showstar-Allüre zeigte die verkaufsträchtige Dame aber ein anständiges Set – gekleidet im sträflingsanzugähnlichem Designer-Kleid, auf dem „Poison“ zu lesen war. Auffällig auf jeden Fall, dass sie gerne und ostentativ das Gesangs-Playback laufen lassen um sich auf den Tanz zu konzentrieren – da ist es eigentlich scheißegal, wer wann was singt, es geht hier um die Performance: ein Greatest Hits-Programm mit wenig Überraschungen, aber viel Show.

Die Orange Stage sah dann noch VOLBEAT, das 100% Heimspiel auf der Orange Stage. Ein absolut durschlagender Erfolg war dieser stimmungsvolle, brilliante 2 Stunden Gig zu nächtlicher Stunde nach Rihanna – VOLBEAT überraschten nicht nur mit einem genialen Sound, mit unglaublich guten Songs, die genau um diese Uhrzeit auf diese Bühne passten, mit einer tollen ehrlichen Show, sondern fantastischerweise durfte Mille von KREATOR als Gast mit auf die Bühne bei „7 Shots“. Ungewöhnliche Kollaboration! Für das dänische Publikum (also für die weit überwiegende Mehrheit) dürfte dieser phänomenale Gig lange in Erinnerung bleiben – VOLBEAT spielen weit oben in der ersten Liga der aktuellen Rockbands und haben sich ihren Headliner-Status sehr verdient. SETLIST: ·  Hallelujah Goat / A New Day/ Guitar Gangsters & Cadillac Blood / Pearl Hart / Heaven nor Hell / Ring of Fire/ Sad Man’s Tongue/ Lola Montez / Fallen / 16 Dollars / 7 ShotsMaybellene I Hofteholder / Mary Ann’s Place / Keine Lust / Breaking the Law / Raining Blood / Dead but Rising / The Garden’s Tale / The Hangman’s Body Count / Still Counting // Encore: Doc Holliday / Cape of Our HeroA Warrior’s Call / The Mirror and the Ripper/ Pool of Booze, Booze, Booza

Der lange Tag endete mit dem viel kleineren, intimeren, aber nicht minder beeindruckenden Gig der Hagener BLUE ANGEL LOUNGE – wohl die unbekannteste deutsche Band, die jemals auf dem Roskilde Festival spielte. Um 2 Uhr morgens wurde der Pavillion Zeuge einer vor allem daheim weit unterschätzten Band. Man stelle sich vor, Ian Curtis würde mit den Doors auf Interpol-Songs jammen – dann bekommt man eine Ahnung von den musikalischen und atmosphärischen Fähigkeiten der BAL. Garniert mit einer wenig spektakulären aber sehr effektiven Lightshow (weiße Strahler von hinten passen genau zu dieser Band!) wurden die tollen, jederzeit auf höchstem Niveau angesiedelten Songs der beiden Alben der BAL in Szene gesetzt. Die BAL sorgte am frühen Morgen für eine traumhafte Atmosphäre auf dem Roskilde Festival – die Leute, die dabei waren, standen glücklich lächelnd oder träumend mit geschlossenen Augen im Pavillion-Zelt.Wir sind überzeugt dass sie das Zeug zum Durchbruch haben – ein Interview mit der BAL folgt bald auf entertaim.net!

3. Tag : THE NATIONAL, METALLICA, SIGUR ROS

Geht THE NATIONAL auch bei Tageslicht, auf einer riesigen Bühne? Natürlich muss man skeptisch sein bei dieser Musik – aber die Antwort ist ein klares JA! THE NATIONAL brachten es sogar fertig, die Orange Stage zu einem intimen Ort zu machen. Die vielen Glanzpunkte dieses Gigs kann man nicht alle aufzählen: natürlich Bryan Devendorfs geniale Drum-Künste, einer der besten seines Metiers.  Aber Matt Berningers Bariton gehört sicherlich zu den einprägendsten Stimmen unserer Zeit, dazu seine Fähigkeit, sich völlig in die Musik zu versenken, seine manchmal erratische Bühnenpersönlichkeit, wenn er Mikros umherwirft oder zwischen den Songs rastlos hin- und hertigert. Sein Ausflug in die Menge, während der letzten Songs „England“ und „Mr. November“, als er immer wieder auf die Wellenbrecher kletterte, über den Köpfen der Menge sang, war reine Magie und erinnerte an Bruce Springsteens Eskapaden an gleicher Stelle letztes Jahr. Unglaublich, wie viele tolle Songs die Band im petto hat. Toller großer Gig. SETLIST:  Fake Empire / Don’t Swallow the Cap / Bloodbuzz Ohio / Mistaken for Strangers/ Sea of Love / I Should Live In Salt / Afraid of Everyone / Conversation 16 / Squalor Victoria / I Need My GirlThis is the Last Time / Abel/ Slow Show / Sorrow / Apartment Story / Graceless / England / Mr. November / Terrible Love

 

“Do you want heavy? ‘Tallica gives you heavy baby!” Klar, diese Worte wurden gesprochen von Mr. James Hetfield. METALLICA enterten die Bühne am Samstagabend, um ihr volles Set über mehr als 2 Stunden zu spielen – ihr einziger Europa-Gig 2013. Wer sich überzeugen wollte, ob die 4 es live noch bringen war spätestens nach dem immer wieder genialen Eli-Wallach-irrt-übern-Friedhof-Film-Einspieler „The Ecstasy of Gold“ aus Sergio Leones „Zwei glorreiche Halunken“ und dem gleich darauf reinknallenden Thrasher „Blackened“ belehrt: diese Band steht nicht still – sie kommt um zu siegen. Unglaubliche Power verströmend, offensichtliche Spielfreude zeigend, James dabei in seiner Old-School-Metal-Kutte mit DISCHARGE und MOTÖRHEAD-Stickern – METALLICA auf der Orange Stage sind in jeder Hinsicht ein Ereignis! Das ungemein schwere „For Whom the Bell Tolls“ als 2. Song – das wäre bei anderen die letzte Zugabe – nicht bei METALLICA, die sich aus einem 30jährigen Fundus beliebig bedienen könne. Ok, dass sie das schwache „Carpe Diem Baby“ mit reinnahmen, muss man ihnen verzeihen, war es doch der einzige Song der nicht so recht zündete. Aber wenn man sich diese Setlist durchliest, kann man erahnen welche ein Wahnsinn sich dort auf der Orange Stage ereignete: Disposable Heroes / Harvester of Sorrow / The Day that Never Comes / Carpe Diem Baby / I Disappear / Sad but True / Welcome Home (Sanitarium) / Orion / One / Master of Puppets/ Battery / Nothing Else Matters / Enter Sandman // Encore: Fuel/ Creeping Death / Seek & Destroy .

In Erinnerung bleibt der heftige Pyro-Einsatz bei “One”, dessen Explosionen noch in einigen Kilometern Entfernung für unruhigen Schlaf bei den Anwohnern gesorgt haben dürfte; „Master Of Puppets“ in seiner vollen gnadenlosen Länge; der unfassbare Zugaben-Dreier; das unendlich geile Instrumental „Orion“, das endlich live gespielt wird; die Frage von Hetfield „How does it feel to be alive?“, die von Zehntausenden vor der Bühne mit einem Jubelorkan beantwortet wurde; die Ansage vom James vor dem letzten Song: „This is a song from the Kill Em All album!“;  die in dänisch herausgeschrienen Abschiedsworte eines völlig euphorisierten und überglücklichen Lars Ulrich, der als Däne ein echtes Heimspiel hatte. Ein großes Konzert. METALLICA beweisen, dass sie eine der führenden Rock-Bands dieses Planeten sind – dies ist große Unterhaltung, dargeboten von großartigen Musikern, die ihre Zuschauer weit jenseits des Metals finden. 100% heavy!

Spät in der Nacht traten dann SIGUR RÓS auf in der vollgepackten Arena. Das Kontrastprogramm zu Metallica – hier musste der Puls schnell runtergefahren werden, um die wie immer extrem elegische Klängen dieses isländischen Kollektivs zu bestaunen. Mit Songs ihres neuen Album „Kveikur“ im Gepäck gab es eine etwas krachigere, teils sogar „rockigere“ Ausgabe. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass spätestens nach ein paar Minuten Eintauchen in die Welt des Jón Þór Birgisson, der unnachahmlich engelsgleich singt und seiner Gitarre mit einem Geigenbogen unerhöhrte Töne entlockt, einem ein Schauer erfasst, der nicht mehr nachlässt bis der letzte Ton verklungen ist. Eine magische Erfahrung.

4. Tag: AIRBOURNE, MIGUEL, QUEENS OF THE STONE AGE, KRAFTWERK

Der letzte Tag des Festivals wurde mit einem markerschütternden Rock’n’Roll gig der alten Schule eingeläutet: AIRBOURNE gaben alles, um die sonntägliche Lethargie der Crowd zu bekämpfen – und siegten auf der ganzen Linie. Es hat schon etwas Rührendes, wie das RocknRoll Animal Joel O’Keeffe unbeirrbar den enthusiastischen Anheizer gibt, bis auch die letzten Arme in der Arena nach oben gehen. Dabei lässt er keine Pose aus, gibt dem Affen ständig Zucker und wird so zum echten Rock-Helden alter Schule. Nebenbei spielt er noch Leadgitarre und singt – Hut ab! Egal ob es die Weinflasche ist, die fast geext wird, egal, ob er sich Bierdosen greift, die er gut geschüttelt gegen seinen Schädel knallt bis sie spritzen und er sich den Saft in den Rachen laufen lässt – das ist pure Rock-Unterhaltung in der Reihe der Ahnen von Chuck Berry bis Bon Scott. Hier weiß einer, wie Party geht, und gibt auf der Bühne alles. Nicht zu vergessen seine excellente AC/DC auf Speed Band. Hier stimmt alles: Timing, Lautstärke, Mitgröhl-Chorus en masse, Songs die im Gehör sitzenbleiben, auch die vom neuen Album „Black Dog Barking“ – ein schönes altmodisches Hardrock-Konzert. AIRBOURNE rocks!

MIGUEL hingegen ist eine ganz andere Nummer: leuchtende Mädchenaugen waren auf die Bühne gerichtet, als das Sexsymbol seine Soul-Pop-Mischung zwischen Marvin Gaye, Prince und George Michael unter die Leute brachte. Nette Sonntagsunterhaltung – nicht mehr, nicht weniger.

Ein Muss dann die QOTSA: im heißen späten Sonnenschein des letzten Tages brachten Josh Homme – der mit seinem neuen Nicht-Haarschnitt irgendwie scheiße aussieht – und Band eine gute Lieferung Psychedelic Indie Stoner Rock über die Orange Stage. Seine immerwährende Coolness ist der große Faktor in dieser Band. Vom ersten „Feel Good Hit Of The Summer“ mit seinen extrem festivaltauglichen Lyrics  bis zur abschließenden stoner psychedelic blues explosion  “Song for the Dead” ein sehr gelungener, schweißtreibender Gig. Setlist: Feel Good Hit of the Summer / You Think I Ain’t Worth a Dollar, but I Feel Like a Millionaire/No One Knows/My God Is the Sun/Burn the Witch/Sick, Sick, Sick/First It Giveth/The Vampyre of Time and Memory/If I Had a Tail/Little Sister/Make It Wit Chu/I Appear Missing/I Think I Lost My Headache/Go With the Flow/A Song for the Dead

Zum Schluss hieß es: Brillen auf!

Roskilde 2013 on entertaim.net Review by Martin Hannig.

3D-Abschlusskonzert Roskilde 2013: KRAFTWERK, die deutsche Mensch-Maschine des Ralf Huetter, die Roskilde die Ehre gab, eines der seltenen Live-Konzerte aufzuführen – zum zweiten Mal nach 1998 übrigens. Ein irrsinniger Anblick, wenn viele Zehntausend merkwürdig bebrillt vor der Orange Stage stehen! Es gab „Music Nonstop“ – deren Herkunft ungeklärt ist (haben die vier wirklich alle was zu tun an ihren Keyboards oder spielen die nur so an den Reglern, damit es gut aussieht? Zuzutrauen ist es dem Mann, der schon Roboter anstelle der Musiker auftreten ließ). Aber es ist eigentlich auch egal, wer welche Knöpfe drückt: KRAFTWERK sind live immer ein audiovisuelles Erlebnis – mehr eine Kunst-Performance als ein Konzert. Nicht umsonst spielten sie ihre Werke kürzlich in verschiedenen Museen. Diesmal kam der 3d-Effekt dazu – manchmal überwältigend (bei Autobahn), oftmals ein netter Gag. Der Sound vom Einstieg „We are the robots“ an unglaublich klar, die Lightshow perfekt auf die Songs abgestimmt. Ein Traum, einmal den sentimentalen Übersong „Neonlicht“ auf der Bühne zu sehen; Wahnsinn, die lange Version von „Autobahn“ zu erleben, samt VW Käfer mit dem Nummernschild „D-KR“; oder den „TEE“ über die Schienen rattern zu sehen. Retro-Futurismus in seiner genialsten Ausprägung. Huetters Live-Vocals sitzen immer noch perfekt auf den Punkt und lassen einen verwundert zurück – seine Stimme hört sich seit 40 Jahren gleich an…. Ein fantastischer Schlusspunkt des Festivals!

Roskilde 2014 – we’ll be back!!!

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